Sonntag, 15. September 2019

Eine moralische "Schuldenökonomie" und andere Absurditäten

The Financial Times (FT), die britische Wirtschaftszeitung aus London mokiert sich über die deutschen Mainstream Medien. Der FT Blog, FTAlphaville schreibt, dass es ein spezielles deutsches Wort für negative Zinsen gibt: „Strafzins“. 

Das Wort wird häufig für Zinssätze unter null verwendet, v.a. mit der Absicht, die EZB zu diffamieren, weil angeblich die deutschen Sparer dadurch enteignet werden.

André Kühnlenz erklärt in einem lesenswerten Beitrag bei Finanz und Wirtschaft und auf Twitter, warum solche Unterstellungen sinnlos und ungeschickt sind.

Die EZB hat am Donnerstag den Negativzins auf überschüssige Einlagen der Banken bei der EZB von -0,4% auf -0,5% gesenkt, aber gleichzeitig Freibeträge (wie in der Schweiz durch die SNB, genannt „tiering system“) beschlossen. Der durchschnittliche Zins auf Einlagen liegt damit unter dem Strich weniger weit im Minus. Das heisst, dass die Banken entlastet werden.

Die Société Générale berechnet, dass die Kosten für Einlagen der Banken insgesamt von 7,1 auf 5 Mrd. EUR sinken.


Negativzinsen auf überschüssige Geldmittel bei der Notenbank und wie die EZB die Banken entlastet, Graph: André Kühnlenz, Finanz und Wirtschaft, Sept 14, 2019

Not Working

David G. Blanchflower: Not Working – Where Have All the Good Jobs Gone? Princeton University Press, July 2019

Was die ganze Welt will, ist eine gute Arbeitsstelle. In diesem Buch geht es um Jobs, ordentliche Jobs, die sich auszahlen.

Die Arbeitslosenquote ist zwar derzeit rückläufig, aber es gibt keine Vollbeschäftigung.

Auffällig ist der Anstieg der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung. Das Phänomen heisst Unterbeschäftigung

Das dürftige Lohnwachstum ist ein wichtiges Zeichen dafür, wie weit die Wirtschaft sowohl in den USA als auch in Europa von einer vollständigen Erholung entfernt ist. Wichtig ist, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Unterbeschäftigung sich auf die Löhne auswirkt. 

David Blanchflower hat mit David Bell zusammen einen Unterbeschäftigungsindex (underemployment index) generiert. Eine erhebliche Nuance ist dabei, dass sie ihren Index in Stunden, nicht im Personenraum definieren.

Der Index liefert ein vollständigeres Bild der Überschuss-Nachfrage oder des Überschuss-Angebots auf dem Arbeitsmarkt als die Arbeitslosenquote. Und der Index kann auch Vorteile gegenüber der Arbeitslosenquote bieten, um die Produktionslücke zu justieren, beschreibt der Autor. 

Dienstag, 10. September 2019

Staat als “borrower of last resort” in einer Bilanzrezession


Donnerwetter! 

Siemens Chef kritisiert Merkels Mantra des ausgeglichenen Haushaltes (genannt „schwarze Null“).

Das berichtet Financial Times (FT) aus London am Montag: Joe Kaeser plädiert für Investitionen in Infrastruktur.

Der CEO des deutschen Technologiekonzerns sagt laut FT, dass die Regierung den historisch niedrigen Zinssatz nutzen sollte, um stark in Infrastruktur zu investieren. 

Es sei eine berechtigte Frage, warum der deutsche Staat nicht investiere, zu einer Zeit, in der man dafür bezahlt werde, mehr Kapital aufzunehmen.

Das ist monumental. 

Denn die EZB trifft sich am Donnerstag zusammen. Erwartet wird, dass die EZB das QE-Programm (Anleihekäufe am offenen Markt) wiederbelebt, den Zinssatz für Einlagen-Fazilitäten um 10 Basispunkte senkt und gleichzeitig ein (deposit tiering system) einführt, um die Folgen der Negativzinsen für Banken abzumildern.


Die Zentralbanken haben in diesem Jahr weltweit 32 Zinssenkungen durchgeführt, Graph: Bloomberg, Sept 05, 2019 

Sonntag, 8. September 2019

Should We Abolish Household Debts?


Buchbesprechung:

Johnna Montgomerie: Should We Abolish Household Debts? Polity Press, Cambridge, UK, July 2019.


Nach der globalen Finanzkrise (GFC) von 2008-2009 wurden die Kreditgeber (Banken) gerettet (bail-out). Die Kreditnehmer (private Haushalte) hingegen wurden ihrem Schicksal überlassen; sie waren die Leidtragenden. Es hiess, es gibt kein Geld für sie. 

Während die Staatsausgaben gekürzt wurden, fand für die Finanzinstitute eine direkte monetäre Finanzierung statt, genannt QE (quantitative easing). Den Banken („too big to fail“) wurde damit Liquidität zu Null-Zinsen zugestellt. 

Im gleichen Zug wurde die wohlfahrtsstaatliche Stütze abgebaut. Die einfachen Bürger wurden hemmungslos einer beispiellosen Fiscal Austerity ausgesetzt. Das Argument lautete, dass der Finanzsektor gerettet werden muss, weil sonst der Himmel einstürzen würde. 

Die unkonventionelle Geldpolitik begründete somit eine moralische Schuldenökonomie („moral economy of debt“), in der es für einige Rettungsaktionen („bail outs“) und für die anderen rigorose Sparmassnahmen (austerity) gab.  

Die fiskalische Austerität war dabei nichts anderes als eine Umverteilung des durch die GFC verursachten Schadens von denjenigen, die ihn verursacht haben, zu dem Rest der Gesellschaft, die im Grunde genommen heute noch leidet, wie die Autorin dieses neulich erschienenen, lesenswerten Buches bemerkt. 

Dienstag, 3. September 2019

Tiefzinsumfeld, Mangel an Bundesanleihen und Helikoptergeld


Es gibt kein Recht auf einen positiven Zinssatz, schreibt Christian Odendahl in einem lesenswerten Beitrag bei Capital

„Ein Zins entsteht am Markt, wenn Ersparniswünsche auf Investitionswillen treffen. Der Wunsch nach sicherer Ersparnis ist weltweit sehr hoch; der Investitionswille niedrig.“

Derzeit werden alle Bundesanleihen mit Negativ-Rendite gehandelt. 

Die Rendite der deutschen Staatspapiere mit 30 Jahren Laufzeit ist vergangene Woche zum ersten Mal in der Geschichte ins Minus gerutscht. Das ist ein historisches Ereignis. 

Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihen hat am Dienstag mit Minus 0,74% ein neues Tief markiert.

Eine Frage, die im Raum steht, ist, welche Investoren Anleihen kaufen, die einen Verlust garantieren, wenn sie sie bis zur Endfälligkeit halten?

Eine Antwort ist, dass Fondsmanager, die für Anleger eine positive Rendite anstreben, im Grunde genommen nicht viel von deutschen Staatsanleihen besitzen.

Eine aktuelle Analyse, die von FT aus London zitiert wird, zeigt, dass der gesamte Wert der ausstehenden Bundesanleihen seit 2014 aufgrund der Abneigung der deutschen Regierungen gegen Haushaltsdefizite zurückgegangen ist. 

Das Volumen der frei handelbaren Bundesanleihen am Markt ist jedoch viel stärker gesunken. Der Prognose der Analyse nach ist davon auszugehen, dass es bis 2024 unter 70 Mrd. EUR fallen wird, nachdem es ein Jahrzehnt zuvor bereits über 600 Mrd. EUR betragen hatte.


Die Nachfrage nach deutschen Bundespapiere schiesst durch die Decke, Graph: FT, Sept 02, 2019

Samstag, 31. August 2019

Anleihen mit Negativrenditen und Kosten Nutzen nach Hedging


Der dramatische Rückgang der UST-Renditen bedeutet, dass die Anleger jetzt mehr Dividenden-Erträge (1,98%) auf die von dem S&P 500 Index erfassten Aktien erzielen können als auf USTs mit der längsten Laufzeit (1,94%).

Eine höhere Dividende-Rendite ist jedoch keine Garantie für eine Outperformance der Aktienmärkte. Die Dividenden-Rendite für EUR-Aktien lag konstant über der von 30-jährigen EUR-Staatsanleihen in Europa. Doch europäischen Aktien blieben in Sachen Performance hinter dem globalen Aktienmarkt zurück.

Andererseits wird eine Rekordmenge von Anleihen derzeit mit negativen Renditen gehandelt: 17‘000 Mrd. USD

Das bedeutet, dass ein Verlust garantiert ist, wenn man die entsprechende Anleihe bis zum Ende der Laufzeit im Portfolio beibehält.

Der Wert hat sich laut FT allein im August um 3‘100 Mrd. USD erhöht. Die Rede ist nicht nur von den sicheren Staatsanleihen. Auch der Wert der mit Negativ-Rendite gehandelten Unternehmensanleihen ist inzwischen auf 1‘000 Mrd. USD geklettert.


Mehr Dividenden-Erträge mit Aktien als mit langlaufenden US-Staatsanleihen (UST), Graph: FT, Aug 28, 2019


Dienstag, 27. August 2019

Wie Ersparnisse die Geldpolitik untergraben


Bloomberg hat vergangene Woche in einem lesenswerten Bericht unterstrichen, dass die Bürger Deutschland weitaus mehr von ihrem verfügbaren Einkommen als die meisten anderen Europäer sparen.

Die Sparquote des Landes lag nach Angaben der Deutschen Bank AG im Jahr 2017 mit rund 10% fast doppelt so hoch wie im Euroraum.

Im Durchschnitt hielten die Deutschen 2018 mehr als 40% ihres Finanzvermögens (financial assets) in Form von Bankeinlagen.

Kein anderes Land im Euroraum verfügt mit 2‘350 Mrd. EUR (d.h. 2,35 Billionen EUR) über einen grösseren Haufen von Privatkundeneinlagen.

Der Satz der Einlagefazilität (deposit facility) der EZB ist seit Juni 2014 negativ.

Deutschland bereitet sich derzeit auf die Regionalwahlen im nächsten Monat. 

Vor diesem Hintergrund ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass die EZB ein leichtes Ziel für ein Land darstellt, das für seine risiko-averse Haltung gegenüber Geld und für seine Gewohnheit bekannt ist, Einsparungen auf Girokonten festzuhalten, wie Bloomberg weiter formuliert.


Privatkundeneinlagen in Deutschland: 2‘350 Mrd. EUR (d.h. 2,35 Billionen EUR), Graph: Bloomberg Aug 25, 2019.

Mittwoch, 21. August 2019

Deutschlands ruinöse Wirtschaftspolitik und Europas Krise


Die Inflationserwartungen sind laut Swap-Märkte stark gesunken. Eine Befürchtung im Jahr 2018 nach dem Ausbruch der GFC (Global Financial Crisis) war, dass die Deflation Wurzeln schlagen könnte. Die Angst bleibt bestehen.

Warum? Die Aspekte, die dabei im Wesentlichen zu beobachten sind, schnell ausgemacht: Lohn-Stagnation, schwache Nachfrage und träge Investitionstätigkeit. Und kein Einsatz der Fiskalpolitik.

Die deutsche Wirtschaftspolitik schadet der Weltwirtschaft und verdient, gerügt zu werden, notiert Paul Krugman in seiner Kolumne („The World has a Germany problem“) am Mittwoch bei NYTimes

Das Problem ist, dass die Deutschen mit der ruinösen Besessenheit in Sachen Staatsverschuldung sich selbst schlecht behandeln, fügt Krugman hinzu.

Und die Kosten dieser Besessenheit gehen nun auf die ganze Welt über.


Inflationserwartungen gemessen an 5y5y forward inflation-linked swap rates, Graph: The Economist, Aug 21, 2019

Freitag, 16. August 2019

Bond Märkte und Erwartungen


Am Mittwoch ist die Zinsstruktur-Kurve (yield curve) sowohl in den USA als auch in Grossbritannien fast gleichzeitig invertiert

Es ist Zeit, in Erinnerung zu rufen, warum dies uns interessiert.

Die Rendite der US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit ist zum ersten Mal seit GFC (2008) um 1 Basispunkte (d.h. 0,01%) unter die von 2-jährigen US-Staatspapieren gesunken.

Das bedeutet, dass die Rendite der kürzer laufenden Wertpapiere höher notiert als die Rendite der länger laufenden Staatsanleihen. Diese Konstellation nennt man am Finanzmarkt „inverse Zinskurve“, die als Rezessionssignal gilt.

Es ist nicht schwer, festzuhalten, dass der Rentenmarkt in letzter Zeit eine Geschichte von tiefgreifendem Pessimismus erzählt.

Paul Krugman hat neulich den Stellenwert der Bond-Märkte mit ein paar lesenswerten Gedanken zusammengefasst:

„Amateure sprechen über den Aktienmarkt. Aber Profis studieren den Anleihemarkt“.


Gemessen an 2y10y Rendite-Spread, die US und UK Ertragskurve (yield curve) drehen invers zum ersten Mal seit GFC (2008), Graph: Bloomberg, Aug 14, 2019 

Mittwoch, 14. August 2019

Sind Handelskriege inflationär oder deflationär?


Das ist eine schwierige Frage.

Es wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass die Zölle eine inflationäre Wirkung auf die Wirtschaft entfalten. Wir können uns ziemlich gut vorstellen, dass dies in den meisten Fällen zutrifft.

Der Smoot-Hawley-Tarif hatte aber deflationär ausgewirkt. Nachdem das Gesetz erlassen wurde, fielen die Aktien- und Rohstoffpreise von April bis Juni 1930 stark. 

Zur Erinnerung: Der grösste Börsen-Crash des Jahres 1930 ereignete sich unmittelbar, nachdem Hoover angekündigt hatte, den Gesetzentwurf zu unterzeichnen, wie Scott Sumner unterstreicht.

Ob der Zusammenhang kausal war, ist aber unter Ökonomen umstritten.

Eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums würde wahrscheinlich die Inflation verringern. Der Preisverfall bei Rohstoffen und Handelswaren wäre auch deflationär.


China’s Renminbi versus US Inflation (Erwartungen), Graph: Morgan Stanley, Aug 12, 2019

Sonntag, 11. August 2019

Deutschland in Rezession und kein Fiscal Stimulus


Die glanzlose Situation, in der die Weltkonjunktur steckt, veranlasst Analysten Wachstumsprognosen zu revidieren.

Angesichts der durch „Handelskriege“ eingetrübten weltweiten Wachstumsaussichten deuten die Zentralbanken immer wieder an, dass sie die Wogen nicht alleine glätten können.

Und die Märkte blinken grün. Es war selten günstiger für Regierungen, Kredite aufzunehmen. In vielen Fällen verweilen die Renditen unter der Null-Linie, was nichts anderes heisst, als dass die Anleger die Staaten zahlen, sich Geld zu leihen.

Die Forderungen durch die EZB an die Regierungen nehmen zu, ihre Haushalte zu lockern, v.a. wenn die Abkühlung einsetzt.

Ökonomen sind sich einig, dass Fiscal Stimulus wahrscheinlich der richtige Weg ist, wie Bloomberg berichtet.


Während die USA und China eine expansive Fiskalpolitik an den Tag legen, bewegen sich andere grosse Volkswirtschaften in die entgegengesetzte Richtung, Graph: Bloomberg Quint, Aug 11, 2019

Dienstag, 6. August 2019

Der deutsche Mittelstand und der Leistungsbilanzüberschuss


Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss belief sich 2018 auf rund 300 Mrd. EUR, d.h. 7,3% des BIP. 

Das bedeutet, dass Deutschland im Inland mehr spart als investiert und im Ausland mehr verkauft als es importiert.

Der IWF hat im Jahresbericht über globale Ungleichgewichte, der im vergangenen Monat vorgestellt wurde, die Warnung wiederholt, dass der Leistungsbilanzüberschuss in Deutschland „wesentlich“ stärker sei, als es die wirtschaftlichen Grundlagen rechtfertigen. 

Der IWF hat zudem Berlin nahelegt, Ausgaben zu erhöhen, um den Überschuss zurückzufahren.

In einem separaten Paper hat der IWF den Nachweis erbracht, dass der wachsende Leistungsbilanzüberschuss mit der Zunahme der Einkommens- und Vermögensungleichheit einherging.

Die Verbindung sei eine hohe Rentabilität von Unternehmen, so der IWF. Um die Jahrtausendwende nahmen die deutschen Ausfuhren Fahrt auf. Dies trug mit der Regierungspolitik zur Förderung von Lohnzurückhaltung und gekürzten Sozialleistungen dazu bei, die Gewinne zu steigern, wie The Economist unterstreicht.


Die reichsten 10% in Deutschland besitzen 60% des Nettovermögens, Graph: The Economist, 31 July, 2019

Donnerstag, 1. August 2019

Es gibt zu wenig Schuldner im Euroraum


Die Fed hat am Mittwoch die Geldpolitik gelockert

Die amerikanische Zentralbank hat den Leitzins (Fed Funds Rate) um 25 Basispunkte (0,25%) auf 2 bis 2,25% gesenkt. Das ist die erste Zinssenkung seit der GFC 2008.

Fed-Präsident Jerome Powell hat auf der Medienkonferenz erklärt, dass es sich dabei um eine Anpassung der Geldpolitik zur Mitte des Wirtschaftszyklus („mid-cycle adjustment“) handele. 

Begründung: die durch die Handelspolitik ausgelöste Unsicherheit, Risiken für die globale Konjunktur und der schwache Inflationsdruck in den USA.

Die Aussagen von Powell deuten je nach wirtschaftlicher Entwicklung auf weitere Zinsanpassungen hin. Die Fed hat zugleich auch das Ende des Programms zum Kauf von Anleihen aufgehoben.

Eine Zinssenkung bedeutet dem Lehrbuch nach, dass es der Wirtschaft i.d.R. nicht gut geht. Die Zentralbank versucht mit der Lockerung der Geldpolitik, die Aufnahme von Krediten zu erleichtern bzw. die Kreditkosten zu verbilligen. 

Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass die Inflation mit einer starken Wirtschaft zusammengehört. 

Auch die erwartete Zinssenkung durch die EZB ist deshalb vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die nächste Sitzung der EZB findet am 12. September statt.


Die erste Zinssenkung seit 10 Jahren; Fed Funds Rate, Graph: NYTimes, Aug 01, 2019 

Montag, 29. Juli 2019

Kurzarbeit in der Industrie und Unterbeschäftigung in Deutschland


Die EZB hat vergangene Woche bekräftigt, wegen der anhaltenden Schwäche der Konjunktur in Europa die Geldpolitik weiter zu lockern.

Der Ausblick wird „schlechter und schlechter“ („worse and worse“), sagte Mario Draghi nach der EZB-Sitzung in Frankfurt.

Geplant sind allem Anschein nach erneute Anleihekäufe und eine Zinssenkung durch die EZB. 

Der sog. Einlagensatz liegt gegenwärtig bei minus 0,40%. Der EZB-Rat hat gleichzeitig unterstrichen, dass die Zinspolitik allein nicht ausreichen würde, das Inflationsziel (knapp 2%) zu erreichen.

Bemerkenswert ist, dass Berlin trotzdem ein Ende der jahrelangen Krisenpolitik fordert, während die industrielle Schwäche deutsche Unternehmen veranlasst, Mitarbeitern „Kurzarbeit“ (short-time work) aufzuerlegen, um „grössere Schwierigkeiten zu vermeiden“. 

Wie FT darauf hindeutet, kann es sich dabei um die Vorboten von Problemen auf dem deutschen Arbeitsmarkt handeln.

Die US-China Handelsspannungen, die Befürchtungen eines non-deal Brexit und die Abkühlung des chinesischen Automobilmarktes belasten die exportorientierte deutsche Wirtschaft massiv.

Der Rückgang der Fertigungsaufträge in Deutschland scheint damit die gesamte Eurozone zu überschatten. Mit anderen Worten beginnt die deutsche industrielle Schwäche nun, ihre Spuren in der Arbeitsmarktpraxis des Landes zu hinterlassen.


David G. Blanchflower: Not Working – Where Have All the Good Jobs Gone? June 2019, Princeton University Press

Freitag, 26. Juli 2019

Interview: Prof. Sayuri Shirai, Keio University, Japan

Sayuri Shirai is Professor of Economics at the Keio University, Japan and a Visiting Scholar to ADB Institute and former Board Member of Bank of Japan



What does it mean in practice when MMT is applied? How are MMT’s pro-fiscal policy views are justified? Where do you see blind spots? 

I am not a strong critic of MMT. They provide interesting views about how to look at the economy. They place more emphasis on taxes than interest rate adjustment to contain demand-driven inflation. They believe in government expenditure rise or a tax cut as a way to raise demand and higher wages. But a flexible usage of taxes is not an option in Japan. The details are explained below.


What would be the implication of MMT for the Japanese and/or Eurozone economy if it were to be adopted?

In the highly-progressed aging society like Japan where the ratio of population aged equal or greater than 65 years old accounts for nearly 30% (far more serious than Europe) and large labor migration is not politically and socially accepted by the society, the fiscal deficit mainly arises from aging-related expenditure (pensions, medical care, and elderly care), which will continue to grow for a long time.

The public is very much concerned about their life after retirement (the opinion survey indicates 80% of all households worry about ageing) because the amount of national pension benefits is small and the amount of benefits relative to premium payment will be smaller as compared with the current pensioners under the PAYG system (partially funded by taxes and accumulated reserves).

Donnerstag, 25. Juli 2019

QE und Helicopter Money


Die wahrscheinlich umstrittenste Form unkonventioneller geldpolitischen Mittel in den letzten Jahren war die „mengenmässige Lockerung der Geldpolitik, genannt QE, d.h. quantitative easing.

Die QE, die von der Fed, BoE, ECB, der Riksbank und der BoJ in Folge der GFC eingesetzt wurde, wird von der US-Notenbank offiziell LSAP (large-scale asset purchases) genannt.

Die QE arbeitet über zwei Hauptkanäle: 1) Signalisierungskanal und 2) Portfolio-Balance-Kanal, wie Ben Bernanke im neulich von Olivier Blanchard und Larry Summers herausgegebenen Buch („Evolution or Revolution“) ausführlich erklärt.

Der Signalisierungskanal entsteht in dem Masse, wie der Kauf von Vermögenswerten durch die Zentralbank dazu beiträgt, das Bekenntnis der Zentralbank zur geldpolitischen Lockerung zu demonstrieren und insbesondere die kurzfristigen Zinssätze länger niedrig zu halten („lower for longer“).


10y GER Bund yield: -0.38%, Graph: FT, July 24, 2019 

Freitag, 19. Juli 2019

Niedrige Zinsen und Zusammenhänge einer Geldwirtschaft


Die Sehnsucht nach „Normalisierung“ der Geldpolitik ist tief. Das ist der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Wirtschaftsnachrichten konsultiert. 

Alle beklagen irgendwie niedrige Zinsen. Die finanzielle Situation von Millionen von Menschen sei davon betroffen. Sparer werden enteignet. Und so weiter. Das ist ja alles gut und schön, aber was auffällt ist, dass Ursachen und Auswirkungen dabei oft verwechselt werden.

Die Orthodoxie, d.h. die klassische und neo-klassische Schule, die eine krude „Nachfrage und Angebot“ Sicht vertritt, deutet darauf hin, dass der Zinssatz durch die Nachfrage nach und das Angebot an Ersparnissen (savings) bestimmt wird.

Keynes hingegen sagt, dass der Zinssatz die Ursache, nicht die passive Konsequenz der Wirtschaftsaktivität ist. Das heisst, dass das Niveau von Investitionen, Beschäftigung und Handel durch den Zinssatz ermittelt wird.

Demnach setzt die Nachfrage nach Vermögenswerten (assets), nicht die Ersparnisse, den Zinssatz fest.

Der Zinssatz wird durch die Nachfrage nach und Angebot an Vermögenswerten, insbesondere sicheren Staatsanleihen (z.B. UST, German Bunds, Gilts usw.) bestimmt.

M.a.W. bestimmt die Liquiditätspräferenz den Zinssatz. Und es stecken drei Motive dahinter. (*)


Der Wert der Staatsanleihen, die mit einer Negativ-Rendite gehandelt werden: 12.8 Billionen USD, Graph: BloombergTV, July 18, 2019

Dienstag, 16. Juli 2019

Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss und das verfügbare Einkommen


Der IWF hat am 10. Juli den Länderbericht Deutschland vorgelegt.

Ein Detail, das in den deutschen Mainstream-Medien bisher kaum beachtet wurde, ist IWFs Hinweis darauf, dass das verfügbare Haushaltseinkommen in Deutschland im Zeitraum 2005-2017 im Verhältnis zum BIP um rund 6% zurückgegangen ist.

Mit anderen Worten: Das Spiegelbild der steigenden Ersparnisse der deutschen Unternehmen (nicht-Finanz) und des gigantischen Leistungsbilanz-Überschusses ist der Rückgang des verfügbaren Haushaltseinkommens und des Verbrauchs als Anteil am BIP.

Die Bruttoeinsparungen der deutschen Unternehmen (d.h. einbehaltene Gewinne als Anteil der Bruttoleistung (gross output) oder der Wertschöpfung) ist seit Anfang der 2000er Jahre gestiegen.

Der Anstieg ist laut IWF auf die steigenden Gewinne deutscher Unternehmen und in jüngerer Zeit auf sinkende Dividenden-Ausschüttungs-Quoten zurückzuführen.


Das Spiegelbild der steigenden Ersparnisse der deutschen Unternehmen ist der Rückgang des verfügbaren Einkommens der deutschen Haushalte, Graph: IMF Country Report Germany, No. 19/214, July 2019

Sonntag, 14. Juli 2019

Geld ist nicht knapp


Die Fed schickt sich gerade an, auf der nächsten FOMC-Sitzung (Ende Juli 2019) die Zinsen in den USA zu lockern. Das wäre die erste Zinssenkung seit Dezember 2008.

Wichtig ist vor diesem Hintergrund, wieder in Erinnerung zu rufen, wo das Geld herkommt.

Das Geld ist „endogen“, heisst es im Vokabular der Volkswirtschaftslehre. 

Fast das ganze Geld, das wir heute benutzen, ist durch die Kreditvergabe Tätigkeit der privaten Banken geschaffen.

Der Privatsektor ist verantwortlich für 95% des Geldangebots. Es hat also mit der Fed und/oder mit der EZB nichts zu tun.

Die Frage ist nicht nur, wie das Geld erzeugt wird, sondern für wen und für welchen Zweck es generiert wird.

Viel davon wird für Spekulationen geschaffen. In einer Demokratie ist es daher selbstverständlich, dass die Bürger fordern, dass das Geld in die Bedürfnisse der Gesellschaft investiert wird, z.B. für gute öffentliche Dienstleistungen, wie Ann Pettifor in einem Video erläutert.

Pettifor, Direktorin der Denkfabrik Policy Research in Macroeconomics, schildert in diesem unbedingt sehenswerten Beitrag, wie einfach es für die Regierungen ist, die Ausgaben zu finanzieren, die notwendig für die Gesellschaft sind.



Finanzierungssalden der US-Wirtschaft; Sektoren: private Haushalte, Unternehmen und Staat, Graph: Stephanie Kelton

Samstag, 13. Juli 2019

Fed und die bevorstehende Zinssenkung, sicherheitshalber


Die Futures Märkte für die Fed Funds Rates legen derzeit nahe, dass eine US-Zinssenkung auf der nächsten FOMC-Sitzung am 31. Juli so gut wie sicher ist. 

Bekanntlich fordert US-Präsident Donald Trump von Jerome Powell schon länger eine Zinssenkung.

Dass die Aussagen des Chefs der US-Notenbank Powell im Rahmen seiner halbjährlichen Anhörung vor dem US-Kongress am Mittwoch nun als Signal für eine Zinssenkung gedeutet werden, hat aber damit nichts zu tun.

Powells Priorität ist nämlich die mittlerweile seit 10 Jahren anhaltende wirtschaftliche Expansion aufrechtzuerhalten.

Es geht darum, die „Risiken zu managen“, insbesondere solche, die auf das schwächere globale Wachstum und die Handelspolitik von Präsident Trump zurückzuführen sind.

Mit anderen Worten sind die bevorstehenden Zinssenkungen als „sicherheitshalber“ („insurance cuts“) zu verstehen, keine Kürzungen gegen eine wirtschaftliche Rezession.

Das ist die Lesart von Powell.

Stimmt es aber, was den Teil „Rezession“ betrifft?


Fed Funds Rates und die Erwartungen für Januar 2020, die von CBOT Futures abgeleitet sind, Graph: FT, July 12, 2019

Donnerstag, 11. Juli 2019

IWF denkt über Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss nach


Der IWF hat am Mittwoch den Länder-Bericht Deutschland vorgelegt. 

Der Verfasser des Berichtes betonen, dass Deutschlands „Erfolg“ auf den globalen Exportmärkten vor dem Hintergrund seiner hohen Vermögensungleichheit (wealth inequality) betrachtet werden muss, um die Antreiber für den Anstieg der privaten Ersparnisse und die Akkumulation von gigantischen Leistungsbilanzüberschüssen zu beleuchten.

Es wurde vielfach dokumentiert, so IWF weiter, dass die Brutto- und Netto-Sparquote der deutschen nicht-finanz-Unternehmen (NFC) in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen hat, während die relativ hohen Ersparnisse der privaten Haushalte weitgehend unverändert geblieben sind. 

Und der Leistungsbilanz-Überschuss ist weiter angestiegen. Der Anstieg wurde zunächst von steigenden Gewinnen, Lohnzurückhaltung und dem Rückgang der Arbeitsanteile (labor share) und seit 2008 von den fallenden Dividendenausschüttungssätzen getrieben.

Es fällt einem nicht schwer, zu resümieren, dass es einmalig ist, dass der IWF in einem Länder-Bericht die Lohnzurückhaltung in Deutschland als Treiber des wachsenden Leistungsbilanzüberschusses mehrmals und so deutlich hervorhebt.


Verbrauch der privaten Haushalte und das verfügbare Einkommen in Deutschland, Graph: IMF Art. IV Consultation, July 10, 2019

Sonntag, 7. Juli 2019

Sparen behindert Investitionen und verringert Kapitalstock


Die Rendite der deutschen Bundesanleihen mit 10 Jahren Laufzeit setzt die Talfahrt fort.

In den vergangenen 6 Monaten hat der 10-jährige German Bund einen Rendite-Rückgang von 57,5 Basispunkten verbucht und nun mit minus 0,40% ein neues Rekordtief erreicht.

Am Donnerstag lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe mit minus 0,409% sogar unter dem Einlagensatz (deposit facility) der EZB von minus 0,40%.

Das ist der Zinssatz, den die EZB für das Geld, das die Banken bei ihr parken, zahlt. Bemerkenswert ist, dass alle EUR-Länder (wie z.B. Frankreich und Italien) davon profitieren, zu rekordtiefen Kreditkosten Obligationen zu versteigern.

Zugleich mehren sich die Anzeichen dafür, wie schwer die Aufgabe der EZB wird, die anhaltend niedrige Inflation zu bekämpfen und das Wirtschaftswachstum wieder zu beleben.


Der deutsche Kapitalstock ist in den letzten 20 Jahren im Vergleich zu EUR-Nachbarstaaten kaum gewachsen. Der Grund ist der rigorose Sparkurs, genannt Fiscal Austerity, Graph: BloombergQuint, July 5, 2019

Donnerstag, 4. Juli 2019

Das antizyklische Potential der Fiskalpolitik


In der Eurozone werden mittlerweile alle Staatsanleihen mit zwei Jahren Laufzeit mit einer Negativ-Rendite gehandelt.

Die Rendite der 10-jährigen Bundeswertpapiere mit minus 0,399% steht kurz davor, unterhalb des Satzes der Einlagefazilität mit minus 0,40% zu fallen.

Die Futures Märkte preisen inzwischen die erste Zinssenkung durch die EZB im September 2019 und dann eine zweite in 12 Monaten ein.

Die Zentralbanken halten vor diesem Hintergrund am extra-lockeren Kurs der Geldpolitik, der nach dem Ausbruch der GFC (Global Financial Crisis) von 2008-2009 eingeschlagen wurde, weiterhin fest.

Das ist insofern interessant, als die geldpolitischen Entscheidungsträger und Ökonomen auf beiden Seiten des Atlantiks seit ein paar Monaten Überlegungen anstellen, welche geldpolitische Mittel in welcher Reihenfolge eingesetzt würden, falls die nächste Rezession einschlagen würde.


In der Eurozone werden alle Staatsanleihen mit 2 Jahren mit Negativ-Rendite gehandelt, Graph: FT, July 3, 2019 

Sonntag, 30. Juni 2019

Evolution or Revolution?


Buchbesprechung:

Olivier Blanchard and Lawrence H. Summers: Evolution or Revolution? Rethinking Macroeconomic Policy After the Great Recession, MIT Press, May 2019


Dieses von Olivier Blanchard und Larry Summers kürzlich gemeinsam herausgegebene Buch befasst sich mit der Frage, wie die Erfahrung aus der jüngsten Krise (gemeint ist die GFC, Global Financial Crisis von 2008-2009) das makroökonomische Denken und die makroökonomische Politik verändern sollte.

Denn die Frage, wie und wann Zurückhaltung angewendet werden soll, ist heute wichtiger als die Frage, wie die Nachfrage gesteigert werden kann, so die Autoren ganz am Anfang des Buches.

Sind die politischen Entscheidungsträger auf die nächste Krise vorbereitet? 

Das Buch, das lesenswerte Beiträge von z.B. Ben Bernanke, Lael Brainard, Adam Posen, Mario Draghi, Jay C. Shambaugh, Markus K. Brunnermeier, Gita Gopinath und Barry Eichengreen beinhaltet, behandelt hauptsächlich fünf Themen: Geldpolitik, Fiskalpolitik, Finanzpolitik, Ungleichheit und politische Ökonomie sowie das internationale Währungs- und Finanzsystem. 

Eine der wesentlichen Aussagen, die die Herausgeber wiederholt unterstreichen, ist die Tatsache, dass das blinde Vertrauen in die sich selbst wiederherstellenden Eigenschaften von Volkswirtschaften, wie es in der Frühphase der Krise von einigen Ökonomen zum Ausdruck gebracht wurde, mittlerweile weitgehend abzulehnen ist.

Donnerstag, 27. Juni 2019

Euroraum im Trugschluss der Verallgemeinerung


Es sei nämlich interessant, gerade, wo die EZB und Brüssel die deutsche Bundesregierung auffordern, Ausgaben zu erhöhen, plane Berlin, den Haushalt zu kürzen (um 3 Mrd. EUR). Ist es etwa wegen Haushaltsdefizite?

Das ist die Frage, die Matt Miller, Bloomberg Reporter an Marcel Fratzscher in einem TV-Gespräch stellt. 

Fratzscher, DIW-Präsident sagt, die deutschen Einnahmen seien rückgängig, weniger als geplant. Die deutsche Wirtschaft wachse langsam und sei globalen Unsicherheiten ausgesetzt, so die Begründung.

Es gibt aber kein Haushaltsdefizit, hackt Miller nach. Im Gegenteil, Deutschland habe einen gigantischen Haushaltsüberschuss, so die Betonung.

Dann sagt Fratzscher, Wirtschaftsprofessor für Makroökonomie an der Humboldt-Uni zu Berlin, „Wir Deutschen mögen Überschüsse“. Und die Schwierigkeit sei, dass Deutschland eine Schuldenbremse habe. Und das bedeute, dass Deutschland einen Überschuss aufweisen müsse.

Das ist in der Tat eine aufschlussreiche Unterhaltung.

Die Frage ist, warum die Einnahmen des Staates zurückgehen. Die Antwort liegt auf der Hand: Weil der Staat auf Sparkurs ist, sprich „fiscal austerity“. 


Berlin plant Haushaltskürzungen trotz Haushaltsüberschuss, Graph: BloombergQuint, June 27, 2019

Mittwoch, 26. Juni 2019

Wie niedrige Zinsen und Fiskalpolitik interagieren


Die Inflationserwartungen bilden sich auf beiden Seiten des Atlantiks zurück. 

Das ist ein neues Phänomen, das v.a. im Nachspiel der GFC (Global Financial Crisis 2008-2009) augenfällig wurde.

Was sagt aber der Rückgang der Inflationserwartungen über die makroökonomische Politik aus?

Seit rund 15 Jahren geben die privaten Haushalte gemäss Umfragen (zur Ermittlung der Inflationserwartungen) in den USA (*) an, dass sie mit einer Schrumpfung ihres Einkommenswachstums rechnen.

Kein Wunder, dass sie sich mit Ausgaben zurückhalten.

Ein geringeres Produktivitätswachstum wird häufig als Grund dafür herangezogen, sich mit einem geringeren Lohnwachstum zufrieden zu geben.

Aber warum sind bisherige Produktivitätsgewinne nicht an die Arbeitnehmer zurückgeflossen?

Skanda Amarnath bietet dazu ein paar sehenswerte Abbildungen in seinem Blog


Inflationserwartungen in den USA (blaue Kurve) und im Euroraum (weisse Kurve), gemessen an 5y5y Inflation Swap Forward Rates, und Oil Futures (Brent, linke Skala), Graph: BloombergTV, June 25, 2019

Samstag, 22. Juni 2019

Austerity Palooza in Stagnation und Deutschlands Ertragskurve


Der letzte Schimmer positiver Renditen für deutsche Staatsanleihen droht ausgelöscht zu werden, meldet Bloomberg am Freitag.

Eine globale Rally an den Anleihemärkten hat bereits alle deutschen Staatspapiere bis auf 20 Jahre unter null gebracht.

Es wäre eine Premiere unter den grossen Märkten, wenn auch die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit ins Negative drehen würde.

Der Wert der Anleihen, die mit negativen Renditen gehandelt werden, stieg diese Woche weltweit auf ein Rekordniveau von 12‘500 Mrd. USD, nachdem EZB-Präsident Mario Draghi das Signal gegeben hatte, dass die europäische Zentralbank über Zinssenkungen und mengenmässige Lockerung der Geldpolitik nachdenke. 

Auch die US-Notenbank hat neulich, geplagt von Sorgen um die wachsenden Bedrohungen für das globale Wirtschaftswachstum, Zinssenkungen in Aussicht gestellt, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

In der Folge ist die Rendite der US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit unter 2% gesunken, zum ersten Mal seit Juli 2016.


Die deutsche Renditekurve präsentiert negative Werte bis auf 20 Jahre. Nur die 30-jährige Anleihe hat eine positive Rendite, Graph: Bloomberg, June 21, 2019

Dienstag, 18. Juni 2019

Deflationsangst und warum Investoren nach Spreads lechzen


Das Volumen der Anleihen, die mit einer Negativ-Rendite gehandelt werden, hat nun einen Wert von rund 12`000 Mrd. USD erreicht.

Deutschland hat vergangene Woche eine 10-jährige Staatsanleihe mit einer Rekord-tiefen Rendite von minus 0,25% ausgegeben. 

Auch in der Schweiz, in Japan, den Niederlanden und Dänemark werden Staatspapiere mit 10 Jahren Laufzeit mit einer Negativ-Rendite gehandelt.

Es wäre keine Übertreibung, davon zu reden, dass die Bond-Märkte und Inflationserwartungen vor einer Deflationsangst stehen, wenn man v.a. den jüngsten Verlauf der 5y5y Inflation Swap Forward Rates und/oder 10y Breakeven Rates beobachtet.

In einer Rezession oder Depression gibt es laut Lehrbuch kaum Bereiche, die von Überschuss-Nachfrage gekennzeichnet sind. Folglich ist es kein Wunder, zu erblicken, dass die Preise sich einem allgemeinen Rückgang unterziehen, der als Deflation beschrieben wird.


Das Volumen der Anleihen, die mit einer Negativ-Rendite gehandelt werden, hat heute einen Wert von fast 12`000 Mrd. USD erreicht, Graph: FT, June 17, 2019 

Sonntag, 16. Juni 2019

Wenn Zinsen tiefer liegen als Wachstum


Im Euroraum haben sich Inflationserwartungen auch diese Woche etwas zurückgebildet.

5y5y Inflation Swap Forward Rates markieren mit 1.1385% einen neuen historisch niedrigen Rekord-Wert. 

Aber auch gemessen an sog. Breakeven-Sätzen sind die Inflationserwartungen zurückgefallen.

Die Sätze errechnen sich aus der Differenz der nominalen Renditen und der realen Renditen (gemessen an inflationsindexierten Staatsanleihen mit der entsprechenden Laufzeit) und gelten als „proxy“ für Inflationserwartungen.

Die gegenwärtigen Werte (mit Daten aus Freitag) belaufen sich für USD auf 1,65% (2,08% minus 0,43%) und für EUR (deutsche Bundeswertpapiere) auf 0,89% (-0,26% minus -1,15%).

Auffallend ist, dass die Werte deutlich unter dem Inflation Target der jeweiligen Zentralbanken liegen.

Dies deutet darauf hin, dass die Anleger nicht davon überzeugt sind, dass die Zentralbanken in der Lage sind, die Wirtschaft in Zukunft zurück zum Potentialwachstum zu bringen.


5y5y Inflation Swap Forward Rate, Graph: Mike Makenzie, FT, June 14, 2019 

Donnerstag, 13. Juni 2019

Niedrige Zinsen bedeuten niedrige Opportunitätskosten


Im Euroraum suchen derzeit über 12,5 Mio. Menschen Arbeitsplätze. 2,3 Mio. Arbeitslose sind unter 25 Jahre alt.

Der Sachverhalt hat einen Namen: fiscal austerity.

Die Sparpolitik, die die EU seit dem Ausbruch der GFC verfolgt hat, hat für Millionen von Menschen vorhersehbare katastrophale Folgen.

Die hohe Arbeitslosigkeit resultiert nicht aus dem Fachkräftemangel der Arbeitnehmer, sondern aus Rezessionen, d.h. aus dem Versagen des Marktes, Löhne mit Opportunitätskosten in Einklang zu bringen, wie John Quiggin in seinem neulich erschienenen Buch formuliert.

Arbeitslosigkeit lässt sich mit Lohnmoderation nicht lösen. Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. Rezessionen und Arbeitslosigkeit entstehen durch die Entscheidung, die Ausgaben zu kürzen bzw. kein Geld auszugeben.

Austerität ist eine gefährliche Idee.


Inflationserwartungen im Euroraum fallen auf ein Rekordtief, Graph: Dhara Ranasinghe, Reuters, June 07, 2019

Sonntag, 9. Juni 2019

Sparparadoxon und Geldpolitik im Engpass


Das ist eine bemerkenswerte Abbildung, die den Verlauf der Inflationserwartungen auf beiden Seiten des Atlantiks zeigt.

Gemessen an 5y5y Inflation Swap Forward Rates fallen die Inflationserwartungen sowohl in den USA als auch im Euroland.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die EZB am Donnerstag erklärt hat, die Leitzinsen im Euroraum noch bis mindestens zum Ende des ersten Halbjahres 2020 nicht antasten zu wollen.

Damit hat EZB-Präsident Mario Draghi den Zinsausblick (forward guidance) zeitlich weiter nach hinten verschoben. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Liquidität liegt seit März 2012 auf 0.0%.

Das geldpolitische Ziel der EZB ist, mit der Neuauflage der langfristigen Kredite (genannt „TLTRO III“) an die Banken, die Kreditvergabe im Euroraum zu fördern. 


Inflationserwartungen in den USA und im Euroraum, gemessen an 5y5y Inflation Swap Forward Rates, rechte Skala: EUR, und linke Skale: USD, Graph: Bloomberg, June 7, 2019

Economics in Two Lessons

Buchbesprechung:

John Quiggin: Economics in Two Lessons – Why Markets Work so Well, and Why They Can Fail so Badly, Princeton University Press, May 2019, Princeton New Jersey

In diesem Buch dreht sich alles um die Opportunitätskosten. Die Zielsetzung ist, zu verstehen, wann der Markt funktioniert und wann versagt und warum der Staat in die Bresche springen muss.

Der Ausgangspunkt ist das von Henry Hazlitt im Jahr 1946 vorgelegte Werk „Economics in One Lesson“. Ein Buch, das um jeden Preis die freie Marktwirtschaft verteidigt. Des Autors einfache Antwort ist: „lass‘ die Märkte in Ruhe, und alles wird gut“. 

Das Buch war eigentlich eine Art Hommage an Frederic Bastiat, den französischen Schriftsteller, der sich in einem Pamphlet 1850 energisch für den „free trade“ eingesetzt hatte.

Hazlitt, der in der Tradition der Mikroökonomie gearbeitet hat, hat Bastiats Buch nicht nur als Vorlage genutzt, sondern auch um eine Kritik an Keynes Analyse in Bezug auf die „Great Depression“ der 1930er Jahren erweitert.

John Quiggin überprüft hierbei die Frage v.a. aus gesamtwirtschaftlicher Sicht, ob die Preise für Waren und Dienstleistungen alle Kosten widerspiegeln und bestimmen, die für eine Gesellschaft bei der Bereitstellung dieser Waren und Dienstleistungen anfallen, im „Konzept der Opportunitätskosten“ zusammengefasst werden.

Dienstag, 4. Juni 2019

Europas verkrustete Identifikation mit Fiscal Austerity


Die jährliche Inflation im Euroraum im Mai 2019 ist auf 1,2% gesunken. Dies geht aus einer Schnellschätzung (flash estimate) am Dienstag von Eurostat, dem statistischen Amt der EU hervor. Im April belief sich die Inflation auf 1,7%. 

Das bedeutet, dass die Inflation vom Zielwert der EZB weiter wegkommt. Darüber hinaus bilden sich auch die Inflationserwartungen zurück. Der 5y5y Inflation Swap-Satz ist inzwischen auf 1,3% gefallen, nahe dem niedrigen Wert von 1,25% von Mitte-2016. 

Das stellt eine erhebliche Herausforderung für die europäischen Währungshüter dar. Denn der Kerngedanke der (konventionellen) Geldpolitik ist, die Zinsen während einer Rezession-Phase zu senken und während einer Boom-Phase zu erhöhen.

Eine Zinssenkung macht allerlei Investitionen attraktiv, weil die Finanzierungskosten damit fallen. Je niedriger die Zinsen sind, desto niedriger sind die Opportunitätskosten.


Inflationserwartungen im Euroraum gemessen am 5y5y Inflation Swap-Satz, Graph: FT, June 04, 2019

Dienstag, 28. Mai 2019

Japans Nachfrageschwäche und Niedrigzinsen


Wie viel Schulden sind zu viel?

Es ist unmöglich, eine Zahl zu vergeben. Niemand kann.

Wenn wir uns Japan heute ansehen, beträgt die Verschuldung (brutto) gegenüber dem BIP rund 240% (netto: 153%).

Der langfristige Zinssatz ist nahe Null. Und es gibt kein Inflationsproblem. Doch verspricht Japans Regierung seit Jahren das Primärdefizit abzubauen. 

Zur Erinnerung: Die japanischen Zinsen liegen seit 1999 auf der Nullgrenze (zero lower bound). Und das Haushaltsdefizit beträgt 3,2% des BIP, während sich das Primärdefizit auf 2,9% beläuft.

Das grundlegende makroökonomische Problem Japans ist eine schwache inländische Gesamtnachfrage und die daraus resultierende Notwendigkeit einer Kombination aus sehr niedrigen Zinssätzen und Haushaltsdefiziten, um die Nachfrage und das Produktionspotenzial aufrechtzuerhalten, wie Olivier Blanchard in Zusammenarbeit mit Takeshi Tashiro in einer kürzlich vorgelegten Studie beschreibt.

Durch negative Zinsen und die mengenmässige Lockerung (QE: quantitative easing) hat die Geldpolitik zwar alles getan, was sie konnte. Aber offensichtlich nicht genug. 

Es war daher die richtige Politik, Defizite zu verbuchen und den daraus resultierenden Anstieg der Staatsverschuldung zu akzeptieren, bemerkt Blanchard weiter.


Der Schatten-Zinssatz („shadow rates“) in Japan, Graph: PIIE, May 2019

Samstag, 25. Mai 2019

Why Superman doesn’t take over the world


Buchbesprechung:

J. Brian O´Roark: Why Superman doesn’t take over the world – What superheroes can tell us about economics, Oxford University Press, March 2019, Oxford UK

Comic ist eine Art story telling in einer Folge von Bildern mit Sprech- und Denkblasen. Der Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet im Allgemeinen „komisch“, „lustig“ und „drollig“. 

In den USA wurden comic strips im späten 19. Jahrhundert in Zeitungen veröffentlicht. Die Tradition lebt eigentlich heute noch in Amerika mit steigender Wertschätzung, die z.B. in Form von Graphic Novels im Lauf der Zeit mehr an Bedeutung gewonnen hat. Inhaltliche Aspekte erfassen praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Brian O’Roark, der an der James Madison University Volkswirtschaftslehre unterrichtet, diese eigenständige Kunstform aus Sicht der Ökonomie in seinem neuen Buch erforscht. 

Der Autor unterstreicht von Anfang an, dass die Vorgeschichte und Erzählung von Helden, die in Comic Hefts dargestellt werden, kompliziert und unterschiedlich sein mögen. Aber was sie miteinander verbindet, sind drei ökonomische Grundsätze: Anreize, Nutzen und Produktivität.

Donnerstag, 23. Mai 2019

Warum fallen Inflationserwartungen im Euroraum weiter?


Die EZB peilt in Sachen Inflation mittelfristig einen Wert von „unter, aber nahe 2%“ an. Die Teuerung muss also nicht so tief wie möglich ausfallen. 

Das bedeutet, dass das geldpolitische Konzept der EZB eine Inflationsrate von 2% als ideal für die Konjunktur betrachtet. 

Doch wird das Ziel von der EZB seit geraumer Zeit unterboten. Und die Inflationserwartungen, gemessen an 5y5y inflation forward Sätzen, fallen.  

Einen wesentlichen Anteil daran hatte der fallende Global Risk Premium. Neulich scheinen jedoch allgemeine Sorgen um den Inflationsausblick zu überwiegen. 

Im Grunde genommen spielt es im gegenwärtigen Umfeld der Wirtschaft keine wesentliche Rolle, welche Komponente den grössten Beitrag zu Inflationserwartungen leisten, dass diese fällt.


Inflationserwartungen im Euroraum, Graph: Bloomberg, May 21, 2019