Sonntag, 15. Dezember 2019

Die vermisste Inflation und die verlorenen Zentralbanken


Die Zentralbanken haben die Inflation verloren. 

Ist dies eine gute oder schlechte Nachricht? Schlecht, natürlich. Denn es bedeutet, dass die Preisstabilität nicht mehr gewährleistet ist.

Auch im Jahr 2019 blieben nämlich die Inflationsraten in den fortentwickelten Industrieländern unter den Zielen der Zentralbanken. Und die Inflationserwartungen gingen im Jahresverlauf zurück. 

Folglich ist anzunehmen, dass die Zentralbanken auch im kommenden Jahr an der lockeren Geldpolitik festhalten werden. 

Es ist wichtig, in Erinnerung zu rufen, dass das niedrige Zinsniveau nicht im Wesentlichen durch die Handlungen der Zentralbanken ausgelöst wurde.

Der Hauptgrund ist, dass seit geraumer Zeit mehr gespart und wenig investiert wird, wie Thomas Jordan, SNB-Präsident am Donnerstag auf der Pressekonferenz erklärt hat.

Wenn zu viel gespart und zu wenig investiert wird (*), sinkt der Zinssatz.


5y5y inflation Swap Sätze, schwarze Kurve: Euroraum und rote Kurve USA, Graph: Bloomberg, Dec 13, 2019


Dass die Wirtschaft damit nicht mehr im Gleichgewicht ist, wird durch die anhaltende Unsicherheit, die v.a. auf dem Arbeitsmarkt vorherrscht, verstärkt (**), dadurch dass, auch die wachsende Ungleichheit dazu negativ beiträgt.

Interessant ist aber, dass die Inflationserwartungen fallen, obwohl die Fed in den vergangenen Jahren mehrmals zum Ausdruck gebracht hat, dass die Inflation von 2% ein symmetrisches Ziel ist, dass wir gleichermassen darüber und darunter gehen können.

Das heisst, dass 2% keine Obergrenze („not ceiling“) darstellt, sondern ein Ziel ist.


Inflationserwartungen, gemessen an Breakeven-Sätzen, schwarze Kurve: USA, blau: Australien und rot: Deutschland, Graph: Bloomberg, Dec 13, 2019


Auch Mario Draghi hatte (in Sintra) betont, dass das Inflationsziel der EZB symmetrisch sei. Das heisst, dass Zielabweichungen nach unten ebenso ernst zu nehmen sind wie Abweichungen nach oben.

Christine Lagarde, die neue EZB-Präsidentin (seit Nov 2019) hat auf ihrer ersten EZB-Pressekonferenz in Frankfurt mehr oder weniger eine „weiter-so“-Politik unterstrichen: abwarten und gespannt darauf achten, was der Markt hergibt:

Die Inflation ist so schwach, dass eine akkommodierende Geldpolitik (Einlagezins: minus 0,5%) weiterhin notwendig ist. 


Die zunehmende politische Unsicherheit dürfte auch im nächsten Jahr auf Investitionsausgaben der Unternehmen lasten, Graph: Bank J. Safra Sarasin, Dec 13, 2019


Das ist im Grunde genommen eine ähnliche Stimmungslage wie sie bei der Fed derzeit vorherrscht. 

Und genau daran übt Narayana Kocherlakota, der ehemalige Präsident von Minneapolis Fed die Kritik: Die Fed scheint zu behaglich mit der gegenwärtigen Begebenheit, obwohl sie die Inflations- und Beschäftigungsziele für einen Grossteil der wirtschaftlichen Expansion unterboten hat. 

In einer Vielzahl von Mitteilungen hat das geldpolitische Komitee der Fed eine grosse Zufriedenheit mit den aktuellen Rahmenbedingungen und (von ihr eingesetzten) Instrumenten angedeutet. Das finde er völlig absurd, sagt der nun an der University of Rochester lehrende Wirtschaftsprofessor.

Über ein Jahrzehnt nach dem Ende der Great Recession bleiben die Fed und die EZB unter der Zielinflation.

Ironisch könnte man meinen, dass die Zentralbanken politisch so unabhängig sind, dass die Politik darauf verzichtet, die ausgelaugte Geldpolitik fiskalpolitisch zu unterstützen.

Doch die Zentralbanken halten daran fest, durch niedrige Zinsen die Marktteilnehmer weiterhin einzuladen, mehr Schulden aufzunehmen.

Erhöhte Investitionen der öffentlichen Hand, z.B. in die Infrastruktur, Bildung und Umwelt (Klimaschutz) würden die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse reduzieren und damit weitere Investitionen anregen und den Output steigern. Und all dies würde das Zinsniveau stabilisieren, wie Alexander Ludwig vom Forschungscenter SAFE in einem Gastbeitrag in faznet erläutert.



(*) Unternehmenssektor ist unterdessen zum Netto-Sparer geworden.

(**) Alterung der Bevölkerung, die Digitalisierung usw.







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