Dienstag, 6. April 2021

Wer bestimmt das Zinsniveau?

Wie wir in der Praxis ohne Weiteres beobachten können, stellen die Zentralbanken die kurzfristigen Zinsen fest. Und die langfristigen Zinsen orientieren sich an diesem Zielzinssatz, der in den USA Fed Funds Rate (Leitzins) genannt wird.

Zu diesem Zinssatz leihen und verleihen sich Geschäftsbanken über Nacht (over night) gegenseitig ihre Überschussreserven. Der geldpolitische Ausschuss (FOMC: Federal Open Market Committee) des Federal Reserve Systems trifft sich achtmal im Jahr, um den Leitzins festzulegen.

Faktisch bestehen die langfristigen Zinsen aus drei Komponenten: 1) die erwarteten kurzfristigen real-Zinsen, 2) die Laufzeitprämie (term premium) und 3) die langfristigen Inflationserwartungen.

Seit dem Ausbruch der GFC (Global Financial Crisis) von 2008 erfahren wir jedoch, dass die Zentralbanken durchaus in der Lage sind, auch die Zinsen am langen Ende der Ertragskurve (yield curve) zu bestimmen.

Seit 2016 steuert beispielsweise die japanische Zentralbank (BoJ) explizit ihre Zinskurve. Das bedeutet, dass die BoJ nicht nur den Tagesgeldsatz beschliesst (wie die Fed in den USA), sondern auch die langfristigen Zinsen effektiv festlegt.

Diese Praxis ist als Renditekurven-Steuerung (YCC: Yield Curve Control) bekannt, da sie buchstäblich die Rendite von 10-jährigen Staatsanleihen steuert.


Japan: BoJ and YCC, Graph: Bloomberg, 17. März 2021 

Samstag, 3. April 2021

Rettungspakete und Ausverkauf der US-Staatsanleihen

Der 21 Billionen USD schwere Markt für US-Staatsanleihen ist das Fundament des globalen Finanzsystems. Es ist nicht gut, wenn er zittert, geschweige denn wackelt, wie Bloomberg berichtet. 

Die Betonung betrifft den Ausverkauf der UST-Bonds in den ersten drei Monaten des Jahres.

Die von der Pandemie ausgelöste Volatilität im März 2020 hat die Liquidität auf dem weltgrößten Anleihemarkt auf den schlimmsten Stand seit der GFC (Global Financial Crisis) 2008 fallen lassen. 

Und die Fed hat sich dazu veranlasst gesehen, eine ungewöhnlich hohe Menge an US-Staatsanleihen und hypotheken-besicherten Wertpapieren am offenen Markt zu kaufen, die in der Spitze sogar mehr als 100 Mrd. USD pro Tag betrug, um das reibungslose Funktionieren des Marktes zu unterstützen.

Ausgelöst durch die Ankündigung des Rettungspakets der Biden-Administration im Umfang von 1,900 Mrd. USD sind die US-Kreditkosten seit Anfang 2021 sprunghaft angestiegen. 

Der wahre Hintergrund: Die sich aufhellenden Wirtschaftsaussichten. Da Ökonomen ihre Wachstums- und Inflationsprognosen eilig nach oben korrigiert haben, hat sich die Anziehungskraft von US-Staatsanleihen deutlich verringert. 


Bloomberg-Barclays Index für Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren oder länger, die jeweilige Preisentwicklung im ersten Quartal, Graph: FT, Apr 01, 2021 

Donnerstag, 1. April 2021

Schreckgespenst Inflation und Erwartungen

Laut der jüngsten Umfrage der Bank of America unter Investoren im März halten Fondsmanager die Inflation nun für die größte Gefahr für die Märkte. 

Nicht zufällig wurde ein "Wutanfall" (tantrum) am Anleihemarkt als zweitgrößtes Risiko genannt.

Die Wall Street hat damit endlich ein neues Feindbild. Nachdem man sich im letzten Jahrzehnt über Covid-19, Handelskriege, Zinsen, Chinas Wirtschaft oder den Zerfall der Eurozone aufgeregt hat, ist nun die Inflation als echte Angst aufgetaucht. Und Anleihen werden abgestoßen. Die lang-laufenden UST-Bonds haben seit Jahresbeginn bereits 13% an Wert verloren.

Ist die Angst wirklich berechtigt?

Larry Summers, der ehemalige Finanzminister von Bill Clinton und der wirtschaftspolitische Berater von Barack Obama warnt mit Bezug auf das 1,9 Billion schwere Covid-19 Rettungspaket von Präsident Joe Biden vor einem starken Anstieg der Inflation. 

Es gibt aber kein Anzeichen einer Inflationsentwicklung, die aus dem Ruder gelaufen wäre.

Eine nüchterne Beobachtung legt sogar nahe, dass die Inflationserwartungen Besorgnis über Lieferunterbrechungen und Kapazitätsengpässe widerspiegeln.


US sticky-price CPI, Graph: Atlanta Fed, 29. März 2021.


Mittwoch, 24. März 2021

Preisstabilität und maximale Beschäftigung

Das COVID-19 RettungspaketAmerican Rescue Plan») im Umfang von 1‘900 Mrd. USD der Joe Biden Administration entspricht ungefähr 10% der jährlichen US-Wirtschaftsleistung gemessen am BIP.

Während das Hilfspaket der EU mit 750 Mrd. EUR vergleichsweise mickrig ausfällt, ist es nicht verwunderlich, dass angesichts der erwarteten starken Wirkung der Ausgaben auf die Wirtschaft die Angst vor einer rasch steigenden Inflation (*) die Runde macht.

Washington Post hat am Montag berichtet, dass das Weisse Haus weitere Ausgaben von Milliarden USD mit Fokus auf die Infrastruktur und die Beschäftigung plant. 

Das 3‘000 Mrd. USD schwere zweite Paket enthält zudem zahlreiche innenpolitische Prioritäten wie Kinderbetreuung und kostenlose Studiengebühren für das Community College.

Die Infrastruktur-Komponente des Vorschlags umfasst 400 Mrd. USD an Ausgaben zur Bekämpfung des Klimawandels, darunter 60 Mrd. USD für Infrastruktur im Zusammenhang mit grünem Verkehr und 46 Mrd. USD für klimabezogene Forschung und Entwicklung.

Wenn wir uns der einfachen Tatsache vergegenwärtigen, dass Einkommenswachstum und die Beschäftigung von Investitionen in Anlagekapital abhängen, wird es offensichtlich, dass die enormen Anstrengungen der Biden Administration darauf ausgerichtet sind, Arbeitsplätze zu schaffen und Erwerbstätigkeit für alle zu verbessern. 


Weniger Arbeitnehmer bedeutet weniger Investitionen – Das heisst, dass die Investitionen abnehmen, wenn die Arbeitslosigkeit (und Unterbeschäftigung) steigt, Graph: Gerard Minack via John Authers, Bloomberg, 22. März 2021 

Sonntag, 21. März 2021

Das Ende der Austerität

Das Hilfspaket im Umfang von 1,9 Billionen USD, das US-Präsident Joe Biden im Kampf gegen die globale Pandemie für die US-Wirtschaft und damit im Grunde genommen auch für den Rest der Welt bereitstellt, ist zugleich eine klare Absage an die Austeritätspolitik im Allgemeinen.

Die negativen Auswirkungen des harschen Sparkurses auf das Wirtschaftswachstum nach der GFC (Global Financial Crisis) von 2008-2009 im Besonderen sprechen Bände. Niemand mit wachen Sinnen bezweifelt, dass es so etwas wie «expansive Austerität» nicht gibt. 

Der «American Rescue Plan» von Biden markiert definitiv einen grossen Bruch mit der Austeritäts- und Schuldenbesessenheit, die den Aufschwung nach der GFC lähmte, wie Paul Krugman neulich auf Twitter gemerkt hat.

Das ist daher eine sehr grosse Sache.

Was die Menschen jedoch erkennen sollten, ist, dass die wirtschaftspolitischen Massnahmen, die in Reaktion auf die GFC getroffen wurden, nicht die makroökonomische Orthodoxie im Sinne dessen widerspiegelten, was die ökonomischen Standardmodelle sagen.

Gerät die Wirtschaft in eine Liquiditätsfalle, verliert die konventionelle Geldpolitik an Zugkraft. Das steht in jedem Lehrbuch der Volkswirtschaft. Die private Nachfrage wird so schwach, dass die Ausgaben selbst bei Zinsen auf der Null-Grenze (zero lower bound) nicht reichen, um die Vollbeschäftigung wiederherzustellen. 



Die fiskalpolitische Unterstützung ist von Land zu Land unterschiedlich (in Prozent des BIP), Graph: Financial Times, 16 März 2021, @FT 

Samstag, 20. März 2021

Substack: Eine neue online Plattform zur Informationsbeschaffung

Ein neues Mittel zur Informationsbeschaffung macht sich in der Blogosphäre breit. Es fällt seit Jahresbeginn auf, dass immer mehr renommierte Ökonomen und Journalisten zum Substack (gegründet im Jahr 2017) wechseln.

Auch Unternehmer, Kochbuchautoren und Akademiker haben sich dieses Modell zu eigen gemacht.

Es geht um E-Mail-Newsletter.

Autoren können entscheiden, ob das Abonnement ihres Newsletters kostenlos oder kostenpflichtig sein soll und ob bestimmte Beiträge auch für Nicht-Abonnenten öffentlich zugänglich sein sollen.

Wenn Sie abonnieren, bleiben Sie auf dem Laufenden. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, etwas zu verpassen. Jede neue Ausgabe des Newsletters (d.h. Blog-Eintrag) kommt direkt in Ihren Posteingang.

Auf Anhieb habe ich beispielsweise folgende Newsletter (alle mit dem Inhalt Makroökonomie) abonniert:

Ann Pettifor 

Adam Tooze

Paul Krugman

Noah Smith

Dienstag, 16. März 2021

Inflation-Besessenheit und Erholung der Wirtschaft

Die FOMC-Sitzung am Mittwoch wird aktualisierte Projektionen und einen neuen «dot-plot» präsentieren. Vor diesem Hintergrund preisen die Märkte bereits eine volle Zinserhöhung im Jahr 2022, was aber bezweifelt werden kann.

Doch die Amerikaner haben begonnen, bei Google wie verrückt nach dem Stichwort Inflation zu suchen, wie Nordea in einem am Wochenende veröffentlichten Analyse-Papier meldet.

Der Zinsanstieg in den USA ist zwar augenfällig. Aber das Niveau der Zinsen ist im historischen Vergleich immer noch tief. Dass die Renditen der Staatsanleihen steigen, hat damit zu tun, dass die Weltwirtschaft sich allmählich erholt.

Die Zentralbanken fühlen sich nicht unter Druck gesetzt, zu einer restriktiven Geldpolitik überzugehen, da hinter dem Zinsanstieg keine galoppierende Inflationsentwicklung steckt.

Denn es gibt genau zwei fehlende Ursachen für die Inflation: hohe Nachfrage und stark steigende Kosten; ohne Lohnwachstum (*) ist es nämlich kaum möglich, Inflation anzuheizen.



Fed Funds Rate Futures, weiss: FF Futures Zinssatz Dez 2021, blau: FF Futures Zinssatz Dez 2022 und gelb: FF Futures Zinssatz Dez 2023, Graph: Bloomberg TV 15 März 2021 


Dienstag, 9. März 2021

Warum fallen die Tech-Aktien?

Die Konjunkturaussichten haben sich in den letzten Monaten deutlich aufgehellt. Siehe den Anstieg der Rendite der US-Staatsanleihen. Aber die Tech-Aktien befinden sich im Sink-Flug

Nasdaq und Dow Jones divergieren so stark wie seit 1993 nicht mehr. Haben die Technologie Aktien schlagartig in der Gunst der Investoren verloren?

Was ist los? Der Auslöser ist das von Joe Biden vorangebrachte Corona-Hilfspaket (genannt «American Rescue Plan»). Das Programm in Höhe von 1,9 Billionen USD entspricht etwa 8% des US-BIP.

Vor diesem Hintergrund findet gegenwärtig eine Rotation statt: von ehemals hochfliegenden Wachstumsaktien (growth) hin zu Wert (value) -Aktien, was sich an der Divergenz von Nasdaq 100 und Dow-Jones-Index ablesen lässt.

Es ist das erste Mal seit 1993, dass der Dow stieg und innerhalb von 1% eines Rekord-Hochs schloss, während der technologie-geprägte Indikator 11% von seinem Hoch entfernt lag.

Die zu beobachtende Split-Market-Aktivität ist eine weitere Manifestation der laufenden Rotation, bei der Anleger in Aktien von Unternehmen wechseln, deren Schicksal eng mit dem Konjunkturzyklus verbunden ist. 

Das war schmerzhaft für wachstumsstarke, hoch bewertete Tech-Aktien, die inmitten der Turbulenzen am Anleihemarkt, die die Renditen 10-jähriger US-Treasuries auf 1,61 % ansteigen ließen, an Attraktivität verloren haben, wie Bloomberg das Geschehen zusammenfasst.


Nasdaq und Dow Jones divergieren so stark wie seit 1993 nicht mehr,  Graph: Bloomberg, 09. März 2021


Sonntag, 7. März 2021

Renditeanstieg am Anleihemarkt: Sind Inflationsängste berechtigt?

Anleger sehen Licht am Ende des Tunnels und reagieren mit Aktien- und Anleihe-Verkäufen. Der Auslöser ist das von Joe Biden vorgestellte und vom Senat am Samstag verabschiedete Corona-Hilfspaket (American Rescue Plan) im Umfang von 1,9 Billionen USD.

Der Rückgang der Aktienpreise in der dritten Woche in Folge belastet auch die Kursentwicklung auf den Anleihemärkten.

Die Rendite der US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit ist mittlerweile auf mehr als 1,60% gestiegen. Der Anstieg der Renditen von Staatsanleihen sorgt aber für Aufregung. Es geht um Inflationsangst.

Der Fed-Vorsitzende Jay Powell hat gesagt, dass er zwar einen Anstieg der Inflation erwarte, wenn die Wirtschaft wieder anspringt. Aber er hat zugleich betont, dass die Fed nicht die Absicht hätte, ihren Kurs zu ändern, da niedrige Zinsen und Anleihekäufe weiterhin notwendig sein werden, um die laufende Erholung der Wirtschaft zu unterstützen.

Auch die Finanzministerin Janet Yellen spielte jegliche Bedenken herunter, dass der jüngste Anstieg der Renditen der Staatsanleihen die Erwartungen für einen übermäßigen Ausbruch der Inflation widerspiegelt.

"Ich sehe nicht, dass die Märkte erwarten, dass die Inflation über das 2%-Ziel der Federal Reserve steigen wird", sagte Yellen am Freitag in einem Interview mit PBS NewsHour. "Die langfristigen Zinssätze sind etwas gestiegen - aber hauptsächlich, denke ich, weil die Marktteilnehmer eine stärkere Erholung sehen." 


Die Rendite 10-jähriger amerikanischer Staatsanleihen, Graph: Bloomberg, 06 März 2021 

Sonntag, 28. Februar 2021

COVID-19 Rettungspolitik im Vergleich: USA versus Eurozone

US-Repräsentantenhaus hat nun dem von Präsident Joe Biden vorgeschlagenen Corona-Konjunkturpaket im Umfang von 1,9 Billionen USD zugestimmt. Auch der Senat muss noch seine Zustimmung geben.

Während die US-Administration 1‘900 Mrd. USD in die Hand nimmt, stellen die EU-Mitgliedstaaten nur 420 Mrd. EUR bereit, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie zu bekämpfen.

„Allein was die Dimension des Wiederaufbaufonds angeht, liegt Europa weit hinter den USA zurück. Das reicht bei Weitem nicht“, sagt Joseph Stiglitz dem Handelsblatt in einem Gespräch. 

Prof. Stiglitz sieht also die europäische Rettungspolitik (420 Mrd EUR) skeptisch: 

Das werde sich auch in den Wachstumszahlen niederschlagen. «Europa und vor allem auch die starken Volkswirtschaften wie Deutschland müssen mehr tun», so der Wirtschaftsnobelpreisträger weiter.



Der “fiskalische Schub” auf beiden Seiten des Atlantiks im Vergleich, Graph: Bloomberg Quint, Febr 26, 2021

Donnerstag, 25. Februar 2021

Warnung vor Inflation und mehr

Die FAZ warnt vor der Gefahr der Inflation. In der Tat ist die Geldwertstabilität wieder zu einem Thema geworden. 

Auslöser ist die expansive Fiskalpolitik, die im Angesicht einer heftigen Pandemie auf beiden Seiten des Atlantiks abwechslungsreich an den Tag gelegt wird.

Als «Schwarzmaler» fallen auf: Larry Summers, der ehemalige US-Finanzminister, Olivier Blanchard, der ehemalige Chefökonom von IWF und Martin Wolf, Chefkommentator für Wirtschaft bei der Financial Times, um einige prominente Persönlichkeiten zu nennen. 

Bemerkenswert ist aber, dass es sich dabei nicht um gewöhnliche „deficit-hawks“ handelt. Die erwähnten Herrschaften mit Hang zu wirtschaftspolitischen Massnahmen a la Keynes unterstützen sonst i.d.R. Stimulus-Pakete. Aber sie vertreten heute die Ansicht, dass aufgrund der Grössenordnung der geplanten Aktionen eine Überhitzung der Wirtschaft drohe. Und damit ein Anstieg der Inflation.

Zur Erinnerung: In den USA stellt die neue Joe Biden Administration Hilfen im Umfang von 1‘900 Mrd. USD in Aussicht, was 9% des BIP entspricht. Die entsprechende Summe in der Eurozone beläuft sich auf 420 Mrd. EUR, wenn wir die automatic stabilizers nicht mitrechnen.



US-Arbeitslosenquote und Erwerbsquote, Graph: Lael Brainard, seit 2014 Federal Reserve Board Mitglied, Febr 24, 2021


Sonntag, 21. Februar 2021

Corona-Krise und „Hochdruckwirtschaft“

Es ist Wert, darüber ausführlich zu berichten, wenn zwei der profiliertesten Mitte-Links-Ökonomen Amerikas sich über die erste große innenpolitische Massnahme des demokratischen Präsidenten Joe Biden uneinig sind. 

Die Rede ist von Larry Summers und Paul Krugman

Das Thema: Der 1,9 Billionen Dollar schwere Rettungsplan für die Corona-Krise. 

Summers und Krugman haben ihre Differenzen neulich in einer Videokonferenz, die von Prof. Markus Brunnermeier moderiert wurde, diskutiert.

Prof. Summers, der ehemalige Finanzminister, Direktor des National Economic Council und Harvard-Präsident, trat gegen Prof. Krugman an, den Nobelpreisträger, der früher in Princeton und jetzt an der City University of New York lehrt.

Hier ist eine interessante Abbildung, die Summers während der Video-Konferenz vorgestellt hat. Wie wir sehen, war damals - nach der GFC - das Konjunkturpaket der US-Regierung unter Barack Obama im Vergleich zur Produktionslücke (output gap) viel zu klein.


US-Wirtschaft nach der GFC 2008-2009 und nach der Corona-Krise 2020; realisierte Produktionslücke vs. fiskalischer Stimulus (realized output gap vs. fiscal stimulus), Graph: Larry Summers, Febr 2021


Dienstag, 16. Februar 2021

Aktienmärkte, Bullen und Bubbles

Während die US-Aktienindizes weiter auf neue Rekorde klettern, kommt einem einer von Warren Buffetts berühmtesten Sprüche in den Sinn: 

Investoren sollten "ängstlich sein, wenn andere gierig sind".

Jeder Buffett-Jünger, der in diesen Tagen einen Blick auf die bevorzugte Marktbewertungskennzahl des Milliardärs wirft, könnte den Drang verspüren, vor Angst zu schreien, wie Bloomberg das Geschehen beschreibt.

Der "Buffett-Indikator" ist eine einfache Kennzahl: 

Die gesamte Marktkapitalisierung der US-Aktien geteilt durch den gesamten Dollarwert des Bruttoinlandsprodukts des Landes. Der Indikator überschritt 2019 erstmals seinen früheren Höchststand aus der Dotcom-Ära. Dennoch tendiert er seit Jahrzehnten nach oben.

Der Trend ist dein Freund?

Da die US-Marktkapitalisierung mehr als doppelt so hoch ist wie das geschätzte BIP für das laufende Quartal, deutet die Kennzahl auf eine "stark überbewertete" Situation hin.



Warren Buffett Indikator, Graph: Bloomberg, Febr 2021

Donnerstag, 11. Februar 2021

Covid-19 Bekämpfung mit Katastrophenhilfe (nicht Stimulus)

Die Debatte ist so spannend, dass es nicht überflüssig wäre, dazu einen weiteren Blog-Beitrag zu liefern.

Worum geht es? 

Es geht um Joe Biden’s Covid-19 «American Rescue Plan» im Umfang von 1‘900 Mrd. USD.

Larry Summers und Olivier Blanchard fürchten, dass der Plan eine Überhitzung der Wirtschaft verursachen und damit hohe Inflation auslösen könnte.

Einige Fragen, die vor diesem Vordergrund aufgeworfen werden, lauten: Ist es wirklich ein Stimulus? Ist es zu gross? Können die Fed und der US-Kongress die Dinge unter Kontrolle bringen, wenn es sich als «zu gross» herausstellen sollte?

Noah Smith beispielsweise beantwortet die Fragen in der Reihenfolge mit nein, nein und ja.

Warum ist es kein Stimulus?

Da wir uns nicht in einer herkömmlichen Rezession - einem Rückgang der Produktion aufgrund einer unzureichenden Gesamtnachfrage, befinden.


US BIP, Graph: Paul Krugman, Febr 09, 2021, substack


Dienstag, 9. Februar 2021

Wie gross ist zu gross? US-Wirtschaftsschutzprogramm

Wow! Das ist eine hochinteressante Debatte über die Grössenordnung des Rettungsprogramms von Joe Biden, dem neuen US-Präsidenten.

Larry Summers, der ehemalige US-Finanzminister äussert sich besorgt, dass Bidens Rettungspaket im Umfang von 1,9 Billionen USD zu gross sei und die Überhitzung dadurch Inflation auslösen könnte.

Zudem bliebe zu wenig Spielraum zurück, um weitere Investitionen in die Infrastruktur zu finanzieren. Das Fazit des an der Harvard University lehrenden Wirtschaftsprofessors lautet, dass das Weisse Haus die Inflationsgefahr unterschätze.

Die gegenwärtige, von Biden ernannte Finanzministerin Janet Yellen, die ehemalige Fed-Präsidentin, hingegen unterstützt das grosse Paket der neuen US-Administration in aller Deutlichkeit. 

Zur Erinnerung: Das Konjunkturprogramm 2009 von US-Präsidenten Barack Obama wurde damals von Summers getragen und war im Umfang viel zu klein, um die wirtschaftlichen Wogen nach der GFC (Global Financial Crisis) richtig nachhaltig zu glätten.


Die US-Wirtschaft ist seit 1980 meist unter ihrem Potenzial gewachsen, Graph: Bloomberg, Febr 09, 2021

Montag, 1. Februar 2021

Exportismus

Buchbesprechung

Andreas Nölke: „Exportismus – Die deutsche Droge“, Westend Verlag, Frankfurt, Februar 01, 2021

Man kann es drehen und wenden wie man will: Die deutsche Wirtschaft ist viel stärker von Exporten geprägt als alle anderen Volkswirtschaften vergleichbarer Grösse.

Wenn man die deutsche Ökonomie verstehen will, führt kein Weg daran vorbei, die Exportlastigkeit der deutschen Wirtschaft unter die Lupe zu nehmen, wie Andreas Nölke in seinem neulich vorgelegten Buch beschreibt.

Obwohl Berlin im internationalen Vergleich mit einem umfangreichen Konjunkturpaket auf die Pandemie reagiert hat, ist die deutsche Wirtschaftsleistung im 2Q2020 infolge der Corona-Krise signifikant eingebrochen.

Nölke argumentiert, dass die Ursache für den starken Einsturz der deutschen Wirtschaft eindeutig die Krise des Exportsektors ist.

Die Exportorientierung einer Wirtschaft wird konventionell durch die Exportquote (das Verhältnis der Ausfuhren zum BIP) gemessen. Weitere Kriterien sind z.B. der von der Bertelsmann Stiftung zusammengestellte „Aussenhandels-Abhängigkeitsindex“ und der vom Wirtschaftsministerium dokumentierte „Offenheitsgrad“. Entscheidend ist aber auch der Anteil der Arbeitsplätze, die insgesamt vom Export abhängen.

Freitag, 29. Januar 2021

Wie bringt der Staat mehr Geld in die Wirtschaft

Wie Stories die Aktienmärkte antreiben, beobachten wir heute in aller Deutlichkeit an der Kursentwicklung der GameStop Aktie, die ja in diesen Tagen in aller Munde ist.

Prof. Robert Shiller nennt es im Allgemeinen «narrative psychology». Populäre Narrative sind wesentliche Treiber der Motivation, argumentiert der an der Yale University in den USA forschende Ökonom weiter.

Menschen sind geneigt, Narrative zu sehen. Wenn es zum Beispiel um die Wirtschaft geht, dominieren die Erzählung von Geschichten (story telling) und mächtige Narrative unsere Wahrnehmung der Realität. 

Das gegenwärtig auffällige Narrativ im Sozial-Media beinhaltet den Hinweis auf die «Hyperinflation» und das «Gelddrucken» durch die Zentralbanken. Häufig wird dabei die Abbildung, die den Anstieg der Bilanzsumme der Fed (oder der EZB) zeigt, als Indikator herangezogen.

Erstens gilt es festzuhalten, dass es nicht die Fed ist, die das Geld druckt, sondern, wenn schon, das US-Schatzamt (US Treasury).

Zweitens: was die Fed mit der QE-Politik vollzieht, ist, ein Austausch (swap) von Vermögenswerten (assets), mit längeren (Kauf) versus kürzeren (Verkauf) Laufzeiten.


Bilanzsumme der Zentralbanken (jährliche Veränderung); weiss: Fed, blau: EZB, gelb: BoJ und lila: BoE, Graph: Bloomberg TV, Jan 27, 2021


Dienstag, 26. Januar 2021

Zentralbanken und Fiskalpolitik

Zentralbanken haben im Sog des schweren Nachfrage-Schocks, der durch die Pandemie ausgelöst wurde, explizit versprochen, an der lockeren Geldpolitik bis weit in einen Aufschwung nach der COVID19 Krise festzuhalten.

Die Strategie ist klar und durchdacht: Die Volatilität des Anleihemarktes auszublenden und die Kreditaufnahme so billig wie noch nie zu machen, um das Sparen zu verhindern und Investitionen zu fördern. 

Die Hoffnung: Billiges Geld veranlasst Unternehmen zu Investitionen und Einstellungen, da steigende Vermögenspreise die Menschen zuversichtlicher und ausgabefreudiger machen.

Der zyklische Schaden durch die Pandemie (Umsatzverluste) betrifft einige, aber nicht alle Unternehmen. Da dies einem traditionellen Wirtschaftszyklus ähnelt, haben die Zentralbanker mit der Geldpolitik ohne Zweifel einen gewissen Einfluss. 

Die strukturellen Veränderungen in der Weltwirtschaft hingegen sind eher eine Sache der Fiskalpolitik, wie Paul Donovan von der UBS darlegt.



Die Bilanzsumme der Zentralbanken, der EZB, Fed und der BoJ, Graph: Bloomberg Quint, Jan 25, 2021

Sonntag, 24. Januar 2021

M2 steigt – Kommt die Inflation?

Die unbedarfte Nutzung von Social Media ist allgegenwärtig. Damit gehen aber unter anderem auch emotionale und finanzielle Konsequenzen einher. Der letzte Schrei ist der mulmige Hinweis auf die Inflation. 

Wir stossen zum Beispiel auf Twitter auf Abbildungen, die zeigen, wie stark die Geldmenge M2 in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Die Schlussfolgerung der Protagonisten lautet öfters , dass es sich dabei um ein Anzeichen der die Ecke lauernden Inflation handelt. 

Kommt nun die Hyperinflation? Nicht so schnell.

Inflation bedeutet eine allgemeine und anhaltende Erhöhung des Preisniveaus von Gütern und Dienstleistungen. Und das bedeutet eine Minderung der Kaufkraft des Geldes.

Was heisst aber Geld

Während die Begriffe "Geld" und "Vermögen" im alltäglichen Sprachgebrauch oft dasselbe bedeuten, definieren Ökonomen Geld enger als die Komponente des Vermögens, die aus "Transaktionsguthaben" besteht. Das heißt, wenn man es verwenden kann, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen und Schulden zu begleichen, dann wird es als Geld betrachtet, erklären David Andolfatto und Joel Steinberg auf FRED, dem Blog der St. Louis Fed.

Geld unterscheidet sich von anderen Formen des Reichtums, die erst liquidiert - d. h. in Geld umgewandelt - werden müssen, bevor ihr Wert ausgegeben werden kann. Nach dieser Definition stellen physische Währung und Girokonten Geld dar. Und in der Tat bilden diese Objekte die Definition dessen, was Ökonomen als Geldmenge M1 bezeichnen.


US Geldmenge M1 and M2 und zum Vergleich (Opportunitätskosten) Rendite der US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von einem Jahr, Graph: David Andolfatto und Joel Steinberg auf FRED, dem Blog der St. Louis Fed, Jan 22, 2021


Mittwoch, 6. Januar 2021

Corona-Virus Pandemie und Staatsschulden

Die Renditen der US-Staatsanleihen, die Inflation geschützt sind (d.h. TIPS), sind seit geraumer Zeit negativ: 5 Jahre: -1,64%, 10 Jahre: -1,04%, 20 Jahre; -0,50% und 30 Jahre: -0,30%.

Das heisst, dass die Kosten der Kreditaufnahme des Staates negativ sind.

Auch in Deutschland weisen die Renditen inflationsindexierter Bundeswertpapiere negative Werte auf: 5 Jahre: -1,49%, 10 Jahre: -1,55%, 25 Jahre: -1,52%.

Das bedeutet, dass die Kosten der Kreditaufnahme des Staates auch in Deutschland negativ sind. Eine negative Rendite heisst, dass Anleger dem Staat mehr Geld leihen, als sie später (nach dem Ablauf der Laufzeit) wieder etwas zurückbekommen.

Es besteht heute aus mehreren Gründen ein längerfristiger Bedarf, öffentliche Investitionen zu erhöhen, um die verfallende Infrastruktur zu reparieren und die Wirtschaft über die COVID-19 Krise hinaus anzukurbeln.

Wie sollen aber die Investitionen finanziert werden?


Sparquote amerikanischer Haushalte, Graph: John Authers, Bloomberg, Jan 06, 2021. 

Sonntag, 3. Januar 2021

Coronavirus-Schock und Deflation im Euroraum

Die jährliche Inflationsrate im Euroraum lag im November 2020 bei minus 0,3%. Das bedeutet zwar keine Veränderung gegenüber Oktober.

Aber es ist eigenartig, dass die EU-Behörde (European Statistical) die Negativ-Inflation als „stabil“ bezeichnet, obwohl die Spatzen es von den Dächern pfeifen, dass die EZB das eigenhändig festgelegte Ziel seit mehreren Jahren unterläuft.

Friederike Spiecker und Heiner Flassbeck hatten kurz nach dem Ausbruch der Pandemie davor gewarnt, dass der Corona-Schock Deflation und Arbeitslosigkeit bedeutet.

Die Forderung an die Unternehmen, die während der Pandemie COVID-19 staatliche Beihilfen in Anspruch nehmen, keine Dividenden an die Aktionäre auszuschütten, hätte auch einen Verzicht auf Lohndruck (wegen der Gefahr einer deflationären Entwicklung) beinhalten müssen, so die Autoren in einem lesenswerten Blog-Eintrag auf Makroskop



Die jährliche Inflation im Euroraum, Graph: EU Eurostat, Jan 03, 2021