Sonntag, 21. Juli 2024

Besessenheit mit Schuldenbremse: Deutschland steckt die Schweiz an

Eine unverhohlene Paranoia wegen Defizit


Die giftige Besessenheit von der Schuldenbremsedebt brake») scheint sich von Deutschland auf die Schweiz auszubreiten.

Wie Yves Wegelin in Republik Magazin ausführlich berichtet, hat das Schweizer Finanzdepartement im Frühling eine «Expertengruppe» zur «Bereinigung des Bundeshaushaltes» beauftragt.

Finanzministerin Karin Keller-Sutter (FDP) will herausfinden, wo der Staat sparen soll. Lobbyisten, angeführt von einer privaten Denkfabrik warnen vor angeblich ausufernden Staatsausgaben in der Schweiz.

Die Ausgaben des Bundes mögen zwar seit 1990 stark gestiegen sein. Aber das gilt nur in absoluten Zahlen. Denn auch die Schweizer Wirtschaft (gemessen am BIP) ist seither stark gewachsen.


Öffentliche Investitionen in der Schweiz und in Deutschland, Graph: FT, July 17, 2024.

 

Samstag, 20. Juli 2024

Money Capital

Buchbesprechung: 

Money Capital: New Monetary Principles for a More Prosperous Society. By Patrick Bolton and Haizhou Huang, July 16, 2024 (UK), Princeton University Press, London.


Wenn es um die Preisstabilität geht, geht es im Allgemeinen auch darum, zu ergründen, wie viel Papiergeld der Staat bereitstellen sollte. 

Doch die Monetaristen haben keine vollständige Antwort auf diese Frage. Das typische Argument, das angeführt wird, bezieht sich auf die «Friedman-Regel»: Die optimale Wachstumsrate der Geldmenge ist negativ.

Bemerkenswert ist, dass die Friedman-Regel u.a. auch das Denken hinter den Bemühungen zur Schaffung von Krypto-Währungen beeinflusst hat:

Das Design von Bitcoin zielt nämlich darauf ab, sein Wachstum durch «Mining» zu begrenzen, um seinen Wert zu steigern und so einen Anreiz für Investoren zu schaffen, den unverzinslichen Token zu halten.

Doch die Frage, ob die Gesamtmenge an Bitcoin ausreicht, um die Nachfrage nach Transaktionsdiensten zu decken, wird nicht wirklich beantwortet.

Zur Erinnerung: Der Grundgedanke des Monetarismus beinhaltet eine 1-zu-1-Beziehung zwischen Geldmenge- und Preisniveau-Veränderungen. 

Empirisch zeigt sich jedoch, dass dies in den Daten nach 1964 weder für die USA noch für andere Länder gut zu erkennen ist. Außerdem kann der Monetarismus einige neuere Entwicklungen nicht erklären, darunter die Folgen der Finanzkrise von 2008 (GFC) und die wirtschaftliche Entwicklung Chinas.

Samstag, 13. Juli 2024

Währungssouveränität, hohe Defizite und finanzpolitische Falken

US-Dollar und seine Stabilität als globale Währung


China spielt in den globalen Produktionsketten nach wie vor eine herausragende Rolle. Wenn Chinas Exportpreise sinken, werden seine Exporte wettbewerbsfähiger, was sich auf die lokale Industrie in den Ländern auswirkt, die chinesische Waren importieren.

Ein wichtiger Faktor zudem ist, dass in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den letzten Jahren eine Politik des "de-risking" und "on-shoring" gefördert wird.

Und zwar in Form von erstens Bildung von Handelsblöcken und zweitens der Diversifizierung der Zentralbank-Reserven weg vom US-Dollar.

Mit anderen Worten nehmen Bemühungen um sog. «Entdollarisierung» («dedollarization») derzeit zu, während nach wie vor rund 60% aller Devisenreserven in der US-Währung gehalten werden. 


Der Wert des Dollars wird durch relative Zins- und Wachstumsunterschiede zwischen den USA und dem Rest der Welt beeinflusst, Graph: Morgan Stanley, July 09, 2024.


Dienstag, 9. Juli 2024

Euro: Eine Währung ohne Land

Frankreich und EZB: “Lender of Last Resort” versus Vormachtstellung der Finanzmärkten


Bundesfinanzminister Christian Lindner hat bei einer Veranstaltung des Ifo-Instituts in München gesagt, dass er ein mögliches Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) rechtlich prüfen lassen würde, sollte der Ausgang der französischen Parlamentswahlen einen massiven Ausverkauf von Staatsanleihen des Landes auslösen.

Zur Erinnerung: Die überraschende Entscheidung von Präsident Emmanuel Macron vom 9. Juni, in Frankreich Neuwahlen einzuberufen, hat die Anleiheinvestoren verunsichert und dazu beigetragen, dass der Rendite-Aufschlagspread») der französischen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit gegenüber deutschen Bundesanleihen kräftig gestiegen ist.


Euro-Renditespreads Frankreich - Deutschland: Der "Chuck-Norris-Effekt" der Geldpolitik bedeutet, dass eine Zentralbank kein Geld drucken muss, um den geldpolitischen Kurs zu lockern, wenn es sich um eine glaubwürdige Zentralbank mit einem glaubwürdigen Ziel handelt, Graph: John Authers, Bloomberg July 2024.

Dienstag, 2. Juli 2024

Wirtschaftspolitik: USA ("go big, go early") vs. EU ("depression nap")

Eine Hochdruck-Wirtschaft - keine Überhitzung


Joe Biden (82) hat im CNN-Fernsehstudio in Atlanta ohne Zweifel enttäuscht. Doch sein Herausforderer war auch nicht besser. 

Donald Trump (78) schreckt davor nicht zurück, Unsinn zu behaupten und Unwahrheiten zu verbreiten. Eindämmung von Migration ist ohne Zweifel der Schwerpunkt der Wahl-Kampagne von Trump. 

Die «Gefahr der Überfremdung» ist praktisch das zentrale Thema aller rechtspopulistischen Strömungen auch in Europa. Aus Zuwanderung werden alle aktuellen wirtschafts- und sozialpolitisch begründeten Probleme abgeleitet.

Mit keinem Thema betreiben die Republikaner so lustvoll Polemik wie mit der Behauptung, dass Biden Amerika "zerstöre", indem er eine "Invasion" von Migranten zulasse, so die Zeit aus Hamburg.


Die Produktivität in den USA nach der Pandemie übertrifft die der anderen Länder, Graph: FT, June 28, 2024 


Mittwoch, 26. Juni 2024

Japan: Der Wandel von Deflation zu Reflation.

Japans nominales Wachstum übertrifft zum ersten Mal das Chinas


Während Japans Wirtschaft sich normalisiert, tritt die chinesische Wirtschaft in eine Phase strukturell trägeren Wachstums und schwächerer Inflation ein.

Die Wachstumslücke zwischen den beiden asiatischen Giganten scheint zu schrumpfen. 

Welche wirtschaftlichen Schlussfolgerungen können daraus gezogen werden?

Japan steht kurz davor, eine scheinbar fest verankerte Deflationsspirale zu durchbrechen. Das ist eine begrüssenswerte Leistung: Deflation kann nämlich eine Wirtschaft auf verhängnisvolle Weise in den Griff bekommen.

Da Unternehmen und Verbraucher mit sinkenden Preisen rechnen, schieben sie ihre Ausgaben auf, und die Wirtschaftstätigkeit schwächt sich weiter ab. Und dies war im Wesentlichen das Schicksal Japans für zwei Jahrzehnten.


Japan hat laut dem japanischen Finanzministerium für den Zeitraum 2021–2023 4 Billionen Yen für Investitionen in die Halbleiter- und Digitalindustrie veranschlagt. Das ist ein größerer Anteil des BIP als die Bemühungen der USA, ihre eigene inländische Versorgung mit Halbleitern auszubauen, Graph: JPMorgan AM, June 21, 2024.


Mittwoch, 19. Juni 2024

"Sanfte Landung" und inverse Rendite-Kurve

Der Juni ist der 23. Monat in Folge mit inverser Zinskurveinverted yield curve») ohne Rezession, die längste Phase seit Beginn der Aufzeichnungen.

Eine inverse Zinskurve, auch invertierte Zinskurve genannt, entsteht, wenn die langfristigen Zinssätze unter die kurzfristigen Zinssätze fallen. 

Dies steht im Gegensatz zur normalen Zinskurve, bei der die langfristigen Zinssätze höher sind als die kurzfristigen Zinssätze, was das höhere Risiko und den Zeitwert des Geldes über einen längeren Zeitraum widerspiegelt.

In der Vergangenheit wurde eine Inversion zwischen 2- und 10-jährigen Staatsanleihen (UST) als Warnsignal für einen wirtschaftlichen Abschwung angesehen, aber dieses Mal scheint es vorerst anders zu sein, wie JPMorgan Research Team unterstreicht.


Die invertierte Zinsstrukturkurve, Graph: JPMorgan AM, June 18, 2024.



Samstag, 25. Mai 2024

Was ist besser für den Reichtum der Vermögenden?

Höhere Zinssätze oder niedrigere Zinssätze?


FOMC, der geldpolitische Ausschuss der US-Notenbank (Fed) hat am Mittwochabend das Protokoll («minutes») zur Zinsentscheidung von Anfang Mai veröffentlicht.

Die Teilnehmer stellten demnach enttäuschende Inflationswerte für das erste Quartal fest und sprachen auch darüber, die Zinsen «höher für länger» («higher-for-longer») beizubehalten, falls die Inflation keine Anzeichen für eine nachhaltige Annährung an 2% zeigen sollte.

Die Anleger hingegen wetten den Terminmärkten zufolge auf ein bis zwei Zinssenkungen in diesem Jahr. Während diese Einschätzung mit der vieler Prognostiker übereinstimmt, erwarten manche Marktbeobachter keine Zinssenkung.


Jan Hatzius prognostiziert weiterhin Zinssenkungen im Juli und November, aber der Zeitpunkt hängt von den anstehenden Daten ab, Graph: Goldman Sachs, May 22, 2024.


Samstag, 18. Mai 2024

Haushalte, die von der Hand in den Mund leben

Der Mythos von “Ricardian Equivalence”


Stell’ dir vor, die Regierung gewährleistet den Verbrauchern heute «fiskalische Transferleistung» heute - zum Beispiel die COVID-19-Konjunkturschecks - und finanziert die Zahlungen mit Schulden. Außerdem kündigt die Regierung an, dass sie im nächsten Jahr die Steuern erhöhen wird, um die Schulden zurückzuzahlen.

Werden die Verbraucher das Geld aus der Überweisung ausgeben, oder werden sie das Geld aus der Überweisung sparen, um künftige Steuern zu zahlen? 

Die letztere Option ist repräsentativ für einen «Ricardian-Agenten». Wie viel Liquidität die Haushalte sparen oder wie «Ricardian Equivalence» sie sind, ist aus theoretischer Sicht ein wichtiges Merkmal, die Prävalenz von Haushalten zu verstehen, die von der Hand in den Mund leben, d.h. sie geben das Geld aus, wenn sie es bekommen.


In den vergangenen 12 Jahren ist der Anteil der «von der Hand in den Mund» lebenden US-Haushalte von 31% auf 19% gesunken, Graph: St. Louis Fed, May 08, 2024


Sonntag, 12. Mai 2024

Geldpolitik via „höher-für-länger“ und US-Defizite.

Der ganze Sinn des Besitzes von US-Staatsanleihen.


Das Narrativ «higher for longer» (höher und länger) macht derzeit via Social Media erneut die Runde.

Ein Ausdruck, der eine geldpolitische Haltung beschreibt, bei der davon ausgegangen wird, dass die Zinssätze für einen längeren Zeitraum erhöht bleiben. 

Im Zusammenhang mit der Zinspolitik der Fed bedeutet „higher for longer“ i.d.R. die Erwartung, dass die Zinssätze im Vergleich zu früheren Zinserhöhungszyklen für einen längeren Zeitraum auf einem relativ hohen Niveau gehalten werden.

Dies könnte eine Reaktion auf die Besorgnis über eine steigende Inflation, ein robustes Wirtschaftswachstum oder andere Faktoren sein, die eine straffere Geldpolitik rechtfertigen könnten.


Die Anleiherenditen reagieren auf die aufkeimende Erwartung, dass die von der US-Zentralbank (Fed) festgelegten Zinssätze relativ „länger höher“ sein werden, Graph: Goldman Sachs, May 10, 2024.

Sonntag, 28. April 2024

Wettbewerbsverbote für Arbeitnehmer

Understanding Contemporary Labor Market

Classic Human Capital Model and Noncompete Clauses


Die US-Bundeshandelskommission (FTC, Federal Trade Commission) hat am 23. April 2024 beschlossen, Wettbewerbsverbote für Arbeitnehmer in den USA zu unterbinden.


künftige Wettbewerbsverbote werden verboten, 

bestehende Wettbewerbsverbote sind nur noch für leitende Angestellte durchsetzbar,

und die Regelung tritt in sechs Monaten in Kraft.


Lina M. Khan, die FTC-Vorsitzende sagte: 

"Wettbewerbsverbote halten die Löhne niedrig, unterdrücken neue Ideen und berauben die amerikanische Wirtschaft ihrer Dynamik, einschließlich der mehr als 8.500 neuen Start-ups, die pro Jahr entstehen würden, sobald Wettbewerbsverbote verboten sind" 


Die Aussage deckt sich ohne Zweifel mit dem aktuellen Stand der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zum Thema.

Lina ist eine in Großbritannien geborene amerikanische Rechtswissenschaftlerin, die seit 2021 Vorsitzende der FTC ist. Außerdem ist sie außerordentliche Professorin für Recht an der Columbia Law School.

"Die endgültige Regelung der FTC zum Verbot von Wettbewerbsverboten wird sicherstellen, dass Amerikaner die Freiheit haben, einen neuen Job anzunehmen, ein neues Unternehmen zu gründen oder eine neue Idee auf den Markt zu bringen."


Gemäß der endgültigen Wettbewerbsverbotsregel erlässt die FTC ein umfassendes Verbot neuer Wettbewerbsverbote für alle Arbeitnehmer, einschließlich leitender Angestellter, Graph: US-Wettbewerbsbehörde, FTC, Apr 23, 2024


Mittwoch, 24. April 2024

Narrative Quagmire: Higher for Longer

A Zombie Case: Inflation versus Employment


Die Ungewissheit über den Zeitpunkt der Zinssenkung hält auf beiden Seiten des Atlantiks an.

Während die Fed die "Datenabhängigkeit" («data-dependency») an die grosse Glocke hängt, um Aufschluss darüber zu geben, wann die Zinswende eingeläutet würde, spricht die EZB von der «letzter Meile» («last-mile») im Kampf gegen die Inflation. Es gehe darum, so die EZB, die «Zweitrundeneffekte» einzudämmen. Doch es gibt weit und breit keine Anzeichen für «Zweitrundeneffekte».

Das gegenwärtige Lohnwachstum im Euro-Raum dürfte dazu beitragen, den Konsum zu stützen, ohne eine inflationäre Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen, notiert Morgan Stanley in einer aktuellen Analyse. Mit anderen Worten scheint das Risiko einer ausufernden Inflation gering, worauf auch stabile Anleiherenditen am langen Ende und Risikoanlagen hindeuten.

Das Lohnwachstum im Euro-Raum unterstützt den Verbrauch, ohne eine inflationäre Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen, Graph: Morgan Stanley, April 18, 2024.


Sonntag, 14. April 2024

China – Japan – Staatsverschuldung

Debt-to-GDP ratio: Eine kontroverse Metrik 


Die Ratingagentur Fitch hat den Ausblick für China von stabil auf negativ revidiert.

Die Begründung: Die chinesische Regierung werde sich wahrscheinlich weiter verschulden, um die Wirtschaft aus dem immobilienbedingten Abschwung zu holen.

«Pekings Bestreben, das Wachstum weniger vom Immobilienmarkt abhängig zu machen, setzen die öffentlichen Finanzen des Landes unter Druck.» 

Mit anderen Worten scheint Fitch besorgt über die gegenwärtige Rolle der Fiskalpolitik bei der Unterstützung des Wachstums der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt.

Die Argumentation: Der «Aufwärtstrend» in Sachen Verschuldung könnte anhalten.


China’s Credit Ratings, Graph: Bloomberg TV, Apr 10, 2024.


Donnerstag, 4. April 2024

You’re Paid What You’re Worth

Buchbesprechung

Jake Rosenfeld: «You’re Paid What You’re Worth» - And Other Myths of the Modern Economy, The Belknap Press of Harvard University Press, London, UK, 2021,


Wovon hängt unsere Vergütung ab?

Es gibt laut Jake Rosenfeld vier Elemente, die unsere Bemühungen kanalisieren, einen größeren Anteil an den Einnahmen der Organisation, wo wir arbeiten, zu bekommen:

Die Festlegung von Löhnen und Gehältern ist immer mit der Ausübung von Macht (power) verbunden und stellt das Ergebnis vergangener und manchmal noch andauernder Machtkämpfe dar. 

Trägheit (inertia) ist der zweite grundlegende Bestandteil bei der Lohnfestsetzung. Uns wird entweder genau gesagt, was wir verdienen würden, oder es wird uns ein kleiner Verhandlungsspielraum eingeräumt. 

Die Nachahmung (mimicry) ist das dritte entscheidende Element, das unsere Gehaltsschecks beeinflussen kann. Es beschreibt ein allgemeines Verfahren, bei dem unser Arbeitgeber den üblichen Satz für unsere Position in unserer Branche zahlt. Viele Arbeitgeber legen ihre Gehaltstabellen erst dann fest, nachdem sie andere Unternehmen untersucht und deren Praktiken kopiert haben.

Gerechtigkeit (equity) - der Gedanke der gerechten Bezahlung - ist die vierte und letzte wesentliche Komponente bei der Festlegung der Vergütung.

Wenn es darum geht, warum wir so bezahlt werden, wie wir bezahlt werden, sind viele Akademiker, Arbeitnehmer und Lohnfestsetzer in den USA der Meinung, dass «die individuelle Leistung» (performance) der entscheidende Faktor ist. Und sie denken zudem auch, dass das genauso sein sollte. 

Die Frage ist aber, ob sie Recht haben? 

Samstag, 30. März 2024

Inflation Targeting - No Rush to Cut Interest Rates?

Risks of High-Interest-Rates and Slow-Growth


Nachdem Fed-Gouverneur Christopher Waller am Mittwoch erklärt hatte, dass es mit einer Zinssenkung nicht eilig sei, haben die Swap-Händler am Donnerstag ihre Wetten darauf, dass die Fed die Zinssätze bereits im Juni senken würde, leicht reduziert.

Die Kontrakte weisen nun eine implizite Wahrscheinlichkeit von etwa 60% für eine Zinssenkung im Juni auf. Mit anderen Worten gehen die Anleger immer noch davon aus, dass die erste Zinssenkung im Juni erfolgen wird.

Waller («There’s Still No Rush») betonte am Mittwoch vor dem Economic Club of New York, dass die jüngsten Wirtschaftsdaten einen Aufschub oder eine Verringerung der für dieses Jahr erwarteten Zinssenkungen rechtfertigten.

Waller verwendete den Begriff "keine Eile" viermal in seinen Ausführungen, auch im Titel. 


Der Breakeven-Markt deutet darauf hin, dass die Inflationserwartungen schleichend gestiegen sind. Die 5-Jahres-Breakeven-Rate liegt derzeit bei etwa 2,43%, deutlich unter dem Höchststand von etwa 3,76% Anfang 2022, aber etwa 40 Basispunkte über dem Dezember-Tief, Graph: Bloomberg, March 29, 2024

Mittwoch, 20. März 2024

Corridors versus Floors System

ECB’s new operational framework for monetary policy

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat vergangene Woche Änderungen am geldpolitischen Handlungsrahmen beschlossen. 

Das Ziel ist Bereitstellung von Zentralbankliquidität. 

Das Mittel ist wirksame Steuerung von kurzfristigen Geldmarktsätzen.

Damit soll dazu beigetragen werden, dass der Marktzins sich eng an den geldpolitischen Beschlüssen des EZB-Rats orientiert. 

Der Dreh- und Angelpunkt ist und bleibt die Sicherstellung von Preisstabilität.

Der Rahmen werde nach Angaben der EZB gewährleisten, dass die Umsetzung europäischen Geldpolitik «effektiv, robust, flexibel und effizient» bleibt.


Die von der EZB häufig beschworene "Datenabhängigkeit" ist im Grunde eine Energieabhängigkeit von Russland - ohne Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale heute. Anmerkung: Wenn die Inflation in der Eurozone doch nur vorübergehend war, ist das Risiko, dass die EZB überdreht («over-tightening») hat, deutlich erhöht, Graph: Morgan Stanley, March 2024

Sonntag, 17. März 2024

Economics in America

Buchbesprechung

Angus Deaton:Economics in America” – An Immigrant Economist Explores the Land of Inequality, Princeton University Press, October 2023, Oxford.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Ökonomen es seit jeher geflissentlich auslassen, über Ethik nachzudenken und darüber, was menschliches Wohlbefinden ausmacht. Und sie agieren im Allgemeinen wie Technokraten, die sich auf Effizienz konzentrieren. 

Angus Deaton, emeritierter Professor für Wirtschaft und internationale Angelegenheiten an der Princeton School of Public and International Affairs und am Fachbereich Wirtschaft der Princeton University, bekräftigt vor diesem Hintergrund in einem lesenswerten Beitrag im IMF-Blog, dass 


«wir kaum eine Ausbildung über die Ziele der Wirtschaft, über die Bedeutung des Wohlbefindens erhalten oder darüber, was Philosophen über Gleichheit sagen.»


Die Wohlfahrtsökonomie ist in der Tat schon lange aus dem Lehrplan verschwunden.


«Wir setzen Wohlstand oft mit Geld oder Konsum gleich und übersehen dabei vieles, was den Menschen wichtig ist. Im gegenwärtigen wirtschaftlichen Denken ist der Einzelne viel wichtiger als die Beziehungen zwischen Menschen in Familien oder Gemeinschaften.»


Der Autor, der 2015 Nobel-Preis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, schreibt freimütig aus tiefstem Herzen, was diesem unbedingt lesenswerten Werk eine profunde Authentizität verleiht. 

Sonntag, 25. Februar 2024

Inflation und Aktien

Der Chiphersteller Nvidia ist in aller Munde. Die Analysten von Goldman Sachs nennen das High-Tech Unternehmen «die wichtigste Aktie auf dem Planeten Erde».

Der Entwickler von Grafikprozessoren und Chipsätzen für Personal Computer und Spielkonsolen hat diese Woche sowohl Alphabet als auch Amazon überholt und ist nun das drittgrößte Unternehmen der Welt. 

Der Hauptsitz liegt in Santa Clara, Kalifornien in den USA. Das Unternehmen wurde im Januar 1993 von Jen-Hsun Huang gegründet.

Die Analysten von JPMorgan AM unterstreichen in einer vergangenen Woche publizierten Studie, dass das heutige Umfeld gut für Aktien ist. 

Eine gewisse Inflation (d.h. ein Verbraucherpreisindex innerhalb einer Spanne von 2 bis 3 %) ist i.d.R.  gut für die Unternehmensgewinne. 


Fed Funds rate (real), Graph: JPMorgan AM, Febr 17, 2024


Sonntag, 18. Februar 2024

Interview: Sven Reinecke, University of St. Gallen

Interview: Sven Reinecke, University of St. Gallen

Prof. Dr. Sven Reinecke is Director of the Institute of Marketing & Customer Insight and Associate Professor at the University of St. Gallen (HSG). He is co-head of the Master in Marketing Management.


How have Super Bowl commercials evolved over the years in terms of content, style, and impact on consumer behavior?


The Super Bowl Commercials are basically an unofficial form of the "Oscars" in the advertising industry. The costs for both creation and placement have risen sharply: According to Statista, a 30-second commercial cost USD 7 million in 2023, twice as much as in 2010.

In general, it can be said that commercials have developed strongly in the direction of emotion, staging and storytelling in recent years. 

Ultimately, they are short cinema films that are produced just as elaborately. This differs greatly from the classic product-related commercials of the past. Ultimately, the Super Bowl commercials can be seen as a mirror of US consumer culture.


Sven Reinecke, University St. Gallen, February 2024


Sonntag, 11. Februar 2024

Was ist mit der Mainstream-Ökonomie schief gelaufen?

Seit COVID19 führen die Stückgewinne die Inflation an.


Die Rezession, die 2020 auf das Corona-Virus folgte, war nicht das Ergebnis eines makroökonomischen Prozesses. 

Der erste bekannte Fall wurde im Dezember 2019 in Wuhan, China, festgestellt. Die Krankheit breitete sich schnell weltweit aus und führte zur COVID-19-Pandemie.

Da die Regierungen ihre Volkswirtschaften schlossen, um die akute Gefahr einzudämmen, kam es zu einem aussergewöhnlichen Abschwung.  

Der öffentliche Sektor setzte, im Vorfeld der Wiederöffnung der Märkte, massive und größtenteils einmalige fiskalische Anreize ein, um die Einkommen des Privatsektors zu stützen.

Doch die enormen makroökonomische Verwerfungen sind alles in allem auf eine Vielzahl von Ursachen zurückzuführen, darunter: 


massive Umschichtungen bei den Verbraucherausgaben (erst in Waren, dann in Dienstleistungen).


logistisches Chaos während der Wiedereröffnung, das einen gewaltigen Peitschenhieb («bullwhip effect») auf die Lieferketten ausübte.


weitere Versorgungsschocks durch den Krieg in der Ukraine (und jetzt möglicherweise die Krise am Roten Meer).


Nachholbedarf und sog. («revenge spending») "Revancheausgaben" aufgrund überschüssiger Ersparnisse der Verbraucher.


Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf den Arbeitsmärkten, insbesondere dort, wo die Zahl der Arbeitskräfte schrumpfte.


Schliesslich die verwirrenden Signale aus China (Immobilienkrise, Wachstumseinbruch usw.).


Sehen wir zu viel des Guten? Die Antwort ist nein: Die reale US-Wirtschaftsleistung wächst allenfalls geringfügig über dem Potenzial, trotz der viel besseren BIP-Daten, Graph: Jan Hatzius, Goldman Sachs, Febr 09, 2024.


Sonntag, 28. Januar 2024

Warum würdigen die Amerikaner Biden nicht für die Verbesserung der Wirtschaft?

What Recession? Public Perceptions of an Economic Performance

Why aren’t Americans giving Biden credit on improving economy?


Nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand wäre es keineswegs übertrieben, davon zu reden, dass die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA in den letzten Monaten aufgrund eines starken Arbeitsmarktes, einer Verlangsamung der Inflation und einer Lockerung der finanziellen Bedingungen deutlich gesunken ist.

Nicht vergessen dürfen auch die bevorstehenden Zinssenkungen der US-Notenbank (Fed).

Doch es ist interessant, zu beobachten, dass US-Präsident Joe Biden nicht die Anerkennung zu bekommen scheint, die ihm gebührt. 

Warum geben die Amerikaner Biden keine Anerkennung für die Verbesserung der Wirtschaft? 

Umfragen sind für die politische Wahrnehmung sicherlich von grosser Bedeutung. 


Bidenomics – Eine Fülle von Jobs, insbesondere Einstiegspositionen im Gastgewerbe und im Einzelhandel, haben dazu beigetragen, Teenager in den Arbeitsmarkt zu locken, Graph: Washington Post, Jan 24, 2024

Donnerstag, 25. Januar 2024

Europa mit fiskalischer und monetärer Austerität in der Rezession.

Die Disinflation lässt den realen Leitzins noch restriktiver werden.


Der deutsche Finanzminister Christian Lindner wehrt sich gegen die Aussage in Mainstream-Media, die Wirtschaft seines Landes sei zum "kranken Mann Europas" geworden.

Deutschland sei «ein müder Mann nach einer kurzen Nacht», sagte er auf dem letzten Panel des Weltwirtschaftsforums in Davos am Freitag.

«Was wir brauchen, ist eine gute Tasse Kaffee, das heißt Strukturreformen», so der deutsche Politiker der FDP.

Die Botschaft ist klar: Die deutsche Fiskal-Politik ist und bleibt restriktiv

Doch auch die Geldpolitik ist derzeit restriktiv, trotz aller Widrigkeiten einer seit langer Zeit stagnierenden Wirtschaft Europas.


Die Geldmärkte erwarten die erste Lockerung der Geldpolitik durch die EZB für April 2024, Graph: Reuters, Jan 20, 2024.


Sonntag, 21. Januar 2024

Bidenomics vs. Deutschlands Sparideologie

Sick Man of Europe - Do Davos Meetings matter? 


Goldman Sachs Research Team geht davon aus, dass das real verfügbare Einkommen in den USA wieder kräftig wachsen wird.

Der größte Teil stammt aus Zuwächsen beim Arbeitseinkommen, die größtenteils das alltägliche Potenzialwachstum in einer Wirtschaft mit wachsender Erwerbsbevölkerung und steigender Produktivität widerspiegeln, die wiederum tendenziell die Reallöhne in etwa eins zu eins in höhere Verbraucherausgaben umsetzen lassen dürften.


Das real verfügbare Einkommen wieder voraussichtlich wieder kräftig wachsen. 2024: +4% und 2025: +3%, Graph: Goldman Sachs, Jan 2024.

Montag, 8. Januar 2024

Der ausgeglichene Haushalt als Fetisch

Balanced-Budget Rule as Fetish

Germany’s Thrifty “Swabian Housewife” Narrative as Degradation of Women’s Economic Competence


Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Schuldenbremse sich prozyklisch entfaltet. Das heisst, dass sie wirtschaftliche Abschwünge verschärfen kann, was auch die praktische Erfahrung belegt.

Während wirtschaftlicher Abschwünge kann die Regel Sparmaßnahmen («austerity») erfordern, die die Staatsausgaben reduzieren und den Deflationsdruck möglicherweise verstärken.

Es macht insbesondere in der gegenwärtig stagnierenden Wirtschaft keinen Sinn, Schuldenbremse als Inflationsbremse anzupreisen, wie der deutsche Finanzminister sie in diesen Tagen der Öffentlichkeit unermüdlich vorträgt.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass Deutschland mit einem dringenden Bedarf an öffentlichen Investitionen in den wirtschaftlichen Umbau konfrontiert ist. Und zwar seit einer langen Zeit.


Die realen Investitionen und das Vertrauen in die Investitionen in der Eurozone scheinen völlig am Boden zu liegen, was angesichts der "Schuldenbremse"-Manie und der Sparpolitik der EZB kein Wunder ist, Graph: JPMorgan AM, Jan 05, 2024


Dienstag, 2. Januar 2024

Carry Trades 2023

FX Gambler versus Poor Emerging Markets


Der transitorische Preisschub, ausgelöst durch die Störungen in den globalen Lieferketten, bedingt durch die COVID19 Pandemie, hat sicherlich die Nerven blank liegen lassen.

Prof. James K. Galbraith nennt es den «Fetisch der Fed-Anbetung», wenn Mainstream-Ökonomen den Rückgang der vorübergehenden Inflation in Folge der (unnötig) restriktiven Geldpolitik der Fed und der EZB gutschreiben.

"Wir haben keine Beweise dafür, dass die Geldpolitik irgendeinen signifikanten Einfluss auf den Kurs der Preise hatte - jedenfalls nicht vor dem Wendepunkt im Juni 2022 und auch nicht danach."

Der langen Rede kurzer Sinn:

Das eigentliche Problem besteht darin, dass die meisten der heute führenden Mainstream-Ökonomen in den 1970er Jahren ausgebildet wurden.

Rückblickend lässt sich festhalten, dass die Zinssätze, die in verschiedenen Ländern auseinander klafften, 2023 eine Gelegenheit für die so genannten "Carry Trades" boten. 

Die Idee ist, einen Kredit in einem Land mit niedrigen Zinsen aufzunehmen und das Geld in einer Währung zu parken, in der es eine höhere Rendite bringt. 


Carry Trades 2023: Wie 100 Dollar, die in Yen geliehen und in Real oder Pesos eingezahlt wurden, gewachsen wären, Graph: John Authers, Bloomberg, Dec 29, 2023