Montag, 16. Februar 2026

Geldtheorie und Geldpolitik

Buchbesprechung

Michael Paetz: Geldtheorie und Geldpolitik - Grundlagen konventioneller und unkonventioneller Massnahmen, Mai 2025, Schäffer & Poeschel Verlag, Stuttgart.


Während klassische Lehrbücher oft noch in der Welt der 1990er Jahre verhaftet sind, liefert Michael Paetz mit seinem neuen Werk eine eindringliche Analyse der heutigen monetären Architektur. 

Das Buch ist deshalb so erkenntnisreich, weil es nicht bei der abstrakten Zinspolitik stehen bleibt, sondern die institutionellen Details beleuchtet, die bestimmen, wie Geld heute tatsächlich fließt.

Ein Highlight des Buches ist die konsequente Nutzung der sektoralen Finanzierungssalden. Paetz zeigt auf, dass Geldtheorie ohne die Buchhaltungslogik der Gesamtwirtschaft nicht funktioniert. 

Er macht deutlich: Wenn der Privatsektor sparen will, muss ein anderer Sektor (der Staat oder das Ausland) sich verschulden. Diese systemische Sichtweise ist essentiell, um die Notwendigkeit staatlicher Defizite und die Rolle der Zentralbank als Stabilisator zu verstehen.


Das "Shadow Banking" und die Endogenität des Geldes:

Paetz bricht mit dem Mythos des Geldmultiplikators. Er erklärt präzise, wie Geschäftsbanken und insbesondere das Schattenbanken-System Geld schöpfen. Die Integration des Schattenbanken-Wesens ist hier besonders "up-to-date", da es die Grenzen zwischen herkömmlichen Banken und anderen Finanzmark-Akteuren verwischt und zeigt, warum die Zentralbank heute als "Market Maker of Last Resort" agieren muss.

Dienstag, 30. Dezember 2025

Shared Prosperity in a Fractured World

Buchbesprechung

Dani Rodrik: «Shared Prosperity in a Fractured World» – A New Economics for the Middle Class, Princeton University Press, 2025, London and New Jersey.


Die Zukunft der Weltwirtschaft hängt davon ab, wie wir drei miteinander verknüpfte Herausforderungen bewältigen: den Klimawandel, den Wiederaufbau der Mittelschicht und die Reduktion globaler Armut. 

Dies ist der leitende Gedanke von Dani Rodriks neuem Buch Shared Prosperity in a Fractured World.

Rodrik argumentiert, dass das bisherige Wachstumsmodell an seine strukturellen Grenzen gestoßen ist. Historisch gingen Produktivitätsfortschritte mit steigender Beschäftigung einher: neue Maschinen erhöhten die Produktion, Unternehmen expandierten, Arbeitsplätze entstanden. 

Dieses Muster ist in der modernen Fertigungsindustrie zerbrochen. Robotik, Software, KI-gestützte Logistik und vollautomatisierte Produktionslinien steigern heute die Wertschöpfung – bei sinkendem Arbeitskräftebedarf. Das ist kein zyklisches Phänomen, sondern ein dauerhafter Trend.

Die Konsequenz ist zentral für Rodriks Argument: Eine funktionierende „Good Jobs Economy“ kann nicht länger primär auf das verarbeitende Gewerbe setzen. Sie hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, Produktivität, Qualität und Bezahlung in arbeitsintensiven Dienstleistungen zu erhöhen – dort, wo der Großteil der heutigen und zukünftigen Beschäftigung entsteht.

Freitag, 26. Dezember 2025

Why Germany’s Exports to China Are Shrinking

The Macro Implication for Germany: External Demand Is No Longer a Given


Torsten Sløk, Apollo Global presents a striking chart: 

Germany’s exports to China have declined relative to GDP, while China’s exports to Germany have remained stable relative to GDP.

This is a highly informative asymmetry, and it tells us much more about Germany’s growth model and China’s industrial trajectory than about short-term trade cycles.

It is a one-sided erosion: Germany is losing China as a growth outlet; China is not losing Germany.

This is not primarily about geopolitics or tariffs. The deeper drivers are structural.

Germany’s exports to China have declined relative to GDP (below 2%), while China’s exports to Germany have remained stable relative to GDP, Graph: Torsten Sløk, Apollo Global, Dec 24, 2025.

Donnerstag, 27. November 2025

Deutschlands Sparfalle – und das stillschweigende Eingeständnis des IWF

Die jüngste Erklärung des IWF zu Deutschland gemäß Artikel IV ist ungewöhnlich unverblümt. 

Nach einem Jahrzehnt höflicher Umschweife spricht der Fonds nun offen aus, was bisher unausgesprochen blieb: Die deutsche Wirtschaft stagniert, weil das Produktivitätswachstum schwach ist, Strukturreformen ins Stocken geraten sind und die Exportmärkte die Überschussproduktion Deutschlands nicht mehr aufnehmen können. 

Hinter dieser diplomatischen Sprache verbirgt sich eine tiefere Wahrheit – eine, zu deren Institutionalisierung der IWF selbst beigetragen hat –, nämlich dass Deutschland nun den Preis für seine eigene langjährige Sparpolitik (austerity) zahlt.

Die Symptome sind bekannt: 

steigende Arbeitslosigkeit, ein schwächer werdender Arbeitsmarkt, ein Anstieg der unfreiwilligen Teilzeitarbeit (Unterbeschäftigung) und eine Wirtschaft, die in einer Zeit, in der der Welthandel fragmentiert ist, übermäßig von der Auslandsnachfrage abhängig ist. Die Inflation ist einfach deshalb gesunken, weil die Binnennachfrage eingebrochen ist. Das ist kein Erfolg der Politik, sondern ein Warnsignal.


German industrial output, Graph: FT, Nov 11, 2025.


Mittwoch, 12. November 2025

Der Pyrrhussieg der EZB

Warum die Freude über eine Inflation von 2 % das eigentliche Problem verkennt


Laut Destatis lag die Verbraucherpreisinflation in Deutschland im Oktober bei 2,3 % im Vergleich zum Vorjahr – ein leichter Rückgang gegenüber 2,4 % im September. 

Für die Europäische Zentralbank ist dies ein Grund zur Freude: 

Die Gesamtinflation hat endlich ihr lang ersehntes Ziel von 2 % erreicht. Doch hinter den Kulissen sieht es weit weniger erfreulich aus.

Die Großhandels- und Erzeugerpreise zeichnen ein anderes Bild. Im Oktober lagen die deutschen Erzeugerpreise nur um 1,1 % über dem Vorjahresniveau, und in den letzten 32 Monaten sind sie nur zweimal gestiegen. In jedem zweiten Monat sind sie gefallen. 

Diese anhaltende Schwäche der vorgelagerten Preise deutet auf eine Wirtschaft hin, in der die Nachfrage schwach ist, die Margen unter Druck stehen und die Investitionen zurückhaltend sind.

Leitzins der Zentralbanken, Graph: Morgan Stanley, Nov 10, 2025

Mittwoch, 24. September 2025

Econ Kinky Dog: Der Arbeitsmarkt-Mythos

Eine Kurzgeschichte


Econ-Kinky-Dog war schon immer skeptisch gegenüber Menschen und ihren seltsamen Obsessionen gewesen, aber nichts verwirrte ihn mehr als ihr Beharren darauf, den Ort, wo Menschen arbeiten, einen "Markt" zu nennen.

Er war schon mal auf Märkten gewesen—wunderbare Orte, die nach frischem Fisch, reifen Tomaten und gelegentlich nach fallengelassenen Hot Dogs rochen. Märkte ergaben für einen Hund Sinn. Da gab es Verkäufer mit echten Sachen (Speck, Tennisbälle, die guten Dinge), Käufer mit Geld, die diese Sachen wollten, und Preise, die stiegen, wenn jeder dasselbe Quietschspielzeug haben wollte.

Aber dieses "Arbeitsmarkt"-Ding? Das war anders.

Die Kartoffel-Offenbarung

Eines Morgens, während sein menschlicher Ökonom-Besitzer über "Angebots- und Nachfragekurven" beim Kaffee murmelte, hatte Econ-Kinky-Dog eine Erleuchtung. Er trottete zu seinem Futternapf, dann zu dem Kartoffelsack in der Küchenecke.

Wenn Arbeit wirklich wie Kartoffeln ist, dachte er, warum funktioniert es dann nicht genauso?

Wenn es weniger Kartoffeln auf dem Bauernmarkt gab, stiegen die Preise. Einfach. Wenn sein Mensch mehr Hundeleckerli wollte, aber die Tierhandlung knapp war, zahlte sie extra. Grundlegende Marktlogik, selbst ein Hund konnte das verstehen.

Aber Menschen? Wenn weniger Arbeiter verfügbar waren, sollten die Löhne automatisch steigen, oder?

Econ-Kinky-Dog kratzte sich mit der Hinterpfote hinter dem Ohr, eine Geste, die ihm immer beim Denken half. Irgendwas stimmte definitiv nicht.

Sonntag, 31. August 2025

Unabhängigkeit der Zentralbank – Unabhängigkeit von wem?

 Geldpolitik ist nicht neutral


Prof. Louis-Philippe Rochon trifft den Nagel auf den Kopf – in einem kurzen und prägnanten Tweet:

Die Unabhängigkeit der Zentralbank (Central Bank Independence; CBI) war schon immer ein theoretisches Konzept. In Wirklichkeit arbeitet die Fed eng mit dem Finanzministerium (UST) zusammen, und es gibt erhebliche Wechselwirkungen.

Was jedoch in letzter Zeit mit Lisa Cook geschieht, ist eine ganz neue Dimension der Einmischung. Die post-keynesianische Kritik an der CBI bezieht sich auf den ersten, nicht auf den zweiten Punkt.

Einverstanden.

Die Frage ist: Unabhängigkeit von wem?

Theoretisch: Die Unabhängigkeit der Zentralbank wird als Unabhängigkeit von der Regierung definiert (z. B. keine fiskalische Dominanz, kein politischer Druck zur Monetarisierung von Defiziten).

In der Praxis: Zentralbanken sind stark von den Finanzmärkten abhängig, da sie ihre Politik über Finanzintermediäre, Anleihemärkte, Repo-Märkte usw. umsetzen.

Das bedeutet, dass Zentralbanken letztlich viel stärker auf Finanzsignale (Anleiherenditen, Aktienkurse, Kredit-Spreads) reagieren als auf Arbeitsmärkte oder Löhne.

Reference Books:  “Intermediate Macroeconomics” (2025) Elgar Publishing and “Do Central Banks Serve the People” (2018) Polity Books.