Dienstag, 19. Oktober 2021

Stagflation und «First-do-no-harm» Ansatz

Inflation ist in aller Munde. 

Nach zwei enttäuschenden monatlichen Arbeitsmarktberichten in Folge wächst in Social Media die Sorge, dass die US-Wirtschaft in eine Phase der «Stagflation» eintreten könnte.

Zur Erinnerung: Der Begriff wird verwendet, um die 1970er Jahre zu beschreiben, als die wirtschaftlichen Bedingungen durch hohe Arbeitslosigkeit und hohe Inflation gekennzeichnet waren. 

Der Inflationsschub wurde damals v.a. durch das Erdölembargo der OPEC-Länder getrieben.

Doch der Vergleich mit den 1970er Jahren hinkt, notiert St. Galler Kantonalbank im Daily Focus.

«Damit der Anstieg der Energiepreise so stark auf die Inflationsrate durchschlägt wie damals, müssen sie über mehrere Jahre konstant stark steigen. Dass dies wieder geschehen wird, ist unwahrscheinlich», so die kurze Analyse aus St. Gallen.



Misery Index - Die Ängste von Stagflation werden durch die Erfahrungen der 1970er Jahre in den Schatten gestellt, Graph: JPMorgan AM, Oct 18, 2021


Sonntag, 17. Oktober 2021

A Job Guarantee

Buchbesprechung

Pavlina R. Tcherneva: The Case for A Job Guarantee”, Polity Books, June 2020.


Bevor das Coronavirus zuschlug, debattierte die Demokratische Partei über zwei ehrgeizige politische Pläne: die Arbeitsplatzgarantie (Job Guarantee) und ein universelles Grundeinkommen (universal basic income).

Ein universelles Grundeinkommen (UBI) wäre eine Art Scheck, der regelmässig an jede Person im Land gesendet würde. Die Idee ist, einen Boden für den Lebensstandard aller zu schaffen.

Eine Arbeitsplatzgarantie (JG) ist im Wesentlichen eine öffentliche Beschäftigungsmöglichkeit: Wer Arbeit will, bekommt einen Job in seiner Gemeinde, finanziert vom Bund mit Sozialleistungen zu einem angemessenen Existenzminimum.

Pavlina Tscherneva beschreibt in ihrem Buch, dass die Aufgabe von JG darin besteht, sowohl Arbeitslosigkeit als auch Hungerlohn zu beseitigen. Die Jobgarantie ist quasi das Gegenmittel zur NAIRU (non accelerating inflation rate of unemployment).

Im Universum der makroökonomischen Stabilisierungspolitik gibt es laut Tscherneva nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir setzen weiter auf den bestehenden Stabilisator der Arbeitslosigkeit oder wir ersetzen ihn durch einen Beschäftigungsstabilisator.

JG ist das letztere, ein Beschäftigungsprogramm mit existenzsichernden Löhnen, das sich mit den Veränderungen der wirtschaftlichen Bedingungen ausdehnt und schrumpft.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Korrelation zwischen Aktien und Bonds

Die 40-Tage-Korrelation zwischen US-Treasuries und dem S&P 500 Index nähert sich aufgrund der Inflationsrisiken wieder dem positiven Bereich. 

Was damit einhergeht, ist ein Performance-Rückgang bei einem Risikoparitäts-Benchmark Portfolio.

Wenn die beiden Vermögenswerte nicht mehr diversifizieren, wird das Portfolio volatiler, was wiederum die Portfolio-Manager zum Abbau von Risiko zwingt. 

Bislang war es so, dass sowohl Anleihen als auch Aktien im Laufe der Jahre angestiegen sind.



Aktien & Bonds Korrelation wird wieder positiv, Graph: Justine Lee, Bloomberg, Oct 11, 2021 


Mittwoch, 13. Oktober 2021

Schulden und Zinsen

Vergangene Woche machte die Nachricht die Runde, dass die weltweite Verschuldung bis zum Jahresende auf etwa 260% in Relation zum BIP steigen könnte.

S&P Global Ratings hat im gleichen Atemzug hinzugefügt, dass die Fähigkeit, die Schulden zu bedienen, aufgrund der niedrigen Zinssätze überschaubar sein würde.

Es gab eine Zeit, in der uns allen gesagt wurde, dass die Höhe der Verschuldung wichtig sei, und dass alles, was über 90 % des BIP liege, in der Tat sehr schlecht sei.

Heute sind die Kosten für die Bedienung der Schulden in vielen Ländern der Welt praktisch gleich Null und tragen in einigen Fällen sogar netto zum Staatshaushalt bei.

Um herauszufinden, wie groß der Unterschied bei den Tilgungskosten (servicing cost) sein kann, deutet Lorcan Roche Kelly in seiner Bloomberg-Kolumne auf Irland hin.



Irlands Staatsanleihe (2025), Graph: Lorcan Roche Kelly, Oct 11, 2021, Bloomberg 


Montag, 11. Oktober 2021

Mehr offene Stellen als Arbeitssuchende - Was nun?

Seit Mai ist die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze höher als die Zahl der arbeitssuchenden Amerikaner. 

Ein Faktor ist die Diskrepanz zwischen dem Ort, an dem die Menschen arbeiten wollen, und den Branchen, die Stellen anbieten.

Darüber hinaus ist es wichtig, zu beobachten, dass die Unternehmen im Allgemeinen nicht gerne Arbeitslose einstellen, vor allem keine Langzeitarbeitslosen.

Sie stellen lieber Leute ein, die bereits arbeiten oder kleinere Lücken in ihrer Berufserfahrung haben.

Unternehmen zögern, Langzeitarbeitslose einzustellen, weil sie 9 Monate Arbeitslosigkeit mit 4 Jahren verlorener Berufserfahrung gleichsetzen.



In der US-Wirtschaft gibt es seit Mai 2021 mehr offene Stellen als Arbeitssuchende, Graph: WSJ, Aug 10, 2021 


Freitag, 8. Oktober 2021

Inflation und Schulden: Umfang versus Kosten

Die Debatte darüber, ob der jüngste Anstieg der Inflation gemessen am Verbraucherpreis-Index vorübergehend ist oder nicht, setzt sich lebhaft fort.

Und die Zentralbanken bleiben auf beiden Seiten des Atlantiks am Ball. 

Während das Wirtschaftswachstum sich weiterentwickelt, wird sich die Fed wahrscheinlich langsamer bewegen, als ihre Prognosen vermuten lassen, den Kurs der unkonventionellen Geldpolitik nach und nach zurückzufahren.

Die Inflation könnte zwar etwas stärker ausfallen als erwartet, aber es scheint unwahrscheinlich, dass wir in eine ähnliche Phase wie in den 1970er Jahren eintreten, wie David Lebovitz von JPMorgan AM notiert.

Die Fed hat das Mandat, für stabile Preise und maximale Beschäftigung zu sorgen. Die Verschuldung wird dabei nicht erwähnt. Dennoch gibt es keinen Zweifel daran, dass die Fed nach Kräften dazu beitragen will, die öffentliche Verschuldung nicht entgleiten zu lassen.

Die Fed schickt sich ja gerade an, die Anleihekäufe demnächst zu reduzieren und schließlich die Zinssätze zu erhöhen. Doch wenn sie zu schnell handelt, könnte sie die Wirtschaft ersticken, indem sie die Schuldenlast verteuert.



Das Dilemma der US-Schuldenobergrenze («debt-ceiling»): Aus Anlagesicht dürfte die erhöhte Unsicherheit wahrscheinlich für zusätzliche Volatilität an den Aktien- und Kreditmärkten sorgen, Graph: David Lebovitz, JPMorgan AM, Sept 30, 2021

Freitag, 1. Oktober 2021

Competition is killing us

Buchbesprechung

Michelle Meagher: Competition is killing us – How Big Businesses is harming our society and Planet and what to do about it, Penguin Business, Sept 2021.


Michelle Meagher will in diesem Buch den gegenwärtig vorherrschenden Ansatz, wie wir mit der Wirtschaft interagieren, herausfordern. Und sie setzt sich direkt mit Themen wie Macht, Ungleichheit und sozialem Schaden auseinander. 

Ihrer Ansicht nach sind Märkte nicht wirklich frei; sondern das Ergebnis einer Reihe komplexer politischer und regulatorischer Entscheidungen.

Sie unterstreicht mit Nachdruck, dass es ein Mythos ist, dass Unternehmen konkurrieren, indem sie versuchen, den Bedürfnissen der Gesellschaft am besten zu entsprechen. 

In Wirklichkeit konkurrieren die Unternehmen um Macht, um die Vorteile ihrer Aktionäre, und zwar in einer Weise, die der Gesellschaft schadet («spillover» Effekte).

Das Wettbewerbsrecht (in Europa) heisst in den USA das «Antitrust» Gesetz. Das Kartellrecht war eine Antwort auf die Macht der Trusts. 

Das Wort "Kartellrecht" («anti-trust») stammt aus der ursprünglichen Motivation der Gesetzgebung, die Industriekonsolidierung aufzubrechen, die die rechtliche "Trust"-Struktur genutzt hatte, um sich der Regulierung zu entziehen.