Sonntag, 15. September 2019

Eine moralische "Schuldenökonomie" und andere Absurditäten

The Financial Times (FT), die britische Wirtschaftszeitung aus London mokiert sich über die deutschen Mainstream Medien. Der FT Blog, FTAlphaville schreibt, dass es ein spezielles deutsches Wort für negative Zinsen gibt: „Strafzins“. 

Das Wort wird häufig für Zinssätze unter null verwendet, v.a. mit der Absicht, die EZB zu diffamieren, weil angeblich die deutschen Sparer dadurch enteignet werden.

André Kühnlenz erklärt in einem lesenswerten Beitrag bei Finanz und Wirtschaft und auf Twitter, warum solche Unterstellungen sinnlos und ungeschickt sind.

Die EZB hat am Donnerstag den Negativzins auf überschüssige Einlagen der Banken bei der EZB von -0,4% auf -0,5% gesenkt, aber gleichzeitig Freibeträge (wie in der Schweiz durch die SNB, genannt „tiering system“) beschlossen. Der durchschnittliche Zins auf Einlagen liegt damit unter dem Strich weniger weit im Minus. Das heisst, dass die Banken entlastet werden.

Die Société Générale berechnet, dass die Kosten für Einlagen der Banken insgesamt von 7,1 auf 5 Mrd. EUR sinken.


Negativzinsen auf überschüssige Geldmittel bei der Notenbank und wie die EZB die Banken entlastet, Graph: André Kühnlenz, Finanz und Wirtschaft, Sept 14, 2019

Not Working

David G. Blanchflower: Not Working – Where Have All the Good Jobs Gone? Princeton University Press, July 2019

Was die ganze Welt will, ist eine gute Arbeitsstelle. In diesem Buch geht es um Jobs, ordentliche Jobs, die sich auszahlen.

Die Arbeitslosenquote ist zwar derzeit rückläufig, aber es gibt keine Vollbeschäftigung.

Auffällig ist der Anstieg der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung. Das Phänomen heisst Unterbeschäftigung

Das dürftige Lohnwachstum ist ein wichtiges Zeichen dafür, wie weit die Wirtschaft sowohl in den USA als auch in Europa von einer vollständigen Erholung entfernt ist. Wichtig ist, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Unterbeschäftigung sich auf die Löhne auswirkt. 

David Blanchflower hat mit David Bell zusammen einen Unterbeschäftigungsindex (underemployment index) generiert. Eine erhebliche Nuance ist dabei, dass sie ihren Index in Stunden, nicht im Personenraum definieren.

Der Index liefert ein vollständigeres Bild der Überschuss-Nachfrage oder des Überschuss-Angebots auf dem Arbeitsmarkt als die Arbeitslosenquote. Und der Index kann auch Vorteile gegenüber der Arbeitslosenquote bieten, um die Produktionslücke zu justieren, beschreibt der Autor. 

Dienstag, 10. September 2019

Staat als “borrower of last resort” in einer Bilanzrezession


Donnerwetter! 

Siemens Chef kritisiert Merkels Mantra des ausgeglichenen Haushaltes (genannt „schwarze Null“).

Das berichtet Financial Times (FT) aus London am Montag: Joe Kaeser plädiert für Investitionen in Infrastruktur.

Der CEO des deutschen Technologiekonzerns sagt laut FT, dass die Regierung den historisch niedrigen Zinssatz nutzen sollte, um stark in Infrastruktur zu investieren. 

Es sei eine berechtigte Frage, warum der deutsche Staat nicht investiere, zu einer Zeit, in der man dafür bezahlt werde, mehr Kapital aufzunehmen.

Das ist monumental. 

Denn die EZB trifft sich am Donnerstag zusammen. Erwartet wird, dass die EZB das QE-Programm (Anleihekäufe am offenen Markt) wiederbelebt, den Zinssatz für Einlagen-Fazilitäten um 10 Basispunkte senkt und gleichzeitig ein (deposit tiering system) einführt, um die Folgen der Negativzinsen für Banken abzumildern.


Die Zentralbanken haben in diesem Jahr weltweit 32 Zinssenkungen durchgeführt, Graph: Bloomberg, Sept 05, 2019 

Sonntag, 8. September 2019

Should We Abolish Household Debts?


Buchbesprechung:

Johnna Montgomerie: Should We Abolish Household Debts? Polity Press, Cambridge, UK, July 2019.


Nach der globalen Finanzkrise (GFC) von 2008-2009 wurden die Kreditgeber (Banken) gerettet (bail-out). Die Kreditnehmer (private Haushalte) hingegen wurden ihrem Schicksal überlassen; sie waren die Leidtragenden. Es hiess, es gibt kein Geld für sie. 

Während die Staatsausgaben gekürzt wurden, fand für die Finanzinstitute eine direkte monetäre Finanzierung statt, genannt QE (quantitative easing). Den Banken („too big to fail“) wurde damit Liquidität zu Null-Zinsen zugestellt. 

Im gleichen Zug wurde die wohlfahrtsstaatliche Stütze abgebaut. Die einfachen Bürger wurden hemmungslos einer beispiellosen Fiscal Austerity ausgesetzt. Das Argument lautete, dass der Finanzsektor gerettet werden muss, weil sonst der Himmel einstürzen würde. 

Die unkonventionelle Geldpolitik begründete somit eine moralische Schuldenökonomie („moral economy of debt“), in der es für einige Rettungsaktionen („bail outs“) und für die anderen rigorose Sparmassnahmen (austerity) gab.  

Die fiskalische Austerität war dabei nichts anderes als eine Umverteilung des durch die GFC verursachten Schadens von denjenigen, die ihn verursacht haben, zu dem Rest der Gesellschaft, die im Grunde genommen heute noch leidet, wie die Autorin dieses neulich erschienenen, lesenswerten Buches bemerkt. 

Dienstag, 3. September 2019

Tiefzinsumfeld, Mangel an Bundesanleihen und Helikoptergeld


Es gibt kein Recht auf einen positiven Zinssatz, schreibt Christian Odendahl in einem lesenswerten Beitrag bei Capital

„Ein Zins entsteht am Markt, wenn Ersparniswünsche auf Investitionswillen treffen. Der Wunsch nach sicherer Ersparnis ist weltweit sehr hoch; der Investitionswille niedrig.“

Derzeit werden alle Bundesanleihen mit Negativ-Rendite gehandelt. 

Die Rendite der deutschen Staatspapiere mit 30 Jahren Laufzeit ist vergangene Woche zum ersten Mal in der Geschichte ins Minus gerutscht. Das ist ein historisches Ereignis. 

Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihen hat am Dienstag mit Minus 0,74% ein neues Tief markiert.

Eine Frage, die im Raum steht, ist, welche Investoren Anleihen kaufen, die einen Verlust garantieren, wenn sie sie bis zur Endfälligkeit halten?

Eine Antwort ist, dass Fondsmanager, die für Anleger eine positive Rendite anstreben, im Grunde genommen nicht viel von deutschen Staatsanleihen besitzen.

Eine aktuelle Analyse, die von FT aus London zitiert wird, zeigt, dass der gesamte Wert der ausstehenden Bundesanleihen seit 2014 aufgrund der Abneigung der deutschen Regierungen gegen Haushaltsdefizite zurückgegangen ist. 

Das Volumen der frei handelbaren Bundesanleihen am Markt ist jedoch viel stärker gesunken. Der Prognose der Analyse nach ist davon auszugehen, dass es bis 2024 unter 70 Mrd. EUR fallen wird, nachdem es ein Jahrzehnt zuvor bereits über 600 Mrd. EUR betragen hatte.


Die Nachfrage nach deutschen Bundespapiere schiesst durch die Decke, Graph: FT, Sept 02, 2019

Samstag, 31. August 2019

Anleihen mit Negativrenditen und Kosten Nutzen nach Hedging


Der dramatische Rückgang der UST-Renditen bedeutet, dass die Anleger jetzt mehr Dividenden-Erträge (1,98%) auf die von dem S&P 500 Index erfassten Aktien erzielen können als auf USTs mit der längsten Laufzeit (1,94%).

Eine höhere Dividende-Rendite ist jedoch keine Garantie für eine Outperformance der Aktienmärkte. Die Dividenden-Rendite für EUR-Aktien lag konstant über der von 30-jährigen EUR-Staatsanleihen in Europa. Doch europäischen Aktien blieben in Sachen Performance hinter dem globalen Aktienmarkt zurück.

Andererseits wird eine Rekordmenge von Anleihen derzeit mit negativen Renditen gehandelt: 17‘000 Mrd. USD

Das bedeutet, dass ein Verlust garantiert ist, wenn man die entsprechende Anleihe bis zum Ende der Laufzeit im Portfolio beibehält.

Der Wert hat sich laut FT allein im August um 3‘100 Mrd. USD erhöht. Die Rede ist nicht nur von den sicheren Staatsanleihen. Auch der Wert der mit Negativ-Rendite gehandelten Unternehmensanleihen ist inzwischen auf 1‘000 Mrd. USD geklettert.


Mehr Dividenden-Erträge mit Aktien als mit langlaufenden US-Staatsanleihen (UST), Graph: FT, Aug 28, 2019


Dienstag, 27. August 2019

Wie Ersparnisse die Geldpolitik untergraben


Bloomberg hat vergangene Woche in einem lesenswerten Bericht unterstrichen, dass die Bürger Deutschland weitaus mehr von ihrem verfügbaren Einkommen als die meisten anderen Europäer sparen.

Die Sparquote des Landes lag nach Angaben der Deutschen Bank AG im Jahr 2017 mit rund 10% fast doppelt so hoch wie im Euroraum.

Im Durchschnitt hielten die Deutschen 2018 mehr als 40% ihres Finanzvermögens (financial assets) in Form von Bankeinlagen.

Kein anderes Land im Euroraum verfügt mit 2‘350 Mrd. EUR (d.h. 2,35 Billionen EUR) über einen grösseren Haufen von Privatkundeneinlagen.

Der Satz der Einlagefazilität (deposit facility) der EZB ist seit Juni 2014 negativ.

Deutschland bereitet sich derzeit auf die Regionalwahlen im nächsten Monat. 

Vor diesem Hintergrund ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass die EZB ein leichtes Ziel für ein Land darstellt, das für seine risiko-averse Haltung gegenüber Geld und für seine Gewohnheit bekannt ist, Einsparungen auf Girokonten festzuhalten, wie Bloomberg weiter formuliert.


Privatkundeneinlagen in Deutschland: 2‘350 Mrd. EUR (d.h. 2,35 Billionen EUR), Graph: Bloomberg Aug 25, 2019.