Donnerstag, 13. August 2020

Scheinheilige Ökonomie: Unterbeschäftigung und Inflation

Wie kann man sich angesichts der hohen Unterbeschäftigung über die Inflation Sorgen machen?

Paul Donovan, UBS unterstreicht in einem aktuellen Video-Beitrag, dass ein Anstieg der Nachfrage (nach der Aufhebung der „lockdown“-Massnahmen) nicht zu höheren Preisen führen werde.

Seiner Ansicht nach sprechen hauptsächlich zwei Aspekte gegen eine steigende Inflation: 1) Es gibt viele Bereiche der Wirtschaft mit freien Kapazitäten (z.B. Dienstleistungssektor) und 2) Unternehmen werden es sich zweimal überlegen, bevor sie mit höheren Preisen die Loyalität der Kunden riskieren.

Wir können vor diesem Hintergrund festhalten, dass die europäische Wirtschaft in Grunde genommen seit dem Ausbruch der GFC von 2008-2009 stagniert und von deflationären Kräften geprägt ist.

Was wir darüber hinaus gestützt auf unsere Erfahrungen aus der GFC-Ära erfassen können, ist, dass die Notenbanken nicht mehr viel unternehmen können, um den Schaden zu begrenzen.

Denn wenn die nominalen Zinsen nahe null Prozent liegen, ist es mit der Geldpolitik allein besonders schwer, eine Erholung einzuleiten. Notenbanken haben zwar elektronisch viel Geld gedrückt und verschiedene Arten von Vermögenswerten auf dem offenen Markt gekauft. Aber die Geldpolitik hat deutlich an Zugkraft verloren.


Eine EU-Anleihe mit Fälligkeit 2032 beispielsweise wird mit einer Rendite von minus 0.11% gehandelt, Graph: FT, Aug 12, 2020

Mittwoch, 5. August 2020

COVID-19, Nachfrage und Arbeitslosigkeit

Wenn Verbraucher Geld ausgeben, kommt es Unternehmen zu Gute. Steigt der Umsatz, erhöhen Unternehmen Investitionen. Und damit entstehen neue Arbeitsplätze. 

Wenn die Löhne nicht steigen und/oder sogar gekürzt werden, passiert das Gegenteil. Es entsteht Arbeitslosigkeit.

Die Republikaner im Senat haben gerade zugelassen, dass die pauschale Erhöhung der wöchentlichen UI-Leistungen (Arbeitslosenversicherung) um 600 USD abläuft, und schlagen vor, sie (im Wesentlichen) durch eine wöchentliche Zahlung von 200 USD zu ersetzen. 

Diese Kürzung der Leistungen um 400 US-Dollar ist nicht nur grausam, sondern auch eine schreckliche wirtschaftliche Situation. Diese Vorteile unterstützen eine enorme Menge an Ausgaben von Menschen, die sonst drastisch sparen müssten, unterstreicht Heidi Shierholz von Economic Policy Institute (EPI) in einem aktuellen Blog-Eintrag.

Die Ausgaben, die durch die 400 Dollar ermöglicht werden, die der Senat kürzen will, unterstützen 3,4 Millionen Arbeitsplätze. Wenn Sie die 400 Dollar kürzen, kürzen Sie diese Jobs, fügt Frau Shierholz von EPI hinzu.

Heiner Flassbeck schreibt dazu in seinem Blog Makroskop, dass die US-Unternehmen sogar die Löhne kürzen, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist. 

Das hat fatale Folgen, da die US-Wirtschaft auf Konsum angewiesen ist wie kein anderes Land auf der Welt. Die Lohnkürzungen sind der direkte Weg in die Deflation und in eine kaum noch zu beherrschende Krise, betont der ehemalige Chef-Volkswirt von UNCTAD mit Nachdruck.


Arbeitslosigkeit ohne Arbeitslosengeld führt zu starken Ausgaben-Rückgängen, Graph: JPMorgan, July 28, 2020

Samstag, 1. August 2020

The Economics of Belonging


Buchbesprechung:

Martin Sandbu: The Economics of Belonging – A Radical Plan to Win Back the Left Behind and Achieve Prosperity for All, Princeton University Press, June 2020. 


Martin Sandbu argumentiert, dass es nicht die Globalisierung ist, die für zu viele der Probleme zurückgebliebener Gruppen verantwortlich ist, sondern der technologische Wandel und die wirtschaftlichen Veränderungen. 

Handel und Migration bestenfalls erklären nur einen kleinen Teil des Verschwindens guter Arbeitsplätze und der zunehmenden Ungleichheit.

Die Veränderung der Marktwirtschaft in den vergangenen 40 Jahren ist seiner Ansicht nach auf wirtschaftliche Transformationen und politisches Versagen zurückzuführen.

Marktmechanismen, die gute Arbeitsplätze und Wohlstand für einige, aber schlechte Arbeitsplätze und Prekarität für zurückgebliebene Gruppen schaffen, führen ohne Zweifel dazu, dass der Sozialvertrag im Westen untergraben wird.

Wir müssen uns nun der Macht des Staates zuwenden, der diesen Mechanismen am offensichtlichsten hätte entgegenwirken können, z.B. mit einem revidierten Steuersystem, um beispielsweise Steuerumgehung via Steuerparadies zu unterbinden.

Donnerstag, 23. Juli 2020

„Sparschock“ und die akkommodierende Geldpolitik


Angesichts des wirtschaftlichen Schocks durch das Coronavirus sehen sich Unternehmen, Verbraucher und Investoren veranlasst, Bargeld zu horten, wie fast nie zuvor.

Und Experten gehen davon aus, wie Bloomberg berichtet, dass der Spardrang auf Dauer bestehen bleibt. 

Das dürfte erstens zu einer starken Nachfrage nach den sichersten festverzinslichen Produkten führen. Der hauptsächliche Nutzniesser wäre die US-Notenbank, die sich derzeit tatkräftig bemüht, das Zinsniveau zu drücken.

Eine weitere Begünstigte ist sicherlich die US-Administration, die das Angebot an Staatsanleihen erhöht, um Konjunkturmassnahmen zu finanzieren.


Die Sparquote (23,2%) der privaten Haushalte in den USA in Prozentzahl des verfügbaren persönlichen Einkommens, Graph: Bloomberg, July 23, 2020

Sonntag, 12. Juli 2020

US-Dollar und ein multipolares Währungs- und Wirtschaftssystem


Seit Donald Trump US-Präsident wurde, fällt es auf, dass die US-Administration keine Gelegenheit auslässt, Organisationen wie die EU, die UNO, die NATO und die WTO bösartig anzugreifen.

Trump hat bereits mehrmals gedroht, die USA sowohl aus der NATO als auch aus der WTO herauszuziehen. Seine Behauptung: Die USA werden beschissen. 

US-Aussenminister Pompeo hat neulich vorgeschlagen, dass die chinesische Sozial-Media-Anwendungen in den USA verboten werden, darunter Tik Tok, wie Paul Donovan von UBS am Dienstag notiert hat.

Paola Subacchi beschreibt es vor diesem Hintergrund so, dass die Vereinigten Staaten sich nicht nur in einen "großartigen Isolationismus" zurückziehen, sondern jetzt auch zu Anti-Multilateralismus, Ad-hoc-Bilateralismus und einem "deals-driven"-Ansatz in der Weltwirtschaftsordnung tendieren.

Am vergangenen Dienstag wurde der UNO-Generalsekretär offiziell informiert, dass die USA die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verlassen. Trump hat WHO schwere Versäumnisse in der Corona-Pandemie vorgeworfen und bereits im April die Beiträge eingefroren.

Einige Top-Berater von Präsident Trump wollen nun, dass die USA die Koppelung (USD-peg) des Hongkong-Dollar an den USD untergraben, da die Administration Überlegungen anstellt, um China für die jüngsten Schritte zur Abschaffung der politischen Freiheiten der ehemaligen britischen Kolonie zu bestrafen. 


Hong Kong Dollar risk reversals, Graph: Bloomberg Quint, July 08, 2020

Freitag, 10. Juli 2020

Interview: Paola Subacchi, Queen Mary University of London


Paola Subacchi is Professor of International Economics at the University of London’s Queen Mary Global Policy Institute


How did the belief in the primacy of national interest over multilateral cooperation develop since the end of Bretton Woods despite a deeply interconnected global economy? What are the main reasons for the rising of economic nationalism we have seen recently on both sides of the Atlantic (e.g. “Brexit” and “America First” approach)?

The resurgence of economic nationalism and the belief that national interests should take precedent over multilateral cooperation can ultimately be traced back to unfettered capital flows, or – as I call it – free money. 

Under the Bretton Woods arrangements capital controls ensured that the scope for beggar-thy-neighbour policies was limited, but this came to an end when the United States unilaterally unravelled the system in 1971. 

The blind belief in the market’s ability to self-adjust meant that the ‘non-system’ of floating exchange rates and unfettered capital flows became the default. 

What followed was a devastating string of financial and economic crises – such as Britain and Italy’s Black Wednesday (1992), Mexico’s Tequila crisis (1994), the Asian financial crisis (1997) and of course the global financial crisis (2008) – that have ravaged both developing and developed countries. 

Mittwoch, 8. Juli 2020

Krise, Staatsanleihen und Vertrauen


Das beispiellose Ausmass und der Umfang der geldpolitischen Massnahmen der Fed haben inzwischen die US-Treasury Bonds zu ihrer stärksten Performance in den vergangenen Jahren verholfen.

Wer zu Beginn des Jahres in US-Staatsanleihen investiert hat, kann sich über einen Ertrag von 8,55% freuen.

Die US-Notenbank kauft zur Abfederung der wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise Wertpapiere am offenen Markt und erklärt sie damit für „risikofrei“.

Investoren kaufen Staatsanleihen, weil sie sicher, liquide und erstklassig sind.

Angesichts der negativen Realzinsen, die gegenwärtig weltweit in vielen Industrieländern vorherrschen, ist die Wertentwicklung der Staatspapiere jedoch beträchtlich 


Die Performance der US-Treasury Bonds seit Jahresbeginn, Graph: Morgan Stanley, July 06, 2020