Donnerstag, 26. Mai 2022

Geldpolitik und Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage

Rethinking Macroeconomic Policy after the Pandemic


Es scheint, dass das Blatt sich in Sachen Inflation ("peak inflation?") wendet. Das ist zumindest das Signal, welches von den Finanzmärkten ausgeht.

Die vom Anleihemarkt abgeleiteten Inflationserwartungen sind in den letzten Wochen stark gesunken, und zwar sowohl für die nächsten 10 Jahren als auch für die fünf Jahre ab dem fünften Jahr (5y5y forward breakeven), wie John Authers sie in seiner Bloomberg Kolumne mit einem Chart eindrucksvoll präsentiert.



US-Inflationserwartungen: Der 10-jährige UST-Breakeven-Satz steuert auf den größten monatlichen Rückgang seit 2020 zu, Graph: Bloomberg TV, May 25, 2022

Freitag, 20. Mai 2022

Energiekrise in Europa und die deutsche Industrie

Why is there an energy crisis in Europe?

Der grossangelegte Überfall Russlands auf die Ukraine hat u.a. gezeigt, in welchem Umfang die europäische Wirtschaft auf Importe angewiesen ist, um den Energiebedarf zu decken.

Die EU hat vor diesem Hintergrund beschlossen, die Energieimporte aus Russland zu beenden. 

Die Europäische Kommission hatte im Januar 2020 einen detaillierten Finanzierungsvorschlag vorgestellt, um den Klimawandel zu bekämpfen und den Übergang in eine Green Economy zu ermöglichen.

Der Aufbau einer klimaneutralen Wirtschaft erfordert massive Investition in saubere Energie-Technologien.

Der Einsatz zur Dekarbonisierung und die Dringlichkeit, Energiesicherheit zu gewährleisten, werden in der Eurozone sicherlich zu mehr Ausgaben führen.



Europäische Unternehmen investieren weniger in zukünftiges Wachstum als ihre US-Pendants, (Wachstumsinvestitionsquote), Graph: Goldman Sachs, May 19, 2022.

Dienstag, 17. Mai 2022

Bärenmarkt bei Aktien und Anleihen

Recession versus Stagflation

Das Narrativ der US-Notenbank (Fed) ist nach wie vor darauf ausgerichtet, das Tempo der geldpolitischen Straffung zu beschleunigen.

Vor dem Hintergrund der geplanten Reduzierung der Bilanzsumme und der hohen Inflation richten Investoren das Augenmerk auf das Potenzial für eine Wachstumsverlangsamung, wenn nicht gar eine Rezession.

Der Rezessionsindikator von Morgan Stanley zeigt eine Wahrscheinlichkeit von 27% für einen Abschwung in den nächsten 12 Monaten. Im März lag diese Wahrscheinlichkeit noch bei 5%. 

Dazu kommen Faktoren wie der starke US-Dollar, der Russland-Ukraine Krieg und die Zero-Covid Politik Chinas, welche die Situation verkomplizieren, wie Lisa Shalett von Morgan Stanley zusammenfasst.



Rezession Wahrscheinlichkeit Indikator, Graph: Morgan Stanley, May 16, 2022

Samstag, 14. Mai 2022

The New Economics

Buchbesprechung

Steve Keen: The New Economics – A Manifesto, Polity Books, 2022.


Queen Elizabeth II hat im November 2008 bei einem Besuch der London School of Economics die auf der Veranstaltung teilnehmenden Wirtschaftsprofessoren gefragt, wie es passieren konnte, dass niemand die Krise (Global Financial Crisis: GFC) vorhergesehen hat.

Es muss sicherlich eine äusserst peinliche Situation gewesen sein. Die Experten gingen im Wesentlichen dazu über, sich in Schweigen zu hüllen.

Das Epizentrum der GFC war jedoch das US-Finanzsystem selbst: Die Krise kam aus dem Inneren der Wirtschaft und nicht von außen. 

Gab es nicht doch Anzeichen? 

Es gab einige, die davor warnten, dass eine Krise nicht nur wahrscheinlich war, sondern unmittelbar bevorstand. Der niederländische Wirtschaftswissenschaftler Dirk Bezemer zum Beispiel nannte ein Dutzend Indizien. 

Der Punkt ist, dass niemand die Krise auf der Grundlage eines neoklassischen Rahmens vorhergesagt hat. 

Freitag, 13. Mai 2022

Normalisierung der Geldpolitik mit Nebenwirkungen

Finding the neutral nominal Fed Funds Rate

Ein wesentliches Merkmal der neuen Normalisierung der Geldpolitik ist, dass der neutrale Zinssatz, d. h. das Niveau der Fed Funds Rate, das mit einem Wirtschaftswachstum in der Nähe der Potenzialrate, Vollbeschäftigung und stabiler Inflation vereinbar ist, ungewiss ist.

«Wir können den neutralen Zinssatz nicht direkt beobachten, sondern nur schätzen.»

Das ist die Standard-Erklärung, die die Ökonomen liefern, wenn sie nach dem neutralen Gleichgewichtszinssatz gefragt werden.

Der natürliche Zinssatz ist ein von Wirtschaftswissenschaftlern verwendetes Konzept zur Beschreibung der Höhe der Realzinsen, die die Inflation konstant halten würden. Er wurde erstmals 1898 von dem schwedischen Ökonomen Knut Wicksell in seinem Buch "Interest and Prices" beschrieben.

Das Niveau des neutralen Zinses ist über die Zeit variable und kann kaum je exakt bestimmt werden.


US-Inflationserwartungen, gemessen von Breakeven Zinssätzen für 10 Jahre (weiss) und 5 Jahre (blau) und 5y5y forward breakeven rate (lila), Graph: Bloomberg TV, May 12, 2022

Montag, 9. Mai 2022

Aktien und Anleihen fallen im Gleichschritt

Was für einen Unterschied ein Tag ausmacht!

Die Markteilnehmer sahen am Mittwoch in den Bemerkungen der Fed nach der Vorlage des Beschlusses zur Erhöhung des Benchmark-Zinses eine gewisse Vorhersehbarkeit und Stabilität. 

Doch am nächsten Tag hat es wie eine große Täuschung ausgesehen.

Erst stiegen die Aktien deutlich, und dann fielen sie kräftig.

Ein seltenes Jahr für die Märkte: Sowohl Aktien als auch Anleihen sind gleichzeitig im Minus.



Aktien und Anleihen fallen in einem Tempo wie seit Jahrzehnten nicht mehr, so dass es für die Anleger nur wenige Möglichkeiten gibt, sich vor der Markt-Vlatilität zu verstecken, Graph: Bloomberg TV, May 06, 2022

Samstag, 7. Mai 2022

Ein "Volcker Moment"?

Die US-Notenbank hat am Mittwoch den Leitzins (Fed Funds Rate) um 50 Basispunkte (0,50%) erhöht. Und Fed-Chef Powell hat unmittelbar dazu Stellung genommen, dass eine Erhöhung um 75 Basispunkten ausgeschlossen sei.

Ein Hoffnungsschimmer, dass die Fed in den kommenden Monaten wahrscheinlich keine restriktivere Haltung einnehmen wird?

Weiss der Geier.

Die Aktienkurse sind aber kräftig angestiegen. Und der US-Dollar hat weiter an Wert gewonnen.

Das Zielband beläuft sich damit auf 0,75% bis 1%. Eine Zinserhöhung um 0,50% gab es zuletzt vor rund 22 Jahren.



Und Powell sagte, dass auch für Juni und Juli Erhöhungen um einen halben Prozentpunkt zu erwarten seien. Neben der Verkleinerung des Anleihe-Portfolios der Fed, Graph: Bloomberg, May 05, 2022 

Montag, 2. Mai 2022

Sanktionen und Zahlungsunfähigkeit

Vor rund zehn Jahren war das Gerede «Staatsbankrott» in Bezug auf Südeuropa praktisch in aller Munde unter Mainstream-Ökonomen. Wem aber mit der Nichtbedienung staatlicher Schulden gedient werden sollte, wurde nie eindeutig geklärt.

Einem hohen Leistungsbilanz-Überschuss im Norden stand ein hohes Defizit im Süden der Eurozone gegenüber. Die Staatsschulden waren aber nicht die Ursache für die Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit, sondern die Folge von Ungleichgewichten im Aussenhandel.

Die Anhänger der herrschenden Lehre bemühten sich trotzdem darum, aus der Finanzkrise eine Staatsschuldenkrise zu machen.

Das Thema «Zahlungsausfall» ist nun im Zusammenhang mit den international verhängten Sanktionen gegen Russland seit dem Einmarsch in die Ukraine wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. 

Das US-Finanzministerium hat es Moskau untersagt, die fälligen Zahlungen russischer Staatsanleihen aus den bei US-Banken gehaltenen Devisenreserven zu leisten.

Als Russland 1998 das letzte Mal in Verzug geriet, bedurfte es mehrerer Jahre schmerzhafter wirtschaftlicher Reformen, um die Gunst der internationalen Investoren wieder zu erlangen, berichtet das WSJ.



Produktionskosten von Staatsbankrotten (1800-1913), Graph: Prof. Barry Eichengreen in: “In Defense of Public Debt”, Oxford University Press, 2021. 

Sonntag, 1. Mai 2022

Warum die Inflation fallen wird

Die Unterbrechungen der Versorgungskette, hohe Energie- und Rohstoffpreise, die durch den Russland-Ukraine Krieg in die Höhe getrieben wurden, tragen dazu bei, dass die Inflation steigt.

Tatsächlich hat die Inflation in den USA im März mit 8,5% im Vergleich zum Vorjahresmonat ein neues Vier-Jahrzehnte-Hoch erreicht.

Die realisierte Inflation von 8,5% steht aber in krassem Widerspruch selbst zu den pessimistischsten Marktschätzungen für die Inflation. 

Man bedenke, dass die 5-jährige Breakeven-Rate bei 3,35%, die 10-jährige bei 2,94% und die 30-jährige bei 3,40% liegen. 

Ferner ist es bemerkenswert, zu beobachten, wie die Diskrepanz zwischen Aktien und Anleihen in der Grafik von Morgan Stanley deutlich zeigt, dass die realen S&P 500-Gewinne in fast 70 Jahren noch nie so niedrig waren.



S&P 500 reale Gewinnrendite, Graph: Morgan Stanley, Apr 25, 2022

Donnerstag, 21. April 2022

Wachstumsrisiken versus Inflationsrisiken

Ziel einer strafferen Geldpolitik (tighter monetary policy) ist es, die Nachfrage, insbesondere nach kreditsensiblen Gütern wie Häusern und Autos, zu bremsen und damit den Preisdruck zu verringern.

Der Anstieg der realen Renditen zeigt auch, wie sehr die Fed in der Lage war, die finanziellen Bedingungen im Laufe der Zeit zu straffen.

Lael Brainard, eine Fed Gouverneurin, hat letzte Woche festgehalten, dass die «Ankündigung unserer geldpolitischen Pläne in den letzten vier bis fünf Monaten bereits zu einer Straffung der allgemeinen finanziellen Bedingungen geführt hat, und zwar wesentlich mehr, als man allein anhand des Leitzinses erkennen kann».



Die Realrenditen der US-Staatsanleihen (UST) mit 5, 10 und 30 Jahren Laufzeit, Graph: FT, April 19, 2022 

Freitag, 15. April 2022

Wie sollten wir auf die Inflation reagieren?

Dividenden sind nicht nur eine nette Dreingabe, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Aktienmarktrendite, die seit 1930 etwa 40% der gesamten Aktienmarktrendite ausmacht.

Das folgende Schaubild zeigt, dass zum allerersten Mal seit sechs Jahrzehnten die kombinierten Vermögensrenditen (weiße Linie: Aktien + 10-jährige UST-Rendite) unter der Inflationsrate (blaue Linie) liegen.

Das ist äusserst ungewöhnlich und v.a. für viele Investoren ein Schock. 

Denn seit 1957 sind die Dividenden um durchschnittlich 5,7% pro Jahr gestiegen - mehr als 2% über der Inflationsrate, wie von WisdomTree Investments in der nachstehenden Grafik dargestellt wird.



S&P 500 Index Dividenden-Rendite + 10y UST Rendite < US Inflation, Graph: Bloomberg TV, Apr 13, 2022

Donnerstag, 14. April 2022

The Resilient Society

Buchbesprechung

Markus K. Brunnermeier: The Resilient Society, Endeavor Literary Press, September 2021, Colorado.


Die COVID19-Rezession war die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Im März 2020 befürchteten einige Beobachter, dass wir eine mit der Großen Depression von 1920 vergleichbare Krise erleben würden.

Die Pandemie ging in der Tat mit unvorhersehbaren Schocks und Verwerfungen einher. Auch die Finanzkrise von 2008 (GFC) hatte enorme gesamtwirtschaftliche Auswirkungen.

Die angedeuteten Reformen zur Förderung von Stabilität, sozialer Eingliederung und Nachhaltigkeit wurden nicht umgesetzt. Die globale Wirtschaftslage, die von Ungleichheit, Volatilität und Klimazusammenbruch geprägt ist, ist nach wie vor dysfunktional. 

Jetzt bieten uns die wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19 Pandemie eine zweite Chance.

Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass moderne Gesellschaften in Folge des technischen Fortschritts zunehmend Risiken erzeugen, wie z.B. Umweltverschmutzung, Erderwärmung, industrielle Gefahren usw. 

Aber die wirtschaftliche Fragilität war im Zuge der Corona-Pandemie so gravierend, dass unser gedankliches Bewusstsein in Sachen Risikobewältigung einschneidend wachgerüttelt wurde.

Samstag, 9. April 2022

Inflation ist nicht die Hauptsorge der EZB

Ökonomen von Goldman Sachs gehen davon aus, dass die Reallöhne in der Eurozone im Vergleich zum Vorjahr um bis zu 6% fallen.

Die Schätzung basiert auf einer Inflationsprognose von 7%.

Doch das Nominallohn-Wachstum von 2,5% ist auch nicht das Gelbe vom Ei.

Dass die starke Konsumzurückhaltung in der Eurozone mit den stagnierenden Löhnen, die ja im Wesentlichen aus der merkantilistischen (*) Wirtschaftspolitik der EU herrührt, zu tun hat, pfeifen die Spatzen von den Dächern.



Wenn sich keine "Lohn-Preis-Spirale" abzeichnet, sollte die EZB über Wachstumsschwäche und die Unterbeschäftigung (underemployment) besorgt sein, Graph: FuW, Apr 07, 2022 

Donnerstag, 7. April 2022

QT Auswirkungen: mengenmässige Straffung der Geldpolitik

Vor einigen Jahren war der Begriff QE (quantitative easing; "mengenmässige Lockerung") in Diskussionen über die US-Notenbank (Fed) und die Geldpolitik alltäglich. 

In jüngerer Zeit ist QT (quantitative tightening, mengenmässige Straffung) in aller Munde.

Was bedeuten quantitative Lockerung (QE) und Straffung (QT)?

Mengenmässige Lockerung der Geldpolitik oder QE bezieht sich auf Maßnahmen, die den Umfang der Fed-Bilanz erheblich erweitern. 

Mengenmässige Straffung, oder QT, bezieht sich auf das Gegenteil - Maßnahmen, die den Umfang der Fed-Bilanz verringern.

Wenn QE dazu dienen sollte, die finanziellen Bedingungen zu erleichtern und die Wirtschaft anzukurbeln, bewirkt QT dann das Gegenteil?



US-Inflationserwartungen gemessen von US-Breakeven Sätzen, Graph: Bloomberg TV, Apr 05, 2022

Montag, 4. April 2022

COVID-19 Schock als Angebotsschock

Die US-Notenbank (Fed) hat vor rund zwei Wochen ihren Leitzins (Fed Funds Rate) um 0,25% erhöht. Es ist die erste Zinserhöhung seit Ende 2018. 

Der geldpolitische Schlüsselsatz liegt damit in einer Spanne von 0,25% bis 0,50%.

Doch die Frage ist erlaubt: Ist nach der Zinserhöhung vor der Zinserhöhung?

Die Koryphäen scheinen irgendwie auf den Wiederholungs-Effekt zu setzen.

Sie brüllen via Business TVs und Social Media weiter laut:


Die Zinssätze sind zu niedrig. 


Die Fed liegt hinter der Kurve zurück. 


Wir werden alle ins Gras beissen. 


Hoppla, wenn wir einen Blick auf die Gewinnspannen (profit margins) von Unternehmen werfen, halten wir fest:

2021 war das beste Jahr für Unternehmensgewinne seit 1950: +35%. Und die Gesamtgewinnspanne (profit margin) bleibt über 13%.

Alles halb so schlimm?



S&P 500 profit margins, Graph: JPMorgan, Apr 01, 2022

Sonntag, 3. April 2022

Aktienmärkte und Wirtschaft

Angesichts der Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Konflikt, der hohen Inflation und der Frage, ob die Wirtschaft in der Lage ist, die Straffung der Geldpolitik der Fed zu bewerkstelligen, sind die wirtschaftlichen Aussichten kurzfristig trüb.

Die Performance der US-Aktien gemessen am S&P 500 Index beträgt im ersten Quartal 2022 minus 4,9%. Und der Technologie-geprägte Nasdaq Index hat im selben Zeitraum 9,1% an Wert verloren.

Wir wissen aus Erfahrung, dass der Aktienmarkt nicht die Wirtschaft ist. Das war sie nie. Eine neue Studie (h/t to Paul Krugman) besagt, 


Die börsennotierten Unternehmen tragen heute insgesamt weniger zur Gesamtbeschäftigung außerhalb der Landwirtschaft und zum BIP bei als in den 1970er Jahren. 

Ein Hauptgrund für diese Entwicklung ist der Rückgang des verarbeitenden Gewerbes und das Wachstum der Dienstleistungswirtschaft, da Unternehmen, die Dienstleistungen anbieten, seltener an der Börse notiert sind. 

Die Börsenkapitalisierung eines Unternehmens ist heute viel weniger aufschlussreich für die Beschäftigung als in früheren Jahren. Auf börsennotierte Börsen-Superstars entfällt weniger Beschäftigung als noch in den 1970er Jahren. 

Die Börsenkapitalisierung hat nicht systematisch an Aussagekraft über den Beitrag der Unternehmen zum BIP verloren.


Es ist vor diesem Hintergrund kein Wunder, dass die Anleger nervös auf nach einem Schlüsselindikator für einen möglichen Abschwung des Marktes Ausschau halten: Zinsstruktur-Kurve (yield curve).



2021 war das beste Jahr für US-Unternehmensgewinne (+35%) seit 1950 - Die Gesamtgewinnspanne (profit margin) blieb über 13%, Graph: Bloomberg, Apr 01, 2022 

Mittwoch, 30. März 2022

Was sagt die Rendite-Kurve derzeit aus?

Die Zinsstruktur-Kurve (yield curve) hat i.d.R. eine steigende Form, 

da die Anleger eine höhere Rendite für längerfristige Schuldtitel verlangen, die aufgrund der höheren Inflations- oder Ausfallwahrscheinlichkeit mit einem größeren Risiko verbunden sind.

Eine steiler werdende Kurve signalisiert die Erwartung einer stärkeren Wirtschaftstätigkeit, höherer Inflation und höherer Zinssätze. 

Eine sich abflachende Kurve deutet erfahrungsgemäss darauf hin, dass die Anleger das Vertrauen in die Wachstumsaussichten der Wirtschaft verlieren.



Zwei Messgrößen der UST-Renditekurve, die häufig als Rezessionswarnungen angesehen werden, haben sich in entgegengesetzte Richtungen bewegt, Graph: Reuters, March 28, 2022 

Samstag, 26. März 2022

Kampf der Nationen

Buchbesprechung

Patrick Kaczmarczyk: Kampf der Nationen – Wie der wirtschaftliche Wettbewerb unsere Zukunft zerstört, Westend Verlag, Februar 2022, Frankfurt am Main.


Die neoklassische Theorie, die darauf keine Antwort gibt, wie es zur Dynamik der Entwicklung in den Volkswirtschaften kommt, nimmt den technologischen Fortschritt als mehr oder weniger gegeben an.

Dass eine Gleichgewichtsökonomie die Grundlage der vorherrschenden Denkschule bildet, ist ein offenes Geheimnis.

Die EU beispielsweise stellt den Wettbewerb als Allheilmittel zur Steigerung der Wohlfahrt in den Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik. Wohl gemerkt: eine Wirtschaftspolitik, die das Leben von 450 Millionen Menschen in Europa vielfältig berührt.

Der vom Ordoliberalismus angetriebene Ansatz der neoklassischen Theorie geht ferner davon aus, dass wirtschaftliche Entwicklung und der technologische Fortschritt sich von allein einstellen, sofern Wettbewerb auf dem Markt herrscht. 

Und ganz wichtig: In der neoklassischen Wachstumstheorie kommt es aufs Sparen an. 

Wie realistisch sind aber solche Annahmen, ohne dass sie grosse, nachhaltige Schäden verursachen?

Donnerstag, 24. März 2022

Rendite Kurve und Rezession

Wenn es darum geht, woran die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA zu erkennen ist, richtet sich das Augenmerk auf die Rendite-Kurveyield curve»).

Gewöhnlich sehen sich die Trader die schrumpfende Rendite-Differenz («yield spread») zwischen zweijährigen und zehnjährigen US-Staatsanleihen an.

Vor diesem Hintergrund hat sich der Vorsitzende der US-Notenbank (Fed), Jerome Powell am Montag zum Thema am Anleihemarkt geäussert.

Er hat auf Forschungsarbeiten der Mitarbeiter der Fed hingewiesen. wir sollen uns demnach die kurze Zeitspanne der Rendite-Kurve ansehen: Die ersten 18-Monate.

Das sei es, was wirklich 100% der Aussagekraft der Rendite-Kurve repräsentiere. Es macht Sinn, so Powell weiter, weil, wenn sie invertiert ist, bedeutet das, dass die Fed die Zinsen senken wird, was wiederum bedeutet, dass die Wirtschaft schwach sei.



Woran man die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession erkennen kann - Fed-Vorsitzender Powell verwies auf die Spanne zwischen 3-Monats- und 18-Monats-Terminkontrakten, Graph: Bloomberg, March 22, 2022 

Dienstag, 22. März 2022

Zinserhöhung und Verbraucherstimmung: Was nun?

Die Anhebung des Leitzinses (Fed Funds Rate) um 25 Basispunkte (0,25%) durch die Federal Reserve (Fed) am 16. März ging mit einer tatkräftigen Vorgabe («forward guidance») für künftige Erhöhungen und einem unmissverständlichen Bekenntnis zur Inflationsbekämpfung einher.

Dies wird Auswirkungen auf Wachstum und Inflation haben. 

Die Daten in Bezug auf die Beschäftigung und das Lohnwachstum sind zwar gut. Aber die Stimmung der Verbraucher deutet auf ein 11-Jahres-Tief hin.



Der Median der FOMC-Mitglieder signalisiert, dass in diesem Jahr mit sechs weiteren Zinserhöhungen zu rechnen ist, was einen hawkish-en Kurs bedeutet. Dies würde das Zielband der Fed Funds bis Dezember 2022 auf 1,75-2,00% anheben, Graph: JPMorgan, March 21,2022

Samstag, 19. März 2022

Der entzauberte Staat

Buchbesprechung

Moritz Schularick: Der entzauberte Staat – Was Deutschland aus der Pandemie lernen muss, C.H.Beck, Juli 2021, München.

In Krisen zeigt sich, wie Staat und Gesellschaft mit unerwarteten Situationen umgehen, schreibt Moritz Schularick in seinem neuen Buch, welches aus einer Reihe von Vorträgen, Zeitungsbeiträgen und Interviews zur Corona-Pandemie entstanden ist.

In der Tat sah der Staat in der Pandemie operativ nicht gut aus. Es mangelte an Testzentren, Computern und Software. Dem Staat fehlte auch an Wissensinfrastruktur in Form von Daten und Institutionen, die für einen geordneten Austausch zwischen Politik und Wissenschaft notwendig gewesen wären.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Staat sich in der Risikogesellschaft in einer neuen, komplexen Rolle als Risikomanager wiedergefunden hat.

Der Begriff «Risikogesellschaft» wurde vom Soziologen Ulrich Beck geprägt. Beschrieben werden damit moderne Gesellschaften, die im Zug des ökonomischen, technischen und wissenschaftlichen Fortschritts zunehmend Risiken produzieren: Umweltverschmutzung, Erderwärmung, industrielle Risiken wie in Tschernobyl.

Die moderne Welt ist dadurch gekennzeichnet, dass als Nebenprodukte des Fortschritts neue Risiken entstehen.

In der Pandemie waren alle Menschen auf den Staat angewiesen. Der Sozialstaat war zwar eine grosse Stütze. Aber der deutsche Staat war für seine Rolle als Risikomanager schlecht gerüstet. 

Samstag, 12. März 2022

Eine inverse Breakeven-Kurve

Das US-Handelsdefizit erreichte im Januar im Vorfeld der Russland-Ukraine-Krise einen neuen Rekord, da die Einfuhren von Fahrzeugen und Energielieferungen zunahmen, während die Ausfuhren zurückgingen.

Die USA importierten im Jahr 2021 Waren im Wert von 29,7 Mrd. USD aus Russland, das damit auf Platz 19 der US-Importpartner rangiert - knapp hinter Brasilien und vor Singapur. 

Auf Erdölprodukte entfielen fast 60% des Wertes dieser Einfuhren, gefolgt von Edelmetallen, Eisen und Stahl, Meeresfrüchten und Düngemitteln.

Die Ausweitung des Defizits im Januar spiegelt im Grunde genommen einen Anstieg der Nachfrage nach im Ausland hergestellten Importen wider.

Es ist daher schwer, die Rufe nach der Stagflation vor diesem Hintergrund angemessen nachzuvollziehen, auch wenn der Ölversorgungsschock in den 1970er Jahren gewisse Assoziationen auslöst.



US-Breakeven Sätze: Die Differenz zwischen den Laufzeiten von 10 und 5-Jahren, Graph: Bloomberg, March 09, 2022 


Dienstag, 8. März 2022

Stärkung des Westens mit Fiskalpolitik

Eine Möglichkeit, die Aussichten für die Zinssätze und das Wirtschaftswachstum zu vermitteln, ist, die Renditespanne (yield spread) zwischen der 2-jährigen und der 10-jährigen US-Staatspapieren zu beobachten.

Wenn die Differenz hoch ist und weiter zunimmt, deutet dies auf ein höheres reales Wachstum und höhere Zinssätze hin.

Eine niedrigere und abnehmende Differenz hingegen deutet auf schwächere Aussichten hin.

Wenn aber sich verkleinernde Renditespanne mit einer geldpolitischen Straffung der Notenbank einhergeht, deutet die schrumpfende Rendite-Differenz darauf hin, dass der Notenbank sehr wahrscheinlich ein geldpolitischer Fehler unterläuft. 



US-Rendite-Kurve, nominal und real, Graph: Morgan Stanley, March 07, 2022

Donnerstag, 3. März 2022

Der fiskalische Spielraum und Staatsausgaben

Die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit ist am Dienstag zum ersten Mal seit einem Monat wieder unter die Null-Marke gerutscht. 

Was daran bemerkenswert ist, dass die Bundesregierung zwei Tage davor für den Bundeshaushalt 2022 ein mit 100 Mrd. EUR ausgestattetes Sondervermögen für die Bundeswehr angekündigt hat.

Bundeskanzler Olaf Scholz will damit Investitionen in «kritische Infrastruktur und Kommunikationswege» erhöhen, um zugleich «technologisch auf der Höhe der Zeit» zu bleiben.



Die Rendite deutscher Staatsanleihen mit 10-Jahren Laufzeit, Graph: Bloomberg TV, March 02, 2022.

Montag, 28. Februar 2022

Russische Invasion in der Ukraine und US-Dollar als globale Reservewährung

Russlands Überfall auf die Ukraine hat das Thema Sanktionen ins Zentrum der politischen Debatte gebracht.

Die Entscheidungsträger sind sich weitgehend einig, auf das Geschehen um den russischen Einmarsch in die Ukraine sofort mit Sanktionen zu reagieren. Sanktionen lösen aber Vergeltung aus. Es gilt daher, darauf zu achten, dass eine Eskalation vermieden wird.

Da beispielsweise ein möglicher Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungssystem SWIFT die Kosten für globale Unternehmen, die mit Russland Geschäfte machen, erhöhen würden, schliesst der Westen «SWIFT» aus der Liste der Sanktionen vorerst aus.

Der Vorgang «Sanktionen» ist in der Tat komplex und vielschichtig. Es ist daher zu hoffen, dass sich kühlere Köpfe im ganzen Konflikt durchsetzen und dass Menschen verschont bleiben.

Eine interessante Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, was passiert, wenn Russland nun keine US-Staatsanleihen mehr kaufen würde? Was wären die Folgen für das so genannte "exorbitant privileg"?




Marktbasierte Messgrößen deuten darauf hin, dass die Anleger davon ausgehen, dass die Fed Funds Rate bald zu steigen beginnt und Mitte dieses Jahres über 1% liegen wird, Graph: The Federal Reserve, Febr 25, 2022. 

Dienstag, 22. Februar 2022

Energiepreise, Geldpolitik und «Backwardation»

Die starke Nachfrage und das knappe Angebot, bedingt durch die Störungen in den Lieferketten (supply chain) treiben die Preise an den Rohstoffmärkten in die Höhe.

Normalerweise befinden sich die Warenterminmärkte in einem «contango». Das heisst, dass die aktuellen Kassa-Preise aufgrund der Lagerungs- und Abschreibungskosten niedriger sind als die Terminpreise.

Doch heute liegen die Kassapreise für die 8 wichtigsten Bestandteile des Bloomberg Commodity Index im Durchschnitt 6% über ihrem 1-Jahres-Terminpreis, wie JPMorgan in einer jüngsten Analyse hervorhebt.

Dieser Zustand wird an den Futures-Märkten als «backwardation» bezeichnet. Und «backwardation» bewegt sich seit Anfang 2021 auf einem 15-Jahres-Hoch.



1-Jahres-Termin-2-Jahres-10-Jahres-OIS-Spread invertiert: -0.0593%, Graph: Bloomberg TV, Febr 21, 2022


Sonntag, 20. Februar 2022

Was heisst Normalisierung der Geldpolitik?

Die Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses (FOMC) der US-Notenbank (Fed) machen sich Sorgen um den rasanten Anstieg der Inflation. Und sie sind sich allem Anschein nach in drei Aspekten einig:


Die Zinsen müssen angehoben werden,

Die Bilanz der Fed muss gekürzt werden,

Die «Forward Guidance» (der geldpolitische Ausblick) muss beendet werden.


Das geht aus dem am Mittwoch veröffentlichten Gesprächsprotokoll («minutes») hervor.



Das "Team Transitory" hat seine Zelte noch nicht abgebrochen: Die aus den UST-Renditen abgeleiteten Breakeven-Raten deuten nach wie vor darauf hin, dass die Inflationsraten in den nächsten Jahren sinken werden, Graph: Bloomberg, Febr 18, 2022

Samstag, 19. Februar 2022

Deutschlands neue (alte) Wirtschaftspolitik und Ungleichgewichte im Aussenhandel

Christian Lindner, Bundesminister der Finanzen hat am Montag Lars Feld zum „Persönlichen Beauftragten des Bundesministers der Finanzen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung“ bestellt. 

In dieser Rolle wird Professor Feld den Minister bei der Bewertung makroökonomischer Fragestellungen unterstützen, heisst es in der Pressemitteilung.

Lindner hat es nicht ausgelassen, bei dieser Gelegenheit die Eckpfeile der deutschen Wirtschaftspolitik, die ihm vorschwebt, bekanntzugeben.

Hier sind die auffälligsten Stichworte:

«Eine massvolle Fiskalpolitik»: 

Das bedeutet ganz klar “fiscal austerity».

Mark Blythe hat ein ganzes Buch darübergeschrieben: «austerity is a dangerous idea». 

Es handelt sich dabei um verbrauchsdämpfende Maßnahmen, die die Nachfrage durch überschüssige Ersparnisse verringern. Der Rückgang der Verbrauchsausgaben führt zum Rückgang der Investitionen, was auf dem Wirtschaftswachstum lastet und schliesslich Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung auslöst.



Europäische Währungsunion (EWU) und die Finanzierungssalden nach Sektoren (in Mrd. EUR), Graph: Heiner Flassbeck, Febr 14, 2022 

Dienstag, 15. Februar 2022

Eine geldpolitische Wende mit verankerten Inflationserwartungen

Aktien- und Anleiheinvestoren erwarten, dass eine rasche Reihe von Zinserhöhungen der Fed die Inflation ausbremsen wird, selbst wenn dadurch eine Rezession riskiert wird.

Die Inflationserwartungen scheinen jedoch verankert. 

Lisa Shalett, Morgan Stanley, warnt in einer aktuellen Analyse davor, dass dieser Zyklus nicht traditionell sei: 

Die aktuelle Inflationsdynamik sei komplex und nicht einfach auf vorübergehende Probleme in der Lieferkette oder auf zinsbedingte Kreditexzesse zurückzuführen, bei denen Zinserhöhungen wirksam sein können.

Was aber nicht von der Hand zu weisen ist, dass die «Normalisierung» (d.h. das Ende der QE-Politik) Wachsamkeit erfordert. Die Inflation in diesem Zyklus wurde schliesslich nicht durch das Kreditwachstum angeheizt.



German Bunds mit 10 Jahren Laufzeit: Die Rendite steigt, obwohl die Inflationserwartungen fallen, Graph: Morgan Stanley, Febr 14, 2022

Samstag, 12. Februar 2022

Shareholders fordern Gewinnmargin-Spirale - Stakeholders wollen Vollbeschäftigung.

Profits-Price Spiral vs. Full Employment

Die Inflation ist heute ein globales Phänomen. Schliesslich ist COVID-19 eine globale Pandemie. Es gibt aber nicht genügend hochwertige Evidenz dafür, dass die expansive Fiskalpolitik den Anstieg in Inflation ausgelöst hat.

David Andolfatto (*) hingegen schreibt auf seinem Blog, dass es fehlerhaft sei, zu denken, dass die Fiskal-Politik die Inflation von 2021 nicht verursacht hat.

Er vertritt die Ansicht, dass es durchaus möglich sei, dass die USA einen Teil ihrer Inflation in die ganze Welt exportiert haben, ähnlich wie in den 1970er Jahren. 

Viele andere Länder (wie z.B. Kanada) hätten eine ähnliche Fiskal-Politik verfolgt. Aber die Inflation sei in diesen Ländern mit weniger expansiven Fiskal-Politik niedriger.

Neben dem Faktor «Fiskal-Politik» gibt es zwei andere Faktoren, die herangezogen werden, um den Anstieg der Inflation zu erklären: Lohninflationwage-price spiral») und «Unternehmensgier» (profit margin).



Chipotle hat die Preise erhöht und wurde daraufhin von Aktionären «belohnt». Clorox hingegen scheint größere Probleme gehabt zu haben, steigende Kosten an die Kunden weiterzugeben. Die Aktionäre haben das Unternehmen «bestraft». Die Aktien sind abgestürzt, Graph: Tracy Alloway, Bloomberg, Febr 10, 2022 

Sonntag, 6. Februar 2022

Zinserhöhungen und Wirtschaftswachstum

Labor Shortage and Wage Growth

Allem Anschein nach wollen Zentralbanken mit Zinserhöhungen gegenwärtig eine geldpolitische Normalisierung signalisieren.

Gegen Wachstum nach einer schwerwiegenden Lockdown-Phase der Wirtschaft ist nichts einzuwenden. Schliesslich versuchen die Zentralbanken damit, die Wirtschaft in einen langfristig relativ konstanten Trend zu bringen, wo weder Inflation noch Deflation droht.

Normalisierung bedeutet hierbei, dass die unkonventionelle Geldpolitik, d.h. die mengenmässige Lockerung (QE: quantitative easing), allmählich zurückgefahren wird. Das heisst, dass das QE zu Ende geht und das QT (quantitative tightening) beginnt.



Japans 5-jährige Rendite kletterte am Freitag zum ersten Mal seit der Einführung negativer Leitzinsen vor sechs Jahren auf null. Die deutschen Fünfjahres-Renditen stiegen erstmals seit 2018 wieder über Null, Graph: Bloomberg, Febr 04, 2022 


Samstag, 5. Februar 2022

Zinserhöhungen kommen – Probleme bleiben

Der Marktwert der negativ verzinsten Anleihen ist seit November um etwa 40% auf 7,8 Billionen Dollar gefallen und liegt damit nur noch 120 Milliarden Dollar über dem Tiefstand vom 19. März 2020, wie Bloomberg berichtet.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, erneut in Erinnerung zu rufen, warum das Zinsniveau so niedrig ist und was die prekäre Situation ausgelöst hat. 

Ohne um den heissen Brei herumzureden: Die niedrigen Zinsen sind die Konsequenz der Wirtschaftspolitik, die sich hartnäckig an Fiscal Austerity orientiert.

Es handelt sich dabei meistens um verbrauchsreduzierende Maßnahmen, welche die Nachfrage durch überschüssige Ersparnisseexcess savings») verringert, was wiederum zum Rückgang des Konsums im Inland führt, wenn Investitionen im Gegenzug nicht erhöht werden. Daraus folgen Wachstumsschwäche und Arbeitslosigkeit. Die letztere materialisiert sich heute v.a. in Form von Unterbeschäftigung. 

Nochmals: Die globale Krise (GFC) ist eine Finanzkrise, die in erster Linie auf globale Handels- und Kapitalungleichgewichte zurückzuführen ist, insbesondere auf Ungleichgewichte zwischen Produktion und Konsum.

Der Grundgedanke ist, dass übermäßiges Sparen zu einer unzureichenden Nachfrage nach Wirtschaftsleistung («economic output») führt, was wiederum eine Rezession und eine Fehlallokation von Ressourcen zur Folge hat.



Der Wert der globalen Staatsanleihen, die derzeit mit einer negativen Rendite gehandelt werden, Graph: Bloomberg, Febr 03, 2022.

Dienstag, 1. Februar 2022

Angebotspolitik – Arbeitskräfteangebot und öffentliche Infrastruktur

Modern Supply-Side Economics

Die frühere Notenbankchefin der USA, Janet Yellen hat neulich in einer Rede vor dem Weltwirtschaftsforum (WEF) gesagt, dass die Regierung Biden die Wirtschaftskapazität der USA steigern wolle, indem sie sich auf Themen wie das Arbeitskräfteangebot und die öffentliche Infrastruktur konzentriere.

Der Ansatz der Regierung sei eine Abkehr von der traditionellen angebotsseitigen Wirtschaft.

Bekanntlich widerspricht die angebotsorientierte Theorie staatlichen Konjunkturprogrammen und Investitionen, weil solche Massnahmen sich angeblich nur kurzfristig auswirken und durch öffentliche Kreditaufnahme «crowding-out» auslösen.

Zur Erinnerung: Die dominante Phase der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik hat in den 1980er Jahren stattgefunden. Zu den radikalen Vertretern gehören Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in Grossbritannien an. 

Die Massnahmen umfassen i.d.R. Deregulierung (mehr Handlungsraum für die Finanzindustrie), Steuersenkungen (für Unternehmen und Reiche), «Flexibilisierung des Arbeitsmarktes» («hire-and-fire» policy und Lohnunterdrückung) und Sicherung der Preisniveaustabilität (zu Lasten von Vollbeschäftigung).



Der Druck auf die globalen Lieferketten ist nach wie vor hoch, hat sich aber möglicherweise abgeschwächt, Graph: New York Fed, Jan 04, 2022, Liberty Street Economics.


Samstag, 29. Januar 2022

Bitcoin als Risikoanlage

Bitcoin is moving in tandem with stocks


Bitcoin bewegt sich wie nie zuvor in Kombination mit Aktien, da beide einbrechen.

Der 40-Tage-Korrelationskoeffizient für den digitalen Token und den Technologie-lastigen Nasdaq 100 hat fast 0,66 erreicht, der höchste Wert in den von Bloomberg zusammengestellten Daten seit 2010. 

Crypto-Währungen sind angesichts der Aussicht auf eine Verringerung der Stimulierungsmaßnahmen der US-Notenbank, die spekulativen Vermögenswerten während der Pandemie Auftrieb verliehen hatten, ins Rutschen geraten. 



Korrelation: Bitcoin versus Aktien, Graph: Bloomberg, Jan 25, 2022 

Mittwoch, 26. Januar 2022

Die größte Sorge von Unternehmen: Löhne

Die Löhne sind laut einer aktuellen Datenerhebung (FactSet) die größte Sorge der amerikanischen Unternehmen.

Die nachfolgende Abbildung zeigt die Anzahl der S&P 500-Unternehmen, die in der Gewinnbenachrichtigung für das vierte Quartal 2021 die Aspekte nennen, die Grund zur Sorge bereiten. 

An der zweiten Stelle kommen die Auswirkungen von COVID19. Die dritte Stelle belegt die Unterbrechungen der Lieferkette («supply-chain»), die vierte den Transport und die fünfte die Rohstoffe.



Die Löhne sind die größte Sorge der Unternehmen, Graph: Morgan Stanley, Jan 24, 2022

Montag, 24. Januar 2022

Zweck von Investitionen und Konsum von morgen

The impact of rising income inequality

Der Anteil der Anleihen im Euroraum, die mit einer negativen Rendite gehandelt werden, ist seit dem Höchststand im Jahr 2020 um mehr als ein Drittel gesunken. 

Als Zeichen der allgemeinen Neubewertung, die im Gange ist, da die US-Notenbank in Aussicht gestellt hat, demnächst die US-Leitzinsen zu erhöhen, stieg die Rendite deutscher Bundesanleihen (das Paradebeispiel für Sicherheit in der Region), diese Woche zum ersten Mal seit drei Jahren kurz über Null, wie Bloomberg berichtet. 

Trotz des jüngsten Rückgangs gibt es im Euro-Raum immer noch rund EUR 1,5 Billionen (USD 1,7 Billionen) an negativ verzinsten Anleihen.



EUR-Staatsanleihen, die derzeit eine negative Rendite aufweisen, Graph: Bloomberg, Jan 22, 2022 


Sonntag, 23. Januar 2022

Unterschiedliche Inflationsursachen - unterschiedliche geldpolitische Reaktionen

Nachdem die US-Notenbank Zinserhöhungen für 2022 in Aussicht gestellt hat, wird auch Europa der Ruf nach einem vergleichbaren Vorgehen laut, zumal die Inflationsrate im Euro-Raum zuletzt im Dezember auf 5,0% gestiegen ist.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat neulich in einem Gespräch mit dem französischen Hörfunksender France Inter gesagt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) geldpolitisch nicht so aggressiv vorgehen müsse, wie es die US-Notenbank Fed voraussichtlich tun werde:

„Der Zyklus der wirtschaftlichen Erholung in den USA ist dem in Europa voraus“, so Lagarde. 

Andererseits: Es steht fest, dass es sowohl dem Euro-Raum als auch den USA gelungen ist, auf die Pandemie schnell und robust zu reagieren.

Die Erholung der Wirtschaft gestaltet sich jedoch unterschiedlich.



Der unterschiedliche Verlauf der wirtschaftlichen Erholung im Euro-Raum und in den USA, Graph: Laurence Boone, OECD, Jan 2022 

Freitag, 21. Januar 2022

EZB und negativ-verzinste Staatsanleihen

Monetary policy cannot reduce the energy price

Die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10-Jahren Laufzeit ist am Mittwoch erstmals seit Mai 2019 über null Prozent gestiegen. Im Verlauf des Handels am Nachmittag ist sie allerdings wieder in den negativen Bereich gerutscht: -0,006%.

Das Geschehen am deutschen Anleihenmarkt steht derzeit sicherlich unter dem Einfluss des US-Treasury-Marktes, auch wenn die wirtschaftliche Entwicklung auf beiden Seiten des Atlantiks unterschiedlich vonstatten geht.



Die Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen befindet sich seit Anfang 2019 im negativen Bereich und erreichte auf dem Höhepunkt der Coronavirus-Panik im März 2020 einen Tiefstand von -0,91 %, Graph: Bloomberg, Jan 19, 2022 


Sonntag, 16. Januar 2022

Zinserhöhungen kommen – Wie sieht es mit der Beschäftigung aus?

Recovery from the Pandemic Recession

Die Fed hat mittlerweile einen früheren Beginn des Zinserhöhungszyklus signalisiert. 

Zuletzt haben die Fed-Gouverneure Lael Brainard, Patrick Harker und Charles Evans einen hawkishen Ton in der Öffentlichkeit angeschlagen, der darauf hindeutet, dass die Fed ihre Anleihekäufe bis März auslaufen lassen und die Zinsen anheben wird.

Credit Suisse Research geht nun davon aus, dass die Fed die Zinsen im März anheben wird, was die Erste von vier geplanten Zinserhöhungen in diesem Jahr sein wird. 

Die Fed dürfte demnach im Sommer mit dem Abbau ihrer Bilanz beginnen, sobald der Zinserhöhungszyklus in Gang gekommen ist.



Credit Suisse Volkswirte erwarten 4 Zinserhöhungen durch die US-Notenbank in diesem Jahr, Graph: Credit Suisse, Research, Global CIO Office, Jan 14, 2022

Donnerstag, 13. Januar 2022

Inflation auf 40-Jahreshoch – Was nun?

Hopes for the Peak Inflation 

Die Inflation in den USA ist im Dezember auf 7% im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. 

Der Verbraucherpreisindex (CPI: Consumer Price Index) ist v.a. durch die Preise für Energie (+29,3%) und Nahrungsmittel (+6,3%) getrieben. Aber auch Autos (+11,8%) und Gebrauchtwagen (+37.3%) sind teurer geworden.

Es scheint, dass die Aktienmärkte den Anstieg der US-Inflation im Dezember um 0,5% auf Monatsbasis und 7% auf Jahresbasis als Beweis für die Widerstandsfähigkeit der Verbrauchernachfrage interpretieren, wie Credit Suisse Research kurz notiert hat.



Die Treiber der heißesten Inflationsdaten in den USA seit 40 Jahren, Graph: BloombergTV, Jan 12, 2022


Montag, 10. Januar 2022

Ausverkauf von Anleihen erschüttert Märkte

Supply Shock and Inflation Expectations

Die Preise für Rohstoffe - von Öl über Metalle bis hin zu Lebensmitteln - steigen so stark an, dass sie allmählich mit dem Anleihemarkt gleichziehen.

Bloomberg deutet auf eine Korrelation zwischen Rohstoffen und Anleihen hin. Auf der anderen Seite wächst die Wirtschaft trotz der COVID-Krise und dem darauffolgenden Angebot-Schock bedingt durch die Störungen der globalen Lieferketten (supply-chain) schneller als erwartet.

Die Renditen und Rohstoffe (*) sind i.d.R. die ersten Vermögenswerte, die dies einpreisen. Rohstoffe dienen aber zurzeit auch als Inflationsschutz, wie Kriti Gupta von Bloomberg notiert.

Schließlich sind es die Preisanstiege bei Öl, Metallen, Lebensmitteln und anderen Rohstoffen, die die Verbraucherpreise weltweit in die Höhe treiben.



40-Tage-Korrelation zwischen Rohstoffen und Anleihen, Graph: Kriti Gupta, Bloomberg, Jan 06, 2022.

Donnerstag, 6. Januar 2022

Fed Sitzungsprotokoll und Märkte

Fed’s Agenda: Quantitative Tightening

Am Mittwoch wurde das Sitzungsprotokollminutes») der US-Notenbank (Fed) von 14-15 Dezember 2021 veröffentlicht.

Die Mitglieder des geldpolitischen Offenmarktausschusses (FOMC) notieren mit Nachdruck die bevorstehende Straffung der Geldpolitik und unterstreichen u.a. die folgende Aussage (meine Übersetzung vom Englischen):

«Es könnte sich als gerechtfertigt erweisen, den Leitzins früher oder schneller zu erhöhen, als die Teilnehmer zuvor erwartet hatten. Einige Teilnehmer merkten auch an, dass es angebracht sein könnte, relativ bald nach Beginn der Anhebung des Leitzinses mit dem Abbau der Bilanz der Federal Reserve zu beginnen». 

Obwohl die Fed vor Monaten angedeutet hat, das Anleihekauf-Programm auslaufen zu lassen, hat der Ton nach der Herausgabe der Sitzungsnotizen im Markt Nervosität ausgelöst:

Der Aktienmarkt hat nachgelassen. Vor allem Tech-Aktien kamen unter die Räder. Aber auch der Anleihemarkt hat negativ darauf reagiert. Der US-Dollar hat an Wert gewonnen und der Bitcoin (*) ist heruntergestürzt. 



S&P 500 Gewinnrendite; nom: rote Linie, und real: blaue Linie, Graph: Yardeni Research, Dec 31, 2021 

Montag, 3. Januar 2022

Die Idee der Preiskontrolle als Mittel zur Inflationsbekämpfung

Price controls versus forward guidance

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Isabella Weber hat mit einem Meinungsartikel in The Guardian für Aufsehen gesorgt. Sie fordert Preiskontrollen, um die Inflation zu bekämpfen. 

Sie schreibt: 

Während des Zweiten Weltkriegs führte die Roosevelt-Regierung strenge Preiskontrollen ein und richtete das Office of Price Administration ein. Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg waren die Preissteigerungen gering, während der Produktionsanstieg fast unvorstellbar war.

Paul Krugman hat in einem kurzen Beitrag erklärt, warum er diese Idee nicht gut findet:

Preiskontrollen haben gelegentlich ihre Berechtigung, z.B. in Kriegszeiten, wenn die Rationierung weit verbreitet ist.

Es gibt auch ein mögliches Argument für zeitlich begrenzte Kontrollen, um eine Lohn-Preis-Spirale zu durchbrechen, die trotz einer schwachen Wirtschaft anhält, auch wenn dies schwer zu erreichen ist.

Aber wir haben keine schwache Wirtschaft; wir haben Inflation, weil wir eine boomende Wirtschaft haben, bei der die Versorgungskettensupply chain») Schwierigkeiten haben, mit dem Boom beim Güterkonsum Schritt zu halten, und es gibt keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale.

Die Inflation wird sich abschwächen, wenn die Nachfrage weniger verzerrt wird und sich die Lieferketten anpassen. Preiskontrollen würden diese Anpassung nur vereiteln.



Die grundlegende Theorie von Angebot und Nachfrage besagt, dass Preisobergrenzen zu Engpässen führen, Graph: Noah Smith, Substack, Jan 01, 2022

Sonntag, 2. Januar 2022

Anstieg der Geldmenge in der Liquiditätsfalle und Inflation

Was wir seit dem Ausbruch der GFC 2007-2008 beobachten ist, was die Theorie der Liquiditätsfalle genau aussagt: 

1) Wenn die Wirtschaft auf der Null-Zins-Grenze landet (zero lower bound), dann verliert die konventionelle Geldpolitik an Zugkraft, 

2) Das Haushaltsdefizit löst kein «crowding out» aus und 

3) die fiskalischen Multiplikatoren sind viel höher als sonst.

Das heisst, dass die Geldpolitik die Mithilfe von Fiskalpolitik braucht, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln und die Beschäftigung zu stützen. Es ist daher ratsam, von Ausgaben-Kürzungen abzusehen, bis die Wirtschaft nicht mehr schwer angeschlagen erscheint.

Der Anstieg der Geldmenge durch die QE-Politik (d.h. Ankauf von Anleihen am sekundären Markt durch die Notenbanken) ist im gegenwärtigen Umfeld der Wirtschaft nicht inflationär.



Schweizer Notenbankgeldmenge (monetary base) versus CHF Geldmarkt-Zinssätze (12-Monate), Graph: ACEMAXX ANALYTICS, Dec 31, 2021