Sonntag, 24. Februar 2008

All Together Now. Common Sense for a Fair Economy

Buchbesprechung:

Jared Bernstein: „All Together Now”. Common Sense for a Fair Economy. Berrett-Koehler Publishers, San Francisco, 2007.


Hurrikan Katrina gilt als eine der verheerendsten Naturkatastrophen in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Der Hurrikan richtete v.a. im Grossraum New Orleans im August 2005 enorme Schäden ein. Durch den Sturm und seine Folgen kamen mehr als 1'800 Menschen ums Leben. Der Sachschaden belief sich auf rund 81 Mrd. Dollar. Ungefähr 1 Mio. Menschen wurden aus dem Gebiet evakuiert. Die Behörden auf kommunaler Ebene und des Bundesstaat beschuldigten sich jedoch gegenseitig. Die Bundesbehörde für den Katastrophenschutz (Federal Emergency Management Agency = FEMA) war unfähig, Hilfe zu leisten. Dabei hatte die FEMA während der Mississippi-Überflutung 1993 und des Northridge-Erdbebens 1994 in der Clinton-Ära speditiv reagiert und hervorragende Arbeit geleistet. Hintergrund: die Bush-Administration hat der FEMA mit der Amtsübernahme die Finanzmittel drastisch geschnitten, weil sie die Ansicht vertrat, dass die Bundesstaaten und die Städte besser daran wären, wenn sie sich bei Katastrophen auf „schicksalsbasierende“ Organisationen stützten. Nun waren während und nach der Katrina-Katastrophe viele Leute, insbesondere alte, arme und kranke nicht in der Lage aus den Überflutungsgebieten zu fliehen. Die Mehrzahl der Zurückgebliebenen war übrigens African Americans.


Bezugnehmend darauf analysiert dieses Buch die politische und sozialphilosophische Entwicklung des „extremen Individualismus“, der sich seit den 1970er Jahren in den USA breitmacht. Es geht immer mehr nur um das eigene Ich. „Zieh dich selber aus dem Schlamassel“ lautet die Kernmaxime des Mentalitätswandels. Mit anderen Worten geht es im Grunde genommen um eine Risikoverschiebung innerhalb der Gesellschaft. Der Staat zieht sich aus der Verantwortung zurück. Öffentliche Aufgaben werden auf private Schulter ausgelagert, bewusst und allmählich. Die hemmungslose Betonung des Individualismus hat Bernstein’s Meinung nach mittlerweile einen Punkt erreicht, wo „wir verhungern“.

Bernstein benennt den grassierenden Hyper-Individualismus „Es liegt an dir“-System („you are on your own“, kurzum YOYO). Die Notion laute dabei, egal was für Herausforderungen wir als Nation gegenüberstehen, man solle allein damit auskommen und für sich selbst sorgen. Sein Gegenkonzept heisst: „We are in this together“, kurzum WITT. Er betont mehrfach, dass er nicht für „mehr Staat“ plädiert. Nur das Gleichgewicht zwischen individueller und kollektiver Aktion soll wiederhergestellt werden. Und das kann erreicht werden, ohne an dem Anteil der Staatsausgaben am BIP zu rühren. Am langfristigen Schnitt beträgt die amerikanische Staatsquote 20%. Das bedeutet rund 9'000 Dollar pro Bürger. Diese Grösse gilt für den Autor als Orientierung. Er zeigt stichhaltig auf, warum die drei Prinzipien von YOYO „mehr Markt, noch weniger Staat und mehr Individualismus“ fehlschlagen, wenn es um Themen wie „Pensionierung, Gesundheitswesen, Arbeitslosigkeit, Globalisierung und steigende Ungleichheit“ geht. Zum Marktversagen zählen darüber hinaus; Massenentlassungen, Rezession, Spekulationsblase an Immobilienmarkt, fehlende Krankenversicherung usw. Bernstein listet konkrete Vorschläge auf, wie ein Mentalitätswandel weg von YOYO hin zu WITT realisiert werden kann. Er bringt u.a. ein eindrückliches Beispiel aus England: die erfolgreiche Bekämpfung der Kinderarmut mit staatlicher Hilfe unter der Ära von Tony Blair. Dieses leidenschaftlich geschriebene Buch gibt nützliche Denkanstösse und wirkt wie ein „Wach-auf!“-Ruf. Empfehlenswert.

Der Autor Jared Bernstein arbeitet für die Economic Policy Institute seit 1992 und hat zahlreiche Publikationen und TV-Auftritte als Kommentator. Er besitzt einen Doktortitel der Columbia University im Bereich „Soziale Wohlfahrt“.

CEZMI DISPINAR

*erschienen in der Ausgabe 182 vom 26. Oktober 2007

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