Freitag, 16. April 2010

Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert

Buchbesprechung:

Robert Skidelsky:Die Rückkehr des Meisters“. Keynes für das 21. Jahrhundert. Verlag Antje Kunstmann, München, 2010.


Dieses Buch handelt nicht in erster Linie von einer Analyse der Ursachen der anhaltenden Finanzkrise. Es geht viel mehr darum, die Reichweite und die Anwendbarkeit der klassischen Theorie (Effizienzmarkttheorie) aufzuzeigen, wobei der Autor sich hierbei auf Keynes Wirtschaftstheorie stützt. Um es vorab klarzustellen: Für Keynes ist Wirtschaft kein Selbstzweck. Sie hat dem Menschen zu dienen. Das Ziel lautet: „weise, angenehm und gut“ zu leben. Das Streben nach Reichtum kann demnach nur das Mittel und nicht das Ziel sein. Robert Skidelsky, der durch seine dreibändige Keynes-Biographie berühmt wurde, lehrte als Professor für politische Ökonomie an der Universität Warwick. Keynes Kritik galt nicht der klassischen Theorie an sich, sondern ihrer Reichweite und Methoden. Das Hauptargument des Buches ist daher, dass der „Grund für die dramatische Abfolge von Finanzkrisen, die wir gerade erlebt haben, dsa Versagen der Wirtschaftswissenschaft ist, die Unsicherheit ernst zu nehmen“. Dieses Versäumnis kaschiere sie mit komplizierter Mathematik.

Das Kernstück von Keynes’ Theorie war nämlich die unausweichliche Unsicherheit über die Zukunft. Warum der ökonomische Fortschritt immer so langsam und holprig verlief, führte Keynes auf Unsicherheit zurück. Skidelsky betont, dass Keynes nicht dachte, dass das gesamte wirtschaftliche Leben unsicher sei. „Unsicherheit wird nur dann zu einem Thema für die Ökonomie, wenn unser Lebensunterhalt oder unser Wohlstand davon abhängt, wie wir die Zukunft einschätzen“. Deswegen hat Keynes das Says Gesetz zurückgewiesen, welches unterstellte, dass die Produktion ihre eigene Nachfrage erzeuge. Keynes hingegen spaltete die aggregierte Nachfrage in zwei Bestandteile auf: Konsumnachfrage und Investitionsnachfrage. „Beide zusammen bestimmen über den Umfang von Produktion und Beschäftigung“.

Das hervorstechende Merkmal der aktuellen Krise ist, dass sie nicht durch einen Schock von aussen verursacht wurde, sondern durch das System selbst, argumentiert Skidelsky. Er sieht drei Formen von Versagen: (1) Institutionelles: Banken verwandelten sich von Dienstleistungsunternehmen in Spielkasinos, (2) Intellektuelles: Die Mainstream-Ökonomie konnte den Zusammenbruch nicht voraussehen und nicht eklären, weil die Mehrheit der Ökonomen überzeugt ist, dass die Märkte sich früher oder später selbst korrigieren und (3) Moralisches: Das Versagen einer Ordnung, die auf Geld als dem einzigen Wert aufgebaut ist. „Dieses moralische Defizit erklärt, warum Globalisierung und Finanzinnovationen so kritiklos hingenommen und Praktiken gutgeheissen werden, die das Streben nach Reichtum über alles andere stellen“, hält Skidelsky fest. Banker und Unternehmen nutzen die Freiheiten der Deregulierung zum Abkassieren aus, hebt der Autor hervor.

Da das Schlimmste der Krise überstanden zu sein scheint, versucht man heute, die tiefer liegenden Ursachen zu ergründen. Dabei lassen sich laut Skidelsky zwei Theorien unterscheiden: Konservative Ökonomen sehen die Schuld für die Krise in der lockeren Geld- und Haushaltspolitik („Geldschwemme“-Theorie). Keynesianer betrachten die Politik des billigen Geldes in den USA als Reaktion auf eine aus Ostasien ausgehende „globale Ersparnisschwemme“. Das Problem ist dabei, dass die USA die Ersparnisse aus Ostasien nicht investierten, sondern konsumierten. „Dank des Geldstroms aus Ostasien entstanden in Amerika immer neue Finanzkonstruktionen und Fonds, die sich von überall Geld leihen konnten; die Verschuldung wuchs“, erklärt Skidelsky. Obwohl die langfristigen Zinsen sanken, blieben die Investitionen in den USA mehr oder weniger stabil. „Weil Asien schneller wuchs als die USA und Europa, wurde die Lücke zwischen Sparabsichten und Investitionsabsichten immer grösser“, so Skidelsky. Für Keynes lag das Mittel, um einen dauerhaften Boom zu erreichen, darin, ein hohes Investitionsniveau zu sichern und die Konsumneigung durch eine Umverteilung der Einkommen oder andere Mittel zu steigern, bemerkt Skidelsky. Milton Friedman argumentierte in seinem klassischen Werk (geschrieben mit Anna Schwartz), dass die Notenbank es versäumt habe, nach Oktober 1930 Geld in das Bankensystem zu pumpen, um das verbreitete „Horten“ durch die Banken und die Öffentlichkeit auszugleichen. Die Geldmenge ging m.a.W. laut Friedman nicht deswegen zurück, weil es „an willigen Darlehensnehmern gemangelt hatte, sondern weil die Fed den Rückgang zuliess. Im Gegensatz dazu erklärt der keynesianische Standpunkt die Depression mit dem „Versagen der Wirtschaftspolitik, die gesamtwirtschaftliche Frage stabil zu halten“, so Skidelsky: Der Rückgang der Ausgaben war es, der zum Rückgang der Geldmenge führte, nicht andersherum. Spätere kenyesianische Analysen betonten die Rolle der ungleichen Einkommensverteilung als Auslöser der Krise, „mit der Folge, dass Kredit aus der allgemeinen Wirtschaft in finanzielle Spekulation und Luxuskonsum abgeleitet wurde“.

Die Verbriefung von Hypotheken und ihre explosive Ausbreitung nach 2000 ging laut Skidelsky auf drei Massnahmen zur Deregulierung der Finanzmärkte zurück: (a) Die Aufhebung des Glass-Steagall-Gesetzes, (b) den Verzicht der Clinton Regierung auf die Regulierung des CDS-Marktes und (c) den Beschluss der SEC, den Banken eine Erhöhung ihrer Leverage-Quote von 10:1 auf 30:1 zu erlauben. In diesem konzentriert geschriebenen ausgezeichneten Buch bietet der Autor zudem eine „grobe Skizze“ zwischen den Ökonomen, die mit Etiketten „Süsswasser“ und „Salzwasser“ belegt sind. Das Kapitel 5 liefert einen hervorragenden (tabellarischen) Vergleich der keynesianischen („Bretton-Woods-System", d.h. Goldenes Zeitalter: 1951 bis 1973) und der nach-keynesianischen Ära ("Der Washington Consensus": 1980 bis Sept./Okt. 2008). Die Welt ist heute noch volatiler geworden als vor 30 Jahren, aber die Volatilität fordert einen höheren Preis beim Wachstum. Beginnt jetzt eine neue Ära: 2009 - ?.

Eine unverzichtbare Pflichtlektüre für alle, die sich für den Stellenwert der Makroökonomie im Kontext mit Wirtschaftskrisen interessieren.

Kommentare:

KL hat gesagt…

"Das Streben nach Reichtum kann demnach nicht das Mittel, sondern nur das Ziel sein."

Der Satz sollte vermutlich das Gegenteil aussagen, nicht wahr ?

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Korrektur:
"Für Keynes war klar, dass das Streben nach Reichtum nur das Mittel und nicht das Ziel sein könnte"

So ist es nun richtig.
My bad!

Stefan Wehmeier hat gesagt…

Unter den "etablierten" Ökonomen war allein John Maynard Keynes wenigstens so ehrlich zuzugeben, dass eine staatliche Liquiditätsgebühr auf alles Zentralbankgeld ("carrying costs") "der vernünftigste Weg sein (würde), um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden. Denn ein wenig Überlegung wird zeigen, was für gewaltige gesellschaftliche Veränderungen sich aus einem allmählichen Verschwinden eines Verdienstsatzes auf angehäuftem Reichtum ergeben. Es würde einem Menschen immer noch freistehen, sein verdientes Einkommen anzuhäufen, mit der Absicht es zu einem späteren Zeitpunkt auszugeben. Aber seine Anhäufung würde nicht mehr wachsen."

Doch ohne diesen "vernünftigsten Weg" zu beschreiten, was Silvio Gesell bereits 20 Jahre vorher getan hatte, lässt sich Keynes in seiner "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (1936) nur über alle denkbaren und undenkbaren Möglichkeiten aus, wie es der politischen Seifenoper gelingen könnte, den Privatkapitalismus (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz) durch eine "antizyklische staatliche Investitionspolitik" bis zum Staatsbankrott durch Überschuldung hinauszuzögern, anstatt das Elend einfach abzustellen. So können wir heute sagen: "Keynes sei Dank" gibt es uns noch, aber dafür wird der bevorstehende, endgültige Zusammenbruch der Weltwirtschaft (globale Liquiditätsfalle) umso katastrophaler werden, sollte es nicht gelingen, noch während der einsetzenden Deflationsphase die Natürliche Wirtschaftsordnung zu verwirklichen:

Der Zins – Mythos und Wahrheit