Die Finanzkrise hat gezeigt, dass systemische und makroökonomische Aspekte in der Regulierung stärker berücksichtigt werden müssen, um die Robustheit des Bankensektors zu erhöhen, wie die Schweizerische Nationalbank (SNB ) im vergangenen Jahr unterstrichen hat. Das Problem mit der Dodd-Frank-Reform und mit Basell III ist, dass sie mit dem Banken-System beginnen, nicht mit den Schatten-Bankensystem, schreibt Perry Mehrling in einem lesenswerten Beitrag („Regulation the Shadow Banking System“) in The Money View. „Ehre, wem Ehre gebührt. Jeder schätzt jetzt ein, dass die sog. „mikroprudentiellen“ Schutzmassnahmen nicht genug sind, und das gilt, selbst wenn wir den herkömmlichen Fokus auf die Solvenz (capital adequacy) ausweiten, was auch die Liquidität einschliesst“, bekräftigt der an der Barnard College, Columbia University lehrende Wirtschaftsprofessor. Erforderlich sind auch „makroprudentielle“ (macroprudential) Massnahmen, um der sichtbaren Instabilität des Systems als Ganzes Grenzen zu setzen, so Mehrling. Was heisst das aber?
Montag, 4. April 2011
Sonntag, 3. April 2011
Der „Toil-Index“ misst die Kosten der Einkommensungleichheit
Das Pro-Kopf-Einkommen ist das auf das Jahr berechnete Durchschnittseinkommen der Einwohner eines Landes. Die Massgrösse gilt als die bei weitem sichtbare offizielle Zusammenfassung des wirtschaftlichen Wohlergehens eines Individuums. Die vielen Mängel des Pro-Kopf-BIP sind aber allgemein bekannt. Was der Wohlstandsindikator vollkommen ignoriert, sind die Auswirkungen von Veränderungen in der Verteilung des Einkommens, bemerkt Robert H. Frank in einem lesenswerten Essay („Gauging the Pain of the Middle Class“) in NYT . Die Kosten der Einkommensungleichheit sind notorisch schwer zu messen, hält der an der Cornell University, Johnson Graduate School of Management lehrende Wirtschaftsprofessor fest. Doch ein einfacher zusätzlicher Index, der aus leicht verfügbaren Daten berechnet werden kann, kann dazu beitragen, die Änderung des Verteilungsmusters von Familien mit mittlerem Einkommen zu erfassen: Der „Toil-Index“. So nennt Frank den von ihm entwickelten Index, der die Anzahl der Stunden misst, die der Median-Verdiener jeden Monat schuften muss, , um sich ein Haus in einem Schulbezirk von mindestens mittlerer Qualität mieten zu können.
Monatliche Arbeitszeit, die der Median-Verdiener benötigt, um ein Median-Haus mieten zu können, Graph: Prof. Robert H. Frank, in: „Supplementing Per-Capita GDP as Measure of Well-Being“, Jan,. 2011
Samstag, 2. April 2011
Wie tickt die EZB eigentlich?
„Mehrere Kommentatoren haben jüngst auf die schwierige wirtschaftliche Lage in einigen Ländern der Euro-Zone als Faktor hingewiesen, der Einfluss auf die geldpolitischen Entscheidungen der EZB in naher Zukunft nehmen würde und sollte, unabhängig von den Risiken für die Preisstabilität in der Euro-Zone als Ganzes“, schreibt Jürgen Stark in einem langweiligen Kommentar („ECB must favour no nation“) in FT. Er teile die Ansicht nicht, unterstreicht das Mitglied des Direktoriums der EZB. Diese Perspektive muss nicht nur allen passen, sondern auch nützen, argumentiert der EZB-Chefvolkswirt. „Er dürfte auf die Leute wie Ryan Avent, Kantoos und mich antworten, die argumentieren, dass die lockere Geldpolitik im besten Interesse der Erhaltung der Euro-Zone wäre“, bemerkt David Beckworth dazu in seinem Blog in einem lesenswerten Beitrag. Dies würde zu einer realen Aufwertung für Deutschland und Frankreich führen, während es für die dringend benötigte reale Abwertung für die EU-Peripherie sorgen würde. Leider verfehlt Stark diesen wichtigen Punkt und stellt ziemlich erstaunliche Behauptungen auf, hebt der an der Texas State University, San Marcos lehrende Wirtschaftsprofessor hervor. Das folgende Argument ist besonders verwunderlich:
Das Euro-Dilemma, Zinsgefälle: klein für die Kern-Volkswirtschaften, aber gross für die EU-Peripherie, Graph: wsj.com
Soll die Fed eine nominelle BIP-Steuerung anstreben?
David Beckworth befasst sich in seinem Blog wie Mark Thoma mit dem Dilemma der US-Notenbank. Soll die Fed auf die steigende Inflation oder die anämische Erholung der Konjunktur reagieren? Auf der einen Seite macht sich die Fed Sorgen über die Aufrechterhaltung ihrer Glaubwürdigkeit, was die Inflationsbekämpfung betrifft und ihrer Unabhängigkeit vom US-Kongress. Auf der anderen Seite will die Fed die wirtschaftliche Erholung, die derzeit träge ist, nicht untergraben. Was soll sie unternehmen? Thoma glaubt aus einer Reihe von Gründen, dass die Fed sich täuscht, was die Bekämpfung der Inflation angeht. Das ist bedauerlich, weil jeder, der seine Urteile auf Fakten stützt, sieht, dass (a) die langfristigen Inflationserwartungen gut verankert sind, (b) die Geldnachfrage erhöht bleibt und (c) die Konjunkturflaute anhält, schildert Beckworth. Niemand will eine Rückkehr der Inflation wie in den 1970er Jahren sehen. Was derzeit angemessen wäre, ist ein Aufholwachstum (catch-up growth) der nominalen Ausgaben, um nominelle Einkommen zum Trend zurückzubringen, erklärt der an der Texas State University, San Marcos lehrende Wirtschaftsprofessor.
Freitag, 1. April 2011
Fed vor der Wahl: Inflation oder Arbeitslosigkeit
Die Fed hat eine schwierige Aufgabe vor sich. Sobald die Wirtschaft sich robust zu erholen beginnt, muss die Fed die von ihr getroffenen Massnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft genau im richtigen Tempo abwickeln, schreibt Mark Thoma in einem lesenswerten Essay („Inflation vs. Jobs: Fed’s Move Can Seal Its Fate“) in The Fiscal Times. Strafft die Fed den geldpolitischen Kurs zu früh, kann sie die Erholung der Konjunktur und der Arbeitsmärkte abbremsen. Wartet sie zu lange, wäre Inflation das Ergebnis, beschreibt der an der University of Oregon lehrende Wirtschaftsprofessor. Um alles noch schlimmer zu machen: Wenn die Inflation zu einem Problem wird, während die Arbeitslosigkeit noch hoch verläuft, wird die Fed entscheiden müssen, welches Problem sie bekämpfen soll. Die Fed ist sich dieser Gefahren bewusst und hat deswegen neulich angekündigt, viermal jährlich Pressekonferenzen abzuhalten, um ihre geldpolitische Entscheidungen zu erklären. Der Faktor, der der Fed den meisten Schaden anrichten kann, ist die hohe und anhaltende Arbeitslosigkeit. Aber die Inflation stellt für die Fed die grössere Sorge dar, ergänzt Thoma.
Discount Window: Kreditversorgung am sog. Diskont-Fenster
Die US-Notenbank hat gestern aufgrund eines Gerichtsbeschlusses (wegen „Freedom of Information Act“) die Namen der Banken (29'000 Seiten in einer CD in PDF-Format) bekannt gegeben, die während der Krise Kredite via Discount Window erhalten haben. Die Fed hat laut Bloomberg auf der Höhe der Finanzkrise Notkredite in Höhe von 110,7 Mrd. Dollar vergeben.
Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Leitzins (Fed Funds Rate) und dem Diskontsatz. Die Banken können sich am Diskont-Fenster zu einem festen Zins (discount rate) Geld besorgen, wenn kurzfristig Not am Mann ist. Die Protagonisten der geldpolitischen Transaktionen wissen, dass die Ausleihe am Diskontfenster im Verlauf der Jahre stark zurückgegangen ist. Warum? Weil (1) die Möglichkeiten der Refinanzierung an den Finanzmärkten zugenommen haben, und (2) die Banken den direkten Gang zur Fed meiden, da die Kreditbesorgung am sog. Diskont-Fenster auf eine Notfinanzierung hindeutet. Kein Kreditinstitut will damit stigmatisiert werden.
Kreditaufnahme via Discount Window, Graph: Fed St. Louis
Ein Streudiagramm und was hinter Investitionen steckt
In der Blogosphäre unter Ökonomen steht derzeit ein Streudiagramm (scatterplot) im Fokus des Interesses. Der Hintergrund der Entwicklung ist, dass es sich dabei um eine auffällige Korrelation zwischen Investitionen und Arbeitslosigkeit handelt. Es war Greg Mankiw, der in seinem Blog auf das Streudiagramm aufmerksam gemacht hat. Die graphische Darstellung, die Wertepaare von zweien statistischen Merkmalen darstellt, wurde von John Taylor in seinem Blog vorgestellt. Eingetragen sind vierteljährliche, saisonbereinigte Daten aus dem I. Quartal 1990 bis zu dem III . Quartal 2010. „Die Kausalität gilt natürlich für beide Richtungen: starke Investitionen führen zu einer niedrigen Arbeitslosigkeit und zu einer stärkeren Wirtschaft, was sich in niedriger Arbeitslosigkeit widerspiegelt und Investitionen fördert“, bemerkt Mankiw dazu. „Folglich lässt sich die Auslegung des Streudiagramms diskutieren. Die Stärke der Korrelation ist aber beeindruckend“, ergänzt der an der Harvard University lehrende Wirtschaftsprofessor.
Streudiagramm: Arbeitslosigkeit versus Investitionen, Graph: Prof. John Taylor
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