Mittwoch, 5. September 2012

Schweizer Wirtschaft bleibt unter Deflationsdruck


Die Konsumentenpreise fallen in der Schweiz den 11. Monat in Folge.

Der Landesindex der Verbraucherpreise (CPI) ist im August gegenüber dem Vormonat unverändert geblieben. Innert Jahresfrist (annualisiert) betrug die Teuerung -0,5% (Juli: -0,7%), wie das Bundesamt für Statistik (BFS) heute morgen mitgeteilt hat.

Während die Deflationsgefahr bestehen bleibt, fällt die Kerninflation weiter. Die Teuerungsrate ohne frische und saisonale Produkte, Energie und Treibstoffe“ ist im August um 1,1% gesunken. Innert Jahresfrist sind die Preise der Importgüter einen Rückgang um 1,6% verzeichnet.

Rückläufig waren im August die Indizes der Hauptgruppen Bekleidung und Schuhe (-1,0%), Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke (-0,7%), Freizeit und Kultur (-0,7%), alkoholische Getränke  und Tabak (-0,4%) usw.


Schweiz Konsumentenpreise (CPI), Veränderungen gegenüber dem Vorjahresmonat, Graph: Bundesamt für Statistik (BFS)

Fallacy of immaculate inflation


Brad DeLong verweist in seinem Blog darauf, wie Niall Ferguson an der aktuellen Forschungsarbeit („Ultra Easy Monetary Policy and the Law of Unintended Consequences“) von William White Gefallen findet, wo aber Wichsell falsch ausgelegt wird.

Paul Krugman bemerkt dazu in seinem Blog, dass es bei Whites Analyse um einen verzweifelten Versuch handelt, aus irgendeinem Grund trotz einer zutiefst angeschlagenen Wirtschaft (Depression) und in Abwesenheit eines offensichtlichen Preisdrucks eine Erhöhung der Zinsen aufzufordern.

Wie erklärt sich aber die Verzweiflung? Es gibt Zentralbanker, die die Idee der lockeren Geldpolitik (easy money) verabscheuen. Und der Wunsch, die Zinsen zu erhöhen, ist eng mit politischen Rechten verbunden, argumentiert Krugman. Kein Wunder also, dass Ferguson die zitierte Forschungsarbeit gut findet. Das Ganze hält sich aber nicht zusammen. Denn wie DeLong schreibt, ist es nicht angemessen, Knut Wichsell heranzuziehen, um den Ruf nach einer Zinserhöhung zu rechtfertigen.

Wichsell war ein pro-Keynes Makro-Theoretiker, der einen Weg aufgezeigt hat, wie über Booms und Einbrüche in Bezug auf die Differenz zwischen dem Marktzins und dem „natürlichen“ Zins, wo die geplanten Ersparnisse und geplanten Investitionen bei Vollbeschäftigung übereinstimmen, nachzudenken ist. Es kommt zu einem Boom, wenn der Marktzins unter dem „natürlichen“ Zins liegt, und es kommt zu einem Einbruch, wenn das Gegenteil der Fall ist.

Das ist eigentlich eine Sicht, die mit der IS-LM-Analyse im Einklang steht, legt Krugman dar und deutet auf die folgende Abbildung hin.


r: Zinssatz, S: Ersparnisse, I: Investitionen

Dienstag, 4. September 2012

Welche „Währungskriege“?


Fred Bergsten und Joseph Gagnon schreiben in einem Artikel (“Time for a fightback in the currency wars”) in FT, dass die am häufigsten übersehene Ursache der Konjunkturschwäche in den USA und Europa die “globalen Währungskriege” (global currency wars) sind. Würden alle Interventionen am Devisenmarkt aufhören, würde sich das Handelsbilanzdefizit der USA nach Schätzung der Autoren um 150 bis 300 Mrd. $ verringern, was 1 bis 2% des BIP entspricht.

Die Autoren, die beim Peterson Institute for International Economics tätig sind, bezeichnen China als bei weitem den grössten „Währung-Aggressor“ (currency aggressor). Bergsten und Gagnon unterscheiden drei Gruppen: (1) China und andere asiatische Länder wie z.B. Japan, Singapur, Taiwan, Korea, Hongkong, Thailand und Malaysia, (2) die bedeutenden Ölexporteure wie z.B. die Vereinigte Arabische Emirate, Russland, Norwegen, Saudi-Arabien, Kuwait und Algerien, und (3) die reichen Länder, die in der Nähe der Eurozone sind,  wie z.B. Schweiz, Dänemark und Israel.

Die genannten Länder werden laut Autoren durch schnell wachsende Fremdwährungsreserven und erhebliche Leistungsbilanzüberschüsse gekennzeichnet. Die Länder kaufen US-Dollar und Euro, um die eigene Währung abzuwerten und das eigene Exportgeschäft zu fördern. Dadurch werden die Ausfuhren subventioniert und die Einfuhren besteuert, argumentieren die Autoren weiter. „Diese Taktik exportiere Arbeitslosigkeit an den Rest der Welt“, behaupten Bergsten und Gagnon.

Auf die Kritik, dass die USA die Währungskriege durch ihre unkonventionelle Geldpolitik (genannt QE: quantitative easing) anheizen, antworten die Autoren, dass die US-Initiative ausschliesslich in US-Dollar stattfinde und Konsum und Investitionen in den USA ankurbeln wolle. Jede Auswirkung auf den Wechselkurs sei zweitrangig.

Wie „Draghi-Put“ im Euro-Anleihemarkt aussieht?


Das anstehende EZB-Treffen am 6. September ist das Thema der Woche. Der Optimismus, wonach die EZB endlich beginnen würde, wie eine Zentralbank zu agieren, reflektiert sich bereits in den Kursen der Staatspapiere am Anleihemarkt.

Da Mario Draghi zuletzt am Montag vor dem Finanzausschuss des Europäischen Parlaments den „Kauf von Anleihen“ im Euro-Raum verteidigt hat, steigt die Erwartung, dass der EZB-Präsident am Donnerstag ein neues Kaufprogramm für Staatspapiere aus der EU-Peripherie ankündigen werde.

Vor diesem Hintergrund sind die Renditen am kurzen Ende in den vergangenen Wochen deutlich schneller gefallen als die am langen Ende der Ertragskurve.


Rendite der italienischen (gelb) und spanischen (blau) Staatsanleihen mit 2 bzw. 10 Jahren Laufzeit, Graph: Morgan Stanley

Schweizer Wirtschaft schrumpft


Das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) hat im zweiten Quartal gegenüber dem ersten Quartal 2012 um 0,1% abgenommen, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) heute morgen mitgeteilt hat.

Die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung ist auf den Rückgang der Ausfuhren (Waren: -0,7% und Dienstleistungen: -0,9%) zurückzuführen. Der private Verbrauch (+0,3%) und der öffentliche Sektor (+1,0%) trugen positive Impulse bei. Die Anlageinvestitionen sind im zweiten Quartal stagniert (0,0%). Im Vergleich zum zweiten Quartal 2011 ergibt sich ein BIP-Wachstum von 0,5%.

Die Inlandnachfrage ist um 0,2% geschrumpft. Bemerkenswert ist der Verlauf der Warenexporte: Ausfuhren von Chemikalien und verwandten Erzeugnissen wie auch von Maschinen, Apparate und Elektronik haben sich zurückgebildet. Einzig die Ausfuhren der Präzisionsinstrumente und Uhren verzeichneten positive Wachstumsraten.


Schweizer Wirtschaftsleistung (BIP), Graph: das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO)

Montag, 3. September 2012

Herausforderungen für die Schweiz als Finanzplatz


Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hat heute in einem Referat in Zürich zum Thema „Herausforderungen für die Schweiz als Finanzplatz“ Stellung genommen.

Jordan sieht diverse Herausforderungen, die von der Schweizer Finanzindustrie bewältigt werden müssen: (1) wealth management, (2) residential mortgages und (3) regulatory measures („too-big-to-fail“-Problematik).

Ad 1) Vermögensverwaltung: (a) Die Erträge stehen weiterhin unter Druck. (b) Der Wettbewerb verschärft sich und (c) Banken müssen internationale Standards umsetzen.

Ad 2) Ungleichgewichte im Markt für Wohnliegenschaften: Da die Wohnliegenschaften rund 70% der Vermögenswerte der inländischen Banken ausmachen, müssen die Risiken hierbei genau beobachtet werden. Es gibt derzeit Anzeichen von Überbewertung in einigen Regionen wie Genf, Zürich und Zug. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass die Banken gut-kapitalisiert sind und umsichtige Kredit-Standards verwenden.

Ad 3) Die systemrelevanten Banken: Die Banken  müssen sich auf die neuen aufsichtsrechtlichen Anforderungen, die sich auf die „too-big-to-fail“-Problematik beziehen, einstellen. Die grossen Banken genossen in der Vergangenheit eine implizite Staatsgarantie, was dazu führte, dass die Finanzierungskosten für die betroffenen Banken gesunken sind. 

Darüber hinaus kam es aber zu weiteren Störungen in den Bereichen „leverage“ (Fremkapital-Einsatz), übermässige Risikobereitschaft und Vergütung. Mit einer Reihe von Massnahmen müssen diese Probleme angegangen werden, wie z.B. neue Eigenkapitalanforderungen, recovery plans und organisatorische Massnahmen.

Republikaner mit Rosie Ruiz Manieren


Paul Krugman befasst sich in seiner lesenswerten Kolumne („Rosie Luiz Republicans„) am Montag in NY Times mit der bevorstehenden Präsidentschaftswahl in den USA und worum es im Kern geht.

Krugman erinnert vor diesem Hintergrund an Rosie Ruiz. 1980 war sie die erste Frau, die durch die Ziellinie beim Boston-Marathon kam. Es hat sich später herausgestellt, dass sie das ganze Rennen tatsächlich nicht gelaufen ist. Ruiz hat sich auf der Strecke eine Meile vor dem Ende einfach hinein geschlichen. Seither symbolisiert sie eine besondere Art von Betrug, wo die Menschen sich rühmen, etwas erreicht zu haben, was sie aber in der Tat nicht haben.

Und dieser Tage ist Paul Ryan die Rosie Ruiz der amerikanischen Politik, beschreibt Krugman. Es wäre auch ein angemessener Vergleich, noch bevor die kuriose Geschichte über Ryans eigenen Marathon ans Licht kam. Ryan hat damit geprahlt, dass er einmal einen Marathon in weniger als drei Stunden gelaufen sei. Es hat sich letztendlich herausgestellt, dass seine Zeit tatsächlich mehr als vier Stunden betrug.

Ryan hat versucht, das Ganze als einen einfachen Fehler mit einem Lachen abzutun. Der Unterschied zwischen unter 3 Stunden und über 4 stunden ist nicht etwas, was ein Läufer einfach so falsch handhaben kann, es sei denn, er ist ein Fabeldichter, der sich seine eigene Realität ausmalt.

Was diesen Vorfall so bemerkenswert macht, ist die Art der Resonanz mit dem Rosie-Ruizness der ganzen politischen Persona von Mr. Ryan, welche auf grosse Prahlerei aufbaut, über hervorrangende Leistungen, die er nicht erzielt hat.