Der US-Haushalt im Notstand. Die konservative Graswurzelbewegung erhöht den Druck auf die Republikaner, keinem Kompromiss mit den Demokraten zuzustimmen. John Boehner, der Sprecher des Repräsentantenhauses fordert von der Obama-Regierung die Einleitung von drastischen Sparmassnahmen. Eine gute Stunde vor der Deadline wurde in der Nacht auf Samstag eine Einigung erzielt, um die Schliessung der Behörden zu verhindern. Die beiden Kontrahenten verständigten sich auf Kürzungen von 38 Mrd. $ im Haushalt von 2011. Die endgütige Abstimmung über den laufenden Etat soll allerdings am Donnerstag stattfinden. Die Republikaner wollen u.a. die Zuständigkeit der Umweltbehörde EPA einschränken und die staatlichen Mittel für die Organisation Planned Parenthood streichen, die arme Familien bei der Familienplanung unterstützt. Was bedeutet aber ein Stillstand (shutdown) der Regierungstätigkeit für die Wall Street?
Samstag, 9. April 2011
Freitag, 8. April 2011
EZB und vor allen Dingen Deutschland
Die EZB hat am 7. April trotz anhaltend hoher Arbeitslosigkeit die Zinsen erhöht. Was hält Paul Krugman davon? (1) Die Zahlen in der Eurozone sehen insgesamt ähnlich wie die der USA aus, bemerkt der Träger des Wirtschaftsnobelpreises (2008) in seinem Blog: Es gibt einen Ausrutscher der allgemeinen Inflation (headline inflation) angesichts der Rohstoffpreise. Aber die Kerninflation (core inflation) ist niedrig. Und es gibt keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale, hält Krugman fest. Die selben Argumente für die Fortsetzung der lockeren Geldpolitik der Fed gelten also auch für die EZB. Die EZB ist nicht schlau. Sie erhöht die Zinsen, auch wenn sie offiziell anerkennt, dass der Anstieg der allgemeinen Inflation (headline inflation) wahrscheinlich nur vorübergehend ist. (2) Es gibt einen anderen EU-spezifischen Aspekt der Geschichte. Krugman liefert dazu die folgende Abbildung von Paul Mason
EU Lohnstückkosten, Graph: Paul Mason via Paul Krugman
Portugal und Irland: Rendite Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit
Die Zinserhöhung der EZB trifft die EU-Staaten an der Peripherie hart. Die Finanzierungskosten werden jetzt deutlich zunehmen. Da die meisten bestehenden Immobilienkredite in Irland (zu zwei Drittel), Portugal (zu fast 100%) und Spanien (zu 90%) zu variablen Zinsen vereinbart werden, werden sich jetzt die Kreditzinsen verteuern. Ein um 0,75% höherer Zins bedeutet für einen Haushalt mit einem Kredit von 200'000 Euro eine zusätzliche Belastung von 125 Euro im Monat, berechnet faz.
Rendite Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit (Irland und Portugal), Graph: Laurence Mutkin, Morgan Stanley
Wie viel der Schutz von Wall Street Bonzen kostet
Wall Street Bonzen sind nie ohne Chauffeur und bullige Bodyguards unterwegs. Viele Chefs haben auch in ihren Villen Sicherheitssysteme. Es handelt sich dabei um Standardkosten zu Lasten der Aktionäre. Vor dem Beginn der Berichtssaison an der Wall Street wagt Deal Journal, wsj einen Einblick in die regulatorischen Einträge der börsenkotierten Unternehmen, um Einzelheiten über die Kosten der Schutzmassnahmen zu Gunsten der hohen Tiere zu ermitteln. Die Kosten bestehen i.d.R. aus dem privaten Gebrauch der von Unternehmen bezahlten Autos, Fahrer, Home Security und ähnlichen Posten, die bei der Börsenaufsicht (SEC ) angemeldet werden. Hier sind die Ergebnisse (2010):
Jamie Dimon, J.P. Morgan: 62'782 $
Die Kosten umfassen die Mietkosten des von Dimon persönlich benutzten Autos, Versicherungsprämien, geschätzte jährliche Wartung und Entschädigung des Fahrers von Dimon, einschliesslich Gehälter, Überstunden, Leistungen und Bonus.
US-Haushaltsdebatte: Rückkehr von Voodoo Economics
Nachdem die Republikaner im Repräsentantenhaus zu Beginn der Woche angeführt von Paul Ryan ihre Haushaltsvorschläge unterbreitet haben, zeigten sich viele Kommentatoren wie ohnmächtig. Ryan wurde mit Lob überschüttet. Sein Plan setze einen neuen Standard in Sachen fiskalpolitische Ernsthaftigkeit, hiess es. „Sie hätten abwarten sollen. Der Plan stellt sich für die GOP überhaupt nicht als ernst heraus. Es ist lächerlich und herzlos“, kommentiert Paul Krugman in seiner Freitagskolumne („Ludicrous and Cruel“) in NYT. Erstens fahren die Republikaner wieder auf Voodoo Economics ab, eine Behauptung, die durch die Erfahrung widerlegt wurde, dass Steuersenkungen sich selbst bezahlen. Zweitens, was die Ausgabenkürzungen betrifft: Wenn man das Gesundheitswesen für einen Moment auf der Seite lässt, plädiert der Haushaltsplan für Kürzungen der Ausgaben für andere Dinge als für die Soziale Sicherheit, Medicare und Medicaid, aber einschliesslich der Verteidigung auf 3,5% des BIP, also weniger als die USA derzeit für die Verteidigung ausgeben. Wie könnte eine solch drastische Schrumpfung des Staates überhaupt stattfinden, ohne wesentliche öffentliche Aufgaben lahmzulegen? Der Plan sagt dazu nichts, hält Krugman fest.
Donnerstag, 7. April 2011
EZB erhöht Leitzins auf 1,25 Prozent
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat heute den Schlüsselzins von 1,0 auf 1,25% erhöht, um nach eigenen Angaben den Anstieg der Energie- und Nahrungsmittelpreise zu bekämpfen. Die EU reagiert damit auf die Krise mit Zinserhöhung und rigorosen Sparmassnahmen, anstatt ein Investitionsprogramm für z.B. die Infrastruktur zu präsentieren, um die Nachfrage anzukurbeln. Die Zinserhöhung wird nun die Investitionensausgaben und die Ausfuhren nach unten drücken. Das reale BIP wird sinken. Die hochverschuldeten EU-Länder an der Peripherie, wo seit geraumer Zeit die Arbeitslosigkeit steigt und die Immobilienpreise sinken, werden stärker betroffen sein als die Kern-EU. Die höheren Zinsen bedeuten für die angeschlagenen Peripherie-Staaten eine Kontraktion der Wirtschaft und ein Anziehen der Deflationsspirale. Die Frage ist daher, wie die ambitionierten Haushaltsziele angesichts der schwächer werdenden Wachstumsaussichten nun erreicht werden sollen?
Euroland, allgemeine Inflation und Kerninflation, Graph: Elga Bartsch, Morgan Stanley
Finanzsektor ist zu gross
Die Idee, dass ein gut funktionierendes Finanzsystem eine wesentliche Rolle bei der Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung spielt, geht bis auf Bagehot (1873) und Schumpeter (1911) zurück, schreiben Jean-Louis Arcand, Enrico Berkes und Ugo Panizza in einem interessanten Essay („Too much finance?“) in voxeu. Die aktuelle Krise hat jedoch Bedenken aufkommen lassen, dass einige Länder Finanzsysteme haben, die im Vergleich zur Grösse der heimischen Wirtschaft „zu gross“ sind. Martin Wolf weist darauf hin, dass der US-Finanzsektor in den letzten drei Jahrzehnten sechsmal schneller gewachsen ist als das nominal BIP. Er argumentiert, dass mit einer Situation, in der das Finanzwesen Gebieter der Wirtschaft geworden ist als Diener, etwas nicht stimmen kann. Dani Rodrik fragt, ob es Anhaltspunkte gibt, dass finanzielle Innovation unser Leben „messbar und eindeutig besser“ gemacht hat. Die Idee, dass es einen Schwellenwert gibt, ab dem die finanzielle Entwicklung negative soziale Renditen abwirft, ist nicht neu. Minsky (1974) und Kindleberger (1978) haben in mehreren Forschungsstudien den Zusammenhang zwischen finanzieller und makroökonomischer Volatilität hervorgehoben.
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