Samstag, 5. Juli 2014

Ist der Euro-Raum unter Risiko von säkularer Stagnation?

Zur Jahreshälfte steht fest, dass es der europäischen Wirtschaft nicht gelingt, an Momentum zu gewinnen. Die Inflation ist immer noch unangenehm niedrig. Und wie es aussieht, dürfte sie im dritten Quartal weiter fallen.

Die Kreditvergabe durch die Banken ist weiterhin rückgängig, auch wenn an einigen Stellen neue Kredite vergeben werden. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf hohem Niveau.



Droht Europa säkulare Stagnation?, Graph: Morgan Stanley

Freitag, 4. Juli 2014

Zusammenbruch der öffentlichen Investitionen als politische Entscheidung

Man trifft heutzutage oft Leute, die über wirtschaftliche Probleme reden, als ob sie kompliziert und geheimnisvoll und ohne offensichtliche Lösung, schreibt Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne („Build we won’t“) am Freitag in NYTimes.

Die grundlegende Geschichte darüber, was schief gegangen ist, ist in der Tat fast lächerlich einfach: Wie hatten eine immense Immobilienblase und das Platzen der Blase hat ein riesiges Loch in Ausgaben hinterlassen. Alles andere sind Fussnoten, hebt der am Graduierten Zentrum der City University of New York (CUNY) lehrende Wirtschaftsprofessor hervor.

Und die entsprechende politische Reaktion war auch einfach: Füllen des Lochs in der Nachfrage. Insbesondere waren (und sind) die Nachwirkungen der platzenden Blase eine sehr gute Zeit, in Infrastruktur zu investieren.

Seit 2008 herrscht in der amerikanischen Wirtschaft hohe Arbeitslosigkeit. Und das Kapital findet keinen Ort hinzugehen, weshalb die Finanzierungskosten für die öffentliche Hand so historisch niedrig sind. Die brachliegenden Ressourcen für nützliche Dinge anzukurbeln, sollte eigentlich ein einfach lösbares Problem.

Was aber wirklich passiert war genau das Gegenteil: Ein beispielloser Absturz der Ausgaben für Infrastruktur. Politisch ausgedrückt bedeutet das eine fast surreal schrecklich falsche Wendung. Wir haben es geschafft, die Wirtschaft kurzfristig zu schwächen wie wir die Aussichten auf lange Sicht zu untergraben, legt Krugman dar.



Öffentliche Anlageinvestitionen in den USA, Graph: Prof. Paul Krugman

Mittwoch, 2. Juli 2014

EZB, SNB und Schweizer Franken

Die EZB hat am 5. Juni 2014 einen Negativzinssatz (-0,10%) für die Einlagefazilität eingeführt.

Die SNB hat am 19. Juni 2014 bekräftigt, unverändert am Mindestkurs von 1,20 CHF pro EUR festzuhalten. Der Franken ist nach wie vor hoch bewertet, unterstrich Thomas Jordan, SNB-Präsident.

Die SNB wird den (im September 2011 eingeführten) Mindestkurs weiterhin mit aller Konsequenz durchsetzen. Zu diesem Zweck ist sie bereit, wenn nötig unbeschränkt Devisen zu kaufen und bei Bedarf weitere Massnahmen zu ergreifen, hiess es auf der Pressemitteilung.

Damit hat die SNB klar kommuniziert, dass sie auf Kurs bleibt:

Die Zinsen wurden das 12. Quartal in Folge unverändert gelassen. Die SNB hat aber am 19. Juni die Inflationsprognose für 2015 (auf 0,3%) und 2015 (auf 0,9%) nach unten korrigiert. Die Prognose beruht auf einem 3-Monats-Libor von 0% über die nächsten drei Jahre. Für die Schweiz besteht damit auf absehbare Zeit weiterhin keine Inflationsrisiken, so die SNB.

Die Niedriginflation stellt für die Schweizer Wirtschaft daher nach wie vor das grösste Risiko dar. Wenn das Land wieder in Deflation geriete, müsste mit weiteren Aktionen durch die SNB gerechnet werden.



Prognosen für den EUR/CHF Wechselkurs, Graph: Morgan Stanley

BIZ-Bericht und Sadomonetarismus

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS: Bank for Internatinal Settlements) mit Sitz in Basel argumentiert seit zumindest 2010 für die Erhöhung der Zinsen in den grössten Volkswirtschaften der Welt.

Im vor drei Tagen vorgelegten Jahresbericht (84th BIS Annual Report) schreibt die Internationale Organisation des Finanzwesens (öfters als die Zentralbank der Zentralbanken genannt) erneut, dass die wichtigsten Zentralbanken kurzfristige Ziele verfolgen, sich auf temporäre Vorteile konzentrieren und damit längerfristige Kosten ignorieren.

Man kann sagen: Immer dieselbe Leier. Denn die Protagonisten von BIS setzen sich trotz der schwachen Entwicklung der Wirtschaft für die Politik der Geldverknappung (tight money). Begründung: Aufgrund der Nullzinsgrenze (zero lower bound) ist die Geldpolitik in ihrer Wirksamkeit eingeschränkt. Und deshalb werde die Finanzstabilität gefährdet. Das Risiko der finanziellen Instabilität sei nicht annehmbar.

Ist das eine ketzerische Stimme, wie The Economist meint oder eine Dreistigkeit, ja sogar Unverfrorenheit, wie Simon Wren-Lewis unterstreicht?


Leitzinsen in den USA, der EU und Japan, Graph: BIS Jahresbericht 2014

Dienstag, 1. Juli 2014

Wie Verbriefung wirklich funktioniert

Der Erfolg der Verbriefung in den USA (als Alternative zur Finanzierung via Bank) ist ein Schlüsselfaktor, der hinter den aktuellen Bemühungen der EZB steht, auch in Europa auf die Verbriefung zu setzen, schreiben Stephen G. Cecchetti und Kermit L. Schoenholtz in einem lesenswerten Artikel.

Weil das Finanzwesen in Europa überwiegend auf Banken beruht, und Banken sich gegenüber erhöhten Eigenkapitalanforderungen gestellt sehen, sind Regierungen und potenzielle Kreditnehmer bestrebt, zumindest einen Teil der Finanzierung in die Kapitalmärkte (einschliesslich Anleihen und Aktien) zu verlagern.

Nachahmung Amerikas Erfahrung mit Verbriefung bedeutet staatliche Garantien im Ausmass, das sich Menschen derzeit nicht vorstellen können, ergänzen die Autoren.

Um zu sehen, was damit gemeint ist, deuten Cecchetti und Schoenholtz auf ein paar Zahlen über Verbriefungen in Amerika hin. Laut Fed (flow of funds statistics) belief sich der Wert der Verbriefungen insgesamt auf 9‘360 Milliarden per Ende März 2014. Die staatlich gestützten Verbriefungen ( Hypotheken und Studiendarlehen) machen davon  7‘721 Milliarden aus.

Montag, 30. Juni 2014

Scharlatane, Sonderlinge und Magie der Steuersenkungen

Kansas hat sich vor zwei Jahren fiskalpolitisch auf ein bemerkenswertes Experiment eingelassen, beschreibt Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne („Charlatans, Cranks and Kansas“) am Montag in NYTimes: Ertragsteuer wurden stark gekürzt, ohne klare Vorstellung davon, wie die entgangenen Einnahmen ersetzt würden.

Sam Brownback, der Gouverneur hat das Gesetz (prozentual die grösste Steuersenkung in einem Jahr, die ein Bundesstaat jemals in Kraft gesetzt hat) in enger Absprache mit dem Ökonomen Arthur Laffer verabschiedet. Und Brownback hat vorausgesagt, dass die Kürzungen dem konjunkturellen Aufschwung der Wirtschaft Starthilfe geben würden.

Kansas‘ Wirtschaft boomt aber nicht. In der Tat hinkt seine Wirtschaft den benachbarten Bundesstaaten und Amerika als Ganzes nach. In der Zwischenzeit ist der Haushalt von Kansas tief ins Defizit gestürzt, was wegen der Verschuldung eine Herabstufung durch Moody’s provoziert, argumentiert Krugman.

Es gibt hier eine wichtige Lektion, so der am Graduierten Zentrum der City University of New York (CUNY) forschende Wirtschaftsprofessor. Nicht, was Sie denken. Ja, Kansas‘ Debakel zeigt, dass Steuersenkungen keine magischen Kräfte entfalten. Aber das wussten wir ja bereits. Die wirkliche Lektion von Kansas ist die unsterbliche Kraft von schlechten Ideen, solange diese Ideen die Interessen von richtigen Leuten vertreten.

Sonntag, 29. Juni 2014

Europas wahnsinniges Projekt: Austerität

Die EU-Bürokraten, die die Unterschrift unter dem Stabilitäts- und Wachstumspakt tragen, behaupten bekanntlich, dass die Staatsausgaben (austerity) gekürzt werden müssen, um die EU aus der Krise zu führen, weil es keine andere Möglichkeit gibt.

Begründung: Die Krise ist durch unverantwortliche Haushaltsführung (*) zustande gekommen. Die Antwort darauf sei Haushaltskonsolidierung (fiscal consolidation)

Steve Keen hält entgegen. Der an der University of Western, Sydney lehrende Wirtschaftsprofessor vertritt in einem lesenswerten Artikel („Why Europe’s austerity experiment is doomed to fail“) die Ansicht, dass es v.a. auf die private Verschuldung ankommt.

Es sei die Dynamik der Verschuldung des Privatsektors, die die Volkswirtschaft treibt. Die öffentliche Austeritätspolitik hingegen sei zum Scheitern verurteilt, weil die harschen Sparmassnahmen den Privatsektor zum anhaltenden Schuldenabbau (deleveraging) zwingen.

Das von der EU auferlegte Sparprogramm sei dafür verantwortlich, warum Griechenland und Spanien heute eine Great Depression erleben. Es sei ein klassisches Eigentor der von der Mainstream-Ökonomie besessenen Bürokraten in Brüssel, so der australische Experte für die Debt-Deflation-Problematik.

Fazit: Sparen die privaten Haushalte, steigt die Schuldenquote. Die Wirtschaft schrumpft mehr das Haushaltsdefizit.


Staatsverschuldung (im Verhältnis zum Volkseinkommen) der USA und Griechenland im Vergleich, Graph: Prof. Steve Keen