Dienstag, 20. März 2012

Griechenland: Staatsanleihen und Restwert

Gestern ging es in Sachen Griechenland um die Frage, was die Staatsanleihen des Landes nach dem Schuldenschnitt wert sind und wie die Entschädigung aussieht.

Auf einer (zweistufigen) Auktion, die die ISDA (International Swaps & Derivatives Association) für die CDS von netto 3,2 Mrd. Euro organisiert hat, wurde für die Staatsanleihen Griechenlands, die ausgefallen sind, ein Recovery-Rate (Rückzahlungsquote) von 21,75 Cents je Euro festgelegt. Das bedeutet, dass die Anleihen 78,25% an Wert verlieren.

Die Teilnehmer auf der Versteigerung geben in einem ersten Schritt Preise (Standardbetrag: 5 Mio. Euro) an, zu denen sie den Rest der griechischen Staatspapiere kaufen oder verkaufen wollen.

Da sich hierbei ein Net Open Interest (Summe aller offenen Positionen zum Verkauf) von 291,6 Mio. Euro ergeben hat, ist aufgrund des Angebotsüberhangs anzunehmen, dass die Teilnehmer Greek Bonds eher verkaufen als kaufen wollen.

In einem zweiten Schritt legen die Teilnehmer aufgrund dieses vorläufig festgelegten Recovery-Werts (siehe auch hier) limitierte Kaufgebote für die Summe von 291,6 Mio. Euro ein. Dann wird der endgültige Restwert berechnet.

Dieses Verfahren wird technisch als „Big Bang Protocol“ (siehe hier) bezeichnet.


Recovery Rate Mechanics, Graph: FT Alphaville

Montag, 19. März 2012

Europas Depressionen

Paul Krugman vergleicht in seinem Blog anhand einer bemerkenswerten Abbildung die Erholung der Industrieproduktion im Anschluss der Depression nach 1929 und der Kleinen Depression nach 2007.

Die Erholung der Wirtschaft, die mittlerweile wieder ins Stocken gekommen ist, sieht zwar heute besser aus, aber nicht so gut, wie man hätte erwarten sollen.


Europas zwei Depressionen, Graph: Prof. Paul Krugman

Freigabe von Teilen der strategischen Ölreserven

Es gibt Gerüchte, wonach die USA und Grossbritannien sich angeblich auf die Freigabe ihrer strategischen Ölreserven (SPR) geeinigt hätten. Was ist davon zu halten?

James Hamilton befasst sich in seinem Blog mit dieser Frage und stellt fest, dass sich das, was wir im Vorjahr erlebt haben, wiederholt.

Die IEA (Internationale  Energieagentur) hatte am 23. Juni 2011 angekündigt, dass die OECD-Länder 60 Mio. Barrel aus ihren gemeinsamen Beständen freigeben würden, wobei die Hälfte davon aus den USA (Strategic Petroleum Reserve) stammen würde.

Es kam zu einem bescheidenen Rückgang der Ölpreise am Tag der Ankündigung der Botschaft, obwohl der Preis sich innerhalb von zwei Wochen wieder nach oben bewogen hatte, wo es vor der Ankündigung gewesen ist.

Der Ölpreis ging später im Sommer zurück, auch wenn dies auf die sich verschlechternden Konjunktur-Daten aus Europa, und nicht auf die SPR-Freisetzung zurückzuführen ist.

Zum Beispiel ging der Preisrückgang (WTI) mit einem Rückgang der sonstigen finanziellen Indikatoren wie beispielsweise dem des S&P-500 Index einher.


Ölpreis: Brent versus WTI, in US-Dollar, Graph: Prof. James Hamilton

Geld- und fiskalpolitische Lücke

Die schwache Performance der Wirtschaft in den vergangenen Jahren lässt sich an der wachsenden Lücke zwischen dem realen BIP-Wachstum und dem langfristigen Potenzialwachstum der Wirtschaftsleistung ablesen.

Die Fed versucht mit der mengenmässigen Lockerung der Geldpolitik, die Wirtschaft über fallende Nominalzinsen anzukurbeln.

Mark Thoma befasst sich in seinem Blog mit der Frage, in wiefern der gegenwärtige Abschwung der Wirtschaft temporäre zyklische Schwankungen darstellt und wie viel davon eine dauerhafte Senkung der Produktionslesitung (productive capacity) bedeutet.

Wenn der Abschwung zumeist temporärer Natur ist, dann dürfte die Wirtschaft wieder auf den alten Wachstumspfand (output trend line) zurückkommen.

Es würde wie folgt aussehen:


Produktionslücke (output gap), Graph: Prof. Mark Thoma

Sonntag, 18. März 2012

Argument für mehr Fiskal-Stimulus

Mark Thoma denkt nicht, dass Steuersenkungen sich auszahlen. Deswegen argumentiert der an der University of Oregon lehrende Wirtschaftsprofessor nicht gern, dass die „Staatsausgaben sich auszahlen“, wenn er eine Erhöhung der Staatsausgaben befürwortet, um die angeschlagene Wirtschaft anzukurbeln.

Es sieht zwar so aus, wie wenn sich die Steuersenkungen ausgleichen würden, aber nicht gross, d.h., dass die Steuersenkungen das Haushaltsdefizit netto etwas erhöhen, und zwar so, dass die Steuereinnahmen einer grosszügigen Einschätzung nach pro Dollar um 10 bis 15 Cents fallen.

Es ist theoretisch möglich, dass eine Senkung der Steuern sich auszahlt, aber die empirische Evidenz fehlt einfach, hebt Thoma in seinem Blog hervor.

Die Menschen, die zugunsten der Staatsausgaben argumentieren, weisen sorgfältig darauf hin, dass es nur gilt, wenn die Wirtschaft deprimiert (depressed economy) ist und dass die Staatsausgaben sich auf lange Sicht auszahlen, eine sicherlich theoretische Möglichkeit ist. Und die Vorgänge in Europa sind suggestiv, dass eine sorgfältige empirische Untersuchung die Behauptung unterstützen würde, dass das Gegenteil, d.h. eine Sparpolitik (fiscal austerity) das langfristige Haushaltsbild in einem deprimierten Umfeld der Wirtschaft verschlimmern würde.

Die Frage, die sich laut Thoma stellt, ist, ob die Staatsausgaben netto mehr Vorteile als Nachteile generieren. Er habe keinen Zweifel, dass eine Erhöhung der Staatsausgaben von Vorteil wäre. Das ist auch die Schlussfolgerung, die Paul Krugman zieht.

Samstag, 17. März 2012

Können Europäer nicht bloggen?

Im neu gestarteten Blog Bruegel wird bereits in der Überschrift die Ansicht verkündet, dass Europäer nicht bloggen können.

Der Titel ist eigentlich eine Anlehnung an einen sehr schönen Film „White Men Can‘t Jump“ (1992), mit Wesley Snipes und Woody Harrelson in der Hauptrolle. Leute wie meine Wenigkeit, die gern Street Basketball spielen, sehen sich solche Filme natürlich gern an.

Jedenfalls behaupten die Autoren des neuen Blogs, dass die Online-Debatte über die europäische wirtschaftliche Fragen zumeist in den amerikanischen Blogs erfolge. Ein paar europäische Blogs tragen zwar dazu bei, aber die europäische Blogosphäre liege weit hinter der amerikanischen, was die Qualität und Dichte der Diskussionen betreffe.

Europäische Blogs sind immer noch viel „unverbunden“ (unconnected). Das heisst, dass sie weit weniger Hyperlinks verwenden als ihre amerikanischen Kollegen oder sie tun es in einer Art und Weise, dass keine Zwei-Wege-Debatte entsteht. Es mangelt m.a.W. an einem lebendigen Ökosystem in Sachen Austausch und Diskussion.

Das trifft wirklich zu, wenn ich hinzufügen darf.

Von den meisten führenden europäischen Blogs werden nur 1 von 5 an andere Online-Inhalte verknüpft. Das ist ziemlich auffällig. Aber es hat damit zu tun, wie die Europäer bloggen, d.h. nur ein anderes Medium, nicht aber ein interaktives, heisst es in Bruegel weiter.

Reiche werden im Anschluss der Krise reicher

Die seit vier Jahren anhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise ist ohne Zweifel vergleichbar mit der Grossen Depression 1929/30. Kein Wunder, dass Paul Krugman heute von Depression Economics redet.

David Cay Johnston stellt in einem lesenswerten Artikel („The richest get richer“)  in Reuters die Nachwehen der Grossen Rezession und der Grossen Depression gegenüber und eruiert stark verschiedene Änderungen in Bezug auf das Einkommen, was über die gegenwärtige Steuer- und Wirtschaftspolitik viel zum Vorschein bringt.

Die konjunkturelle Erholung 1934 war weitesgehend gemeinsam getragen, mit starken Einkommenszuwächsen für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, der unteren 90 Prozent.

Im Jahre 2010 sahen wir das Gegenteil, da die grosse Mehrheit an Boden verloren hat.

Das Volkseinkommen ist im Jahr 2010 insgesamt gestiegen. Aber die Ausbeute entfiel auf die besten 10 Prozent. Selbst innerhalb dieser 15,6 Millionen Haushalte war der Wertzuwachs ausserordentlich unten den Superreichen , dem obersten 1 Prozent des obersten 1 Prozent konzentriert, erläutert Johnston.

Die unterschiedlichen Ergebnisse 1934 und 2012 zeigen, wie eine grosse Veränderung der Wirtschaftspolitik die überwiegende Mehrheit beeinträchtigt und den Superreichen zu Gute kommt.