Dienstag, 19. November 2013

Abenomics gegen Deflationsgespenst

Japans Verbraucherpreise steigen wieder. Die japanische Regierung scheint bei der Bekämpfung der Deflation voranzukommen. Der langanhaltende Preisverfall ist allem Anschein nach gestoppt worden.





Japan: Verbraucherpreise (CPI), Graph: Morgan Stanley

Montag, 18. November 2013

Wettbewerb ist kein Strassenkampf

Die Finanzkrise, die die Great Recession ausgelöst hat, ist per Definition vor vier Jahren zu Ende gegangen. Dennoch bleibt die Depression auf beiden Seiten des Atlantiks bestehen, mit schweren Folgen für Millionen von Menschen.

Die makrokonomischen Ungleichgewichte rücken vor diesem Hintergrund immer mehr ins Zentrum der öffentlichen Debatte. Die anhaltend hohen Leistungsbilanzüberschüsse Deutschland stehen besonders geprägt in der Kritik. Die EU-Kommission hat inzwischen sogar eine Prüfung der deutschen Aussenhandelspolitik angekündigt.

Deutschland reagiert auf die Kritik aus dem Ausland empört, zumal Berlin wegen der Abhör-Affäre im Vorfeld bereits gereizt war. „Wir sind ein starkes Exportland und stolz darauf“, antworten Politiker darauf. Der Sachverständigenrat nimmt zum Leistungsbilanzsaldo im Gutachen vom 13. November 2013 nicht einmal direkt Stellung.

Die Bundesregierung hat bereits im November 2011 die EU-Kommission aufgefordert, bei der Beurteilung von makroökonomischen Ungleichgewichten die Überschussländer zu ignorieren. Begründung: Der Rest der Eurozone soll seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Das ist aber nicht möglich, weil Wettbewerbsfähigkeit ein relatives Konzept ist. Die Ausgaben des einen sind die Einahmen des anderen. Deutschland hat gewaltige Überschüsse und die Peripherie gewaltige Defizite. Das kann nicht funktionieren.

Ist langanhaltende Stagnation neue Normalität?

„Normalisierung“ ist das Wort, das die geldpolitischen Entscheidungsträger oft verwenden. Was ist aber, wenn die Welt, in der wir in den vergangenen fünf Jahren leben, die neue Normalität ist? Was ist, wenn die Depression-ähnlichen Bedingungen sich festfahren, nicht für ein oder zwei Jahre, sondern für Jahrzehnte?

Das ist die Frage, die Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne („A Permanent Slump?“) am Montag in NYTimes aufwirft.

Larry Summers hat auf der IWF Research Conference neulich auf die Gefahr einer „Japan-ähnlichen Generation von langanhaltender Stagnation“ hingedeutet.

Solche Überlegungen werden im Grunde genommen in erster Linie mit radikalen Randgruppen in Verbindung gebracht. Das Argument stammt aber von Summers. Wenn Summers damit Recht hat, dann liegen alle ansehliche Ökonomen falsch, was sie über die Wirtschaftspolitik sagen, unterstreicht Krugman bewundernd.

Wir haben eine Wirtschaft, wo der normale Zustand eine unzureichende Nachfrage ist, zumindest eine milde Depression und welche sich nur dann in Richtung Vollbeschäftigung nähert, wenn sie von Blasen getragen wird, so Krugman.

Warum? Eine Antwort lautet Verlangsamung des Bevölkerungswachstums. Eine wachsende Bevölkerung schafft Nachfrage nach neuen Häusern, neuen Bürogebäuden, und so weiter. Wenn das Wachstum abnimmt, fällt auch die Nachfrage zurück.

Ein weiterer wichtiger Faktor sind anhaltende Defizite im Aussenhandel, was sich in den 1980er Jahren einsetzte und seither schwankt, aber nie weggeht.



Verschuldung der privaten Haushalte (US) im Vergleich zum BIP, GraphProf. Paul Krugman

Samstag, 16. November 2013

No One’s World

Buchbesprechung:

Charles A. Kupchan: No One’s World. The West, the Rising Rest and the Coming Global Turn. Oxford University Press, Oxford, New York 2013.



2010 haben die Weltbank und der IWF sich einverstanden erklärt, das Stimmrecht der Entwicklungsländer in Asien, Afrika und Südamerika zu erhöhen. Eine Veränderung, die auf Kosten des entwickelten Westens zustande kam. Eine Mehrzahl der Experten ist sich mittlerweile einig, dass die Welt an der Schwelle zu einem Global Turn steht.

In den vergangenen 200 Jahren haben Europa und die USA die Natur der modernen Welt geprägt. Die westliche Vorrangstellung scheint aber inzwischen zu vergehen. Brasilien, China, Indien, die Türkei, um die meist zitierten Protagonisten zu nennen, erheben sich. Zum ersten Mal in der Geschichte entsteht eine unabhängige Welt ohne ein Zentrum als Anziehungskraft.

Das 21. Jahrhundert wird nicht den USA, China oder Asia gehören, sondern niemandem, schreibt Charles A. Kupchan in seinem neuen Buch. Eine globale Ordnung, wenn sie sich entwickelt, wird eine Mischung aus diversen politischen Kulturen und zueinander in Konkurrenz stehenden Konzeptionen von einheimischen und internationalen Ordnungen sein, argumentiert der an der Georgetown University lehrende Professor für internationale Beziehungen.

Der Autor verfolgt mit diesem Werk zwei Ziele: (1) ein analytisches Ziel, um die Ursachen und die Folgen der bevorstehenden globalen Wende (global turn) zu erkunden, und (2) ein verordnendes Ziel in Form eines Entwurfs, wie der Westen sich auf das 21. Jahrhundert einstellen kann.

Zunächst erklärt Kupchan, wie der Westen einem einzigartigen und bedingten Weg gefolgt ist: Der Haupttreiber des Aufstiegs des Westens war das sozioökonomische Ferment: Europa und Amerika haben gemeinsam eine politische Ordnung geschmiedet, die von den Grundsätzen wie „liberal democracy, industrial capitalism“ und „secular nationalism“ definiert war.

Freitag, 15. November 2013

Warum sind die Zinsen so tief?

Seitdem die EZB ihren Leitzins vergangene Woche auf 0,25% gesenkt hat, sind die niedrigen Zinsen wieder in aller Munde. Das viel zu billige Geld als Stein des Anstosses. Alle schimpfen auf die Billigzinsen. Öfters ist sogar von „Enteignung“ und „Repressions“ die Rede. Die niedrigen Zinsen werden von einer Reihe von Experten längst als die Ursache der Finanzkrise ausgemacht.

Bereits im Fahrwasser der Finanzkrise von 2008 waren aber die kurzfristigen und langfristigen Zinsen in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften auf historisch niedrigem Niveau. In Folge der Finanzkrise und sich daraus ergebenden Folgen haben die Zentralbanken weltweit reagieren müssen: 

(1) mit Zinssenkungen und (2) mit unkonventionellen geldpolitischen Massnahmen.

Die Entwicklung der Zinsen hat aber nicht nur mit der Geldpolitik zu tun; sie reflektiert ökonomische und finanzielle Umstände, wie Jean-Pierre Danthine gestern in einem interessanten Referat („Ursachen und Folgen der tiefen Zinsen“) gestern erklärt hat.

Dahinter stehen laut dem Vizepräsidenten der SNB v.a. zwei Phänomene: (I) Der langanhaltende Abwärtstrend (secular) seit den 1980er Jahren und (II) Der zyklische Rückgang (cyclical) im Sog der Finanzkrise.

Der zyklische Rückgang hat wiederum in den vergangenen Jahren zu extrem niedrigen Zinsen geführt, wobei nicht nur die Geldpolitik, sondern auch die erhöhte Nachfrage nach sicheren Anlagen dazu beitrugen. Als Fazit lässt sich inzwischen festhalten, dass die Zinsen im Allgemeinen wirtschaftliche und finanzielle Verhältnisse und die Antwort der Geldpolitik darauf widerspiegeln.



Die tiefen Zinsen das Ergebnis eines langanhaltenden Abwärtstrends und der Rezession,  Graph: Jean-Pierre Danthine, SNB in: "Causes and consequences of low interest rates"

Euro zwischen Wut und Verachtung

Die neuen Daten zur Entwicklung der Konjunktur in Europa lassen viel zu wünschen übrig. Die Industrieproduktion im Euro-Raum ist im September um 0,5% gefallen. Das deutsche BIP ist im dritten Quartal um 0,3% gewachsen. Die Stagnation hält an. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf einem Rekordhoch.

Vor diesem Hintergrund schreibt Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne („The Money Trap“) am Freitag in NYTimes, dass die europäischen Behörden vor nicht lange her erklärten, dass der Kontinent über den Berg sei. Aber jetzt droht das Gespenst der Deflation über weite Strecken Europas. Und die EZB hat vergangene Woche die Zinsen gesenkt. Die Aktion macht bestenfalls nur einen marginalen Unterschied aus. Aber es ist dennoch ein Schritt in die richtige Richtung, hält Krugman fest.

Doch der Zinsschritt ist enorm umstritten. Und der Streit nimmt eine bedrohliche Form an, zumindest für alle, die sich an Europas schreckliche Geschichte erinnern.

Die Streitigkeiten über europäische Geldpolitik sind nicht nur eine Schlacht der Ideen, sondern sie klingen auch wie der Streit unter Nationen.

Zum Beispiel: Wer hat gegen die Zinssenkung gestimmt? Die beiden deutschen Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses der EZB, begleitet von Vertretern der niederländischen und der österreichischen Zentralbanken.

Wer hat sonst ausserhalb der EZB die Zinssenkung kritisiert? Deutsche Ökonomen greifen nicht nur die Substanz der zinspolitischen Massnahme der EZB an, sondern auch die Nationalität von Mario Draghi, dem Präsidenten der EZB, der ein Italiener ist.



Europa im Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung während der Great Depression in den 1930er Jahren und der Great Recession 2008- bis heute, GraphProf. Paul Krugman


Donnerstag, 14. November 2013

Eurozone im Gewand von Moralfabel

André Kühnlenz macht wie immer wieder eine kluge Beobachtung: Im aktuellen Finanzstabilitätsbericht der Bundesbank kommt das Wort „Staatsschuldenkrise“ ein einziges Mal vor. Im Vergleich 2012: 34x. Und mittlerweile reden die Verfasser des Berichtes korrekterweise von „Schuldenkrise“, nicht mehr von „Staatsschuldenkrise“.

Von Anfang an hat die deutsche Bundesregierung die Finanzkrise als „Staatsschuldenkrise“ vorgestellt. Die massiven wirtschaftlichen Ungleichgewichte im Euro-Raum wurden als Moralfabel dargestellt. Merkel und Schäuble haben wiederholt behauptet, dass die Ursache der Euro-Krise die unverantwortliche Haushaltsführung ist. Das makroökonomische Problem wurde in einem moralischen Gewand vorgetragen. Gläubiger-Länder haben dann Schuldner-Ländern harsche Sparmassnahmen auferlegt. Ängste wurde geschürt: Wenn jetzt keine Austeritätspolitik stattfinde, drohe „Hellenisierung“ des ganzen Euro-Raums.

Die gesamtwirtschaftliche Trends in eine Moralfabel umzudeuten, ist aber immer falsch. Warum? Weil es dann heisst, dass, wenn die privaten Haushalte die Gürtel enger schnallen müssen, auch der Staat sparen muss. Oder dass Rezessionen eine Strafe für die vergangenen Sünden sind.

Simon Wren-Lewis erklärt in seinem Blog das ganze Phänomen in einer Währungsunion (z.B. EWU) mit zwei Ländern „G“ und „R“. Was passiert, wenn das eine Mitglied vom Inflationsziel (z.B. 2%) der Währungsunion abweicht? Angenommen aufgrund der Exzesse in „R“ steigt die Inflation im Land „R“ auf 3%. Erfüllt die EZB ihren Auftrag, um die Inflation im Durchschnitt auf 2% zu halten, fällt die Inflation im Land „G“ auf 1%. „G“ wird dann „zu wettbewerbsfähig“.



Kurzfristige Zinsen und Verbraucherpreise (CPI) im Euro-Raum, Graph: Prof. Simon Wren-Lewis