Montag, 8. Juli 2013

Schlechte Politik und Beschäftigung

Es ist die schlechte Politik, die der Erholung der Beschäftigung im Wege steht, wie der am Freitag veröffentlichte Arbeitsmarktbericht in den USA andeutet.

Angesichts der Tatsache, wie schwer die Wirtschaft noch angeschlagen ist, sollten wir jeden Monat mehr als 300‘000 Arbeitsplätze schaffen, nicht weniger als 200‘000, schreibt Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne („Defining Prosperity Down“) am Montag in NYTimes.

Die Vollbeschäftigung sieht immer noch in sehr langer Weg. Und Krugman ist besorgt, dass es nie passieren werde.

Was genau bringt die Wirtschaft zur Vollbeschäftigung? Auf die Fiskalpolitik ist kein Verlass. Die Vertreter der Austeritätspolitik mögen in der intellektuellen Debatte eine erstaunliche Niederlage erlebt haben. Aber Stimulus ist immer noch ein Schimpfwort, unterstreicht der an der Princeton University lehrende Wirtschaftsprofessor.

Aggressive geldpolitische Massnahmen durch die Fed, so etwas wie die japanische Notenbank (BoJ) derzeit probiert, mögen dabei helfen. Aber weit weg davon spricht die Fed von tapering. Dieses Gerede hat bereits Schaden angerichtet. Auch wenn keine Politik zur Schaffung von Arbeitsplätzen zur Verfügung steht, kann man sich auf erholungsfördernde Kraft des privaten Sektors nicht verlassen? Vielleicht nicht, hebt Krugman hervor.

Sonntag, 7. Juli 2013

Produktionspotenzial und „natürliche“ Arbeitslosigkeit

(Nur für Streber)

Die EU-Haushaltspolitik unterscheidet zwischen einem strukturellen und einem zyklischen Defizit. Es ist jedoch offensichtlich, dass Brüssel das Augenmerk auf die strukturelle Kompontente des Haushaltsdefizits richtet. Es ist in diesem Zusammenhang wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass das strukturelle Defizit sich aus dem aktuellen Haushaltsdefizit bereinigt um die Produktionslücke (output gap) ergibt.

Das heisst, dass die Produktionslücke eine wichtige Komponente des strukturellen Defizits ist. Die Produktionslücke gibt andererseits die Differenz zwischen dem Produktionspotenzial und der tatsächlichen Produktion an.

Es ist daher entscheidend, eine Ahnung davon zu haben, wie viel die Wirtschaft produzieren könnte  und sollte, und wie niedrig die Arbeitslosigkeit gehen könnte und sollte. Das Ganze ist nicht nur aus Sicht der Fiskalpolitik, sondern auch aus Sicht der Geldpolitik wichtig.

Wie wird aber das Produktionspotenzial geschätzt? Es gibt hauptsächlich zwei Methoden, erklärt Paul Krugman in seinem Blog.

Die eine (1) überprüft auf das bisherige Niveau der Produktion und/oder der Arbeitslosigkeit und verwendet im Grunde genommen einen gewichteten Durchschnitt aus der Vergangenheit, um zu schätzen, was normal und vermutlich angemessen ist.

Die andere (2) achtet auf die Inflation und versucht, die Arbeitslosigkeit, die mit der Preisstabilität im Einklang steht, herauszufinden.

Die beiden Methoden scheitern jedoch gänzlich, wenn die Wirtschaft schwer angeschlagen ist, d.h. unter Depression Bedingungen leidet, wie z.B. heute der Fall ist.


Schwankungen der Arbeitslosigkeit um den Mittelwert (3 Jahre), Graph: Prof. Paul Krugman

Austerität funktioniert nicht, wenn das Dach undicht ist

“Austerity Fatigue” ist das Wort der Woche in Europa. Denkt die EU über eine Änderung der Haushaltspolitik nach? Während über eine Entspannung des harschen Kurses der Austeritätspolitik Überlegungen angestellt werden, berichtet Robert Frank in einem lesenswerten Artikel („Austerity Won’t Work if the Roof is Leaking“) in NYTimes von seinem einwöchigen Aufenthalt in Berlin.

Die ganze Stadt scheint sich im Bau befinden, bemerkt der an der Cornell University, Johnson Graduate School of Management lehrende Wirtschaftsprofessor. In jeder Richtung dominieren Kräne und andere schwere Ausrüstung die Landschaft. Obwohl viele Projekte im privaten Sektor laufen, werden unzählige andere Projekte einschliesslich von Brücken und Autobahn-Reparaturen, neuen U-Bahn-Stationen und anderer Infrastruktur durch die Steuerzahler finanziert.

Aber Moment mal! War es nicht Deutschland die ganze Zeit der entscheidende Befürworter von Sparmassnahmen nach der Finanzkrise? Ja, aber sie verstehen auch zwischen Konsum und Investitionen zu unterscheiden, legt Frank dar. Durch die Kreditaufnahme haben sie Investitionen getätigt, die mit dem in Zukunft anfallenden Nutzen die Kosten bei weitem überwiegen werden. Es gibt nichts Tollkühnes darüber.

Die Deutschen haben sich in der Debatte über die Stimulus-Politik nicht festgefahren. Und sie bezeichnen ihre Investitionen in Infrastruktur nicht explizit als Stimulus. Aber das hindert sie nicht daran, ihre Strategie mit bemerkenswerten Wirksamkeit durch die Beschäftigung von Menschen durchzusetzen, argumentiert Frank weiter.

Samstag, 6. Juli 2013

Steht die EU-Haushaltspolitik vor einer Revision?

Der Einschätzung der Europäischen Kommission nach beträgt Spaniens Produktionslücke (output gap) 4,6% des BIP.

Kann es sein? Die Arbeitslosigkeit beläuft sich auf 26.9%. Doch findet die gegenwärtige Methodik der EU, dass die Produktionslücke in Europa im Allgemeinen relativ gering ist. Die Kommission der EU geht davon aus, dass die natürliche Arbeitslosigkeit (*) in Spanien 23% beträgt. Das hört sich absurd an. Weil es bedeuten würde, dass Spanien, wenn die Arbeitslosigkeit von 27% auf 23% zurück fiele, Vollbeschäftigung hätte. Das kann doch nicht wahr sein. Zum Glück hat Spanien immer wieder Zweifel an der EU-Methodik in Sachen Haushaltspolitik geäussert.

Nun sieht es so aus, wie WSJ in einem lesenswerten Artikel („Europe’s Austerity Hangs in Budget’s Balance“) berichtet, als ob die EU über eine Änderung der Budget-Politik nachdenken würde. Es ist zu erwarten, dass daraus eine Auflockerung der harschen Austeritätspolitik folgt.

Paul Krugman schreibt in seinem Blog dazu, dass die EU nun einsehe, dass das Produktionspotenzial (potential output) in Schuldner-Ländern bislang unterbewertet und die natürliche Arbeitslosigkeit überschätzt wurde. Deshalb ist das Ausmass der aufgezwungenen Fiscal Austerity insgesamt unterschätzt worden.

Brüssel hat jetzt in Reaktion auf die Kritik eine Output Gap Working Group gebildet, um die Defizitregelung der EU zu überprüfen.

Aufschwung, nicht der Abschwung ist der richtige Zeitpunkt für Sparmassnahmen. In der EU gilt aber bisher genau das Gegenteil, was dazu führt, dass sich Restriktionen im Hinblick auf den Haushalt ergeben, wenn die Wirtschaft zur Schwäche neigt.



Spaniens strukturelles Defizit, Graph: WSJ, July 4, 2013

Stupid in 3 languages

Can I get some stimulus for aggregate demand?

A what?

A large stimulus.

Do you mean a large austerity?

No, I mean a large stimulus.

Austerity is large.

No, the lack of demand is large. Stimulus is stimulus. In fact, the recession is large and austerity means in Latin harshness, strictness and asceticism. It is only in German “Sparsamkeit”. Congratulations, you are stupid in three languages.

Austerity is a large stimulus.

Really? Says who? IMF? BIS? ECB? Do you accept euro or is it all bitcons now?

Freitag, 5. Juli 2013

Hot Dogs auf Unabhängigkeitstag

Es ist wieder Zeit des Jahres, dass die Amerikaner sich am langen Wochenende mit Familie und Freunden treffen, um mit Hot Dogs und Kartoffelsalat den Unabhängigkeitstag zu feiern (Fourth of July).

„Es ist auch eine Zeit für einige von uns, ein bisschen philosophisch zu werden, sich zu fragen, was wir genau feiern“, schreibt Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne („E Pluribus Unum“) am Freitag in NYTimes dazu. Ist Amerika 2013 in einem bedeutsamen Sinne das gleiche Land als die Unabhängigkeit im Jahr 1776 erklärt wurde?

Die Antwort ist, wie Krugman annimmt, ja. Und das ist eine bemerkenswerte Sache, wenn man bedenkt, wie sich das Land verändert hat. Amerika 1776 war ein Flächen im ländlichen Raum, hauptsächlich bestehend aus Kleinbauern und im Süden aus grösseren Landwirten mit Sklaven. Und die freie Bevölkerung bestand, wie der Träger des Wirtschaftsnobelpreises weiter schildert, aus WASP (White Anglo-Saxon Protestant): fast alle kamen aus dem Nordwesten Europas, 65% aus Grossbritannien und 98% waren Protestanten. Amerika ist heute nichts dergleichen. Amerika ist in der Tat eine Nation aus Metropolen.

„Natürlich war unser demokratisches Ideal immer von einer enormen Heuchelei begleitet“, legt Krugman dar. Die vielen Gründerväter, die für die Rechte des Menschen eingetreten sind, haben zugleich die Früchte der Sklavenarbeit genossen.

SNB: Mindestkurs und monetäre Rahmenbedingungen

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat heute mitgeteilt, dass die Fremdwährungsreserven im Juni auf 434,8 Mrd. CHF von 444,1 Mrd. CHF im Mai gesunken sind.

Die SNB hat zuletzt im Quartalsheft 2/2013, Juni unterstrichen, am Mindestkurs von 1,20 CHF pro EUR festzuhalten. Der Franken, der nach wie vor hoch bewertet bleibt, hat im vergangenen Monat gegenüber dem US-Dollar an Wert gewonnen, nicht weil der CHF wieder als sicheren Hafen gesucht war, sondern weil Risikopositionen, die in CHF finanziert (carry trades) waren, abgebaut worden sind, vor dem Hintergrund der zunehmenden Spekulationen, dass die Fed früher als erwartet mit der Rückführung des Anleihekaufprogramms beginnen würde.

Es ist jedoch davon auszugehen, dass CHF, da die SNB entschlossen ist, eine unerwünschte Verschärfung der monetären Rahmenbedingungen für die Schweiz zu vermeiden,  als Funding Currency attraktiv bleibt.

Die Deflation hält in der Schweiz an, was der SNB genügend Spielraum gewährt, die mengenmässige Lockerung der Geldpolitik (quantitative easing) weiter zu führen, um den Mindestkurs durchzusetzen und bei Bedarf weitere Massnahmen zu ergreifen.

Es gibt aber zwei Hauptrisiken: (1) der Schweizer Immobilienmarkt und (2) die politische Unsicherheit in Europa (siehe z.B. Portugal, OMT vor dem Bundesverfassungsgericht usw.).


EUR/CHF Wechselkurs, Graph: Morgan Stanley, FX Tract, July 2013