Montag, 3. September 2012

Warum gibt es eine Nullgrenze für Zinsen?


Die Entscheidung der dänischen Zentralbank, den Zinssatz für die Guthaben der Banken auf minus 0,20% zu senken, erscheint so weit erfolgreich, sagte ein Gouverneur Danmarks Nationalbank am Samstag auf dem Treffen der Notenbanke in Jackson Hole in den USA, wie das WSJ berichtet.

Es scheint zu funktionieren,  so Per Callesen. Der erste offizielle negative Zinssatz (CD-Rate) für die Einlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank hätten bisher „keine nachteiligen Nebenwirkungen“ generiert. Aber es sei bloss ein zweimonatiges Experiment, liess der Vertreter der dänischen Nationalbank verlauten.

Auch die Fed hat Überlegungen angestellt, ob sie den sog. IOER-Satz auf Null oder sogar unter Null senken soll oder nicht. Es handelt sich dabei um Überschussreserven (excess reserves) der US-Banken bei der amerikanischen Zentralbank in Höhe von rund 1‘600 Mrd. $, die zur Zeit zu 0,25% verzinst werden.

Die Fed hat bislang davon abgesehen, die Verzinsung von Giroguthaben der Banken, die sie bei der Fed unterhalten,  auf Null Prozent zu senken.
Es gibt hauptsächlich drei Störfaktoren, wie Todd Keister, Fed New York in einem lesenswerten Artikel („Why Is There a Zero Lower Bound on Interest Rates?“) vor rund einem Jahr dargelegt hat.

Sonntag, 2. September 2012

Warum verkauft die Türkei so viel Gold nach Iran?


Nach vorläufigen Daten, die das Turkish Statistical Institute am Freitag vorgelegt hat, sind die türkischen Ausfuhren im Juli 2012 um 8,5% auf 12‘866 Mio. $ gestiegen. Die Einfuhren sind um 1,5% auf 20‘755 Mio. $ zurückgegangen. Das Aussenhandelsdefizit hat sich damit von 9‘201 Mio. $ auf 7‘899 Mio. $ verringert.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat haben die Ausfuhren in die EU um 21,9% auf 4‘417 Mio. $ abgenommen. Der Anteil der EU-Länder am türkischen Aussenhandel ging damit im Juli 2012 auf 34,3% zurück (Juli 2011: 47,7%).

Das wichtigste Partnerland für Ausfuhren war im Juli Iran mit 2‘158 Mio. $. Das entspricht einem Anstieg um 573,8%! Danach folgen Deutschland mit 1‘037 Mio. $, Irak mit 912 Mio. $, Grossbritannien mit 638 Mio. $ und Russland mit 552 Mio. $.

Die Türkei hat im Juli Waren v.a. aus Russland (2‘416 Mio. $), Deutschland (1‘823 Mio. $), China (1‘802 Mio. $) und den USA (1‘275 Mio. $) importiert.

Was unter türkischen Exportgütern im Juli 2012 auffällt, ist der Posten „Edelsteine und Metalle“ mit dem höchsten Wert von 2‘082 Mio. $.

Der türkische Aussenhandel sortiert nach 20 Top-Ländern sieht Angaben des Turkish Statistic Institute zufolge derzeit wie folgt aus: 1) Iran, 2) Deutschland, 3) Irak, 4) Grossbritannien, 5) Russland, 6) USA, 7) Italien, 8) Frankreich, 9) Saudi Arabien, 10) Ägypten.

Die Exporte nach Iran sind zwischen Januar und Juli 2012 um sage und schreibe 295,8% geklettert: von 2‘033 Mio. $ auf 8‘046 Mio. $. Die Ausfuhren nach Iran sind von 320 Mio. $ im Juli 2011 auf 2‘157 Mio. $ im Juli 2012 um 573,8% gestiegen.


Türkei Aussenhandel im Januar-Juli 2012, Graph: Turkish Statistic Institute, Aug 31, 2012

Liquiditätsfalle: Geld- vs. Fiskalpolitik


Die Geldpolitik ist in einer tiefen Depression unwirksam. Grund: die Nominalzinsen liegen auf der Nullgrenze (zero lower bound). Der volkswirtschaflliche Zustand, wo die Geldpolitik nicht eingesetzt werden kann, oder sogar versagt, ist als Liquiditätsfalle bekannt. Eine Liquiditätsfalle tritt stets ein, wenn die Kreditnachfrage zum Erliegen kommt.

Die Leserschaft fragt dieser Tage öfters, was sie davon halten soll, wenn Paul Krugman die Geldpolitik als unwirksam erklärt, aber gleichzeitig Ben Bernanke beschimpft, weil der Fed-Chef nicht mehr unternimmt. Was ist nun?

Krugman erläutert jetzt in  seinem Blog, dass es kein Widerspruch ist. Der an der University of Princeton lehrende Wirtschaftsprofessor deutet auf die gestern in Jackson Hole vorgetragene Forschungsarbeit von Michael Woodford hin.

Was Woodford veranschaulicht, ist der Punkt, wo die Zweifler der Liquiditätsfalle für eine lange Zeit vortragen, eigentlich seit 1998, als Krugman seine Analyse darüber vorlegte. Die gegenwärtige Geldpolitik ist in einer Liquiditätsfalle in der Tat unwirksam, aber es gibt noch Spielraum für Massnahmen durch die Zentralbank in der Form von glaubwürdigen Versprechen, auch künftig an der lockeren Geldpolitik festzuhalten, wenn die Wirtschaft nicht mehr auf der Zinsnullgrenze liegt.

Die Schwierigkeit ist, wie solche Versprechen (Verpflichtungen) glaubwürdig gemacht werden können. Was ist mit Fiskalpolitik? Wie Woodford in einer früheren Forschungsarbeit hervorhebt, erfordert Fiscal Stimulus in einer Liquiditätsfalle nicht, dass man den Markt überzeugen muss, dass man sich in der Krise anders verhalten will als sonst gewohnt. 

Arbeitslosigkeit ist derzeit nicht strukturell bedingt


Ed Lazear, der Vorsitzende (2006-2009) des Wirtschaftsbeirates der US-Regierung unter George W. Bush sagt, dass das Problem der Arbeitslosigkeit nicht strukturell ist, sondern auf die mangelhafte Nachfrage zurückzuführen ist.

Michael S. Derby (via Mark Thoma) geht  in einem Artikel („True Cause of High Unemployment Is Basic Economic Weakness“) in WSJ der Frage nach, ob der Arbeitsmarkt aufgrund struktureller Veränderungen schwach ist oder eine mangelnde Nachfrage der wahre Faktor ist, der die Arbeitslosigkeit so hoch hält?

Die Antwort ist nicht nur akademisch: wenn eine mangelnde Nachfrage hinter der hohen Arbeitslosigkeit steht, kann die Fed die Situation via geldpolitische Impulse festmachen. Strukturelle Probleme sind jedoch ausserhalb der Reichweite dieser Abhilfemassnahmen, hebt Derby hervor.

In einer gestern präsentierten Forschungsarbeit auf der Jahreskonferenz von Jackson Hole bei der Kansas City Fed argumentieren Edward Lazear, Standford Graduate School of Business und James Spletzer, Census Bureau, dass das, was die Wirtschaft derzeit plagt, in der Tat ein Nachfrageproblem ist.

Eine Analyse der Arbeitsmarkt-Daten legt nahe, dass es keine strukturellen Veränderungen gibt, die den Verlauf der Arbeitslosenquote in den letzten Jahren erklären könnten, wie die Autoren unterstreichen. Weder gewerbliche noch demographische Verlagerungen noch eine Fehlanpassung (mismatch of skills) der Fertigkeiten der Arbeitnehmer mit den Stellenangeboten steckt hinter dem Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Samstag, 1. September 2012

Fed, Krise und Forward Guidance


(Nur für Streber)

Michael Woodford hat in Jackson Hole eine interessante und ziemlich lange Forschungsarbeit („Methods of Policy Accommodation at the Interest-Rate Lower Bound“) zum Thema Geldpolitik geliefert.

Der an der Columbia University lehrende Wirtschaftsprofessor befasst sich v.a. mit einer grossen Anzahl von empirischen Studien in erschöpfenden Längen. Unter dem Strich besagt die Analyse, dass Ben Bernanke es falsch macht, wie Paul Krugman in seinem Blog dazu kommentiert.

Es geht um die Geldpolitik, wenn die Nominalzinsen bereits auf der oder nahe der Nullgrenze (zero lower bound) liegen. Unter diesen Umständen verliert die herkömmliche Geldpolitik an Zugkraft.

Doch es bedeutet nicht, dass die Zentralbank keine Optionen hat. Es war Krugman, der erstmals („It’s Baaack: Japan’s Slump and the Return of the Liquidity Trap“) darauf hingewiesen hatte, was von Woodford und Gauti Eggertsson später (2003) aufgegriffen und erweitert wurde, dass die Zentralbank immer noch an Zugkraft gewinnen kann, wenn sie die Öffentlichkeit überzeugen kann, dass sie etwas mehr Inflation zulassen will als zuvor erwartet, bis die Wirtschaft sich erholt. Krugman hatte dazu geschrieben, dass die Zentralbank sich glaubwürdig verpflichten müsste, das Inflationsziel vorübergehend etwas zu erhöhen.

Kann aber die Zentralbank dies wirklich tun? Woodford widmet der ersten Hälfte seiner Forschungsarbeit einer erweiterten Prüfung der Beweise in Sachen „forward guidance“, wo Zentralbanken ihre zukünftige Absichten signalisieren. Und er findet starke Hinweise darauf, dass es auf solche Kommunikation ankommt. Seine Antwort ist ja, die Fed könnte die Wirtschaft ankurbeln, indem sie sich verpflichtet, die Zinsen zu erhöhen, wenn die wirtschaftliche Erholung endlich erfolgt.

FDIC: Banken-Bericht fürs II. Quartal 2012


Die Gewinne der US-Banken sind im zweiten Quartal 2012 um 21% gestiegen, was darauf hindeutet, dass der Sektor vier Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise sich wieder erholt.

Wie die amerikanische Einlagensicherungsbehörde (FDIC: Federal Deposit Insurance Corporation) am Dienstag mitgeteilt hat, hat die Banking-Industrie von April bis Ende Juni 34,5 Mrd. $ verdient. Im Vergleich belief sich der Gewinn der Banken im zweiten Quartal 2011 auf 28,5 Mrd. $.

Rund 63% der US-Banken haben Ergebnisverbesserung gemeldet. Und die Anzahl der krisengeschüttelten Banken ist weiter gesunken.

Die Zahl der „Problem“-Institutionen ist von 772 auf 732 gefallen. Das ist die kleinste Anzahl seit Jahresende 2009. Die Bilanzsumme der „Problem“-Institutionen hat sich im zweiten Quartal von 292 Mrd. $ auf 282 Mrd. $ zurückgebildet. Im Berichtsquartal sind 15 Banken gescheitert. Das ist der kleinste Wert seit dem vierten Quartal 2008, wo 12 Banken Pleite gegangen waren. Insgesamt sind seit Jahresbeginn in den USA 40 Banken geschlossen worden. Im Vergleich: vor einem Jahr waren total 68 von der FDIC versicherten Banken gescheitert.

Der DIF-Kontostand (Deposit Insurance Fund) betrug per Ende Juni 2012 22,7 Mrd. $. Im Vergleich belief sich der DIF-Saldo (Netto-Wert der FDIC-Mittel) per Ende März 2012 auf 15,3 Mrd. $. Der Anstieg der Reserven ist darauf zurückzuführen, dass in diesem Jahr weniger Banken gescheitert sind.



US-Banken Netto Gewinne pro Quartal, Graph: FDIC, Quarterly Banking Profile, 2012, Second Quarter

Die israelische Zentralbank behält Zinsen unverändert


Die Bank of Israel (BoI) hat am Montag den Benchmark-Zins bei 2,25% unverändert belassen.

Der Verbraucherpreis-Index (CPI) ist im Juli um 0,1% gestiegen. Die wichtigsten Faktoren, die dazu beigetragen haben, sind der Anstieg Housing Index und der Rückang der Nahrungsmittel- und Energiepreise. Die Inflation beträgt damit annualisiert 1,4% (Vormonat: 1,0%).

Die Entscheidung, die Zinsen auf 2,25% zu senken, steht im Einklang mit der Zinspolitik der BoI, die auf die Stabilisierung der Inflation innert Zielkorridor von 1-3% in den kommenden 12 Monaten ausgerichtet ist und dient der Förderung des Wachstums bei gleichzeitiger Wahrung der Finanzstabilität, erklärt die Bank of Israel.


Israel Benchmark Zinssatz (2,25%), Graph: Bloomberg.com