Mittwoch, 16. Februar 2011

Was ist die „neue normale“ Arbeitslosenquote?

Eine kürzlich von der San Francisco Fed vorgelegte Forschungsarbeit („What ist the new normal unemployment rate?“) sorgt für viel Stimmengewirr. Die Quintessenz ist, dass die „neue normale“ Arbeitslosenquote zwischen 6 und 7% liegen dürfte. Zur Zeit gibt es nur sehr wenige offene Stellen im Verhältnis zur Anzahl der Arbeitslosen. Paul Krugman liefert dazu die folgende Abbildung in seinem Blog. Es steht ausser Frage, dass es die Nachfrage ist, die auf Arbeitslosigkeit lastet. Was die Forschungsarbeit der San Francisco Fed andeutet, ist, dass wir jetzt angesichts der Höhe der Arbeitslosigkeit mit noch weniger Stellenangeboten rechnen müssen. Und das legt nahe, dass wir, wenn und wann die Wirtschaft sich erholt, Angebotsengpässen gegenüberstehen würden, und zwar früher als man denkt.


Stellenangebote im Vergleich zu Arbeitslosenzahl, Graph: Prof. Paul Krugman

Betrügerischer Lobbyismus in der „Forschung“ für Derivate

Eine neue Studie, die durch pro-Business Gruppen unterstützt wird, legt eine harte Haltung gegen die geplanten Bestimmungen in bezug auf den 600'000 Mrd. US-Dollar schweren Derivate-Markt an den Tag. Im Bericht, der am Montag veröffentlicht wurde, wird behauptet, dass die geplante Regulierung 130'000 Arbeitsplätze kosten und eine Kürzung der Unternehmensausgaben um 6,7 Mrd. US-Dollar verursachen würde, wie DealBook, NYT berichtet. Die Untersuchungsergebnisse sind sicherlich darauf ausgerichtet, um die Politiker zu erschrecken und öffentliche Unterstützung zu gewinnen, bevor die Finanz- und Regulierungsbehörden vor dem Kongress-Ausschuss am Dienstag aussagen. Die Studie wurde von Keybridge Research, einem scheinbar unabhängigen Wirtschafts- und Public Policy Beratungsunternehmen geleitet. Unternehmens bona fides schliesst All-Star-Kader Wissenschaftler wie Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, David Laibson, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University und Stephen Zeldes, Professer für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia’s Graduate School of Business ein.

Dienstag, 15. Februar 2011

Sackgasse Wall Street

Die Deutsche Börse will die New York Stock Exchange (NYSE) kaufen. Die Schlagzeile hat in den USA für einen Aufruhr gesorgt, weil sie wichtige Trends in der amerikanischen Wirtschaft zu veranschaulichen scheint. Wie kann die kleine Frankfurter Börse es wagen, die altherwürdige amerikanische Börsenbetreiberin zu übernehmen? Amerikas Börsen geben aber weniger ab, wenn man einen genaueren Blick darauf wirft. In Wahrheit wird der Aktienmarkt zunehmend irrelevant. Ein Trend, der die Grundprinzipien des amerikanischen Kapitalismus bedroht, schreibt Felix Salmon in einem lesenswerten Kommentar („Wall Street’s Dead End“) in NYT. Heuzutage bedeutet ein gesunder Aktienmarkt nicht eine gesunde Wirtschaft, wenn man die hohe Arbeitslosigkeit oder die niedrige Erwerbsbeteiligungsrate betrachtet. Die Deutschen wollen die NYSE nicht wegen des standardisierten, hart umkämpften und ultra-niedrigen Aktien-Margengeschäftes erwerben, sondern, wegen der lukrativen Derivate-Transaktionen, bemerkt der angesehene Blogger der Nachrichtenagentur Reuters.

US-Haushaltspolitik: Präsident Obama will sparen

Der amerikanische Präsident Barack Obama will das Defizit des amerikanischen Staatshaushalts in den kommenden 10 Jahren um 1'100 Mrd. US-Dollar reduzieren. Dadurch soll das Defizit auf 3,2% des BIP fallen. Für das laufende Fiskaljahr rechnet die Obama-Administration mit einem Defizit von 1’645 Mrd. US-Dollar. Das entspricht rund 11% der Wirtschaftsleistung. Zwei Drittel der Einsparungen sollen mit der Kürzung von Ausgaben erreicht werden.

Es gab in den 1980er Jahren eine Karikatur (Washingtoon), in der Demokraten sich zusammentreffen, um ihren neuen zentristischen Strategieplan zu gestalten. Der Plan besteht aus Steuersenkungen für die Reichen, reduzierten Ausgaben für die Bedürftigen und einem grossen Verteidigungsbudget. „Wie unterscheidet sich das von dem Plan der Republikaner?“, fragt ein Mitglied der Gruppe. „Mitgefühl“, antwortet der Vorsitzender: „Wir kümmern uns um die Opfer unserer Politik“.


USA: Staatsausgaben, Graph: Prof. Paul Krugman

Credit Suisse begibt Contingent Convertible Bonds

Die Credit Suisse hat gestern angekündigt, die erste Tranche der sog. „Contingent Convertible“-Bonds (CoCo) zu begeben. Hintergrund: Der Vorschlag der Expertenkommission, dass die systemrelevante Banken rund die Hälfte des Grundkapitals in Form von CoCo-Bonds (bedingter Pflichtwandelanleihen) stellen sollen. Es handelt sich dabei um neue Kapitalinstrumente. Ein im Voraus definierter Auslöser (trigger) sorgt dafür, dass die Anleihe in Aktien gewandelt wird, wenn eine Kapitalquote (gemessen an den risikogewichteten Aktiven) unterschritten wird. Die von der CS angekündigten CoCo-Bonds im Volumen von 6 Mrd. CHF (rund 6,2 Mrd. $) sieht die Wandlung für den Fall vor, wenn die „Common Equity Tier 1 Ratio“ gemäss „Basell III“ unter 7% fällt. Die US-Dollar-Tranche wird mit 9,5% und die Schweizer Franken-Tranche mit 9,0% verzinst. Wer sind die Zeichner der CoCo-Bonds der CS? Arabische Investoren Katar Holding und Olayan Group. Es handelt sich dabei um bestehende Grossaktionäre, die jetzt die Möglichkeit haben, entweder gegen bar oder im Austausch für die im Jahr 2008 emittierte „Tier 1 Capital Notes“ (d.h. Hybrid) zu beziehen. Warum sollen die Investoren aber gutes Geld schlechtem hinterherwerfen? Zumal die Hybrid-Anleihen von den Regulierungsbehörden nicht mehr als Bankkapital anerkannt werden.

QEII: Eine Zwischenbilanz

Es sind jetzt genau drei Monate her, als die US-Notenbank mit der zweiten Runde der mengenmässigen Lockerung der Geldpolitik, die im Volksmund als QEII (quantitative easing II) bekannt ist, begonnen hat. Was hat sich seither geändert? Das Anleihe-Kaufprogramm der Fed läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass die US-Notenbank einige längerfristige US-Staatsanleihen kauft und diese bezahlt, indem sie Reserven schafft, welche sie mit Tagesgeldsatz verzinst. Aus James Hamiltons Sicht dienen die verzinslichen Reserven allen praktischen Zwecken einer Art Sicherheit wie kurzfristige Schatzwechsel. Der Netto-Effekt einer solchen Operation durch die Fed ist, die durchschnittliche Restlaufzeit der ausstehenden Schulden der Fed und des amerikanischen Schatzamtes zu reduzieren, erklärt Hamilton in einem lesenswerten Beitrag in Econbrowser. Eine Sicht davon, wie eine solche Operation auf die Wirtschaft auswirkt, ist, dass eine ausreichend grosse Abnahme des Angebots an langfristigen Staatspapieren zu einem Rückgang der langfristigen Renditen führt. In einer Forschungsarbeit zeigt Hamilton mit Cynthia Wu auf, dass die historischen Veränderungen der Struktur der Laufzeit mit Veränderungen der Steigung der Zinsstrukturkurve einhergehen.


Durchschnittliche Laufzeit der ausstehenden US-Treasury-Bonds, Graph: Prof. James Hamilton

Sonntag, 13. Februar 2011

Paul Krugman zu Axel Webers Abgang

Axel Weber hat am Freitag angekündigt, dass er sein Amt als Bundesbankchef zum 30. April aufgeben wird. Weber hat seinen Verzicht auf eine Kandidatur um den Posten des EZB-Präsidenten mit mangelnder Akzeptanz in der EU begründet. „Weber scheidet würdevoll aus dem Rennen“, bemerkt Paul Krugman in seinem Blog. Es geht nicht um die Person, es geht um die Ansichten. Krugman ist daher froh, zu hören, dass (1) Weber das EZB-Amt nicht übernimmt und (2) der Grund, warum Weber aus dem Rennen scheidet, ist, dass die Entscheidungsträger in der Euro-Zone seine Sicht von Hard-Money nicht teilen.