Samstag, 3. August 2013

Niedriglohnjobs verdüstern Beschäftigungswachstum

Der US-Privatsektor hat im Juli 162‘000 neue Jobs geschaffen. Die Tatsache, dass die Arbeitslosenquote auf den tiefsten Stand (7,4%) seit fast fünf Jahren fiel, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die träge Erholung der Wirtschaft sich im vergangenen Monat weiter abgeschwächt hat.

Ausserdem waren mehr als die Hälfte der neuen Arbeitsplätze im Einzelhandel und in den Restaurants, wo der Lohn pro Stunde im Durchschnitt weniger als 20$ beträgt. Und es handelt sich dabei vorwiegend um Teilzeitarbeit (part time jobs).

Die US-Privatwirtschaft hat (ausserhalb der Landwirtschaft) hat seit Jahresbeginn im Durchschnitt pro Monat 192‘000 neue Stellen geschaffen. Es gibt aber 6,6 Millionen Arbeitnehmer, die einen neun Job wollen, aber aktiv keinen suchen, und folglich in der Statistik der Arbeitslosigkeit nicht erscheinen, wie das WSJ in einem lesenswerten Artikel („Low pay clouds job growth”) berichtet. Die Zahl der Amerikaner, die erwerbstätig sind oder eine Arbeit suchen, ist im Juli um 37‘000 gesunken. Die Erwerbsbevölkerung bleibt damit in der Nähe eines drei Jahrzehnt-Tiefs.

Unternehmen, die Arbeitnehmer anstellen, sind Industrien, wo der Umsatz nicht ohne zusätzliche Mitarbeiter gesteigert werden kann. In solchen Sektoren werden i.d.R. niedrigere Löhne gezahlt.

Seit einigen Jahren zählen Einzelhandel, Restaurants, Hotels und Zeitarbeit-Agenturen zu den Branchen mit schlechter Bezahlung, worauf mehr als 40% des Zuwachs an Arbeitsplätzen entfällt. Viele solche Arbeitsplätze sind Teilzeit geteilt. Der Anteil der Amerikaner, die in part time arbeiten, ist im Verlauf der Rezession deutlich stark gestiegen.



US Erwerbsquote, Graph: FRED Fed St. Louis

Credit Suisse verkauft eine neue Form von CoCo-Bonds

Die Credit Suisse hat ausgerechnet am 1. August, den Schweizer Nationaltag eine neue nachrangige Anleihe emittert, im Volumen von 2,5 Mrd. $ und einer Laufzeit von 10 Jahren. Der Kupon beträgt 6,5%. Es gingen durch institutionelle Investoren Gebote in Höhe von 6,6 Mrd. $ ein.

Es handelt sich dabei um eine Contingent Convertibles Anleihe (kurz: CoCo-Bonds). Im Gegensatz zu einigen CoCo-Bonds, wo die Anleihe automatisch (per trigger) in Aktien des Emittenten umgewandelt werden, wenn das Eigenkapital der betreffenden Bank unter einen bestimmten Schwellenwert (threshold) fällt, stellt die neue Anleihe eine „sudden death“ oder „wipeoutVersion dar, wo die Investoren alles verlieren, wenn die Kernkapitalquote der Credit Suisse die Marke von 5% (tier one capital ratio) durchbricht oder die nationale Regulierungsbehörde die Bank nahe“ default“ erklärt.

Die neue Version von CoCo-Bonds sind eine Art „buffer capital“ (Risikopuffer), wie eine Mitarbeiterin von Fitch erläutert. Die Senior Debt Gläubiger (d.h. vorrangige Anleihegläubiger) scheinen solche Papiere zu begrüssen, weil dadurch die Kosten von Senior Debt (nachrangige Schuldtitel) niedrig bleiben, und die Banken veranlasst durch die Regulierungsbehörden vermehrt bail-in-fähige Papiere halten, die verlustabsorbierend wirken. Zumal damit die risikogewichteten Aktiven (RWA: risk weighted assets) abgebaut werden.

FDIC schliesst eine weitere kleine Bank in Florida

Die FDIC (Einlagensicherungsbehörde) hat am Freitag eine kleine Bank in Florida geschlossen.

Damit sind seit Beginn des Jahres 17 Banken verstaatlicht worden, nachdem im Vorjahr insgesamt 51 Banken gescheitert waren.

Die Zahl der Bankschliessungen im Jahr 2012 markiert mit 51 einen deutlichen Rückgang aus den beiden Vorjahren. Dennoch ist die Zahl ungewöhnlich hoch, da in einer stark wachsenden Wirtschaft jährlich i.d.R. nur vier oder fünf Banken im Durchschnitt geschlossen werden.

Die gestern verstaatlichte Bank verfügt insgesamt über ein Anlagevermögen (assets) von 265,7 Mio. $ und Einlagen (deposits) von 254,2 Mio. $. Die Kosten der geschlossenen Bank betragen für die öffentliche Hand  schätzungsweise 27,1 Mio. $.

Bankpleiten:

2013: 17
2012: 51
2011: 92
2010: 157
2009: 140
2008: 25
2007: 3

Freitag, 2. August 2013

Politische Kampagne mit Sexismus gegen Janet Yellen

Kann eine Frau die Fed leiten? Das sollte nicht einmal eine Frage sein, bemerkt Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne (“Sex, Money and Gravitas”) am Freitag in NYTimes zum Thema des Nachfolgers von Ben Bernanke um den Vorsitz der US-Notenbank.

Janet Yellen, die stellvertretende Vorsitzende des Board of Governors der Fed ist gemessen an jedem objektiven Massstab die am besten qualifizierte Person in Amerika, um das Amt zu übernehmen, hält der Träger des Wirtschaftsnobelpreises fest. Doch gibt es nicht eine, sondern zwei sexistische Kampagnen, die gegen Frau Yellen laufen. Eine davon ist Geflüster- Kampagne, wo Sexismus implizit ist, während die andere rohe Frauenfeindlichkeit beinhaltet, erklärt Krugman. Und beide Kampagnen schaffen es, Sexismus mit einer schlechten Wirtschaftsanalyse zu kombinieren.

Die New York Sun hat mit der Veröffentlichung eines Leitartikels gegen Frau Yellen letzte Woche eine offene Kampagne gestartet: Der Titel lautet: „The Female Dollar“. Der Artikel hält es für selbstverständlich, dass die Fed eine katastrophale inflationäre Geldpolitik betreibt, auch wenn die Inflation tatsächlich auf einem 50-Jahre-Tief ist. Und der Artikel warnt, dass es schlimmer kommen würde, wenn der Dollar bloss „gender-backed“ wäre.

Die Sun ist zwar eine marginale Publikation, mit starken Gold-bug-Tendenzen. Aber niemand würde viel Aufmerksamkeit schenken, wenn der Rest der Rechte es ignorieren oder sich davon distanzieren würde. In der Tat ist es aber so, dass Wall Street Journal sofort mit einem eigenen Leitartikel aufkam, die gleiche Richtung von Sun wiederholend, mit „Female Dollar“ und so weiter.

Donnerstag, 1. August 2013

Was ist der Unterschied zwischen Traders und Ökonomen?

Die Tapering-Debatte hat u.a. auch die Frage aufgeworfen, was der Unterschied zwischen Traders und Ökonomen ist.

The Economist hat neulich in einem lesenswerten Artikel („Traders versus Economists“) dargelegt, dass die Traders und Ökonomen die Tage damit verbringen, Märkte zu beobachten.

Die Händler profitieren von Fehlbewertungen (mispricing). Und sie sind daher voreingenommen, dass die Preise oft falsch sind als richtig. Die Fundamentaldaten sind schon wichtig, aber die Händler glauben, dass sie routinemässig von Psychologie, Liquidität und anderen, nicht-fundamentalen Faktoren getrieben werden.

Die Ökonomen hingegen gehen davon aus, dass die Preise i.d.R. richtig sind. Der Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage erklärt elegante und konsistente Weise, wie einzelne Käufer und Verkäufer unterschiedliche Vorstellungen von einem Preis haben können. Doch die Wechselwirkungen ergeben gemeinsam einen einzigen, objektiv richtigen Preis. Die Ökonomen streiten die Rolle der Psychologie nicht ab. Aber die Marktpreise reflektieren i.d.R. eine unvoreingenommene Destillation von fundamentalen Bestimmungsgrössen.

Warum Larry Summers Angst und Schrecken hervorruft

Larry Summers wird als Nachfolger von Ben Bernanke für den Posten des Vorsitzenden der US-Notenbank gehandelt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Weisse Haus den Harvard-Professor gern im Chefsessel der Fed sähe. Summers war schliesslich zwischen 2009 und 2010 als Wirtschaftsberater von Präsident Obama tätig.

Es darf betont werden, dass nicht die Fachkompetenz, sondern persönliche und soziale Kompetenzen von Summers als umstritten gelten. 

In diesem Zusammenhang möchte Brad DeLong wissen, warum Amerikas Linke Larry Summers nicht mag und als eine rechtsextreme Hyäne betrachtet. Der an der University of California, Berkeley lehrende Wirtschaftsprofessor gibt in seinem Blog die Antwort darauf selbst: Die Lektüre der seit Ende 2006 in FT erschienenen Kolumnen von Summers legen nahe, dass es sich dabei um feste progressive "umverteilende" keynesianische Mitte-Links Ansichten handele.

Stimmt aber die von DeLong gestellte Frage? Oder ist es ein Trugschluss? Paul Krugman unterstreicht in seinem Blog, dass Summers sich zwar seit dem Ende seiner Amtszeit zu einem „fiscal dove“ verwandelt hat. Aber es gibt dennoch eine Menge Leute, sogar auf der moderaten linken Seite des politischen Spektrums, die Summers misstrauen.

Wo kommt also das Misstrauen her? Krugman erinnert an die Jackson Hole Konferenz von 2005, wo Raghuram Rajan eine Forschungsarbeit präsentierte, um vor Risiken der finanziellen Instabilität zu warnen. Die Gefahr sei höher als allgemein wahrgenommen werde. Die Reaktion darauf war aber von Spott geprägt. Krugman verweist diesbezüglich auf den Hauptdiskutant Donald Kohn („Has Financial Development Made the World Riskier?“).

BIP-Revision: Kapitalisierung von Ausgaben

Die statistischen Mitarbeiter der Bureau of Economic Analysis (BEA) sorgen in diesen Tage für Schlagzeilen auf beiden Seiten des Atlantiks. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der USA erhöht sich nach einer neuen Berechnung um 560 Mrd. US-Dollar. Damit erreicht die Wirtschaft mit einem Schlag einen Wert von 16‘600 Mrd. $. Der Zuwachs entspricht etwa dem Beitrag von New Jersey zur Wirtschaftsleistung des Landes in einem Jahr.

Jared Bernstein und Dean Baker befassen sich vor diesem Hintergrund in einem lesenswerten Artikel („What is Seinfeld worth?“) in NYTimes mit der Frage, was im Hinblick auf die Wirtschaftsleistung als Wert und Kosten zu betrachten ist und was weggelassen werden kann. Eine weitere Frage, die die Autoren aufwerfen, ist, was die ganze neue Berechnung für die normalen Menschen bedeutet.

Die einschlägigen Veränderungen sind im Grunde genommen ziemlich einfach. Bisher galt, dass die Regierung den Kauf einer Bohrmaschine durch eine Fabrik als Investition betrachtet hat; eine Investition, die Einkommen im Verlauf der Zeit generiert und abgeschrieben wird, bis die Wertschöpfung auf null sinkt.

Wie behandelt man aber z.B. Filmgesellschaften oder TV-Studios, die dauerhafte Hits wie „Star Wars“ oder „Seinfeld“ herstellen, wodurch auch Einkommen geschaffen wird?  In diesem Sinne ist ihre Produktion wie eine Kapitalanlage, die aber bislang in der Berechnung der gesamtwirtschaftlichen Leistung nicht berücksichtigt wurde.

Die US-Statistiker werden von jetzt an auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) und für die Herstellung von immateriellen Gütern (wie z.B. Filme, TV-Serien usw) kapitalisieren. Solche Aufwendungen wurden bisher als Vorleistungen angesehen und von der Produktion abgezogen.