Donnerstag, 8. März 2012

Fiskalpakt und Spanien

Eine Definition von Wahnsinn ist, die gleiche Sache immer und immer wieder zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Deutschlands Entschlossenheit, seinen Partnern in der Eurozone ein fiskalisches Büsserhemd aufzuzwingen, hat im „Stabilitäts- und Wachstumspakt“ nicht funktioniert. Wird es aber mit dem „Vertrag über die Stabilität, Koordination und Governance“, der vergangene Woche vereinbart wurde, funktionieren?“, schreibt Martin Wolf in einem Artikel („The pain in Spain will test the euro“) in FT.

Er glaube es nicht, bemerkt der Chefökonom der britischen Wirtschaftszeitung. Der Fiskalpakt reflektiert die Auffassung, dass die Krise wegen der fiskalpolitischen Disziplinlosigkeit passiert und dass die Lösung daher mehr Disziplin sei. Das ist bei weitem die nicht ganze Wahrheit. Die konsequente Anwendung einer solchen irreführenden Idee ist gefährlich, beschreibt Wolf überzeugt.

Im Moment braut sich ein Streit zwischen den europäischen Institutionen und dem neu gewählten spanischen Regierungschef Mariano Rajoy zusammen. Der Letztere hat erklärt, dass seine Regierung ein Haushaltsdefizit von 5,8% des BIP (gegenüber dem 8,5% aus dem Jahr 2011) anstrebt. Der Wert liegt deutlich über dem Zielwert von 4,4% der EU-Kommission, die sich deswegen ärgern wird, aber eine souveräne Regierung nicht zwingen kann, zu tun, was sie will. Die fiskalischen Schwierigkeiten Spaniens sind eine Folge der Krise, nicht die Ursache, hebt Wolf hervor.


Staatsquote (Staatsschulden im Verhältnis zum BIP), Deutschland versus Spanien, Graph: Prof. Paul Krugman

Mittwoch, 7. März 2012

Gibt es eine Zukunft ohne Schulden?

Wenn es keine Schulden gibt, gibt es auch keine Ersparnisse. Und wenn es keine Ersparnisse gibt, gibt es auch keine Investitionen, schreibt Heiner Flassbeck (h/t to NachDenkSeiten) in einem lesenswerten kurzen Essay („Die Zukunft der Schulden“).

Der Chefökonom der UN-Handelsorganisation (UNCTAD) in Genf befasst sich mit der Verschuldungskritik, die praktisch im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte über die Ursachen der Euro-Krise in Deutschland steht. Flassbeck veranschaulicht vor diesem Hintergrund den Link zwischen Sparen und Investieren.

Sparen fördert das Investieren nicht. Ganz im Gegenteil: Sparen behindert es sogar, schreibt der ehemalige Staatssekretär im Finanzministerium in seinem aktuellen Buch „Zehn Mythen der Krise“.

„Jeder Euro, der nicht von den Konsumenten an die Unternehmen zurückfliesst, stellt für Letztere einen Verlust dar“. Der Wunsch der privaten Haushalte, Ersparnisse zu bilden, steht m.a.W. dem Versuch der Unternehmen, erfolgreich zu investieren, diametral entgegen. Denn ein Anstieg der Ersparnisse der privaten Haushalte bedeutet unmittelbar weniger Nachfrage für Unternehmen.

Ölpreise und US-Wirtschaft

James Hamilton denkt nicht, dass der gegenwärtig hohe Ölpreis die US-Konjunktur aus der Bahn werfen würde.

Ein Grund dafür ist, dass ein Grossteil der Auswirkungen auf die Wirtschaft eines Anstiegs des Ölpreises aus abrupten Veränderungen in den Mustern der Verbraucherausgaben stammt.

Zum Beispiel beobachten wir oft, dass die US-Verbraucher, wenn die Ölpreise stark steigen, plötzlich aufhöhen, Fahrzeuge, die in Nordamerika hergestellt werden und weniger Kraftstoff sparen , zu kaufen, bemerkt der an der University of California, San Diego lehrende Wirtschaftsprofessor in seinem Blog.

Das Absinken des Einnahmen für die heimische Autobranche ist ein erschwerender Faktor der gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen. Wenn aber die Verbraucher sogar höhere Preise kommen sehen als sie im Moment zahlen, dann ist es so, dass ihre Pläne in Bezug auf die Ausgaben und die Produktionspläne von Unternehmen die Realität bereits eingebauen.

Hamilton wirft einen Blick auf den Umsatz von inländischen leichten Fahrzeugen im Februar, einschliesslich von SUVs. Und die Daten zeigen einen geringen Anstieg aus dem letzten Jahr, aber sie liegen noch immer um 28% tiefer als im Februar 2007. Seit dem Erreichen der Spitzenwerte der Gaspreise in den Jahren 2007-2008 kaufen die Amerikaner nie wieder grössere Fahrzeuge, wie sie es bislang getan haben.


Energie-Ausgaben als Prozent der Verbraucherausgaben (1959-2012), Graph:  Prof. James Hamilton

Berechnet als 100-mal nom. monatliche Konsumausgaben für Energie-Waren und Dienstleistungen, dividiert durch die Gesamtanzahl der persönlichen Konsumausgaben (Quelle: BEA). Die blaue Linie repräsentiert die 6 Prozent-Grenze.

Dienstag, 6. März 2012

Sparen behindert das Investieren

Die Lektüre des Artikels („Wall Street Bonus Withdrawal Means Trading Aspen for Cheap Chex“) von Max Abelson über weinerliche Wall-Street Protagonisten hat vielen Lesern bestimmt viel Spass verbreitet, bemerkt Paul Krugman in seinem Blog.

Mike Konczal deutet in seinem Blog darauf hin, dass es sich dabei zum Teil um das Jammern der Rentier handelt, die verärgert sind, weil ihr Vermögen nicht die Gewinne bringt, die sie sich wünschen.

Diese Leute sind fast immer verächtlich, wenn z.B. Arbeitnehmer sich über sinkende Reallöhne beschweren. Aber wenn die Preise, die für sie entscheidend sind (beispielsweise Zinssätze), fallen, dann ist es ihrer Empfindung nach ein Skandal. Und es sei künstlich!, legt Krugman dar.

Warum sind aber die Zinsen so niedrig? Weil die Ersparnisse steigen und die Investitionen fallen, wie in der vielsagenden Abbildung deutlich zu sehen ist:


Ersparnisse und Investitionen, Graph: Prof. Paul Krugman

EZB, Big Bertha und LTRO

Die EZB hat im ersten langfristigen Refinanzierungsgeschäft (LTRO 1) 500 Mrd. Euro an Banken in der Eurozone zugeteilt.

Im zweiten langfristigen Refinanzierungsgeschäft (LTRO 2) hat sie wiederum zu einem festen Zinssatz von 1,0% 529,5 Mrd. Euro verliehen.

Die EZB hat also mit 3-Jahrestender in zwei Schritten über 1‘000 Mrd. Euro Liquidität zu sehr günstigen Konditionen gepumpt.

Funktioniert aber der Ansatz? Es gibt viele Berichte in den Medien, wonach die LTRO nicht funktioniert, weil die Gelder auf dem Konto der Banken bei der EZB landet.

„Es ist wahr, dass die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB angestiegen sind. Aber daraus lässt sich nicht schliessen, dass die Aktion nicht funktioniert“, schreibt Frank Øland Hansen in einem Artikel („Has the ECB’s big gun put debt crisis on pause?“) in FT.

Wenn eine spanische Bank via LTRO Kredit aufnimmt, und mit dem geliehenen Geld eine Staatsanleihe von einer deutschen Bank kauft, gehen die Einlagen der spanischen Bank bei der EZB zurück. Die Einlagen der deutschen Bank, die die Staatsanleihe verkauft hat, steigen.

Nur wenn die Banken sich entscheiden, das Geld in Cash zu behalten oder wenn das Geld auf dem Konto der Regierung bei der EZB landet, würden die Einlagen bei der EZB nicht steigen.

Konjunkturpaket versus Sparpaket

Die Debatte über Konjunkturpaket (stimulus) versus Sparkurs (fiscal austerity) hält in der Blogosphäre unvermindert an.

Barry Eichengreen und Kevin O’Rourke zeigen in einer lesenswerten Analyse („A tale of two depressions redux“) in voxeu anhand von drei anschaulichen Abbildungen, dass die industrielle Produktion und der Handel sich heute viel schneller erholt haben als während der Grossen Depression, aber es noch sehr früh ist, in diesem Stadium der Wirtschaft Haushaltskonsolidierung und Normalisierung der Geldpolitik anzustreben.

Achtzig Prozent der von der Booth School of Business an der University of Chicago befragten Ökonomen sind sich einig, dass das Konjunkturpaket vom Jahr 2009 die Arbeitslosenquote erfolgreich gesenkt hat. Aber das bedeutet, dass 20% der Ökonomen noch skeptisch oder unsicher sind.

Es steht fest, dass in Europa, wo die Sorgen über die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen noch intensiver sind als in den USA, die Idee der Haushaltskonsolidierung (expansionary austerity) kläglich gescheitert ist. Erstaunlich ist aber, dass dies „noch nicht zu einem ernsthaften Umdenken in der Politik geführt hat“, wie die Autoren festhalten.


Industrielle Produktion (weltweit), heute versus damals, Graph: Prof. Barry Eichengreen und Prof. Kevin O’Rourke

Montag, 5. März 2012

Warum „Target 2“-Debatte wichtig ist

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat sich laut FAZ vergangene Woche per Brief mit der Bitte an den EZB-Präsidenten Mario Draghi gewandt, die inzwischen stark gestiegenen Forderungen der Bundesbank im Eurosystem zwischen den Notenbanken abzusichern.

Die Bundesbank wird offensichtlich nervös über das Gegenparteirisiko, falls der Euro plötzlich zusammenbrechen sollte.

Es handelt sich dabei um Forderungen im Zahlungs- und Abwicklungssystem im Euro-Raum (kurz TARGET 2 genannt) für Euro-Transaktionen zwischen nationalen Zentralbanken mit Zentralbank-Geld.

Das Thema um die Target-Salden ist von Hans-Werner Sinn angestossen worden. Der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung debattiert, redet und schreibt seither darüber unersättlich.

Sinn stellt inhaltlich hochgradig falsche Behauptungen auf und zieht gefährliche Schlüsse, hält Karl Whelan (hier und hier) fest.

Sinn‘ Analyse ist über weite Strecken fragwürdig, seine Schlussfolgerungen sind unverantwortlich und gefährlich, bemerkt Olaf Storbeck im Blog des Handelsblatts. (PS: Storbeck hat dabei eine hervorragende Forschungsarbeit geliefert. In einer Leseliste TARGET 2 hat er alle relevanten Artikel zum Thema zusammengestellt. Empfehlenswert für alle, die sich im Thema weiter vertiefen wollen)

Eine der faszinierendsten jüngsten Entwicklungen der Krise der Eurozone ist der Schock des ökonomischen Establishments in Deutschland, dass die Eurozone in der Tat eine Währungsunion ist, schreibt Wolfgang Münchau in einem lesenswerten Artikel („The Bundesbank has no right at all to be baffled“) mit einer angenehmen subtilen Ironie heute in FT.