Dienstag, 10. Januar 2017

Produktivität: Deutschland versus Frankreich

Markus Brunnermeier stellt die unterschiedlichen Weltanschauungen zwischen Deutschland und Frankreich in den Mittelpunkt seines jüngst veröffentlichten, lesenswerten Buches, um dazu beizutragen, die wirtschaftspolitischen Positionen der beiden Gründungsstaaten des europäischen Projektes besser zu verstehen und die Reaktionen auf die anhaltende Krise möglichst rasch auf Vordermann zu bringen.

Thomas Piketty nimmt am Montag in seinem Blog die bevorstehenden Wahlen in Deutschland (im Herbst) und Frankreich (im Frühjahr) zum Anlass, um die „angebliche wirtschaftliche Asymmetrie“ zwischen den beiden Ländern (Deutschland wohlhabend und Frankreich im Abstieg) zu ergründen.

Der französische Ökonom unterstreicht mit Nachdruck die Tatsache, dass die Produktivität der deutschen und der französischen Volkswirtschaften, gemessen am BIP pro geleistete Arbeitsstunde, nahezu identisch ist.

Darüber hinaus sei die Produktivität auf höchster Weltebene, was zeige, dass das europäische Sozialmodell eine glänzende Zukunft habe, ungeachtet dessen, was die „Brexiter“ und „Trumper“ denken mögen, so der Wirtschaftsprofessor an der Paris School of Economics.

Als Fazit hält der Autor des insbesondere in den USA viel Aufmerksamkeit erweckten Buches („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) fest, dass Deutschland und Frankreich ähnliche Produktivität an den Tag legen, aber sie auf sehr unterschiedliche Art und Weise verwenden:


Produktivität in Deutschland und Frankreich im Vergleich (gemessen am BIP pro geleistete Arbeitsstunde), Graph: Thomas Piketty

Sonntag, 8. Januar 2017

Wann ist Fiscal Stimulus wirksam?

Ökonomen bilden Modelle, um herausragende Aspekte der sozialen Interaktionen zu erfassen, schreibt Dani Rodrik in seinem lesenswerten Buch („Economics Rules“).

Ein Wirtschaftsmodell richtet das Augenmerk nach bestimmten Ursachen und versucht, zu zeigen, wie sie sich durch das System entfalten.

Interessierte Leser wissen, dass Paul Krugman u.a. ein einfaches IS-LM-Modell verwendet, um die Situation seit dem Ausbruch der globalen Finanzkrise von 2008 zu analysieren.

Das Modell, das die Dinge sehr vereinfacht und daher nicht unbedingt als „abschliessend“ wahrgenommen werden kann, hat bislang trotzdem sehr nützliche Vorhersagen darüber geliefert, was in der Wirtschaft unter ungewöhnlichen Umständen geschehen würde.

Mit anderen Worten: Die Ökonomen, die sich eines einfachen IS-LM-Modells bedient haben, haben den Verlauf der gegenwärtigen Krise bislang ziemlich gut einschätzen können, ohne sich von der neoklassischen Theorie komplett vereinnahmen zu lassen.

Eine grundsätzliche Aussage ist, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage den Zinssatz reflektiert und die Geldpolitik sich gegen die Veränderungen im BIP lehnt. Die LM-Kurve ist daher nach oben gerichtet, weil es aber sehr schwer ist, die Zinsen unter null zu senken, verläuft die Kurve bei niedrigem BIP-Niveau flach (Liquiditätsfalle).


IS-LM-Modell: Wo stehen wir heute?, Graph: Paul Krugman, Blog, NYTimes, Jan 2017.

Freitag, 6. Januar 2017

Reflationspolitik, oder was?

Reflationspolitik ist auch im neuen Jahr in aller Munde. Worum geht es? 

Es handelt sich dabei um Policy-Mix. Das heisst eine Kombination von Fiskal- und Geldpolitik, die darauf abzielt, die Wirtschaft anzukurbeln und v.a. die Auswirkungen der Deflation einzudämmen. 

Senkung der Steuern, Anpassung des Geldangebots, Senkung der Zinsen beispielsweise zählen zu den Massnahmen, die dabei ergriffen werden. Reflationspolitik kommt also zum Einsatz, um die Konjunktur wieder zu beleben und die Schrumpfung der Wirtschaft zu verhindern.

Da das Zusammenspiel der eingesetzten Vorkehrungen entscheidend ist, lohnt sich, kurz einen Blick darauf zu werfen, wie es in den grossen Volkswirtschaften heute aussieht.

Während die Fed sich derzeit anschickt, die Straffung der Geldpolitik im neuen Jahr voranzubringen, halten die EZB und die BoJ am Einsatz der unkonventionellen Mittel (Anleihekaufprogramm, Negativzinsen, Forward Guidance usw.) fest, wahrscheinlich noch eine lange Zeit.

Was jedoch ins Auge fällt, ist, dass die EU-Behörden auch 2017 einen ausgeglichenen Haushalt anstreben. Dazu kommt, dass inzwischen Stimmen laut werden, die den Anstieg der Inflation in Deutschland im Dezember auf 1,1% als „galoppierend“ (siehe FT) bezeichnen.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, festzuhalten, dass es nicht viel Sinn macht, wenn die expansive Geldpolitik von einer restriktiven Fiskalpolitik begleitet wird. Sonst wäre es ja keine kompromisslose Reflationspolitik, die benötigt wird, um die Nachwirkungen in einer schweren Rezession zu besänftigen.


Die Differenz in Real-Renditen, die den Wechselkurs USD EUR bewegen, Graph: Morgan Stanley

Mittwoch, 4. Januar 2017

Inflation Blues in Deutschland


Die Mainstream-Media feiert das „Comeback von Inflation“ in Deutschland. Das Statistische Bundesamt hat gestern mitgeteilt, dass die Verbraucherpreise in Deutschland im Dezember voraussichtlich um 1,7% höher liegen als im Dezember 2015.

Der Haupttreiber sind wahrscheinlich die Energiepreise (+12,6%), die zum ersten Mal seit drei Jahren im Vergleich zum Vorjahresmonat kräftig angestiegen sind.

Im Jahresdurchschnitt dürfte die Inflationsrate 2016 nach bisher vorliegenden Ergebnissen bei 0,5% liegen (2015: 0,3%), wie destatis weiter unterstreicht. 

Obwohl die Inflation (headline*) auch in der Eurozone im Dezember von 0,6% auf 1,1% im November gestiegen ist, gibt es keinen Grund zur Freude, weil erstens die Inflation in der Eurozone deutlich unter dem Zielwert (knapp 2%) der EZB bleibt und zweitens der private Verbrauch nach wie vor unter stagnierenden Löhnen leidet. Da die Kaufkraft abnimmt, könnte der Konsum sogar u.U. stärker betroffen werden.


Inflation: Erwartungen im Markt versus Zielinflationsrate, Graph: Morgan Stanley

Dienstag, 3. Januar 2017

Unabhängigkeit der Zentralbanken


Damit eine Zentralbank in einer Krise als „Kreditgeberin der letzten Instanz“ (lender of last resort) agieren kann, muss sie ein gewisses Mass an Unabhängigkeit haben. 

Vor allem darf sie nicht offenlegen, welche Banken als zerbrechlich für die Kreditaufnahme angesehen werden, was die Liquiditätsengpässe im Finanzsystem sonst verewigen und Panik auslösen könnte. 

Gleichzeitig darf die Zentralbank an insolvente Banken keinen Kredit gewähren, was die Banken, die zwar solvent, aber illiquid sind, von der Suche nach Mittelaufnahme sonst abhalten könnte.

Vor diesem Hintergrund unterstreichen Cecchetti und Schoenholtz in ihrem gemeinsam verwalteten Blog, dass der Median-Prognose der FOMC-Teilnehmer zufolge mit drei Zinserhöhung in den USA im Jahr 2017 zu rechnen ist.

Das wäre das erste Mal in einem Jahrzehnt, dass die Fed die Zinsen um insgesamt um 75 Basispunkte (0,75%) in einem Jahr anhebt. Es ist laut Cecchetti und Schoenholtz natürlich, zu fragen, welcher Kritik die Fed damit gegenüberstehen würde und ob ihre Unabhängigkeit bedroht wäre.

Die Bedenken der Autoren ergeben sich aus Aussagen des designierten US-Präsidenten Donald Trump während des Wahlkampfes und aus Legislativvorschlägen verschiedener republikanischen Kongressabgeordneten.


Fed Funds Rate, Graph: Cecchetti and Schoenholtz

Freitag, 30. Dezember 2016

Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik und andere faule Ausreden


Larry Kudlow, der eigensinnige TV-Moderator (CNBC) ist angeblich der designierte Chefökonom der sich gerade bildenden Trump-Administration. Der Anhänger der Trickle-down Theorie hat neulich gesagt, dass die Reichen nie stehlen würden. 

Trump und seine Regierung seien nicht nur nicht korrupt, sondern sie können auch nicht korrupt sein, weil sie wohlhabend sind, so seine Behauptung:

„Warum sollte sich Präsident sonst mit erfolgreichen Leuten umgeben? Reiche Leute brauchen nicht zu stehlen oder sich in Korruption zu engagieren.“

Jonathan Chait zitiert Kudlow, der keinen höheren Studium-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften vorweisen kann, in einem lesenswerten Artikel ausführlich und analysiert den Kern der Aussage weiter.

Die Behauptung, dass die Reichen unbestechlich sind, ist natürlich lächerlich, wenn man z.B. an die russischen Oligarchen denkt. 

Die Ironie der von Kudlow, dem künftigen Chefökonomen des Weissen Hauses gemachten Aussage ist, dass die gesamte Weltanschauung der Befürworter der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik darauf basiert, dass die Senkung der Steuern für die reichen Leute wie ein Wirtschaftswunder wirke, wegen der Anreize, wie Paul Krugman in seinem Blog kurz zusammenfasst.


CEO-Vergütung versus Arbeitnehmer-Entlohnung, Graph: Economic Policy Institute (EPI) 

Dienstag, 27. Dezember 2016

Warum Rückkehr zum Goldstandard eine schlechte Idee ist

Niemand weiss, was heute in der Weltwirtschaft geschieht. Die Erholung aus dem Zusammenbruch von 2008 geht unerwartet langsam vonstatten. Versinken wir in der „säkularen Stagnation“? So klagt Robert Skidelsky in seiner Kolumne („Economists versus the economy“) in Project Syndicate.

Die Wirksamkeit der unkonventionellen Massnahmen, die von den Notenbanken in den vergangenen Jahren getroffen wurden, werden nach und nach an verschiedenen Orten in Zweifel gezogen. Es gibt sogar Vorschläge, die unterbreitet werden, zum Goldstandard zurückzukehren, um die Preis- und Finanzstabilität zu gewährleisten.

Cecchetti & Schoenholtz erklären vor diesem Hintergrund im gemeinsam verwalteten Blog, warum der Goldstandard eine zutiefst schlechte Idee wäre.

Die Autoren erinnern an die vier grundlegenden Probleme, die Ben Bernanke, der ehemalige Fed-Präsident einst unterstrichen hat:

(1) Wenn die Zentralbank den USD-Preis des Goldes fixiert anstatt den Preis der Güter, die wir verbrauchen, ersetzen die Schwankungen im Dollar-Preis der Güter die Schwankungen im Marktpreis des Goldes.


Das amerikanische Wirtschaftswachstum zwischen 1880 und 2015, Graph: Cecchetti & Schoenholtz