Freitag, 8. November 2013

Euro-Raum sendet deflationäre Signale

Die EZB hat mit der Zinssenkung am Donnerstag mehr oder weniger die drohende Deflationsgefahr unterstrichen. Mario Draghi hat es auf der Pressekonferenz vorsichtig formuliert: „Wir erleben einen längeren Zeitraum niedriger Inflation“.

Es darf daran erinnert werden, dass die EZB ein Inflationsziel von 2% anstrebt. Die jährliche Inflationsrate ist im Euroraum im Oktober auf 0,7% gesunken. Das heisst, dass der Zielwert deutlich unterschritten wird, was einen Verstoss gegen die Preisstabilität darstellt.

Das global economics team von Morgan Stanley erwartet zwar nicht eine vollständige „Japanification“ im Euroraum. Aber die Analysten betonen „das sehr reale Deflationsrisiko“ in Europa. Begründung: 

(a) Überkapazitäten, 

(b) verfassungsrechtlich eingeschränkte Fiskalpolitik, 

(c) hohe Verschuldung und 

(d) eine „one size fits all“-Geldpolitik, die insbesondere für die Peripherie „zu straff“ ist, was darin zum Ausdruck kommt, dass die financial transmission aufgrund des Eigenkapital-Mangels der Banken unterentwickelt ist.



Im Euro-Raum signalisieren Überkapazitäten deflationäre Tendenzen, Graph: Morgan Stanley, Nov 8, 2013

Langzeitarbeitslosigkeit und Schäden für die Wirtschaft

Der IWF befasst sich auf der jährlichen Forschungskonferenz (Annual Research Conference) in Washington mit dem Thema „Krisen“. Es geht um die Ursachen und Folgen von Wirtschaftskrisen.

Paul Krugman, der an der Konferenz als Referat teilgenommen hat, macht in seiner lesenswerten Kolumne („The Multilated Economy“) am Freitag in NYTimes auf ein "Blockbuster-Paper" aufmerksam, wonach die Duldung der hohen Arbeitslosigkeit riesige Schäden in Bezug auf die langfristigen Aussichten anrichtet.

Seit die US-Wirtschaft in eine Rezession geriet, sind fünf Jahre und elf Monate vergangen. Die offizielle Arbeitslosigkeit bleibt hoch und sie wäre sogar noch höher, wenn nicht so viele Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden wären. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist heute viermal so hoch wie vor der Rezession, unterstreicht Krugman. Die trockenen Zahlen bedeuten Millionen von menschlichen Tragödien – verlorene Häuser, zerstörte Karrieren und junge Menschen, die mit dem Leben nichts anfangen können.

Viele Menschen haben sich an die Politik gewandt, die Schaffung von Arbeitsplätzen in den Vordergrund zu rücken. Diese Bitten wurden jedoch von der herkömmlichen Besonnenheit überdröhnt, beschreibt Krugman weiter: Wir können nicht mehr Geld für die Arbeitsplätze ausgeben, weil es mehr Schulden bedeuten würden, lauten die Stimmen. Wir können nicht einmal die Arbeitslosen beschäftigen, um Strassen , Tunneln, Schulen usw. zu bauen. Kurze Sicht spielt keine Rolle. Wir müssen an die Zukunft denken.

Die bittere Ironie ist also, dass das Versagen, das Problem der Arbeitslosigkeit anzupacken, gleichzeitig die Opferung der Zukunft bedeutet. So sagen die Forscher von der Fed in der oben zitierten Analyse. Und Krugman bedauert es, zu sagen, dass er ihnen glaubt.



Die Langzeitarbeitslosigkeit ist heute in den USA viermal so hoch wie vor der Rezession, Graph: FRED Fed St. Louis

Donnerstag, 7. November 2013

Europas Problem mit Inflation

Inflation bedeutet eine anhaltende Abnahme des Geldwertes. Deflation ist das Gegenstück zu Inflation. Das heisst: Ein allgemeiner Rückgang des Preisniveaus, über längere Zeit.

Es ist aber kein Grund zum Feiern, dass die jährliche Inflationsrate im Euroraum im Oktober auf 0,7% gesunken ist. Zum Einen, weil die EZB ein gemeinsam festlegtes Inflationsziel von 2% verfolgt und es jetzt deutlich unterschreitet. Zum Anderen, weil eine gemässigte Inflation in der Tat eine gute Sache wäre, und zwar aus zwei Gründen.

Auf der Nachfrageseite: Inflation verringert das Problem, das entsteht, wenn die Zinsen auf der Null-Grenze aufprallen (zero lower bound). Die Nominalzinsen können nicht unter Null fallen. Aber die Realzinsen schon, weil i.d.R. eine mässige Inflation in den Erwartungen eingebettet ist.

Auf der Angebotsseite: Inflation reduziert das Problem der nach unten starren Löhne (downward nominal wage rigidity). Da niemand gern Lohnsenkungen in Kauf nimmt oder akzeptiert, stellt die Lohnrigidität eine Einschränkung dar, wenn die Löhne „tatsächlich“ fallen müssen.

Beide Probleme sind heute sowohl in den USA als auch in Europa zu beobachten, schildert Paul Krugman in seinem Blog. Im Euro-Raum ist das Problem aber besonders schlimm,und zwar wegen der Austeritätspolitik. Da die Fiskalpolitik sowohl im Kern als auch an der Peripherie der Eurozone restriktiv ist, bleibt die Geldpolitik als die einzige Möglichkeit übrig, um die Euro-Krise zu bekämpfen. Die Länder in Südeuropa werden daher gezwungen, die Preise und Kosten via „interne Abwertung“ (internal devaluation) anzupassen.



Fallende Preise im Euro-Raum, Graph: Morgan Stanley, Nov 2013

Mittwoch, 6. November 2013

Interview: Prof. Simon Evenett, University of St. Gallen

Simon Evenett is Academic Director at the St. Gallen MBA and Professor of International Trade and Economic Development.


You say that it is important to understand the global financial crisis. But in the five years since Lehman, nothing has changed. The big banks are still dangerous to the society. What went wrong?

Plenty has changed since the financial crisis, but not all for the better. Only now are the banks being forced to hold much more capital, pay fines for past acts, and retrench. Many CEOs and policymakers played for time hoping, as in other crises, that this would soon past. As the crisis dragged on, so debts have built up and the adjustments are ultimately harder. Procrastination has a price. In the meantime, trillions of dollars in potential output has been lost and millions have had their careers disrupted.


After sharp criticism from the United States to the German large current account surplus, the EU also blames Germany’s export obsession in the euro area. What is going on in the EMU?

Germany has refused to adjust its policies and deserves to be criticised. German leaders think only deficit countries must adjust and become like Germany. If every country followed Germany's policies it would be a recipe for deflation and a worldwide slump. Only when the Earth starts trading with the Moon can every country run a trade surplus.

Anleihen: 33 Jahre Bull Market

Investoren auf den Anleihemärkten hatten einen unglaublich Lauf in den vergangenen rund 30 Jahren.

Der Ertrag im Durchschnitt beläuft sich auf 8,6%, obwohl die Renditen in diesem Zeitraum von 13% auf 1,5% gesunken sind, wie Morgan Stanley berichtet. Seit 1980 gab es nur zwei Jahre mit einem negativen Ergebnis.



Ertrag auf den Anleihemärkten seit 1980, Graph: Morgan Stanley, Nov 2013

Dienstag, 5. November 2013

Schweiz und keine Inflation

Der Index der Konsumentenpreise (CPI) hat in der Schweiz im Oktober einen Rückgang um 0,1% verzeichnet. Die Inflation ist auf Jahresbasis um 0,3% gefallen.

Damit zeigt die Inflationsrate in der Schweiz seit 24 Monaten in Folge keinen Anstieg. Die Verbraucherpreise sind 23 Monate in Folge gesunken. Nur in einem Monat war die Inflation inzwischen unverändert.

Bemerkenswert ist ferner der Verlauf der Preise der Importgüter, die im vergangenen Monat um 2,6% gesunken sind.




Schweiz Konsumentenpreise (CPI) Veränderung (in %) gegenüber dem Vormonat, Graph: Bundesamt für Statistik, BFS, Nov 5, 2013

Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse - Aufschrei durch Politik und Medien

Warum nehmen die Mainstream-Ökonomen und die Leitmedien an der offenen Kritik des US-Schatzamtes an Deutschlands Leistungsbilanzüberschüssen so viel Anstoss?

Abgesehen davon, dass der Aufschrei dogmatisch ist und der Sache nicht dient, lautet die Frage, warum es darauf ankommt? Die kurze Antwort: Die gegenwärtige Situation der Weltwirtschaft.

Die nominalen Zinsen sind auf der Null-Grenze aufgeprallt (zero lower bound). Es herrscht Sparparadoxon (paradox of thrift). Ein Anstieg der Notebankgeldmenge (monetary base) löst keine Inflation aus. Ein höheres Haushaltsdefizit führt nicht zu einem Anstieg der Zinsen. Die Produktionslücke (output gap) bleibt weit geöffnet. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf Rekordniveau. In den grössten Volkswirtschaften der industrialisierten Welt mangelt es an Nachfrage.

Doch, Deutschland hat mittlerweile höhere Überschüsse als China. Deutschlands hohe Überschüsse bedeuten, dass es einen grossen Teil der zur Verfügung stehenden externen Nachfrage in der reichen Welt geniesst.

Normalerweise wäre das vielleicht kein grosses Ärgernis. Denn Deutschlands Überschüsse würden seine Währung aufwerten lassen, was den Überschuss verringern würde. Gleichzeitig könnte der Nachfrageausfall aus dem Ausland durch höhere Nachfrage im Inland ausgeglichen werden. Das findet aber nicht statt. Warum? Weil Deutschland keine eigene Währung zum Abwerten Aufwerten hat, sondern es hat die Gemeinschaftswährung, die es mit seinen Nachbarn in der EWU teilt.


Deutschlands Lohnstückkosten (Daten: OECD), Graph: Prof. Paul Krugman