Dienstag, 15. Oktober 2013

Wie Austerität Menschen verarmt

Aus einer heute vom Schweizer Bundesamt für Statistik (BFS) vorgelegten Veröffentlichung geht hervor, dass Griechenland, Portugal und Spanien von der Armutsgefährdung im Euro-Raum am stärksten betroffen sind.

Verantwortlich dafür ist die hemmungslos umgesetzte Austeritätspolitik der EU, die von Brüssel und Berlin auferlegt wird, ohne Rücksicht auf Verluste.
  



Armutsgefährdung und materielle Entbehrung im europäischen Vergleich, Graph: Schweizer Bundesamt für Statistik BFS, Oct 15, 2013

Erwerbsarmut in der Schweiz

Das Bundesamt für Statistik (BFS) berichtet heute in einer Publikation über die Armut der erwerbstätigen Bevölkerung.

In der Schweiz waren demnach 2011 knapp 130‘000 Personen von Erwerbsarmut betroffen und rund 240‘000 Erwerbstätige armutsgefährdet.
  



Durchschnittliche Armutsgrenzen in der Schweiz, Graph: Bundesamt für Statistik BFS, Oct 15, 2013



Warum gibt es immer noch einen Wirtschaftsnobelpreis?

Der Wirtschaftsnobelpreis ging 2013 an Eugen Fama (Chicago) und Robert Shiller (Yale). Die beiden amerikanischen Ökonomen stehen für entgegengesetzte Ideen.

Fama bekommt den Preis für die Formulierung der Hypothese der effizienten Märkte (EMH: Efficient Market Hypothesis), Shiller für seine führende Rolle bei Abriss der EMH.

Die Volkswirtschaftslehre ist insgesamt immer noch in einem vorwissenschaftlichen Stadium, schreibt John Quiggin in seinem Blog dazu, zumindest wie die Idee der Wissenschaft durch Physik und Chemie veranschaulicht wird.

Die Wirtschaftswissenschaftler haben einige wichtige Entdeckungen gemacht und die Kenntniss der Wirtschaft hilft uns, wichtige Probleme zu verstehen. Aber es gibt keine Einigung über grundlegende Fragen, hebt der an der University of Queenland, Australien lehrende Wirtschaftsprofessor hervor.

Das Ergebnis ist, dass die Preise sowohl für „Entdeckungen“ als auch für die Widerlegung dieser Entdeckungen verliehen werden.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, wie die schwedische Zentralbank (Riksbank) mit der Betonung des „wissenschaftlichen“ Status für Wirtschaft ihre Unabhängigkeit von der Regierung unterstreicht.

Montag, 14. Oktober 2013

Die dogmatische Ablehnung des Keynesianismus hat fatale Folgen

In einer Antwort auf Bryan Caplans Blog-Eintrag unterstreicht Simon Wren-Lewis in seinem Blog, dass die Nominallohnrigidität (nominal rigidity wages) ein Faktum ist.

Der an der Oxford University lehrende Wirtschaftsprofessor meldet jedoch zwei Beschwerden über die Dominanz der Mikrofundierung (microfoundation) in der Makro-Ökonomie. Der Ansatz Mikrofundierung (*) soll aber weder als „grundlegend fehlerhaft“ impliziert noch aufgegeben werden. Er selbst lerne nämlich noch nützliche Dinge vom Aufbau der DSGE-Modelle.

Seine erste Beschwerde ist, dass zu viele Ökonomen eine „puristische Position“ in Sachen Mikrofundierung vertreten: „wenn etwas nicht mikrofundiert werden kann, gehört es in kein Modell“. Mit anderen Worten bestehen einige Vertreter des microfoundation-Ansatzes darauf, nur das in die Modelle einzubauen, was mikrofundiert werden kann, und nicht was sie in der Praxis beobachten. Dies führt laut Wren-Lewis zu einer Standard-Methode, die innovative makro-ökonomische Forschung ablehnt.

Seine zweite Kritik ist, dass die Mikrofundierung, die von Makroökonomen verwendet wird, veraltet ist. Die Verhaltensökonomie beispielsweise schafftenicht einmal einen Einblick, argumentiert Wren-Lewis. Ein gutes und sehr wichtiges Beispiel kommt aus der Zurückhaltung der Unternehmen, die Nominallöhne zu senken. Es gibt eine überwältigende empirische Evidenz für dieses Phänomen.

Die verhaltensökonomische Gründe werden übrigend von Truman Bewley in seinem Buch („Why Wages Don’s Fall“) behandelt. Sowohl die Geldillusion als auch die Bedeutung der Moral der Arbeitskräfte sind von Behaviroral Economics gut akzeptierte Ideen, hebt Wren-Lewis hervor.


Arbeitslosigkeit in Spanien, Graph: Prof. Sven Wren-Lewis

Sonntag, 13. Oktober 2013

Eine Herausforderung für anti-keynesianische Einstellung

Ein oft wiederholtes Argument der schrillen Anti-Keynesianer ist, dass Keynesianismus nicht nur falsch, sondern eine inkohärente Pseudo-Wissenschaft sei.

Für diejenigen, die Keynesianismus für ein düsteres Bild halten, bietet Bryan Caplan im Blog Library of Economics and Liberty eine Herausforderung bereit: Lesen Sie bitte Truman Bewley’s BuchWhy Wages Don’t Fall During a Recession“.

Nach der Lektüre Bewleys Buch werden Sie zustimmen, dass keiner der folgenden typisch keynesianischen Ansprüche als Pseudo-Wissenschaft gelten. Und Sie werden darüber hinaus akzeptieren, dass mindestens zwei dieser Behauptungen, wenn nicht wahr, doch zumindest glaubwürdig sind, hält Caplan fest.

(1) Nominallohnrigidität spielt eine grosse Rolle in der modernen US-Wirtschaft.

(2) Ein wesentlicher Teil dieser Nominallohnrigidität stammt von der grundlegenden menschlichen Psychologie, nicht aus staatlicher Regulierung.

(3) Nominallohnrigidität ist ausreichend haltbar, um ein langfristiges trade-off zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit bei niedrigen Inflationsraten zu erstellen.

Obstruktionspolitik der GOP lastet auf US-Wirtschaft

Der Streit um den Haushalt hält in den USA an. Präsident Obama will auf den Vorschlag der Republikaner, die Schuldenobergrenze (debt ceiling) vorübergehend (zwei Monate) zu erhöhen, zu Recht nicht eingehen. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Teile von Ministerien und Behörden bleiben in Washington geschlossen (government shutdown). Die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit (default) bleibt damit bestehen.

Mittlerweile spekulieren einige Experten über die Möglichkeit einer Spaltung innerhalb der GOP oder eine Art Putsch, wo die Parteiältesten, die von der Geschäftswelt unterstützt werden, die Kontrolle von den Verrückten in der Partei übernehmen würden.

Doch Paul Krugman hält es für ein Wunschdenken. Der an der University of Princeton lehrende Wirtschaftsprofessor deutet darauf hin, dass die Republikaner schlecht für die Geschäftswelt sind. Seit die Republikanische Partei das Repräsentantenhaus  eroberte, fallen die Staatsausgaben (bereinigt um die Inflation und die Bevölkerung) schnell.

Das ist genau das Falsche, in einer noch angeschlagenen Wirtschaft mit Zinsen nahe null zu tun. Nach einer Überschlagskalkulation wäre das BIP heute um mindestens 2% höher. Und die Unternehmensgewinne lägen um mindestens 6% höher, wenn es die harschen Sparmassnahmen (austerity) nicht gäbe, hebt Krugman hervor.



US Staatsausgaben, Graph: Prof. Paul Krugman
Die republikanische Obstruktionspolitik kostet Corporate America eine Menge Geld

Samstag, 12. Oktober 2013

Japan’s Drei-Pfeiler-Strategie gegen die Deflation

Shinzo Abe wurde im vergangenen November mit grosser Mehrheit zum neuen Premierminister Japans gewählt. Seither versucht er mit Hilfe der japanischen Notenbank (BoJ) mit der “Abenomics” genannten Wirtschaftspolitik die anhaltende Deflation im Land zu bekämpfen.

Die Drei-Pfeiler-Strategie umfasst (1) eine aggressive Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbank, (2) Investitionen der öffentlichen Hand in Infrastruktur und (3) Strukturreformen.

Barry Eichengreen nennt es in einem aktuellen Artikel „Abe’s ausgezeichnetes Abenteuer“ und zitiert dazu Henry Wadsworth Longfellow’s Gedicht „I shot an arrow in the air, it fell to earth, I knew not where“.

Longfellow war ein amerikanischer Dichter des früheren 19. Jahrhunderts. Sein Gedicht hat sich bestimmt nicht auf den japanischen Premierminister bezogen. Aber es hätte sein können. Was Abe nämlich seinen Drei-Pfeiler ökonomischen Regeneration-Plan bezeichnet, ist ein Schuss in die Dunkelheit in einem Land, welches im Allgemeinen keine Risikobereitschaft an den Tag legt, schildert Eichengreen.

Der erste Pfeiler betrifft aggressive Lockerung der Geldpolitik, die dafür umgesetzt wird, den Drachen Deflation zu erlegen.

Der zweite Pfeiler beinhaltet Konjunkturmassnahmen (fiscal stimulus) mit einer einmaligen Dosis mit dem Ziel, dem Wirtschaftswachstum nach mehr als zwei Jahrzehnten Starthilfe zu geben.

Der dritte Pfeiler ist eine Mischung aus Strukturreformen, entwickelt mit dem Zweck, die produktive Effizienz zu steigern, Investitionen anzukurbeln und rasches Wachstum nachhaltig zu erbringen.