Dienstag, 5. Januar 2010

Stephen Roach warnt vor Double-dip

Stephen Roach betrachtet „Wachstumsangst“ als das grösste Ereignis in Sachen Investitionen im Jahr 2010. Er verweist darauf, dass die Wirtschaftserholungen nach Krisen i.d.R. anämisch verlaufen, im Gegensatz zu den kräftigen Rebound-Szenarien, die derzeit auf den internationalen Finanzmärkten vorherrschen, erklärt Chairman Morgan Stanley Asia in einer kurzen Stellungnahme in FT von heute. Seiner Ansicht nach werden sich angeschlagene Finanzinstitute schwer tun, das normale Tempo der Kreditvermittlung für die kommenden Jahre aufrechtzuerhalten. Der anhaltende Prozess des Schuldenabbaus („deleveraging“) der Verbraucher werde auf der Nachfrage lasten, so Roach.

Das Welt-BIP-Wachstum dürfte laut Roach in den nächsten drei Jahren im Durchschnitt 2,5% betragen. Das ist eindeutig zu wenig, gegen Schocks entgegenzuhalten. Doch Schocks sind in der Welt nach der Krise unvermeidbar. Ein Scheitern der Exit-Strategie der Zentralbanken oder ein Ausbruch von Protektionismus sind seiner Einschätzung nach „besonders besorgniserregend“. Sollte ein Schock kommen, würde die Angst vor der Gefahr eines erneuten Rückfalls der Wirtschaft in Rezession ("double-dip") den weltweiten Aktienmärkten einen Dämpfer setzen, so Roach.

Marc Faber sieht 2010 als „ein Jahr der Kapitalerhaltung“. Die „Markt-Extreme“ existieren nicht mehr. 2009 habe laut Faber „Kaufgelegenheiten für Lebensdauer“ geboten. Faber prognostiziert „volatile Trading-Range“ für Finanzmärkte mit einer Outperformance von Japan und S&P-500 Index im Vergleich zu Emerging-Markets. 2010 soll ein gutes Jahr für Getreide sein, so Faber.

Montag, 4. Januar 2010

Kritik an Bernanke

Die Rede, die Fed-Chef Ben Bernanke am Sonntag in Atlanta gehalten hat, ist auf ein grosses Echo gestossen. „Keine schlechte Rede, und schon gar nicht dumm. Aber defensiv, in die falsche Richtung“ urteilt Paul Krugman in seinem Blog bei NYT. Laut Krugman hätte Bernanke offener über die zweifellosen Misserfolge der Fed reden sollen. Vor allem über Alan Greenspans Verweigerung dessen, was die Warnungen über die Subprime-Kredite betrifft. Top-Experten einschliesslich Bernanke sind gescheitert, die Immobilienblase in Echtzeit zu erkennen, erklärt Krugman. Auch Barry Ritholtz haut in dieselbe Kerbe: „Bernanke versteht die Kreditkrise immer noch nicht“. Bernanke habe zwar die fehlende Regulierung und Aufsicht über das Hypothekenwesen beklagt, aber die ultra-niedrige Zinspolitik von Greenspan verteidigt, so Ritholtz. „Leider scheint mir der Fed-Chef seine Institution und die Entscheide seines unmittelbaren Vorgängers zu verteidigen, anstatt eine ehrliche Einschätzung dessen zu liefern, was falsch gelaufen ist“, hält Ritholtz fest.

Man kann nicht reparieren, was nicht funktioniert, bevor man verstanden hat, was schief gelaufen ist und wie, erläutert Ritholtz. „Ich war kurz davor, Bernankes Wiederwahl zu bejahen, v.a. weil ich nicht so optimistisch bin, dass wir jemanden Besseren finden werden“, schreibt James Kwak in The Baseline Scenario. „Aber jetzt, nachdem ich die Rede gelesen habe, bin ich dagegen, erklärt Kwak. Bernanke habe behauptet, dass er für den Konsumentenschutz ist. Aber er habe gegen die Verbraucher-Agentur (Financial Protection Agency), für die sich jeder, der ernsthaft Konsumentenschutz will, einsetzt, Lobbyarbeit geleistet, ist Kwak enttäuscht. Ferner wendet Kwak ein, dass zu viel über das Thema „systemisches Risk“ gesprochen werde. Das sei ein Aspekt, womit jedermann im allgemeinen einverstanden ist. „Ja, es stimmt, dass das, was in 2008 passiert ist, ein systemisches Risiko war“, so Kwak. Aber es sei ebenso wahr, dass die Regulierungsbehörden bereits über die Macht verfügten, Banken wie Citigroup, BoA, Wachovia, WaMu, Lehman, Bear Stearns und Countrywide zu überwachen, und sie zu zwingen, sich von riskanten Aktivitäten zurückzuziehen. Aber sie haben es nicht getan, klagt Kwak.

Verfrühte Exit-Debatte

Die allgemeine Stimmung in Wirtschaft erscheint zu Jahresbeginn ziemlich gelassen. Der Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes steht zur Zeit im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte, als ob die Wirtschaft für einen Kurswechsel reif wäre. Es wird eifrig über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung durch die Zentralbanken spekuliert. Paul Krugman warnt aber vor diesem Hintergrund in seiner Montagskolumne in NYT davor, die Stimulierung der Wirtschaft erneut zurückzufahren. Er verweist darauf, nicht den grossen Fehler von 1937 zu wiederholen. Die Fed war damals zu sehr besorgt, dass die enormen Überschussreserven im Bankensystem die Inflation anheizen würde. Deshalb hat die Roosevelt-Administration beschlossen, die Grosse Depression für beendet zu erklären. Die Fed hat dann den Satz für die Mindestreserven, welche die Geschäftsbanken bei ihr halten müssen, angehoben. Die Banken haben daraufhin die Kreditvergabe verschärft. Der Abschwung wurde jedoch folglich erneut beschleunigt.

Krugman erwähnt zweitens den Fall Japan von Anfang 1996. Nachdem die japanische Wirtschaft nach 12 Monaten erstmals wieder wuchs, betrachteten die Behörden die lange Rezession als vorüber. In der Tat hatte das Land erst die Hälfte des verlorenen Jahrzehnts hinter sich.

Eine weitere Lockerung der geldpolitischen Bedingungen ist zwar derzeit nicht nötig. Aber die Zeit für eine Korrektur ist bestimmt nicht gekommen. Deswegen täten die Zentralbanken gut daran, ihre expansive Geldpolitik fortzusetzen. Denn die Schrumpfung der aggregierten Nachfrage hält an und die Kapazitätsausnutzung ist unausgelastet. Krugman erinnert daran, dass das Wirschaftswachstum in den vergangenen zehn Jahren durch (1) den Boom am Immobilienmarkt und (2) den enormen Anstieg der Konsumausgaben getrieben war. Beide Triebkräfte sind heute ist Stocken geraten. Was bleibt übrig? Unternehmensinvestitionen. Die Industrie ist aber überschwemmt von Überkapazitäten, betont Krugman. Was ist mit Export-Geschäft? Der anfängliche Rückgang des amerikanischen Handelsdefizits hat zwar geholfen, der Wirtschaftsflaute entgegenzuwirken, aber das Defizit vergrössert sich wieder, so Krugman, weil China und andere Länder sich weigern, ihre Wechselkurse anzupassen. Gute Nachrichten aus der Wirtschaft, die naher Zukunft zu hören sei werden, sind Ausrutscher, erklärt Krugman. Sie sind kein Indiz dafür, dass die Wirtschaft sich auf dem Weg zu einer nachhaltigen Erholung befindet. "Werden aber die politischen Entscheidungsträger die News falsch interpretieren und die Fehler von 1937 wiederholen? Eigentlich sind sie ohnehin schon dort", beklagt Krugman.

Türkei: Inflationszahlen im Dezember 2009

Der Verbraucherpreis-Index (CPI) ist in der Türkei im Dezember um 0,53% gestiegen, während der Erzeugerpreis-Index (PPI) um 0,66% zunahm. Annualisiert beträgt die Inflationsrate nun für CPI 6,53% und für PPI 5,93%.

Den höchsten monatlichen Preisanstieg verbuchte der Index für die Ausgaben „food & non-alcoholic beverages“ mit 2,2%. Ausserdem legten die Preise für „communication“ um 0,93% zu. Die Preise für „hotels, cafes & restaurants“ kletterten um 0,63%. Der Preisindex für „clothing & footwear“ ging im Dezember um 2,79% zurück.


CPI, Turkish Economy, Graph: Turkish Statistical Institute

Für den höchsten annualisierten Preisanstieg war der Index für „alkoholische Getränke und Tabakwaren“ mit 20,91% verantwortlich. Ferner legten die Preise für „diverse Waren und Dienstleistungen“ um 13,75%, „Nahrungsmittel und nicht-alkoholische Getränke“ um 9,26%, „Freizeit und Kultur“ um 8,92% und „Hotels, Cafes und Restaurants“ um 7,31% im Vergleich zum Vorjahresmonat zu.

$/TRY: 1,4904
€/TRY: 2,2324
CHF/TRY: 1,4406.

Ben Bernanke nimmt Geldpolitik in Schutz

Fed-Chef Ben Bernanke hat am Sonntag in einer Rede auf einer Wirtschaftskonferenz (American Economic Association) in Atlanta die Krisenpolitik der US-Notenbank in Schutz genommen. Nicht niedrige Zinsen, sondern der zunehmende Einsatz von exotischen Arten von Hypotheken und der damit verbundene Rückgang des Emissionsstandards (underwriting-standard) haben laut Bernanke die schlimmste Wirtschaftskrise seit den 1930er jahren ausgelöst. Bernanke plädiert für eine Stärkung der regulatorischen Rahmenbedingungen als das beste Mittel gegen Blasen.


Fed Funds Rate, Graph: Ben Bernanke, Fed

Wegen der Komplexität der Krise gebe es laut Bernanke viele Lehren, die nicht immer einfach seien. Sowohl der private Sektor als auch die Regulierungsbehörden müssen ihre Fähigkeiten zur Überwachung und zur Kontrolle von Risikoübernahme verbessern, hält Bernanke fest. Die Krise habe nicht nur die Schwächen der regulatorischen Aufsicht von Finanzinstituten zum Vorschein gebracht, sondern auch manche grundlegende Lücken in der Architektur der Finanzmarktregulierung rund um die Welt. Die Lehre, die Bernanke aus der Erfahrung zieht, ist, dass die Finanzregulierung und die Aufsicht über Risiken, die sich entwickeln, nicht wirkungslos sind, sondern ihre Ausführung besser und intelligenter gehandhabt werden muss. Die Krise habe gezeigt, dass das Leverage und die Liquidität aus einer systemweiten Perspektive wie auch auf der Ebene von einzelnen Unternehmen ausgewertet werden muss, erklärt Fed-Chef.


The Target Rate and the Taylor Rule, Graph: Ben Bernanke, Fed

Hier ist der Link (in pdf Format) zum Vortrag des Fed-Chefs Bernanke in Atlanta.

Sonntag, 3. Januar 2010

Simon Johnson befasst sich mit Lehren aus der Finanzkrise

In den 1990er Jahren hat die Clinton-Administration grosse Erfahrungen bei der Bekämpfung von Finanzkrisen rund um die Welt gesammelt. Manch einer der Ratschläge, die das US-Finanzministerium erteilt hatte, waren umstritten. Aber der Ansatz war sinnvoll, schreibt Simon Johnson, der in einem lesenswerten Essay in NYT die Rettungsaktionen der US-Regierung vor zehn Jahren mit denen von heute vergleicht. Scheitert das Finanzsystem, muss es upfront geflickt werden. Weil es die beste Gelegenheit bietet, die grundsätzlichen Probleme anzugehen, erläutert Johnson. Zum Beispiel Banken, die übermässige Risiken eingehen. Zögert man mit Veränderungen, bis die Erholung beginnt, werden Banken und andere wichtige Spieler wieder mächtig und damit gegen Veränderungen widerstandsfähiger.

Obwohl Larry Summers in einer Rede von 2000 die Relevanz der frühzeitigen Markteingriffe im Falle von involventen Finanzinstituten unterstrich, fragt sich Johnson, warum das Team um Summers mit Tim Geithner und David Lipton das, was sie aus Erfahrungen in den 1990er Jahren gelernt haben, in den vergangenen 12 Monaten nicht in die Praxis umgesetzt hat. Die Gruppe habe sich früh und hart für Fiskal-Stimulus eingesetzt, was in den 1990er Jahren in der amerikanischen Wirtschaft dieselbe Rolle gespielt habe, so Johnson. Indem die Gruppe um Summers damals Joseph Stiglitz (damals Chefökonom bei der Weltbank) zugehört hat, habe sie vernüftige Lehren aus der Krise gezogen. Doch im Hinblick auf die Handhabung scheint der Summers-Geithner-Ansatz diesmal im Widerspruch zu den Handlungen und Ansichten vor einem Jahrzehnt zu stehen. In den 1990er Jahren waren die beiden Herren gegen bedingungslose Rettungsaktionen. „Ein gesundes Finanzsystem kann nicht auf den Erwartungen von Bailouts gebaut werden“, sagte Summers 2000 in einer Rede vor der American Economic Association. In den 1990er Jahren arbeiten die USA in enger Zusammenarbeit mit dem IWF, betonend, dass die Krisenländer ihre Finanzsysteme grundsätzlich umstrukturieren müssen. „In den USA von 2009 haben wir hingegen unsere grössten und in Schwierigkeiten geratenen Banken nicht nur am Leben erhalten, sondern zugleich auch zugelassen, dass sie grösser wurden, sowohl in absoluten Zahlen, als auch bezogen auf die Wirtschaft“, klagt Johnson. Im Jahr 2007 betrug die kombinierte Bilanzsumme der erwähnten Banken unter 60% des BIP. Im III. Quartal 2009 lag sie bei 63,5% der Wirtschaftsleistung. „Wir wissen nicht, warum die Regierung die grossen US-Banken angesichts der selbst verschuldeten Probleme so sanft behandelt hat“ schreibt Johnson weiter. Rick Wagoner, der Chef von GM musste gehen, aber die Regierung hat die Chefs von Grossbanken nicht zum Rücktritt gezwungen“, so Johnson. Vermutlich werde die Gruppe Summers-Geithner-Lipton jetzt argumentieren, dass der einzige Weg zur Wiederherstellung des Vertrauens im Gegensatz zu Rettungsaktioen von 1990er Jahren durch die Art der bedingungslosen und implizierten Staatsgarantien führe. Wenn das aber stimme, habe es schreckliche Auswirkungen, erklärt der ehem. Chefökonom beim IWF. Die Struktur unseres Finanzsystems hat sich keineswegs geändert, was die rücksichtslose Risikobereitschaft der Banken, die gross genug sind, erhebliche Schaden einzurichten, wenn sie scheitern, reduzieren würde, hebt Johnson hervor. Die Debatte über die Überholung der Rechtsvorschriften vor dem Kongress könnte nach wie vor die „TBTF“-Problematik angehen. Aber die schwere Lobbying-Arbeit resultiert darin, dass die Versuche, die Macht der Banken zu begrenzen, festfahren, schlussfolgert Johnson.

Das neue Buch von Simon Johnson & James Kwak: “13 Bankers”. The Wall Street Takeover and the Next Financial Meltdown. Pantheon, April 6, 2010.

Brad DeLong für eine faire Rettung der Finanzwelt

Eine vergleichbare Weltwirtschaftskrise wie die gegenwärtige gab es in der Geschichte nur einmal: Die Grosse Depression von 1929. Wenn man nun die 2008 ausgebrochene Grosse Rezession zum Beginn des neuen Jahres näher betrachtet, stellt man fest, dass heute (1) weiterhin Arbeitsplätze verloren gehen, und (2) die Boni der Banker in die Höhe schnellen. Die entscheidende Frage ist daher, wie eine faire Rettung der Finanzwelt aussehen mag. Brad DeLong befasst sich damit in einem lesenswerten Essay in Project Syndicate. Wie auch immer die Ursache sein mag, ist eine Finanzkrise am besten als „Zusammenbruch der Risikotoleranz der Investoren an den privaten Finanzmärkten“ zu betrachten, hält DeLong fest. Wenn die Risikotoleranz des Marktes zusammenbricht, dann folgen ihr auch die Preise für riskante finanzielle Vermögenswerte, erläutert DeLong. Doch warum interessiert uns dieser Preiseinbruch bei riskanten finanziellen Vermögenswerten? Weil er das Preissystem völlig durcheinanderbringt und „eine seltsame Botschaft an die Realwirtschaft aussendet“, erklärt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler an der University of California, Berkeley.

Laut DeLong zeigen Zentralbanken in derartigen Situationen (ausser während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren) eine Standardreaktion: Die Preise für riskante finanzielle Vermögenswerte werden angehoben und gestützt. Auf diese Weise wird verhindert, dass die Finanzmärkte der Realwirtschaft signalisieren, riskante Unternehmen sollten geschlossen und riskante Investitionen gemieden werden. Prof. DeLong betont daher, dass diese Reaktion verständlicherweise umstritten ist. „Finanzrettungsaktionen, bei denen selbst Unwürdige begünstigt werden, können akzeptiert werden“, wenn davon alle profitieren, hebt DeLong hervor. „Nicht akzeptablel sind dagegen Finanzrettungsaktionen, von denen Unwürdige profitieren, die aber anderen wichtigen Gruppen wie Steuerzahlern und Lohnempfängern Verluste zufügen“, macht DeLong klar.