Mittwoch, 14. Oktober 2026

Deutschlands Arbeitskosten: Ein Wettbewerbsfähigkeitsmythos?

Eine Volkswirtschaft lässt sich nicht wie ein einzelnes Unternehmen beurteilen

Immer wenn die deutsche Wirtschaft schwächelt, kehren die altbekannten Ratschläge zurück: Die Beschäftigten müssten billiger werden, länger arbeiten und weniger großzügige Arbeitsbedingungen akzeptieren. Friedrich Merz hat mehrfach behauptet, die Arbeitskosten in Deutschland seien zu hoch.

Ein aktuelles Beispiel dafür war am Mittwoch in einer Live-Sendung von Bloomberg TV zu sehen. Bettina Orlopp, Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, beklagte sich während eines Interviews in Bangkok über die „hohen Arbeitskosten“ in Deutschland.

Doch ist diese Diagnose ökonomisch gerechtfertigt?

Heiner Flassbeck, ehemaliger Chefvolkswirt der UNCTAD, hält sie für grundsätzlich verfehlt. 

Hier ist eine Übersicht über Deutschlands sektorale Finanzsalden und die grundlegende Identität: 

(S−I) + (T−G) + (M−X) = 0, Graph: KI-gestützt erstellt, 13. Oktober 2026.

Hohe Arbeitskosten bedeuten nicht automatisch mangelnde Wettbewerbsfähigkeit

Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen dem Niveau der Arbeitskosten und ihrer Entwicklung im Verhältnis zur Produktivität, zu den Preisen und zu den Wettbewerbern im Ausland.

Ein deutsches Unternehmen kann durchaus höhere Arbeitskosten je Arbeitsstunde haben als ein ausländischer Konkurrent. Für sich genommen sagt das jedoch wenig über seine Wettbewerbsfähigkeit insgesamt aus. Auch die Produktivität, die Qualität der Produkte, die Technologie, die Energiekosten und die Nachfrage spielen eine Rolle.

Für die Volkswirtschaft als Ganzes lautet die entscheidende Frage, ob die Arbeitskosten im Verhältnis zur Produktivität und zum Inflationsziel des Euroraums übermäßig gestiegen sind.

Flassbeck argumentiert, dass Deutschlands Problem historisch eher das Gegenteil war: Das Lohnwachstum wurde systematisch gebremst, insbesondere während der Schröder-Ära. Dadurch erhielten deutsche Exporteure einen Kostenvorteil, während gleichzeitig die Binnennachfrage geschwächt wurde.

Deutschlands Lohnzurückhaltung hat Folgen für den gesamten Euroraum

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft des Euroraums. Die deutsche Lohnentwicklung beeinflusst deshalb auch die Inflationsdynamik der gesamten Währungsunion.

Wenn die Löhne in Deutschland zu langsam steigen, schwächt das die Kaufkraft im Inland und übt einen Abwärtsdruck auf die Preise aus. Andere Länder des Euroraums geraten dann unter Druck, ihre eigenen Löhne ebenfalls zurückzuhalten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Lohnstückkosten: Deutschlands Problem besteht nicht zwangsläufig darin, dass es seine Beschäftigten zu gut bezahlt. Vielmehr hat sich das Land zu lange auf Lohnzurückhaltung und Exportüberschüsse verlassen, während Binnennachfrage und Investitionen zu schwach blieben, Graph: Heiner Flassbeck.


Das Ergebnis kann ein Wettlauf nach unten sein: schwächeres Lohnwachstum, unzureichende Nachfrage und anhaltender disinflationärer Druck.

Deshalb lehnt Flassbeck die Vorstellung ab, Deutschland könne seine wirtschaftliche Position einfach dadurch verbessern, dass es die Arbeit erneut verbilligt. Wenn die Handelspartner diesem Beispiel folgen, verliert Deutschland einen großen Teil seines relativen Vorteils. Gleichzeitig droht eine weitere Abschwächung der Nachfrage im gesamten Euroraum.

Deutschlands enormer Außenüberschuss erzählt eine andere Geschichte

Deutschland verzeichnet seit vielen Jahren erhebliche Leistungsbilanz-Überschüsse. Das ist kaum ein Beleg für eine Volkswirtschaft, die insgesamt nicht international wettbewerbsfähig wäre.

Die makroökonomische Identität ist einfach:

CA = S − I

Ein Leistungsbilanz-Überschuss bedeutet, dass die gesamtwirtschaftliche Ersparnis die inländischen Investitionen übersteigt. Deutschland erzielt gegenüber dem Rest der Welt höhere Einnahmen, als es für ausländische Güter und Dienstleistungen ausgibt.

Aus post-keynesianischer Sicht lautet die entscheidende Frage daher nicht einfach, wie sich die Kosten noch weiter senken lassen, sondern warum die inländischen Investitionen und Ausgaben im Verhältnis zum gesamtwirtschaftlichen Einkommen dauerhaft zu gering geblieben sind.

Niedrigere Arbeitskosten können die Gewinnmargen eines einzelnen Unternehmens verbessern. Wenn die Lohnzurückhaltung jedoch flächendeckend erfolgt, kann sie zugleich den privaten Konsum schwächen und damit die Umsätze verringern, von denen die Unternehmen selbst abhängig sind.

Löhne sind nicht nur ein Produktionskostenfaktor, sondern auch eine Quelle der Nachfrage.

Die Formel hinter unserem Wohlstand (und den Konflikten)


Was bedeutet das für Deutschland?

In Deutschland spart der private Sektor traditionell viel mehr, als er investiert ((S - I) > 0)). Gleichzeitig hat der Staat jahrelang Überschüsse erzielt oder die "Schwarze Null" gehalten ((T - G) > 0)).

Was Deutschland stattdessen tun sollte

Deutschland braucht ein ausgewogeneres Wachstumsmodell: eine stärkere Binnennachfrage, ausreichende Investitionen und Produktivitätssteigerungen – statt einer weiteren Runde allgemeiner Lohnzurückhaltung.

Das bedeutet nicht, dass jede deutsche Branche wettbewerbsfähig ist oder dass Unternehmen keinen tatsächlichen Kostendruck verspüren. Es bedeutet vielmehr, dass solche Probleme konkret identifiziert und gezielt angegangen werden müssen, anstatt reflexartig niedrigere Löhne für die gesamte Volkswirtschaft zu fordern.

Flassbecks Warnung ist insbesondere für den Euroraum relevant. Eine Politik, die versucht, die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes durch Lohndrückerei zu verbessern, kann dessen Handelspartner schädigen und letztlich die Nachfrage in der gesamten Währungsunion untergraben.

Fazit

Die Behauptung, die deutschen Arbeitskosten seien schlicht „zu hoch“, verwechselt ein einzelwirtschaftliches Kostenproblem mit einer gesamtwirtschaftlichen Diagnose.

Deutschlands anhaltende Außenüberschüsse sprechen dagegen, dass das Land generell nicht in der Lage wäre, sich international zu behaupten. Die wichtigere Frage lautet, warum die Binnennachfrage und die Investitionen nicht ausgereicht haben, um einen größeren Teil des in der eigenen Volkswirtschaft erwirtschafteten Einkommens im Inland zu absorbieren.

Weitere Lohnkürzungen oder eine zusätzliche Runde der Lohnzurückhaltung könnten dieses Ungleichgewicht verschärfen.

Das Ziel sollte nicht darin bestehen, deutsche Arbeit um jeden Preis billiger zu machen. Vielmehr geht es darum, eine stärkere Binnenwirtschaft aufzubauen, in der sich Produktivität, Löhne, Investitionen und Nachfrage in einem nachhaltigeren Gleichgewicht entwickeln.

Wie die empirischen Befunde nahelegen, kann das, was für ein einzelnes Land wie ein Wettbewerbsvorteil aussieht, für eine gesamte Währungsunion zu einer Quelle wirtschaftlicher Instabilität werden.

Bettina Orlopp, Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Graph: Bloomberg TV, 14. Oktober 2026.


(*) Anmerkung zu den sektoralen Finanzsalden

Der Zweck der sektoralen Finanzsalden besteht nicht darin, zu behaupten, dass der Saldo eines Sektors mechanisch den Saldo eines anderen Sektors verursacht. Sie zeigen vielmehr, dass die Salden der einzelnen Sektoren miteinander konsistent sein müssen.

Finanzierungssaldo des inländischen Privatsektors + Finanzierungssaldo des Staates + Finanzierungssaldo des Auslands = 0

Oder, in der üblichen Darstellung mit den entsprechenden Vorzeichen:

(S − I) + (T − G) + (M − X) = 0


(**) Anmerkung zu den Lohnstückkosten


Ob die Lohnstückkosten steigen oder sinken, hängt von zwei Kräften ab:

Die Arbeitskosten: Dazu gehören der Bruttolohn und alle Lohnnebenkosten (z. B. Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung). Steigen die Löhne, erhöhen sich tendenziell die Lohnstückkosten.

Die Produktivität: Das ist die Menge an Gütern, die ein Mitarbeiter in einer bestimmten Zeit (z. B. einer Stunde) herstellt. Steigt die Produktivität – etwa durch modernere Maschinen oder bessere Abläufe –, sinken die Lohnstückkosten.


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