Sonntag, 21. März 2021

Das Ende der Austerität

Das Hilfspaket im Umfang von 1,9 Billionen USD, das US-Präsident Joe Biden im Kampf gegen die globale Pandemie für die US-Wirtschaft und damit im Grunde genommen auch für den Rest der Welt bereitstellt, ist zugleich eine klare Absage an die Austeritätspolitik im Allgemeinen.

Die negativen Auswirkungen des harschen Sparkurses auf das Wirtschaftswachstum nach der GFC (Global Financial Crisis) von 2008-2009 im Besonderen sprechen Bände. Niemand mit wachen Sinnen bezweifelt, dass es so etwas wie «expansive Austerität» nicht gibt. 

Der «American Rescue Plan» von Biden markiert definitiv einen grossen Bruch mit der Austeritäts- und Schuldenbesessenheit, die den Aufschwung nach der GFC lähmte, wie Paul Krugman neulich auf Twitter gemerkt hat.

Das ist daher eine sehr grosse Sache.

Was die Menschen jedoch erkennen sollten, ist, dass die wirtschaftspolitischen Massnahmen, die in Reaktion auf die GFC getroffen wurden, nicht die makroökonomische Orthodoxie im Sinne dessen widerspiegelten, was die ökonomischen Standardmodelle sagen.

Gerät die Wirtschaft in eine Liquiditätsfalle, verliert die konventionelle Geldpolitik an Zugkraft. Das steht in jedem Lehrbuch der Volkswirtschaft. Die private Nachfrage wird so schwach, dass die Ausgaben selbst bei Zinsen auf der Null-Grenze (zero lower bound) nicht reichen, um die Vollbeschäftigung wiederherzustellen. 



Die fiskalpolitische Unterstützung ist von Land zu Land unterschiedlich (in Prozent des BIP), Graph: Financial Times, 16 März 2021, @FT 

Samstag, 20. März 2021

Substack: Eine neue online Plattform zur Informationsbeschaffung

Ein neues Mittel zur Informationsbeschaffung macht sich in der Blogosphäre breit. Es fällt seit Jahresbeginn auf, dass immer mehr renommierte Ökonomen und Journalisten zum Substack (gegründet im Jahr 2017) wechseln.

Auch Unternehmer, Kochbuchautoren und Akademiker haben sich dieses Modell zu eigen gemacht.

Es geht um E-Mail-Newsletter.

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Auf Anhieb habe ich beispielsweise folgende Newsletter (alle mit dem Inhalt Makroökonomie) abonniert:

Ann Pettifor 

Adam Tooze

Paul Krugman

Noah Smith

Dienstag, 16. März 2021

Inflation-Besessenheit und Erholung der Wirtschaft

Die FOMC-Sitzung am Mittwoch wird aktualisierte Projektionen und einen neuen «dot-plot» präsentieren. Vor diesem Hintergrund preisen die Märkte bereits eine volle Zinserhöhung im Jahr 2022, was aber bezweifelt werden kann.

Doch die Amerikaner haben begonnen, bei Google wie verrückt nach dem Stichwort Inflation zu suchen, wie Nordea in einem am Wochenende veröffentlichten Analyse-Papier meldet.

Der Zinsanstieg in den USA ist zwar augenfällig. Aber das Niveau der Zinsen ist im historischen Vergleich immer noch tief. Dass die Renditen der Staatsanleihen steigen, hat damit zu tun, dass die Weltwirtschaft sich allmählich erholt.

Die Zentralbanken fühlen sich nicht unter Druck gesetzt, zu einer restriktiven Geldpolitik überzugehen, da hinter dem Zinsanstieg keine galoppierende Inflationsentwicklung steckt.

Denn es gibt genau zwei fehlende Ursachen für die Inflation: hohe Nachfrage und stark steigende Kosten; ohne Lohnwachstum (*) ist es nämlich kaum möglich, Inflation anzuheizen.



Fed Funds Rate Futures, weiss: FF Futures Zinssatz Dez 2021, blau: FF Futures Zinssatz Dez 2022 und gelb: FF Futures Zinssatz Dez 2023, Graph: Bloomberg TV 15 März 2021 


Dienstag, 9. März 2021

Warum fallen die Tech-Aktien?

Die Konjunkturaussichten haben sich in den letzten Monaten deutlich aufgehellt. Siehe den Anstieg der Rendite der US-Staatsanleihen. Aber die Tech-Aktien befinden sich im Sink-Flug. 

Nasdaq und Dow Jones divergieren so stark wie seit 1993 nicht mehr. Haben die Technologie Aktien schlagartig in der Gunst der Investoren verloren?

Was ist los? Der Auslöser ist das von Joe Biden vorangebrachte Corona-Hilfspaket (genannt «American Rescue Plan»). Das Programm in Höhe von 1,9 Billionen USD entspricht etwa 8% des US-BIP.

Vor diesem Hintergrund findet gegenwärtig eine Rotation statt: von ehemals hochfliegenden Wachstumsaktien (growth) hin zu Wert (value) -Aktien, was sich an der Divergenz von Nasdaq 100 und Dow-Jones-Index ablesen lässt.

Es ist das erste Mal seit 1993, dass der Dow stieg und innerhalb von 1% eines Rekord-Hochs schloss, während der technologie-geprägte Indikator 11% von seinem Hoch entfernt lag.

Die zu beobachtende Split-Market-Aktivität ist eine weitere Manifestation der laufenden Rotation, bei der Anleger in Aktien von Unternehmen wechseln, deren Schicksal eng mit dem Konjunkturzyklus verbunden ist. 

Das war schmerzhaft für wachstumsstarke, hoch bewertete Tech-Aktien, die inmitten der Turbulenzen am Anleihemarkt, die die Renditen 10-jähriger US-Treasuries auf 1,61 % ansteigen ließen, an Attraktivität verloren haben, wie Bloomberg das Geschehen zusammenfasst.


Nasdaq und Dow Jones divergieren so stark wie seit 1993 nicht mehr,  Graph: Bloomberg, 09. März 2021


Sonntag, 7. März 2021

Renditeanstieg am Anleihemarkt: Sind Inflationsängste berechtigt?

Anleger sehen Licht am Ende des Tunnels und reagieren mit Aktien- und Anleihe-Verkäufen. Der Auslöser ist das von Joe Biden vorgestellte und vom Senat am Samstag verabschiedete Corona-Hilfspaket (American Rescue Plan) im Umfang von 1,9 Billionen USD.

Der Rückgang der Aktienpreise in der dritten Woche in Folge belastet auch die Kursentwicklung auf den Anleihemärkten.

Die Rendite der US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit ist mittlerweile auf mehr als 1,60% gestiegen. Der Anstieg der Renditen von Staatsanleihen sorgt aber für Aufregung. Es geht um Inflationsangst.

Der Fed-Vorsitzende Jay Powell hat gesagt, dass er zwar einen Anstieg der Inflation erwarte, wenn die Wirtschaft wieder anspringt. Aber er hat zugleich betont, dass die Fed nicht die Absicht hätte, ihren Kurs zu ändern, da niedrige Zinsen und Anleihekäufe weiterhin notwendig sein werden, um die laufende Erholung der Wirtschaft zu unterstützen.

Auch die Finanzministerin Janet Yellen spielte jegliche Bedenken herunter, dass der jüngste Anstieg der Renditen der Staatsanleihen die Erwartungen für einen übermäßigen Ausbruch der Inflation widerspiegelt.

"Ich sehe nicht, dass die Märkte erwarten, dass die Inflation über das 2%-Ziel der Federal Reserve steigen wird", sagte Yellen am Freitag in einem Interview mit PBS NewsHour. "Die langfristigen Zinssätze sind etwas gestiegen - aber hauptsächlich, denke ich, weil die Marktteilnehmer eine stärkere Erholung sehen." 


Die Rendite 10-jähriger amerikanischer Staatsanleihen, Graph: Bloomberg, 06 März 2021 

Sonntag, 28. Februar 2021

COVID-19 Rettungspolitik im Vergleich: USA versus Eurozone

US-Repräsentantenhaus hat nun dem von Präsident Joe Biden vorgeschlagenen Corona-Konjunkturpaket im Umfang von 1,9 Billionen USD zugestimmt. Auch der Senat muss noch seine Zustimmung geben.

Während die US-Administration 1‘900 Mrd. USD in die Hand nimmt, stellen die EU-Mitgliedstaaten nur 420 Mrd. EUR bereit, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie zu bekämpfen.

„Allein was die Dimension des Wiederaufbaufonds angeht, liegt Europa weit hinter den USA zurück. Das reicht bei Weitem nicht“, sagt Joseph Stiglitz dem Handelsblatt in einem Gespräch. 

Prof. Stiglitz sieht also die europäische Rettungspolitik (420 Mrd EUR) skeptisch: 

Das werde sich auch in den Wachstumszahlen niederschlagen. «Europa und vor allem auch die starken Volkswirtschaften wie Deutschland müssen mehr tun», so der Wirtschaftsnobelpreisträger weiter.



Der “fiskalische Schub” auf beiden Seiten des Atlantiks im Vergleich, Graph: Bloomberg Quint, Febr 26, 2021

Donnerstag, 25. Februar 2021

Warnung vor Inflation und mehr

Die FAZ warnt vor der Gefahr der Inflation. In der Tat ist die Geldwertstabilität wieder zu einem Thema geworden. 

Auslöser ist die expansive Fiskalpolitik, die im Angesicht einer heftigen Pandemie auf beiden Seiten des Atlantiks abwechslungsreich an den Tag gelegt wird.

Als «Schwarzmaler» fallen auf: Larry Summers, der ehemalige US-Finanzminister, Olivier Blanchard, der ehemalige Chefökonom von IWF und Martin Wolf, Chefkommentator für Wirtschaft bei der Financial Times, um einige prominente Persönlichkeiten zu nennen. 

Bemerkenswert ist aber, dass es sich dabei nicht um gewöhnliche „deficit-hawks“ handelt. Die erwähnten Herrschaften mit Hang zu wirtschaftspolitischen Massnahmen a la Keynes unterstützen sonst i.d.R. Stimulus-Pakete. Aber sie vertreten heute die Ansicht, dass aufgrund der Grössenordnung der geplanten Aktionen eine Überhitzung der Wirtschaft drohe. Und damit ein Anstieg der Inflation.

Zur Erinnerung: In den USA stellt die neue Joe Biden Administration Hilfen im Umfang von 1‘900 Mrd. USD in Aussicht, was 9% des BIP entspricht. Die entsprechende Summe in der Eurozone beläuft sich auf 420 Mrd. EUR, wenn wir die automatic stabilizers nicht mitrechnen.



US-Arbeitslosenquote und Erwerbsquote, Graph: Lael Brainard, seit 2014 Federal Reserve Board Mitglied, Febr 24, 2021