Sonntag, 24. Januar 2021

M2 steigt – Kommt die Inflation?

Die unbedarfte Nutzung von Social Media ist allgegenwärtig. Damit gehen aber unter anderem auch emotionale und finanzielle Konsequenzen einher. Der letzte Schrei ist der mulmige Hinweis auf die Inflation. 

Wir stossen zum Beispiel auf Twitter auf Abbildungen, die zeigen, wie stark die Geldmenge M2 in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Die Schlussfolgerung der Protagonisten lautet öfters , dass es sich dabei um ein Anzeichen der die Ecke lauernden Inflation handelt. 

Kommt nun die Hyperinflation? Nicht so schnell.

Inflation bedeutet eine allgemeine und anhaltende Erhöhung des Preisniveaus von Gütern und Dienstleistungen. Und das bedeutet eine Minderung der Kaufkraft des Geldes.

Was heisst aber Geld? 

Während die Begriffe "Geld" und "Vermögen" im alltäglichen Sprachgebrauch oft dasselbe bedeuten, definieren Ökonomen Geld enger als die Komponente des Vermögens, die aus "Transaktionsguthaben" besteht. Das heißt, wenn man es verwenden kann, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen und Schulden zu begleichen, dann wird es als Geld betrachtet, erklären David Andolfatto und Joel Steinberg auf FRED, dem Blog der St. Louis Fed.

Geld unterscheidet sich von anderen Formen des Reichtums, die erst liquidiert - d. h. in Geld umgewandelt - werden müssen, bevor ihr Wert ausgegeben werden kann. Nach dieser Definition stellen physische Währung und Girokonten Geld dar. Und in der Tat bilden diese Objekte die Definition dessen, was Ökonomen als Geldmenge M1 bezeichnen.


US Geldmenge M1 and M2 und zum Vergleich (Opportunitätskosten) Rendite der US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von einem Jahr, Graph: David Andolfatto und Joel Steinberg auf FRED, dem Blog der St. Louis Fed, Jan 22, 2021


Mittwoch, 6. Januar 2021

Corona-Virus Pandemie und Staatsschulden

Die Renditen der US-Staatsanleihen, die Inflation geschützt sind (d.h. TIPS), sind seit geraumer Zeit negativ: 5 Jahre: -1,64%, 10 Jahre: -1,04%, 20 Jahre; -0,50% und 30 Jahre: -0,30%.

Das heisst, dass die Kosten der Kreditaufnahme des Staates negativ sind.

Auch in Deutschland weisen die Renditen inflationsindexierter Bundeswertpapiere negative Werte auf: 5 Jahre: -1,49%, 10 Jahre: -1,55%, 25 Jahre: -1,52%.

Das bedeutet, dass die Kosten der Kreditaufnahme des Staates auch in Deutschland negativ sind. Eine negative Rendite heisst, dass Anleger dem Staat mehr Geld leihen, als sie später (nach dem Ablauf der Laufzeit) wieder etwas zurückbekommen.

Es besteht heute aus mehreren Gründen ein längerfristiger Bedarf, öffentliche Investitionen zu erhöhen, um die verfallende Infrastruktur zu reparieren und die Wirtschaft über die COVID-19 Krise hinaus anzukurbeln.

Wie sollen aber die Investitionen finanziert werden?


Sparquote amerikanischer Haushalte, Graph: John Authers, Bloomberg, Jan 06, 2021. 

Sonntag, 3. Januar 2021

Coronavirus-Schock und Deflation im Euroraum

Die jährliche Inflationsrate im Euroraum lag im November 2020 bei minus 0,3%. Das bedeutet zwar keine Veränderung gegenüber Oktober.

Aber es ist eigenartig, dass die EU-Behörde (European Statistical) die Negativ-Inflation als „stabil“ bezeichnet, obwohl die Spatzen es von den Dächern pfeifen, dass die EZB das eigenhändig festgelegte Ziel seit mehreren Jahren unterläuft.

Friederike Spiecker und Heiner Flassbeck hatten kurz nach dem Ausbruch der Pandemie davor gewarnt, dass der Corona-Schock Deflation und Arbeitslosigkeit bedeutet.

Die Forderung an die Unternehmen, die während der Pandemie COVID-19 staatliche Beihilfen in Anspruch nehmen, keine Dividenden an die Aktionäre auszuschütten, hätte auch einen Verzicht auf Lohndruck (wegen der Gefahr einer deflationären Entwicklung) beinhalten müssen, so die Autoren in einem lesenswerten Blog-Eintrag auf Makroskop. 



Die jährliche Inflation im Euroraum, Graph: EU Eurostat, Jan 03, 2021

Sonntag, 27. Dezember 2020

Warum steigt die Inflation nicht an?

Die SNB berichtet im aktuellen Quartalsheft (4/2020 Dezember), dass die Notenbankgeldmenge per November 2020 728,5 Mrd. CHF betragen hat. Und damit 10,6 Mrd. CHF mehr als im August. 

Zum Vergleich: Im November 2008 belief sich die entsprechende Summe auf 55,6 Mrd. CHF. Die Geldbasis (base money) hat damit in 12 Jahren um das 13-fache zugelegt.

Doch die Inflation in der Schweiz weist einen negativen Wert (per November) auf Jahresbasis auf: CPI: -0,7% (Kernrate: -0,2%) und PPI: -2,7%.

Die Notenbankgeldmenge (monetary base), die aus Noten im Umlauf und Giroguthaben inländischer Banken bei der SNB besteht, hat also nicht zu einem Anstieg der Inflation geführt.

Warum?

Wenn die Wirtschaft in einer Liquiditätsfalle steckt und die nominalen Zinsen auf der Null-Grenze (zero lower bound) liegen, löst der Anstieg der Notenbankgeldmenge keine Inflation aus.

Wenn die Wirtschaft auf der Nullzins-Grenze landet, verliert die (konventionelle) Geldpolitik an Zugkraft. Das ist eine Situation, wo Haushaltsdefizite kein „crowding-out“ auslösen und die fiskalischen Multiplikatoren viel höher sind als sonst.



Notenbankgeldmenge, Graph: SNB, 23 Dezember 2020 

Sonntag, 13. Dezember 2020

Unternehmen, Unternehmensanleihen und keine Investitionen

Der Marktwert des Bloomberg Barclay Global Negative Yielding Debt Index ist am Donnerstag auf $18,04 Billionen gestiegen. 

Das ist der höchste, jemals verzeichnete Stand. Das bedeutet, dass 27% der Anleihen (Rating: IG, investment grade) mit einer Rendite gehandelt werden, die unter null liegen.

Wie das Nordea-Research Team vor einer Woche unterstrichen hat, ist auch die reale Rendite von US-Unternehmensanleihen zum ersten Mal negativ geworden.

Viele festverzinsliche Sektoren haben im Jahr 2020 einen Emissionsrekord verzeichnet: Das Nettoangebot an Staatsanleihen ist um 4 Billionen USD gestiegen, während die Bruttoemissionen von Unternehmensanleihen und MBS dank rekordniedriger Zinssätze bei 2 Billionen US-Dollar bzw. 2,8 Billionen USD liegen. 

Zweifellos hat die Fed mit ihrem massiven QE-Programm eine enorme Nachfrage nach Staats- und Hypothekenanleihen ausgelöst, während die Nachfrage des privaten Sektors die Welle der Unternehmensemissionen problemlos absorbiert hat. 


Die reale Rendite von US-Unternehmensanleihen ist negativ geworden, Graph: Nordea, Dec 07, 2020

Samstag, 5. Dezember 2020

Staatsverschuldung: Viel Lärm um nichts

Im Anschluss des vorangegangenen Blog-Eintrags ist es passend, auf eine sehenswerte Abbildung, die das Nordea Research Team am Freitag zusammengestellt hat, hinzuweisen.

Die Frage, warum die Zinsen so niedrig sind, steht seit der GFC 2008-2009 (Global Financial Crisis) im Mittelpunkt der gegenwärtigen makroökonomischen Debatte. Eine heiss-geführte Debatte, die sicherlich neue Erkenntnisse geliefert und die wirtschaftspolitische Theorie à la Keynes unterstützt hat. 

Die Frage lässt sich auch andersrum stellen: Wann werden die Zinsen steigen? 

Die Antwort ist sehr einfach: wenn die Wirtschaft wieder wächst. Punkt. Das heisst, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wieder zunimmt.

Eine weitere, verblüffende Abbildung in diesem Zusammenhang wurde heute von Paul Krugman auf Twitter präsentiert.

Ein Rückblick auf die Wirtschaft der Trump-Ära zeigt, wie à la Keynes die wirtschaftspolitischen Massnahmen in der Praxis zuletzt waren.

Der Chart zeigt das konjunkturbereinigte Haushaltsdefizit (cyclically adjusted budget deficit), was als ein grobes Mass für fiskalpolitische Anreize (fiscal stimulus) gilt.


Wirtschaftswachstum und die Entwicklung der nominalen Zinsen, Graph: Nordea Market, Dec 04, 2020

Dienstag, 1. Dezember 2020

Wann werden die Zinsen steigen?

Prominente Ökonomen haben in Grossbritannien neulich einen Brief an Tim Davie, dem Generaldirektor der BBC geschrieben und eingewandt, dass einige BBC-Berichte die finanziellen Sachzwänge in Bezug auf Ausgaben, denen die britische Regierung ausgesetzt ist, falsch dargestellt hätten. 

Die Beschwerde betrifft den unangemessenen Gebrauch von Analogien zwischen dem Staat und den privaten Haushalten: 

Die Kreditaufnahme des öffentlichen Sektors werde mit der Kreditkarte einer Privatperson verglichen, eine Kreditkarte, deren Limit völlig überzogen und ausgepumpt ist. 

Die Autoren des Briefes argumentieren, dass die Situation damit falsch dargestellt werde, und zwar mit einer Reihe von falschen Vorstellungen, die über die Makroökonomie und die öffentlichen Finanzen reproduziert würden.

Die Analogie „Kreditkarte“ ist niemals eine angemessene Metapher für die öffentlichen Finanzen, notieren die unterzeichnenden Wirtschaftsprofessoren, darunter Daniela Gabor, Stephany Griffith-Jones, Jonathan Portes, Robert Skidelsky, David Vines und Simon Wren-Lewis. 

Die Überbelastung einer Kreditkarte würde nämlich bedeuten, dass die Regierung sich einer harten Grenze ihrer Kreditaufnahme nähere. Dies ist aber nicht der Fall. 


Die Renditen der 10-jährigen Staatsanleihen in den USA (0,88%), Grossbritannien (0,31%) , Japan (0,02%) und Deutschland (-0,57%), Graph: FT, Nov 26, 2020