Sonntag, 4. November 2018

Defizite und Überschüsse im Haushalt und Parteilichkeit


Die Washington Post hat letzte Woche kritisch auf ein gegenwärtiges Phänomen der US-Wirtschaft hingewiesen: 

Der Anstieg des Haushaltsdefizits trotz der weiter fallenden, historisch niedrigen Arbeitslosenquote.

Die empirische Beobachtung legt offen nahe, dass es tendenziell zu Haushaltsdefiziten kommt, wenn die Wirtschaft nicht gut läuft. Und wenn die Wirtschaft Tritt fasst und gut läuft, entstehen kleinere Defizite oder eher Überschüsse. 

Trotz der niedrigen Arbeitslosigkeit ist das Defizit jetzt wieder auf dem Vormarsch in den USA. 

Nun nimmt sich auch Paul Krugman in seinem Blog bei NYTimes des Themas an und vertritt die Ansicht, dass dies unverantwortlich sei und zeige, dass das Händeringen der Republikaner über Haushaltsdefizite bislang immer unaufrichtig war.

John Maynard Keynes (*) hat es einst so zum Ausdruck gebracht: „Der Boom, nicht der Einbruch ist der richtige Zeitpunkt für Sparpolitik“.

Das heisst, dass die Fiskalpolitik die Nachfrage unterstützen sollte, wenn die Wirtschaft schwach läuft und sie sollte die Unterstützung zurückziehen, wenn die Wirtschaft auf Touren kommt.


US-Wirtschaft heute: mit hohen Haushaltsdefiziten trotz der niedrigen Arbeitslosigkeit, Graph: Catherine Rampell @crampell @WashingtonPost 


Krugman bemerkt dazu, dass die USA bis 2010 mehr oder weniger diesem Rezept gefolgt sind. Doch der Einsatz der Fiskalpolitik sei seither verdreht worden:

Zunächst fiskalische Austeritätspolitik trotz hoher Arbeitslosigkeit, und jetzt fiskalische Expansion trotz niedriger Arbeitslosigkeit.

Die Antwort der Obama Administration, der Rezession mit Stimulus zu begegnen, war eine normale wirtschaftspolitische Massnahme. 

Doch die Republikanische Partei reagierte darauf mit Blockade und zwang erhebliche Kürzungen im Haushalt, obwohl die Arbeitslosigkeit extrem hoch verlief.


Der Einsatz der Fiskalpolitik in den USA im Zusammenhang mit der Höhe der Arbeitslosigkeit, Graph: Paul Krugman NYTimes, Nov 2, 2018 

Da die nominalen Zinsen nahe null lagen, konnte die Fed die Zinsen nicht weiter senken. Deshalb hat die von der G.O.P. durchgesetzte fiskalische Austerität die Erholung der Wirtschaft verzögert.


(Streudiagramm) US-Wirtschaft weist heute trotz der niedrigen Arbeitslosigkeit hohe Haushaltsdefizite auf, Graph (scatterplot): Catherine Rampell  Washington Post 


Jetzt, wo die Arbeitslosigkeit sehr niedrig ist, aber ein Republikaner im Weissen Haus sitzt, bekommt die US-Wirtschaft einen fiskalpolitischen Stimulus, welcher damals dringend benötigt wurde, heute aber nicht mehr notwendig ist. 

Somit wird der Einsatz der Fiskalpolitik aus Gründen der rechtskonservativen Parteilichkeit abartig.

Catherine Rampell liefert in ihrer Kolumne bei WaPo dazu ein eindrucksvolles Streudiagramm, um deutlich zu veranschaulichen, wie die Haushaltdefizite vom Konjunkturzyklus inzwischen abgekoppelt wurden.


(*) “The boom, not the slump, is the right time for austerity”.



Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Nach neuesten Berechnungen hat Obama die meisten Schulden angehäuft. Was würden denn passieren, wenn der Fiskalstimuli wegfallen würde? Eine Antwort auf diese Frage hat bis jetzt keiner dieser Kritiker gegeben.

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Obama war der 44. Präsident der USA, von 2009 bis 2017, schau mal bitte, wie die Kurve sich während seiner Amtszeit dreht:

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Dazu aktuelle Zahlen von MSNBC in einem TV Interview mit Michael Moore am Sonntag, den 4 Nov 2018:
US-Haushaltsdefizit:
2016 (Obama): $587bn, abnehmend.
2018 (Trump): $782bn zunehmend

Johannes hat gesagt…

Das Moore kein Freund der Konservativen ist, ist ja bekannt. Deshalb muss man seine Äußerungen mit Vorsicht genießen.
Diese Aufstellung (Link) zeigt sehr schön, wie viele Schulden jeder Präsident im Laufe seiner Amtszeit angehäuft. Ich wäre glücklich, wenn es das auch für uns geben würde.
https://www.marketwatch.com/story/how-much-each-us-president-has-contributed-to-the-national-debt-2018-10-29

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Wichtig ist, sich von politischen Schlagwörtern wie „fiskalpolitische Verantwortung“ nicht ablenken zu lassen. Das Augenmerk sollte darauf gerichtet werden, wie das Defizit verwendet wird, um die Wirtschaft aufzubauen, und zwar für jeden Bürger und nicht nur für die Oberschicht, das reichste Prozent der Bevölkerung.