Montag, 28. Oktober 2013

Interview: Prof. Simon Wren-Lewis, Oxford University

Simon Wren-Lewis is an economics Professor at Oxford University and a fellow of Merton College.


The interest rates remain close to the zero lower bound for the fifth year. What went wrong?

Simple. Fiscal policy moved from expansion to contraction in 2010. See, for example, the studies cited in this post.


How long does take for European politicians to accept the reality that the surge in monetary base doesn’t cause inflation, while the mass unemployment remains?

I have no idea I’m afraid.


The inflation fell to 1.1% in the euro area in September. It’s now almost half of the ECB’s target of 2%. Is disinflation an opportunity for the ECB to do more (LTRO3, rate cuts etc.) to boost the demand?

When inflation falls well below target, central banks can do one of two things (or both). They can use what unconventional policies they can find to raise inflation. They can also say that because they are uncertain about how effective these policies will be, fiscal policy should be expansionary. The US Fed is doing both, although perhaps they could do more with unconventional policy. The ECB is doing very little on unconventional policy, and in addition is advocating continuing fiscal contraction. This is very wrong.

Thank you very much.


The “official” cost of austerity, Graph: Prof. Simon Wren-Lewis

Austeritätspolitik als Mythos und verkehrte Warnungen

Die nominalen Zinsen liegen mittlerweile zum fünften Jahrestag nahe an der Nullgrenze (zero lower bound). Es ist aber kein Grund zum Jubeln.

Doch gibt es viele Ökonomen, darunter auch namhafte, die sich weigern, zu verstehen, was es bedeutet. Erskine Bowles, Niall Ferguson, Alan Greenspan, Allan Meltzer warnen beispielsweise seit mehr als vier Jahren vor rasant steigenden Inflationsraten und Zinsen. Begründung: Anstieg der Notenbankgeldmenge (monetary base). Und das Haushaltsdefizit.

Meltzer wiederholt heute in einem Interview („Die Fed begeht einen groben Fehler“) mit der F&W seine Warnungen, die er seit Jahren vorträgt, mit Nachdruck. Die Inflation schiesst aber immer noch nicht durch die Decke. Und die Zinsen steigen auch nicht, trotz der von Meltzer angemahnten „hohen Staatsverschuldung“.

Fakt ist, dass sich alles ändert, wenn die Zinsen auf der Nullgrenze aufprallen. Das gilt über die herkömmliche Geldpolitik hinaus, wie Paul Krugman in seinem Blog anhand eines einfachen IS-LM-Modells vielfach aufgezeigt hat.

Wenn die Zinsen nahe null liegen, und die Wirtschaft in einer Liquiditätsfalle steckt, führt der Anstieg der Notenbankgeldmenge nicht zu einer ausser Kontrolle geratenen Inflation.

Mongolei: Zentralbank finanziert das Banken-System

Die Credit Spreads erleben in der Mongolei seit drei Monaten eine Achterbahnfahrt.

In der Wirtschaft des Landes, das viereinhalb mal so gross ist wie Deutschland, und von nur 3,18 Mio. Menschen bewohnt wird, findet derzeit ein Credit Boom statt: Das jährliche Wachstum beläuft sich auf 48%. Und dahinter steckt die mongolische Zentralbank, die rund 21% des Bankensystems finanziert.

Desmond Lee und Gaurav Singhal von Morgan Stanley liefern heute die folgenden zwei Charts, mit der Warnung, dass die Devisenreserven des Landes abnehmen.


Die Abhängigkeit von der Finanzierung durch die Zentralbank, Graph: Morgan Stanley

Sonntag, 27. Oktober 2013

Robert Shiller und Eugene Fama am Sonntag in NYTimes

Es wird in diesen Tagen viel darüber gesprochen und diskutiert. Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften wurde manchmal an Ökonomen verliehen, die sich zutiefst widersprechen. Das Nobel-Komitee hat z.B. 1974 Gunnar Myrdal, einen sozialdemokratischen Ökonomen aus Schweden, der den Wohlfahrtsstaat befürwortet und Friedrich Hayek, einen Konservativen, der den Staat zurückdrängen will, mit dem Preis ausgezeichnet.

Dieses Mal, 2013 ging der Nobelpreis an Eugene Fama und Robert Shiller, die ähnlich unharmonisch gegeneinander stehen, für „empirische Analyse der Preise von Vermögenswerten“.

Robert Shiller nimmt nun in einem lesenswerten Artikel („Sharing Nobel Honors, and Agreeing to Disagree“) am Sonntag in NYTimes zu diesem offensichtlichen Missverhältnis Stellung.

Eigentlich sei er nicht ganz gegen die EMT (Efficient Markets Theory). Er nenne es „eine halbe Wahrheit“: Wenn die Theorie nichts mehr sagen würde, dass es unwahrscheinlich ist, dass der durchschnittliche Amateur-Investor mit den öffentlich verfügbaren Informationen durch den Handel in den Märkten schnell reich werden kann, dann würde sie voll ins Schwarze treffen. Aber die Theorie beinhaltet mehr, unterstreicht Shiller. Die regelmässigen Bewegungen in den Märkten reflektieren eine Weisheit, die das Verständnis der sogar besten Profis übersteigt. Und es ist für gewöhnliche Menschen geradezu hoffnungslos, die Preise zu hinterfragen. Die Marktpreise werden geschätzt, als ob sie Orakel wären.

Diese Ansicht dominiert das Denken von vielen professionellen Investoren. Und die Auswirkungen sind gefährlich. Es ist ein wesentlicher Grund für die Wirtschaftskrise, in der wir seit fünf Jahren stecken, hält Shiller fest. Die Märkte sind nicht vollkommen und benötigen in der Tat Regulierung.

Rezession und eine hilflose Jugend am Rande der Gesellschaft

Es ist eine gute Zeit, eine reiche Person in Amerika zu sein. Die Reichen scheffeln Geld, während die Wirtschaft sich erholt. Aber im Schatten ihres überragenden Reichtums findet eine weniger rosige Erholung statt, wo die Menschen leiden und mit Schmerzen aufwachsen , schreibt Charles M. Blow In einem lesenswerten Artikel („Billionaires‘ Row and Welfare Lines“) in NYTimes.

Dies ist die langsamste Erholung des Arbeitsmarktes seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Arbeitslosenquote sinkt, aber aus einem falschen Grund: eine wachsende Zahl von Menschen verzichten darauf, eine Stelle zu suchen.

Vor allem ist die Jugend besonders akut betroffen. Eine erstaunliche Zahl von 5,8 Millionen von jungen Menschen ist entrückt und abgekoppelt. Das heisst, dass sie weder beschäftigt noch in der Schule sind: hilflos am Rande der Gesellschaft.

Das Median-Haushaltseinkommen sinkt weiter.

Die entsetzliche Statistik zeigt, dass die Anzahl der obdachlosen Kinder in den öffentlichen Schulen seit Beginn der Rezession um 72% gestiegen ist. Fast ein Viertel der amerikanischen Kinder leben in Armut.



Arbeitslosigkeit und Erwerbsquote in den USA, Graph: Prof. Brad DeLong

Micro versus Macro

(Nur für Streber)

Mikroökonomie untersucht einzelwirtschaftliche Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen. Makroökonomie befasst sich mit gesamtwirtschaftlichen Phänomenen auf aggregierter Ebene wie z.B. Inflation, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum.

Seit Ausbruch der Finanzkrise von 2008 macht aber die Vorstellung die Runde, dass Makroökonomie irgendwie exzentrisch ist und nur Mikroökonomie echte Wissenschaft darstellt. Makroökonomie à la Keynes wird oft mit intensiver Abneigung betrachtet.

John Quiggin schreibt in seinem Blog, dass das grundlegende Problem dabei ist, dass die standard-neoklassische Mikroökonomie eine makroökonomische Theorie in dem Sinne ist, dass sie sich von einem allgemeinen Gleichgewichtsmodell (GE model) ableitet.

Das GE-Modell nimmt demnach Vollbeschäftigung (im technischen Sinne) als gegeben an und leitet daraus eine ganze Reihe von grundlegenden Ergebnissen her. Wenn die Wirtschaft nachhaltig hohe Arbeitslosigkeit aufweisen kann, muss aber mit der standard-neoklassichen Mikroökonomie etwas nicht stimmen, erklärt der an der University of Queensland, Australien lehrende Wirtschaftsprofessor.

Die Annahme der Vollbeschäftigung ist falsch. Was sie aber nicht allzu falsch macht, ist die Existenz von Stabilisierungsmassnahmen, Geld- und Fiskalpolitik, die dafür sorgen, dass die Wirtschaft sich von konjunkturellen Einbrüchen rasch wieder erholt. Makro ist, was Mikro funktionieren lässt, regänzt Paul Krugman in seinem Blog.

Keynes hat seine makroökonomischen Ideen so vertreten, dass sie die Welt für die neoklassische Mikroökonomie sicher machen. Wenn die Regierungen die Gesamtwirtschaft mit Fiskalpolitik stabilisieren könnten, gäbe es keine Notwendigkeit für umfassende wirtschaftliche Planung von der Art, wie sie von der Sowjetunion praktiziert wurden oder für ad-hoc Interventionen wie die Preisabsprachen-Elemente des New Deals unter Roosevelt, argumentiert Quiggin weiter.

Samstag, 26. Oktober 2013

Produktionslücke im Euro-Raum und Arbeitslosigkeit

Während die Arbeitslosigkeit im Euro-Raum weiterhin über 12% liegt, bleibt die Produktionslücke (output gap) gross. Negative Produktionslücke deutet auf Nachfrageausfall hin. Die Produktionslücke gibt nämlich die Differenz zwischen dem realen BIP und dem geschätzten Produktionspotenzial an. Das heisst die Abweichung des BIP von der Produktion (output), die bei Vollauslastung aller Kapazitäten möglich wäre.

Wie lässt sich die Produktionslücke schliessen? Nicht mit Austerität. Es steht ausser Zweifel, dass die Bestimmung des Produktionspotenzials für die Geldpolitik sehr wichtig ist.

Die EU-Kommission schätzt das Produktionspotenzial und das strukturelle Defizit (*) anhand das Produktionsfunktionsansatzes. Ein Experten-Ausschuss (Output Gap Working Group) hat nun einen Entwurf für eine neue Methode zur Berechnung der strukturellen Haushaltsdefizite in den EU-Ländern vorgelegt.



Produktionslücke (output gap), Graph: Morgan Stanley, Oct 24, 2013