Donnerstag, 3. November 2011

Wie die Technokraten das Euro-System versenken

Atrios klagt im Blog Eschaton zu Recht die Massnahmen, die Europa ergreift, als technokratisch. Sein Argument lautet, dass „wir uns Bilder von sehr vernünftigen, hoch gebildeten Menschen hervorgezaubert haben, die das Richtige tun, obwohl die Welt dabei untergeht“.

Es ist aber mehr als das, fügt Paul Krugman in seinem Blog hinzu: diese angeblichen Technokraten haben in der Tat sowohl das Lehrbuch Makroökonomie als auch die Lehren der Geschichte zu Gunsten von Phantasien systematisch ignoriert.

Die EZB glaubt an Vertrauen Fee (confidence fairy), während sie denkt, dass sie die Geldpolitik in einer Weise führen kann, was in einigen Jahrhunderten des Zentralbankgeschäftes nie funktioniert hat. Mittlerweile verwünscht sich die europäische politische Elite die klare Evidenz, dass die Eurozone eine Anpassung benötigt, die so gut wie unmöglich is, es sei denn, das Inflationsziel wird angehoben, erklärt der an der University of Princeton lehrende Wirtschaftsprofessor.

Mittwoch, 2. November 2011

MF Global und leveraged trades im Repo-Geschäft

Das amerikanische Finanzunternehmen MF Global hat am Montag Gläubigerschutz nach „Chapter 11“ beantragt. Es handelt sich dabei um die achtgrösste Pleite eines börsenkotierten Unternehmens in den USA. Im Vorfeld des Insolvenzantrags wurde über undurchsichtige Buchführung und Ungereimtheiten auf Kundenkonten als Grund für die Pleite spekuliert. Es ist von einem Fehlbetrag zwischen 700 Mio. $  und 1 Mrd. $ bei Kundenkonten am Terminmarkt die Rede. Die amerikanischen Behörden haben inzwischen Ermittlungen eingeleitet.

Der US-Wertpapierhändler hat eine 200 Jahre alte Geschichte, die auf eine britische Tradingfirma in London zurückgeht. Das von dem früheren Goldman Sachs Chef Jon Corzine geführte Handelshaus ist nicht in erster Linie im Geschäft von An- und Verkauf von Aktien und/oder Anleihen tätig, sondern darauf fokussiert, Investoren, die auf Wetten auf Aktien und Anleihen abschliessen, zu beraten, indem es sog. Futures-Kontrakte verkauft. MF Global ist aber auch nicht auf den Handel mit Credit Default Swaps (CDS) spezialisiert, wie Stephen Gandel im Blog von Time erläutert.

Seit März 2010 stürzt Corzine, der ehemalige Gouverneur von New Jersey das Unternehmen in das Geschäft mit Eigenhandel (proprietary trading). Besonders hohe Wetten hat das Handelshaus um Staatsanleihen aus der Eurozone (einschliesslich Griechenlands, Italiens, Portugals) mit Leverage abgeschlossen. Hinter dem Ansatz stand Corzines Überzeugung, dass die Kernländer die Länder an der EU-Peripherie nicht im Stich lassen würden. Das Problem lag jedoch darin, dass MF Global die Anleihen nicht direkt gekauft, sondern sich das Geld dafür geliehen hat (leveraged trades).

Volksabstimmung: Markt oder Mensch

Nachdem George Papandreou angekündigt hat, in Griechenland eine Volksabstimmung über die gegenwärtige Euro-Krise stattfinden zu lassen, sind die Protagonisten der Finanzmärkte und der Politik über den griechischen Ministerpräsidenten hergefallen. Berlin ist entsetzt. Mainstream-Medien haben nur Hohn und Spott übrig. Einige Leitartikler sind schockiert.

Papandreou hat aber damit, bewusst oder unbewusst, eine enorm wichtige Frage angeschnitten: Markt oder Mensch?

Vor diesem Hintergrund schreibt Robert Reich in seinem Blog: Wem trauen Sie mehr? Demokratie oder Finanzmärkten?

Wenn griechische Wähler dem Rettungspaket der EU-IWF-EZB zustimmen, wird die Arbeitslosigkeit in Griechenland noch weiter steigen. Und öffentliche Leistungen werden weiter gekürzt. Die griechische Wirtschaft wird folglich schrumpfen und der Lebensstandard der Griechen wird sich verschlechtern, bemerkt der an der University of California, Berkeley lehrende Wirtschaftsprofessor.

Wenn griechische Wähler das Rettungspaket der EU-IWF-EZB ablehnen, wird das Land mit steigenden Finanzierungskosten konfrontiert, was den Lebensstandard der meisten Griechen verschlechtern dürfte, aber nicht unbedingt muss. Ohne die vom Rest der EU und dem IWF vorgeschriebenen rigorosen Sparmassnahmen hätte die griechische Wirtschaft bessere Chancen, zu wachsen, und mehr Griechen würden einen Arbeitsplatz finden,  argumentiert der ehemalige Arbeitsminister der Clinton-Regierung.

Die SNB als Vorbild für die EZB

Obwohl Italien im Vergleich zu EU-Peripherie besser aussieht, steht das Land erheblichen Herausforderungen gegenüber: schwache globale Nachfrage, erschwerte Konditionen am Finanzmarkt  und rigorose Sparmassnahmen tragen dazu bei, dass der Ausblick sich eintrübt.

Mit dem Anstieg der Rendite für Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit über 6% klettern die roll-over-Kosten nun auf eine untragbare Höhe. Italien hat zwar einen Primärüberschuss im Haushalt, aber es muss seine Position stabilisieren, solange es für die Refinanzierung am Finanzmarkt mehr als 6% zahlen muss.

Was daraus entsteht, ist eine Gratwanderung zwischen Refinanzierung (rolling over der Schuldtitel am Ende der Fälligkeit) und Zahlungsunfähigkeit (default). Vor diesem Hintergrund gilt es, sich wieder zu vergegenwärtigen, dass nur die EZB in der Lage ist, die sich selbst verstärkende Abwärtsspirale zu brechen.



Italien: Staatsverschuldung und Haushaltsdefizit, Graph: Daniele Antonucci, Morgan Stanley

Dienstag, 1. November 2011

Euros apokalyptisches Ende?

Mit der Ankündigung einer Volksabstimmung über das Rettungspaket durch die griechische Regierung und dem Anstieg der Rendite der italienischen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit auf 6,29% brechen die Dinge in Europa zusammen, schreibt Paul Krugman in seinem Blog. Der Kern kann nicht festhalten.

Auf diesem Niveau werden die Kosten der Erneuerung (rolling over) der bestehenden Schuldtitel am Ende der Fälligkeit einen Zahlungsausfall (default) auslösen, auch wenn Italien einen Primärausschuss hat, bemerkt der an der University of Princeton lehrende Wirtschaftsprofessor. Der anhaltende Stress für rigorose Sparmassnahmen (fiscal austerity) erschwert die Probleme des Kontinents. Eine Rezession scheint so gut wie sicher, argumentiert Krugman.

Der Euro war eine inhärent fehlerhafte Idee, welche nur funktionieren kann, wenn die europäische Wirtschaft stark ist und ein hohes Mass an Inflation zulässt, mit open-end credit (gemeint ist lender-of-last-resort Rolle der Zentralbank) für die Mitgliedsländer vor spekulativen Angriffen, fasst der Träger des Wirtschaftsnobelpreises (2008) zusammen.


Italiens Staatsanleihen (10 Jahre), Rendite, Graph: Bloomberg

Der Risikoaufschlag (spread) gegenüber deutschen Bundesanleihen mit vergleichbarer Laufzeit ist inzwischen auf 453 Basispunkte geklettert.

SNB und die Macht der Zentralbanken

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat für die ersten drei Quartale 2011 einen Gewinn von 5,8 Mrd. Franken ausgewiesen. Das Ergebnis der SNB ist überwiegend von der Entwicklung der Gold-, Devisen- und Kapitalmärkte abhängig.

Der Erfolg auf den Fremdwährungspositionen wurde v.a. durch die Wechselkurse geprägt, wie die SNB gestern mitgeteilt hat. Der Franken hatte sich bis Mitte August gegenüber allen wichtigen Anlagewährungen zum Teil sehr deutlich aufgewertet. Im August und September wurden Massnahmen gegen den massiv überbewerteten Franken getroffen. Am 6. September gab die SNB einen Mindestkurs für den Euro gegenüber dem Franken bekannt, was sich auch auf die übrigen Wechselkurse gegenüber dem Franken auswirkte.

Es hat sich herausgestellt, dass die Massnahmen der SNB extrem gut funktionieren, bemerkt Kash Mansori in seinem Blog. Im Laufe des Monats August hat die SNB fast 100 Mrd. Franken ausgeben müssen, um Fremdwährungen zu kaufen, um den Wechselkurs auf einem angemessenen Niveau zu halten. Aber im September sind die Fremdwährungsaktiva der SNB nur um rund 25 Mrd. Franken gestiegen, schreibt Mansori weiter.


Wechselkurs Euro/Schweizer Franken, Graph: finance.yahoo.com

ECB: Jean-Claude Trichet is leaving the stage