Montag, 13. Juli 2015

Europa: Austerität kennt keine Wiederkehr

Es geht Griechenland heute schlechter als der amerikanischen Wirtschaft in den 1930er Jahren während der Great Depression, beschreibt NYTimes mit folgenden Abbildungen.

Während Kapitalverkehrskontrollen immer noch in Kraft sind, bleiben die Banken weiter geschlossen. Verhandlungen ziehen sich in die Länge. Der Geduldsfaden droht zu reissen. Auch der Ton der renommierten Ökonomen, die die Austeritätspolitik in einer schwer angeschlagenen Wirtschaft zu Recht als sinnlos betrachten, verschärft sich.

Larry Summers  schreibt in FT, dass Griechenlands Beziehung mit der Eurozone mittlerweile einer Seifenoper finanzieller Art ähnelt und die Story in naher Zukunft voraussichtlich nicht zu Ende zu gehen scheint.

Die Sorge um deutsche Vorherrschaft in Europa tritt nun stärker hervor als zu jedem beliebigen Zeitpunkt in den letzten 70 Jahren, betont der an der Harvard University in den USA lehrende Wirtschaftsprofessor.



Wirtschaftswachstum: Griechenland (heute) vs. Great Depression in den 1930er Jahren, Graph: NYTimes in: "Is Greece worse off than the US during the Great Depression?"

Sonntag, 12. Juli 2015

Spekulanten in China erleben Börsencrash

Der Kursabrutsch in Peking ist in aller Munde. Die chinesische Regierung versucht, mit Stützungsmassnahmen den Aktienmarkt zu stabilisieren. Der Shanghai Composite Index hat seit Juni rund 30% seines Wertes verloren.

Zu Massnahmen zählen u.a. Zinssenkung durch die PBoC, Aktienkäufe durch staatliche Pensionskassen und temporäre Suspendierung des Handels von bestimmten Aktien (v.a. der Aktien von an den Festlandbörsen kotierten Unternehmen).

Da der Entwicklung am Devisenmarkt wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, lohnt sich ein Blick auf die bisher verfügbaren Daten.

Der USD/CNY Wechselkurs (spot) wird seit Januar 2015 in der Nähe des oberen Endes der Handelspanne gehandelt. Als der USD sich gegenüber dem CNY aufwertete, began China USD zu verkaufen, wie aus den folgenden Abbildung hervorgeht. 



USD/CNY fixing und Trading Band, Graph: Morgan Stanley

Samstag, 11. Juli 2015

Kundenansturm und eine politisch befangene Zentralbank

Wenn jeder, der ein Konto bei einer Bank hat, auf einmal sein Geld abheben will, geht der Bank das Geld aus. Und die Bank geht möglicherweise Pleite. Das ist der Grund, warum Kundenansturm (bank run) so gefährlich ist. 

Und es ist daher eine der Schlüsselrollen, die eine Zentralbank spielt, Banken, die sonst solvent sind, mit Liquidität zu versorgen, damit eine Bank Kundeneinlagen nicht verweigern kann.

Wenn die Zentralbank die sog. “lender of last resort” Funktion nicht ausübt, reicht ein Gerücht aus, dass alle Kunden von der Bank, die angeblich insolvent sei, ihre Ersparnisse abheben und der Bank Barbestände ausgehen, mit der Gefahr, dass die Bank sogar pleite geht.

Die EZB hat am 28. Juni 2015 den Wunsch der griechischen Zentralbank nach einer Aufstockung der Notkreditlinien an griechische Banken (um weiter 6 Mrd. EUR) abgelehnt.

Vor diesem Hintergrund schreibt Martin Hellwig in einem unbedingt lesenswerten Beitrag im Blog Ökonomenstimme, dass das Einfrieren der Notkredite fragwürdig ist. Das ist mit den vertraglichen Pflichten der EZB nicht vereinbar, hält der am Max-Planck-Institut forschende Wirtschaftsprofessor fest.

Das Einfrieren der Notkredite hatte die Schliessung der griechischen Banken zur Folge. Die griechischen Regierung hat zugleich auch Kapitalverkehrskontrollen einführen müssen.

Es ist laut Hellwig befremdlich, dass die EZB nunmehr den griechischen Banken die weitere Unterstützung versagt. Für die Wirtschaft eines Landes ist die Zerstörung des Bankensystems und der Zahlungsprozesse so etwas wie die Zündung einer Atombombe. Die Schäden sind unübersehbar, legt Hellwig weiter dar. 

Freitag, 10. Juli 2015

Austerität ist mehr als eine griechische Tragödie

In Sachen Griechenland geht es nicht um Transfers zwischen einem Schuldnerland und den vielen Gläubigerstaaten, wie viele Menschen glauben mögen. 

Im Mittelpunkt steht nicht eine Art Nullsummenspiel (zero sum game), wie die Unterzeichner des offenen Briefs an die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Nachdruck unterstreichen.

Die Frage ist, ob Europa inmitten einer schweren Depression mehr sparen kann? Die Antwort lautet nein. Länder oder Staaten können nämlich nicht einfach so sparen wie die schwäbische Hausfrau, hat Heiner Flassbeck schon mehrmals erläuert.

Der Staat ist keine schwäbische Frau. Wer die schwäbische Hausfrau (Merkel’s austerity postergirl) als Vorbild ausgibt, ignoriert makroökonomische Zusammenhänge.

Es ist absurd, vor diesem Hintergrund von z.B. der “Schweiz AG” oder der “Deutschland AG” zu reden. Das einzelwirtschaftliche Denken ist für die Gesamtheit falsch. Der Wettbewerb unter Staaten hat nichts mit dem sinnvollen Wettbewerb unter Unternehmen zu tun. 


Brüning Deflation und Sie-wissen-schon-wer danach an die Macht kam, Graph: Paul Krugman in NYTimes 

Deutschland 1923: Hyperinflation, Deutschland 1933: Deflation

Donnerstag, 9. Juli 2015

Cash im Überfluss und fehlende Nachfrage in Europa

Unternehmen (ausserhalb des Finanzsektors) in Europa, dem Nahen Osten und Afrika halten 870 Mrd. EUR als liquide Mittel in der Bilanz, teilt Moody’s gemäss einer aktuellen Studie mit.

Seit 2008 ist der Bargeld-Bestand der Unternehmen um 69% gestiegen, berichtet FuW in einem lesenswerten Artikel. Begründung: Die Finanzkrise hat die Gesellschaften vorsichtiger werden lassen. Im vorigen Jahr hat der Cash-Bestand um 6% zugenommen.

Die Bargeldbestände werden von der in jüngster Zeit steigenden Akquisitionstätigkeit nicht tangiert, da sie zumeist mit Aktien finanziert werden.

Hier kommt nun die in Europa vorherrschende Austeritätspolitik ins Spiel. Wie soll ein nachhaltiger Aufschwung geschaffen werden, wenn private Haushalte sparen, die Unternehmen liquide Mittel horten und auch die öffentliche Hand kein Geld ausgeben darf?


Barbestände von Unternehmen ausserhalb des Finanzsektors,  Graph: FuW Unternehmen horten Liquidität im Überfluss

Mittwoch, 8. Juli 2015

Warum will Deutschland Griechenland los werden?

Nach einem kurzen Besuch in Berlin schreibt Simon Wren-Lewis in seinem Blog, dass es für ihn schnell klar wurde, in welchem Umfang in Deutschland eine Fantasy-Geschichte über Griechenland verbreitet werde. Es ist das Bild von privilegierten und faulen Menschen in Griechenland, die standing Rettungspakete entgegen nehmen, ohne etwas selbst zu unternehmen, um die eigene Situation zu verbessern.

Die Phantasie, die die deutsche Politik steuert, ist auch im Kreis von gut informierten Menschen (über die Wirtschaft) vorhanden, betont der an der Oxford University lehrende Wirtschaftsprofessor.

Deutschland weigert sich insbesondere, über Schuldenerlass zu reden. Was treibt aber Deutschland so erbittert, das griechische Problem loszuwerden?

Eine mögliche Antwort darauf ist, dass Deutschland die Wahrheit über den Fall Griechenland störend empfindet, und auch zu herausfordernd. Denn Griechenland hat seit 2010 alles getan, was die Troika vorgeschrieben hat. Man denke dabei z.B. an den Primärüberschuss, den Athen vorgelegt hat.

Für viele Menschen ausserhalb von Deutschland steht ausser Frage, dass das, was Griechenland präsentiert hat, kaum überrascht: Austerität ist kontraktiv und harsche Sparmassnahmen sind ruinös.

Dienstag, 7. Juli 2015

Ökonomen in einem offenen Brief an Merkel: Schluss mit Austerität

In einem offenen Brief warnen renommierte Ökonomen aus den USA und Europa vor weiteren katastrophalen Folgen der Austeritätspolitik: Die sog. Anpassungsprogramme sind gescheitert.

Thomas Piketty, Jeffrey Sachs, Heiner Flassbeck, Dani Rodrik und Simon Wren-Lewis schreiben in The Nation, dass die meiste Welt wusste, dass die Austerität, die die Verschuldunssituation verschlimmert hat, zu Massenarbeitslosigkeit und zu einem Zusammenbruch des Banken-Systems führen würde.

Die humanitären Auswirkungen sind kolossal, so die prominenten Ökonomen als Unterzeichner des offenen Briefes an die Bundeskanzlerin Angela Merkel:

Alle zusammen fordern wir Kanzlerin Merkel und die Troika auf, eine Kurskorrektur zu überlegen, um weiteres Disaster zu vermeiden und Griechenland zu ermöglichen, in der Eurozone zu bleiben.