Montag, 8. Dezember 2014

Grossbritannien verdoppelt Austerität

George Osborne, der britische Schatzkanzler hat neulich in seiner traditionellen Herbstrede (autumn statement) gesagt, dass das Haushaltsdefizit sich im laufenden Fiskaljahr (März 2015) auf 91,3 Mrd. Pfund belaufen wird.

Ein Überschuss ist im Haushaltsjahr 2019 geplant. Bisdahin sollen Gürter enger geschnallt werden. Die im Jahr 2010 von Osborne selbst in Angriff genommene Austeritätspolitik (Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen) soll also fortgesetzt werden. Der Anteil der Staatsausgaben werden damit auf 35,2% des BIP fallen. Das wäre das niedrigste Niveau seit 1938.

Wir haben hier nicht nur mit Haushaltskürzungen zu tun, sondern mit social engineering im grossen Stil, schreibt John Cassidy in einem lesenswerten Artikel („The UK’s MR. Austerity doubles down“) in The New Yorker.

Osborne ist nicht nur ein Defizit-Falke; er versucht seit 2008-2009, den Staat abzubauen, weil er im Sog der Finanzkrise eine historische Chance sieht, die Arbeit, die Margaret Thatcher begonnen hat, fortzusetzen, so Cassidy weiter.

Vor diesem Hintergrund argumentiert Simon Wren-Lewis in seinem Blog, dass es in Europa einmal tatsächlich eine Wählerschaft auf der linken Seite des politischen Spektrums gab, die einen grossen Staat grundsätzlich begrüsst hat. In Grossbritannien hat sie jedoch mit Margaret Thatcher und New Labour an Einfluss im Rest Europas verloren.

Osbornes Plan für Grossbritannien für die nächsten Jahre ist die Apotheose dieser neoliberalen Sicht, so Wren-Lewis.


Die britische Regierung verdoppelt die Austerität. Der Anteil der Staatsausgaben am BIP, Graph: Morgan Stanley

Sonntag, 7. Dezember 2014

Niedriginflation im Brennpunkt 2015

Stanley Fischer, Fed Vice Chairman hat am Dienstag gesagt, dass die Niedriginflation der Hauptgrund sei, warum die Fed noch nicht begonnen habe, die Zinsen zu erhöhen.

Charles Evans Fed-Präsident Chicago erläutert in einem lesenswerten Interview in NYTimes seine Besorgnis, dass die Fed die Zielinflationsrate von 2% seit fast sechs Jahren unterläuft.

In der Tat sieht der primäre Fokus der Fed derzeit auf die Niedriginflation ausgerichtet, zumal der Arbeitsmarkt sich anschickt, sich allmählich zu erholen. Nach den jüngsten Daten sind in den USA im November 321‘000 neue Arbeitsplätze entstanden, so viele wie seit drei Jahren nicht mehr. Damit wurden den 10. Monat in Folge mehr als 200‘000 Arbeitsplätze geschaffen.

Rückt damit eine Zinserhöhung durch die Fed näher? Nein. Die Fed sollte noch warten, bis sie das „Augenweiss der Inflation“ gesehen hat, kommentiert Paul Krugman in seinem Blog. Mit Inflation ist natürlich die Zielinflationsrate von 2% der US-Notenbank gemeint, wenn es Krugman ginge, sogar zur Zeit angesichts der schweren Depression, höher.



Wie die Zielinflationsrate in vielen Volkswirtschaften heute im Sog der Krise unterlaufen wird, Graph: The Economist, Oct 2014 („The pendelum swings to the pit“)

Samstag, 6. Dezember 2014

Kerninflation in der Eurozone unter 1 Prozent

Kanada ist das einzige G10 Land, wo die Inflation nicht unterhalb des festen Inflationsziels der Zentralbank liegt.

Wie in der von Morgan Stanley kürzlich präsentierten Abbildung zu sehen ist, unterlaufen alle anderen Notenbanken in G10 die eigene Zielinflationsrate. Das heisst, dass das Ziel der Preisstabilität nicht gewährleistet ist. 

Zur Erinnerung: Preisstabilität bedeutet nicht Null-Inflation.




Wie das Inflationsziel in G10 Staaten unterlaufen wird; die einzige Ausnahme: Kanada, Graph: Morgan Stanley

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Zwei Charts, die zeigen, wie die Schweizer Wirtschaft leidet

Die folgende Abbildung zeigt, warum die Schweizer Wirtschaft von den disinflationären Tendenzen im Euro-Raum stark betroffen ist.

30 Prozent der Einfuhren der Schweiz (im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt) stammen aus der Eurozone, wo die Inflationserwartungen weiter fallen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass EZB-Präsident Mario Draghi auf der EZB-Pressekonferenz heute Nachmittag bekannt gegeben hat, dass die Inflationsprognosen im Euro-Raum für die kommenden drei Jahre weiter nach unten korrigiert worden sind.




Anteil der Einfuhren am BIP im Vergleich unter diversen Ländern, Graph: Morgan Stanley

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Warum eine dauerhafte Niedriginflation ein Problem ist

Frau Sabine Lautenschläger hat am Samstag im Rahmen eines Referats in Berlin zum Thema Niedriginflation in der Eurozone Stellung genommen:

Low inflation rates in some Member States – even when negative – are not in themselves a breach of the target. They can be necessary to restore lost competitiveness.”

Das heisst frei übersetzt, dass niedrige Inflationsraten in einigen Mitgliedsstaaten (auch wenn negative) an sich keinen Verstoss gegen das feste Inflationsziel der EZB darstellen. Niedriginflation kann sogar dazubeitragen, die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.

Die deutsche Juristin, Mitglied des EZB-Direktoriums äussert sich so, wie wenn die Eurozone keinen Stimulus bräuchte, weil sie ja Niedriginflation hat.

Was stimmt aber mit der Niedriginflation (lowflation) nicht? Was ist die Gefahr?

Es gibt zumindest drei Probleme mit Niedriginflation: (1) Verschuldung, (2) Nullzinsgrenze (ZLB: zero lower bound) und (3) Glaubwürdigkeit der Zentralbank.



Forward Zinssätze in G4 Ländern im Vergleich, Graph: Morgan Stanley

Dienstag, 2. Dezember 2014

Nicht die schwarze Null, sondern die zweifache Null ist entscheidend

Während das Wirtschaftswachstum ins Stocken gerät und die Inflationserwartungen sich zurückbilden, fallen auch die Renditen der Staatsanleihen weltweit. Ein Gradmesser für Staatsanleihen in der ganzen Welt ist laut Bloomberg inzwischen auf ein 18-Monats-Tief gesunken.

Auch der Ausblick für 2015 bleibt getrübt. Das vorherrschende makroökonomische Thema im kommenden Jahr dürfte demnach der Kampf der Zentralbanken gegen niedrige Inflationsraten sein, verkündet Joachim Fels von Morgan Stanley in einer am Sonntag veröffentlichten Studie.

Dass die Inflationsrate in vielen Volkswirtschaften unter dem Ziel der Preisstabilität der Zentralbanken verläuft, verheisst in der Tat nichts Gutes. Die Fed hat beispielsweise ein festes Inflationsziel (keine Schwelle) von 2 Prozent genau wie die EZB und die SNB. Es ist unumstritten: Wenn von der Zielinflation dauerhaft nach unten abgewichen wird, entsteht Deflationsgefahr.

Warum streben aber moderne Notenbanken (seit den 1990er Jahren) ein Inflationsziel von 2% pro Jahr an? Warum nicht etwas mehr (z.B. 3%) oder weniger (z.B. 1%)?

Die Frage ist heute insofern von Bedeutung, als eine Vielzahl von renommierten Ökonomen vorschlagen, dass z.B. die EZB vorübergehend eine Inflationsrate von rund 4% anvisieren soll, um die Wirtschaft aus der Depression zu holen.

Das heisst andererseits, dass das feste Inflationsziel von 2% infolge der Finanzkrise von 2008 auf dem Prüfstand steht.



Nullzinsgrenze (zero lower bound) für viele Zentralbanken, Graph: Morgan Stanley

Montag, 1. Dezember 2014

Europas Sonderfall: Deutschland

Die folgende einfache Abbildung zeigt, wer sich an die von der EMU gemeinsam festgelegte und von der EZB angestrebte Ziel-Inflationsrate in der Eurozone einhält und wer sie unterbietet.

Der Punkt ist auch einfach, wer für das (schmerzhafte und mit Disinflation einhergehende) Ungleichgewicht in der Eurozone verantwortlich ist.

Schaut man sich den Zeitraum von 1999 bis heute, stellt man leicht fest, dass die meisten Mitgliedsländer der Eurozone Kostenwachstum und Inflation im Einklang mit dem Inflation Target von 2% der EZB verbuchen.

Ein Land tanzt aber aus der Reihe: Deutschland, wie Paul Krugman in seinem Blog hervorhebt.

An diesem Punkt ist das europäische Problem des Ungleichgewichts ein deutsches Problem, ausgelöst dadurch, dass Deutschland die Ziel-Inflationsrate unterläuft, und zwar durch Lohnmoderation.

Und durch die Unterbietung exportiert Deutschland Deflation in den Rest der Eurozone. Im Gegensatz dazu halten sich Frankreich, Spanien und sogar Italien an die Spielregeln in der Eurozone, legt Krugman zu Recht dar.



Entwicklung der Kosten und Preise in der Eurozone (1999-2013), Graph: Prof. Paul Krugman in NYTimes