Samstag, 18. Juli 2015

Was ist das neue “Monetary Offset”-Argument?

Die Ablehnung des fiskalpolitischen Ansatzes für die makroökonomische Stabilisierung scheint ein wesentlicher Teil des Market Monetarism (MM) zu sein. 

Das ist die Schlussfolgerung, die Tony Yates, der das Geschehen über Twitter und in der Blogosphäre beobachtet, in seinem Blog präsentiert.

Der an der University of Birmingham in Grossbritannien forschende Wirtschaftsprofessor fasst die Ideen, die dahinter stecken, zusammen. Auch wenn die Liste unvollständig sein mag, lohnt sich für Neugierige ein Blick darauf. Und Yates legt anschliessend eine lesenswerte Widerlegung der einzelnen Aspekte des MM-Standpunktes dar.

Auch Simon Wren-Lewis schaltet sich in seinem Blog aus aktuellen Gründen in das Thema ein und bemerkt, dass es nicht MM’s Hauptargument ist, dass die Fiskalpolitik keinen Auswirkungen auf die Nachfrage und damit die Output hat, sondern dass die Geldpolitik diese Effekte immer ausgleichen kann.

Der an der Oxford University lehrende Wirtschaftsprofessor nennt es “monetary offset”-Argument. Und es ist tatsächlich ein wesentlicher Bestandteil der keynesianischen Einwände gegen die Austeritätspolitik in einer Liquiditätsfalle.


Kontraktive Fiskal Politik versus reales BIP-Wachstum, Graph: Simon Wren-Lewis 

Es gibt einen eindeutigen negativen Zusammenhang zwischen dem Ausmass der Gürtel-enger-schnallen Politik und dem realen BIP-Wachstum

Freitag, 17. Juli 2015

Arbeitsmarkt funktioniert nicht wie der Markt für Weizen

Paul Krugman deutet in seiner lesenswerten Kolumne (“Liberals and Wages”) am Freitag in NYTimes auf die erste grosse Rede von Hillary Clinton über die Wirtschaft hin. 

Frau Clinton’s Kernbotschaft ist, dass die Regierung ihren Einfluss nutzen kann und sollte, um für höhere Löhne zu sorgen.

Clinton’s Rede reflektiert grosse Veränderungen (stark durch die Evidenz gestützt) in unserem Verständnis davon, wie die Löhne zustande kommen. Und eine entscheidende Implikation ist, dass die öffentliche Hand viel tun kann, um Arbeitnehmern zu helfen, ohne den Zorn der unsichtbaren Hand zu besänftigen, legt der am Graduierten Zentrum der City University New York (CUNY) forschende Wirtschaftsprofessor dar.

Viele Ökonomen pflegten bisher zu denken, dass der Arbeitsmarkt ziemlich genau wie der Markt für etwas anderes funktioniert. Das heisst, dass die Löhne vollständig durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Wenn also die Löhne für viele Arbeitnehmer stagnieren oder rückläufig sind, muss es damit zu tun haben, dass die Nachfrage nach dieser Art von Dienstleistungen falle.

Insbesondere schreibt die gängige Meinung die wachsende Ungleichheit dem technologischen Wandel zu, wodurch die Nachfrage nach hoch-qualifizierten Arbeitnehmern steige, während nach der blue-collar Arbeit sinke, wie Krugman schildert. Und es gebe nichts, was die Politik gegen diesen Trend unternehmen könne.


Lohn-Stagnation unter Hochschulabsolventen in den USA, Graph: Economic Policy Institute - epi 

Donnerstag, 16. Juli 2015

Interview: Prof. Kevin O’Rourke, University of Oxford

Kevin O’Rourke is Professor of Economic History at the University of Oxford, All Souls College


Can the euro-area economy withstand the Greek situation?

The important point is that the programme will not work on its own terms. Apart from that: on the one hand, there will not necessarily be any immediate contagion to the rest of the Euro-area.

But the principle that Euro membership is irreversible has now been shattered, and this will come back to haunt the eurozone sooner or later. Apart from that, the political arguments for abandoning the Euro have just gotten a lot stronger.


Economically, the new program for Greece is futile, but why do we get since the outbreak of the euro crisis mainly moral arguments to tackle the problems in the euro zone?

I think they are conveniently self-interested arguments, made by creditor nations. I don’t think morality has a lot to do with it.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Rettungsmassnahmen und Vertrauen-Fee

Die Troika und Griechenland haben sich am Montag auf die Umrisse von “neuen Rettungsmassnahmen” geeinigt. Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hat laut BloombergTV in einem Fernsehennterview gesagt, dass er “mit einem Messer am Hals” zugestimmt habe, den Deal zu akzeptieren.

Die Troika beharrt weiterhin auf Strukturreformen, obwohl die ganze griechische Wirtschaft unter Produktionslücke (output gap) leidet.

Obwohl die harschen Sparmassnahmen nachweislich kein Wachstum auslösen, setzen die EU-Technokraten weiterhin auf strukturelle Reformen, und zwar in Form von internal devaluation (Lohnkürzungen und Sozialabbau).

Es ist ein Restriktionspaket in einer Situation, in der das Land dringend ein Expansionspaket bräuchte, sagt Heiner Flassbeck in einem aktuelen Interview mit NTVMit solchen Massnahmen wird Griechenland weiter schrumpfen, betont der ehemalige Chef-Volkswirt der UNCTAD in Genf.

Griechenland soll nun nach dem Gusto der Troika mit dem Verkauf von Vermögenswerten auf seinen Schuldenüberhang antworten.

Europas asymmetrische Wirtschaftspolitik und folgende Deflation

Heiner Flassbeck hat es in seinem BuchZehn Mythen der Krisevom Februar 2012 festgehalten:

Wenn alle Länder in der Eurozone versuchen, die Probleme durch internal devaluation (d.h. Lohnsenkungen) zu lösen, wird das Ergebnis Deflation sein, unabhängig davon, wieviel Geld die EZB in die Wirtschaft pumpt.

Der ehemalige Chef-Volkswirt der UN-Handelsorganisation (UNCTAD) in Genf hatte bereits einige Jahre davor überzeugend darauf hingewiesen, dass die Austeritätspolitik ohne Zweifel der falsche Weg ist, die Krise in Europa anzugehen.

Griechenland hat über seine Verhältnisse gelebt. Aber Deutschland hat unter seinen Verhältnissen gelebt. Wer hat den grösseren Fehler begangen? Eindeutig Deutschland, unterstreicht Flassbeck. 

Denn in der EWU wurde vereinbart, ein gemeinsames Inflationsziel von 2% anzustreben. Wer das Ziel der EZB durch Lohnmoderation unterbietet, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, verstösst gegen den Geist und den Buchstaben der Vereinbarungen einer Währungsunion.


Phillips Kurve für Griechenland, Graph: Paul Krugman in NYTimes 

Dienstag, 14. Juli 2015

Austeritätspolitik entpuppt sich als Putsch

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Deutschland bestimmt, wo es in der Eurozone lang geht. Es ist quasi eine Alleinherrschaft, mit freundlicher Unterstützung der fügsamen Regierungen Nordeuropas. Auch Frankreich scheint kein Rückgrat zu haben.

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble spielen dabei die Rolle von “guter Bulle, böser Bulle” nahezu vollkommen. Während manche Protagonisten darüber spekulieren, ob der eine der anderen in den Rücken fällt, fliesst noch viel Wasser den Rhein runter.  Klischee in der gegenwärtigen Popularkultur Europas? Keineswegs!

Barry Eichengreen schreibt in einem lesenswerten Artikel (“Saving Greece, Saving Europe”) in Project Syndicate, dass Deutschland will, dass Griechenland zwischen dem wirtschaftlichen Zusammenbruch und Grexit wählen muss. Beide Optionen bedeuten wirtschaftliche Katastrophe; die erste, wenn nicht beide, wäre auch politisch verheerend.

Der an der University of California, Berkeley lehrende Wirtschaftsprofessor hatte in einer Studie 2007 festgehalten, dass kein Mitgliedstaat die Eurozone freiwillig verlassen würde, weil die ökonomischen Kosten einer solchen Entscheidung enorm wären.

"Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Deutschland einen Mitgliedstaat zum Austritt zwingen würde. Denn das wäre die Auswirkung von politisch und wirtschaftlich untragbar perversen Bedingungen, die das deutsche Finanzministerium vorlegen würde", erläutert Eichengreen.

Das Dogma von faulen Arbeitnehmern in Amerika

Amerikaner arbeiten länger als die Menschen in fast allen anderen wohlhabenden Ländern der Welt. Es überrascht daher nicht, dass das work-life Balance für viele Menschen in Amerika ein grosses Problem darstellt.

Aber Jeb Bush, der immer noch versucht, seine lächerliche Behauptung, dass er das amerikanische Wirtschaftswachstum verdoppeln will, zu rechtfertigen, sagt, dass Amerikaner mehr Stunden arbeiten und durch ihre Produktivität mehr Einkommen für ihre Familien erwirtschaften müssen, wie Paul Krugman in seiner Kolumne (“The Laziness Dogma”) am Montag in NYTimes beschreibt.

Bushs politische Berater haben versucht, seine Bemerkung zu korrigieren. Es ist offensichtlich aus dem Zusammenhang gerissen. Dennoch: Bush hat über das Dogma die “Nation der Nehmer” gesprochen; das Beharren darauf, das eine grosse Anzahl von Amerikanern, weisse und schwarze, es vorzieht, nicht zu arbeiten, weil sie lieber dank staatlichen Programmen das Leben der Musse leben wollen, schildert Krugman.

Wo steht Jeb Bush in dieser Geschichte? Lange vor seinem “längeren Arbeitszeit”-Fauxpas hat er sich als einen grossen Bewunderer der Arbeit von Charles Murray erklärt, einem konservativen Sozialanalytiker, der v.a. durch sein Buch “The Bell Curve” vom Jahr 1994 bekannt wurde. Er hat nämlich behauptet, dass Schwarze gegenüber Weissen genetisch minderwertig sind.


Amerikanische Arbeitnehmer: Produktivität und Entlohnung  (pro Stunde), Graph: epi in: NYTimes via Hillary Clinton