Sonntag, 23. September 2018

Warum hält die EZB an den niedrigen Zinsen fest?


Ein beachtenswertes Phänomen seit der GFC (Global Financial Crisis) ist, dass die Niedrigzinspolitik der EZB traditionellen Volkswirten immer noch sauer aufstosst.

Warum hält aber EZB-Präsident niedrige Zinsen weiterhin für nötig? Die Antwort ist einfach: weil kein Anstieg der Inflation droht. Wir leben sozusagen weiterhin in deflationären Zeiten. 

Warum steigt aber die Inflation nicht an? Auch hier ist die Antwort einfach: weil die Löhne nicht steigen.

Die Löhne bleiben im gesamten Euroraum unter Druck. Wie kann man von einer boomenden Wirtschaft reden, wenn die Löhne kaum vom Fleck kommen?

Was unbestritten ist, dass es zwischen Lohnstückkosten (unit labor costs) und Inflation einen absolut klaren Zusammenhang gibt.

Die folgende Abbildung, die Morgan Stanley am Freitag vorgelegt hat, ist vor diesem Hintergrund bemerkenswert. Wir sehen den Verlauf der Lohnstückkosten und Kerninflation im Euroraum.


Kerninflation (core inflation) und Lohnstückkosten (unit labor costs) im Euroraum, Graph: Morgan Stanley, Sept 21, 2018

Freitag, 21. September 2018

Legal Pot Market: Mit Aktien im Höhenrausch


Die Aktien von Cannabis-Produzenten sind seit ein paar Tagen in aller Munde. Es ist schwer, das berauschende Thema zu ignorieren.

Mit der Legalisierung der Hanf-Pflanze in Kanada (für medizinische Zwecke und aber auch für den Freizeitkonsum) öffnen sich offensichtlich neue Türen in der Business-Welt.

Coca-Cola beispielsweise stellt Überlegungen an, in das Geschäft mit Cannabis-haltigen Getränken einzusteigen, wie FT aus London berichtet. 

Der amerikanische Soda-Hersteller spricht angeblich mit dem kanadischen Cannabis-Hersteller „Aurora Cannabis“ über eine mögliche Entwicklung eines Cannabis-Drinks.

Die Aktie der Woche war sicherlich ein Cannabis-Produzent aus Kanada:

Tilray hat mit rekordverdächtigen Kursprüngen eine Marktkapitalisierung von rund 20 Mrd. USD erreicht. Am Mittwoch wurde die Aktie fünf Mal vom Handel ausgesetzt.

Analysten schätzen, dass die Börsenkapitalisierung der Cannabis-Titel 2025 auf 40 Mrd. USD klettern würde. 

Bereits vor zwei Tagen wurde die 40 Mrd. USD Marke von den drei grössten Marijuana Aktien Tilray (TLRY), Canopy (CGC) und Cronos (CRON) geknackt.


Marktkapitalisierung von „Weed Stocks“, Graph: Bloomberg, Sept 20, 2018

Donnerstag, 20. September 2018

Banken und Ausgabenkürzungen

Eine der grössten Veränderungen in der Finanzlandschaft ist die stark eingeschränkte internationale Aktivität, schreibt McKinsey GI in einer speziellen Studie („A decade after the global financial crisis“) zum Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers vor genau 10 Jahren.

Die grenzüberschreitenden Brutto-Kapitalströme sind seit 2007 in absoluten Zahlen um die Hälfte gesunken.

Angeführt wurde der Rückzug aus der internationalen Aktivität durch die Banken im Euroraum, bemerken die Verfasser des Berichtes. 

Die gesamten Auslandforderungen und sonstige Forderungen sind seit 2007 um 6,1 Billionen USD (d.h. 6‘100 Mrd. USD) oder um 38% gesunken.

Fast die Hälfte des Rückgangs ist auf die geringere Kreditaufnahme innerhalb der Eurozone zurückzuführen, insbesondere auf die Interbankenkredite.

So befanden sich 2007 zwei Drittel der Aktiva deutscher Banken ausserhalb Deutschlands; heute sind es nur noch ein Drittel.


Der Rückzug der Banken aus der internationalen Aktivität oder Abbau der Kreditrisiken, Graph: McKinsey GI, Sept 2018 in: „A decade after the global financial crisis“


Dienstag, 18. September 2018

Der neutrale Zinssatz und das Policy Mix in Zukunft


Die Zinsen sind nicht künstlich niedrig: sie fallen, weil die Inflation fällt. Und die Zinsen fallen weiter, wenn mit Inflation auch die Produktivität fällt. 

Die Inflation sinkt, weil die Nachfrage sinkt. Die Nachfrage geht zurück, weil die Löhne nicht steigen. Die Nachfrage hängt schliesslich vom Einkommen ab.

Der Zusammenhang ist plausibel, auch wenn die Mainstream-Ökonomen gefliesentlich den anhaltend niedrig verlaufenden Kurs der Zinsen als „Rätsel“ bezeichnen.

Bemerkenswert ist daher die folgende Abbildung, die JPMorgan neulich präsentiert hat (h/t to @JohnAuthers @FT). Der Chart zeigt die langfristige Entwicklung des sog. neutralen Zinssatzes auf beiden Seiten des Atlantiks.

Der neutrale (oder der natürliche Zinssatz) ist der theoretische reale Zinssatz, bei dem die Inflation weder steigt noch fällt. Unabhängig von der Geldpolitik ist es ein Massstab für die Beurteilung, ob die Geldpolitik expansiv oder restriktiv ist.



Der Verlauf des neutralen Zinssatzes (r-star) in den USA und im Euroraum, Graph: JPMorgan via @JohnAuthers @FT 

Sonntag, 16. September 2018

Wann ist eigentlich Vollbeschäftigung?


Der durchschnittliche Stundenlohn ist in den USA im August gegenüber dem Vorjahr mit 2,9% stärker gestiegen als erwartet. 

Und die Fed fühlt sich angesichts der niedrigen Arbeitslosenquote (3,9%) bestätigt, am eingeschlagenen Kurs festzuhalten, die Zinsen schrittweise weiter anzuheben.

Die Löhne steigen zwar, aber das Tempo der Einkommenszuwächse bleibt im historischen Vergleich gering, zumal negative Faktoren wie z.B. niedrige Erwerbsbeteiligung und weit verbreitete Unterbeschäftigung fortbestehen, wie Pedro da Costa, Business Insider beschreibt.

Die Arbeitslosenquote von rund 4% hinterlässt den Eindruck, wie wenn wir eine Vollbeschäftigung hätten.

Doch das ist falsch, sagt Josh Bivens von Economic Policy Institute (EPI).

Eine Vollbeschäftigung ist dann gegeben, wenn Niedriglohn-Bezieher tatsächlich Gehaltserhöhungen bekommen. Bis das passiert, haben wir keine Vollbeschäftigung. Und wenn das nicht geschieht, sollten wird dafür sorgen, dass die Arbeitslosigkeit weiter sinkt, erklärt Bivens weiter.


Das Lohnwachstum in den USA, Graph: Josh Bivens, Economic Policy Institute, Sept 13, 2018

Samstag, 15. September 2018

Unfinished Business


Buchbesprechung:

Tamim Bayoumi: Unfinished Business – The unexplored causes of the financial crisis and the lessons yet to be learned, Yale University Press, October 2017


Es ist nicht einfach, dem Leser zehn Jahre nach der Pleite von Lehman und dem Ausbruch der GFC (Global Financial Crisis) ein weiteres Buch vorzulegen, das verspricht, “unerforschten Ursachen der Krise” darzulegen und die Lehren daraus zu präsentieren.

Eine Unmenge von Büchern ist über die GFC verfasst worden. Manche sind gut und informativ, manche bieten aber nichts Neues. Vor diesem Hintergrund ist es kein leichtes Unterfangen, dieses viel versprechende Buch zu besprechen, zumal der Autor technokratisch an das Thema herangeht.

Die Krise war ein systemischer Misserfolg der Makroökonomie, der eine systemische Erneuerung über strengeren Bankregulierung hinaus erfordert, hält Tamim Bayoumi fest.

Der stellvertretende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) , der einen Bachelor Abschluss von der University of Cambridge und einen PhD von der Standford University hat, nennt die Krise „North Atlantic crisis“ und betont, dass es eine einzige Krise gab, in der beide Seiten des Nordatlantiks „parasitär miteinander verflochten“ waren. 

Eine massive Ausweitung der Kreditvergabe der Banken im Kern des Euroraums trug seiner Ansicht nach dazu bei, den Finanz-Boom in der Peripherie des Euroraums und auf dem US-Immobilienmarkt anzutreiben.

Donnerstag, 13. September 2018

Fed Funds Futures und Staatsschulden


Die Fed Funds Rate Futures Märkte deuten darauf hin, dass die Fed die Zinsen bis zum Jahresende noch zweimal erhöhen wird. 

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist am Dienstag auf 81,6% gestiegen, von 69,2% am Montag. Am vergangenen Freitag hat sich die Wahrscheinlichkeit auf 61,4% belaufen.

Zur Erinnerung: Die Fed hat im Dezember 2015 angefangen, die Zinsen allmählich anzuheben. Inzwischen wurden es insgesamt sieben Zinsschritte, die die US-Notenbank im fortbestehenden Zyklus getan hat. Das Zielband beläuft sich derzeit auf 1,75% bis 2%.

Am Freitag wurde bekannt, dass die durchschnittlichen Stundenlöhne um 2,9% gestiegen sind, was die höchste Steigerungsrate seit 2009 markiert. 

Inzwischen steigen die Aktienkurse an der Wall Street weiter.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass die Stimmung sich auf die Wahrscheinlichkeit weiter Zinserhöhungen im nächsten Jahr verlagert.

Was heisst das?


Fed Funds Future Märkte: Dezember 2018, Graph: FT Sept 12, 2018 

Sonntag, 9. September 2018

Lob der Nation


Buchbesprechung:

Michael Bröning: Lob der Nation – Warum wir den Nationalstaat nicht den Rechtspopulisten überlassen dürfen, Dietz-Verlag, Bonn, Mai 2018


Es gibt viele Lehren, wenn wir über die Krise von 2008 nachdenken, aber das Wichtigste ist, dass die Herausforderung politisch war und bleibt, nicht wirtschaftlich, schrieb Prof. Joseph Stiglitz in einem lesenswerten Beitrag („The Myth of Secular Stagnation“) kürzlich bei Project Syndicate.

Es gibt nichts, was unsere Wirtschaft davon abhält, auf eine Weise zu funktionieren, die Vollbeschäftigung und Wohlstand garantiert, so der an der Columbia University tätig Wirtschaftsprofessor.

Die Argumente „wir müssen sparen“ und „der Staat kann kein Geld ausgeben, das er nicht hat“ sind Trugschlüsse. 

Der Punkt ist, dass der Hinweis (wie von manchen namhaften Ökonomen) auf „säkulare Stagnation“ nur ein Vorwand für eine mangelhafte Wirtschaftspolitik ist.

Im Hintergrund steht die ideologisch geprägte Dichotomie zwischen „Staat und Markt“: Der Markt ist die Lösung. Der Staat ist das Problem“.

Das ist das Motto, das in grossen Volkswirtschaften insbesondere seit der Amtsübernahme von Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in Grossbritannien in gewissen Kreisen geflissentlich gepflegt wird.

Die Idee der Rehabilitierung des (National) Staates, die in diesem neulich erschienenen Buch präsentiert wird, ist daher in diesem Zusammenhang zu verstehen. Wichtig: Es geht nicht um eine ethnische Definition des Begriffs der Nation und/oder des Staates.

Dienstag, 4. September 2018

US Ertragskurve: Zinserhöhung versus Zinssenkung


Die Debatte über die Form der US Treasury Bonds Ertragskurve (yield curve) hält an. 

Ist die flacher werdende (*) Steigung der Kurve ein Vorbote der Rezession oder nicht? Daran scheiden sich die Geister sogar unterhalb der Fed-Ökonomen.

Neel Kashkari (Minneapolis Fed Präsident) und James Bullard (St. Louis Fed Präsident) äussern sich besorgt über den schrumpfenden Spread zwischen den kurzläufigen und langläufigen Renditen entlang der UST-Kurve.

Doch Jerome Powell, Fed Präsident schenkt nach eigenen Angaben nicht viel Beachtung auf die Form der Ertragskurve, obwohl er die Rendite der US-Staatspapiere mit 10 Jahren Laufzeit als eine Art „Annäherung“ für den „neutralen Zinssatz“ (neutral rate) betrachtet.

Und das deutet im Grunde genommen auf eine Kontinuität mit seiner Vorgängerin Janet Yellen hin.


US-Zinsen: Die Lücke zwischen den Erwartungen der US-Notenbank und des Markets (gemessen an OIS-Futures) über den weiteren Verlauf der Zinsen öffnet sich weiter, Graph: PictetWM, Sept 3, 2018

Sonntag, 2. September 2018

Reclaiming the State


Buchbesprechung

William Mitchell & Thomas Fazi: Reclaiming the State – A progressive Vision of Sovereignty for a Post-Neoliberal World, Pluto Press, London 2017


Das “Brexit” Votum in Grossbritannien, die Wahl von Donald Trump als US-Präsident, die Verwerfung der Verfassungsreform der von Matteo Renzi geführten italienischen Regierung und die Legitimationskrise der EU mögen sich in Sachen Ideologie und Zielsetzung voneinander unterscheiden. 

Aber es handelt sich bei allen um eine Abfuhr der neoliberal geprägten Ordnung der Welt in den vergangenen 30 Jahren, heisst es in der Einleitung dieses neulich vorgelegten anspruchsvollen Buches.

Die Situation hat sich nach der Finanzkrise von 2008 durch die wirtschaftspolitischen Massnahmen, v.a. durch den rigorosen Sparkurs (fiscal austerity) und Lohnmässigung (wage deflation) sogar weiter verschlechtert. 

Privatisierung, Deregulierung und der Rückbau des sozialen Staates wurden mit noch mehr Energie fortgeführt, schreiben William Mitchell und Thomas Fazi mit Nachdruck weiter.

Vor diesem Hintergrund machen die Autoren reale Einkommensbussen der Mittelschicht als eine der treibenden Kräfte der populistischen Revolte in den fortentwickelten Volkswirtschaften aus.

Warum sind es aber die Rechte und die extreme Rechte, die sich aufbegehren? Warum war die Linke nicht in der Lage, der Arbeiterklasse eine glaubwürdige Alternative zum Neoliberalismus und der neoliberal gestalteten Globalisierung zu bieten?

Mittwoch, 29. August 2018

Warum bleibt die Inflation im Euroraum so lange so niedrig?


Der Internationale Währungsfonds (IWF) veröffentlicht auf dem IMFBlog regelmässig kurze Analysen über makroökonomische Zusammenhänge. 

Im aktuellen Beitrag geht es um die anhaltend niedrige Inflation im Euroraum. Die Frage, die die Ökonomen von IWF aufwerfen, ist, warum die europäische Inflation so lange so niedrig verläuft. 

Die kurze Antwort: Die Niedriginflation im Euroraum ist nicht das Ergebnis einer weltweit niedrigen Inflation. Die Analyse einer Reihe von globalen Variablen wie z.B. der Produktionslücke (output gap), der Inflation im Ausland, der Nicht-Öl-Importe und des nominalen effektiven Wechselkurses liefern keine unterstützenden Beweise. 

Verwenden wir eine Standardversion der Phillips Kurve, hängt die Kerninflation von der Inflation ab; was die Menschen erwarten, wo die Inflation in Zukunft liegt. Und entscheidend sind dabei auch die vergangene Inflation und die Arbeitslosigkeitslücke (unemployment gap), so die Studie.


Niedriginflation im Euroraum, Graph: Internationaler Währungsfonds (IWF) Aug 28, 2018 @IMFnews 

Samstag, 25. August 2018

US Treasury Bonds und Short Squeeze


Der massive Ausbau von Short-Positionen durch Spekulanten in den Futures Märkten gegen US-Staatsanleihen (UST) ist vergangene Woche auf ein Rekordniveau geklettert.

Manche Investoren glauben, dass dies in einer nicht zu rechtfertigenden Grössenordnung geschehen ist. Und sie reden daher von „short squeeze“. Gemeint ist damit eine Art Angebotsknappheit eines Wertpapiers (meist einer Aktie und/oder einer Anleihe) die zuvor in grosser Anzahl leerverkauft („geshortet“) wurde.

Eine „short squeeze“ ist eine Situation, in der ein stark „geshortetes“ Wertpapier beginnt, sich höher zu bewegen, sodass die Leerverkäufer gezwungen werden, ihre „Short-Positionen“ zu schliessen und damit den Aufwärtsdruck auf das Wertpapier zu erhöhen.

Dies impliziert, dass die Leerverkäufer aus ihren „Short-Positionen“ meist mit Verlust gedrängt werden und damit im Allgemeinen eine positive Entwicklung ausgelöst wird, die darauf hindeutet, dass das Wertpapier möglicherweise eine Trendwende einleitet.

Bloomberg berichtet, dass der Anstieg der bearish Futures-Wetten könnte zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass die Händler solche Kontrakte als „Ausgleich für ihren Bestand an Cash-US Treasury Bonds“ in einem sog. Basis Trading verwenden.


(Spekulanten in Futures) Short-Positionen auf US-Staatsanleihen markieren ein Rekordniveau, Graph: Bloomberg, Aug 21, 2018

Freitag, 24. August 2018

Nullzinsen und Schulden


Nullzinsen sind für die Sparer auf den ersten Blick sicherlich ein Schock. Kann es aber sein, dass Mario Draghi, EZB-Präsident die deutschen Sparer enteignet wie manche Mainstream-Ökonomen behaupten?

Das ist natürlich Unsinn. Warum hat aber die EZB die Zinsen bis auf null-Prozent gesenkt? Die richtige Antwort auf diese Frage ist sehr wichtig.

Das Ziel ist, um es kurz zu fassen, die Kosten für die Kreditaufnahme zu senken. Das heisst, dass die EZB will, dass die Marktteilnehmer Schulden aufnehmen. Draghi betrachtet m.a.W. die Verschuldung als Ausweg aus der Krise. Das heisst wiederum, dass Europas Sparkurs auf der Wirtschaft lastet.

Das mag für viele Mainstream-Ökonomen wie ein Schock vorkommen. Aber es ist offensichtlich, dass die Massnahmen (bestehend hauptsächlich aus fiscal austerity und wage repression), an denen die europäischen Entscheidungsträger bisher wider besseres Wissen festhalten, gescheitert sind, um die Wirtschaft auf den Vordermann zu bringen.

Zehn Jahre nach Beginn der Krise und fünf Jahre nach Beginn der Intensivbehandlung gibt es kein Anzeichen für die Erholung der griechischen Wirtschaft, bemerkt Heiner Flassbeck im Blog Makroskop zum Abschluss der Rettungspakete.

Obendrauf bleibt Griechenland weitere zwei Jahren an die Sparvorgaben gebunden.


Deutschland: Exportquote versus Investitionsquote des Privatsektors, Graph: Makroskop, 17 Aug 2018

Donnerstag, 23. August 2018

Warum steigen die Löhne nicht?


In den USA ist die Arbeitslosigkeit auf 3,9% gefallen. Das ist der niedrigste Stand seit Anfang der 2000er Jahre. 

Die Löhne kommen aber trotz des „festen, vollgefüllten Arbeitsmarktes („tight labor market“) nicht vom Fleck. Unter Berücksichtigung der Inflation gingen die Gehaltszahlungen im Juli sogar zurück.

Sowohl Ökonomen an der Wall Street als auch die geldpolitischen Entscheidungsträger der US-Notenbank wähnen sich überrascht. 

Unternehmen beklagen den Mangel (*) an qualifizierten Mitarbeitern („worker shortage“). 

Um etwas Licht in die Frage zu bekommen, was möglicherweise die Löhne niedrig hält, befragten die Reporter von Bloomberg News Arbeitgeber in drei Branchen, wo die Löhne trotz hartnäckiger Berichte über Arbeitskräftemangel (Bau, Fernverkehr und Kinderbetreuung) niedrig bleiben. 



Die Entwicklung der Löhne in den USA, Graph: Bloomberg, Aug 22, 2018

Montag, 20. August 2018

US-Staatsanleihen: Das Ende des Bull-Marktes?


Zu Beginn des Jahres hat es so ausgesehen, wie wenn manche Wallstreet Koryphäen mit der Prognose Recht hätten, dass die Rendite der Staatspapiere durch die Decke schiesst und der Bull-Market zu Ende geht.

Die Rendite der US-Staatsanleihen ist von 2,40% in Richtung 3% angestiegen. Doch die Marke 3% hat sich bisher als „eine harte Nuss zu knacken“ entpuppt. 

„Die Zinsen wollen einfach nicht steigen“, kommentiert das „daily-focus“-Team der St. Galler Kantonalbank am Montag: „Der Zinsanstieg vom Januar ist im Sommer weggeschmolzen wie der Schnee in den Alpen“.

Während die Fed ihre Bilanz weiter verkürzt, wird die UST-Renditekurve flacher. Der Rendite-Abstand (spread) zwischen den US-Staatsanleihen mit 10 und 2 Jahren Laufzeit ist inzwischen auf rund 24.66 Basispunkte geschrumpft.

Es wäre keine grosse Überraschung, wenn die Ertragskurve (yield curve) demnächst invers werden würde.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass die netto spekulativen short-Positionen auf US Treasury Bonds laut CFTC zunehmen, während der USD gegenüber dem EUR an Wert gewinnt und die Wetten auf einen steigenden USD-Kurs (long) erhöht werden. 

Es ist nicht auszuschliessen, dass der stärker werdende Greenback die UST Short-Positionen abquetscht. 


CFTC: US Treasury Bonds net speculative short positions, die weissen Balken: USD long positions, und die gelben Balken: UST short positions, Graph: Bloomberg TV, Aug 20, 2018

Sonntag, 19. August 2018

Ersparnis = Investitionen


Eine der bekanntesten ökonomischen Gesetzmässigkeiten, die in den meisten Fachbüchern für die Volkswirtschaft vorgestellt wird, ist die Gleichung „I=S“, 

d.h. Ersparnis = Investition, wobei „S“ auf private Haushalte zurückzuführen ist, während „I“ von Unternehmen geleistet wird.

Die folgende Abbildung von Makroskop zeigt, dass der allgemein unterstellte Zusammenhang in vielen grössten Volkswirtschaften heute nicht mehr gegeben ist.

Heiner Flassbeck hat bereits vor mehreren Jahren darauf hingewiesen, dass der in den führenden Industriestaaten vorherrschende Grundsatz der neoklassischen Lehre, wonach der Staat das Problem und der Markt die Lösung sei, mit Fokus auf „fiscal austerity“ und „debt brake“ (die neuerdings von der „schwarzen Null“-Politik tatkräftig begleitet wird) mit deflationären Kräften zum Scheitern verurteilt ist.

Ohne Zweifel ist das „Phänomen sparender Unternehmen“ eine neue Herausforderung sowohl für die Theorie als auch für die Praxis, wie Paul Steinhardt von Makroskop mit Nachdruck unterstreicht.

Kurzum: Unternehmen halten sich heute mit Investitionen in Sachanlagen zurück und sie sind sogar mittlerweile zum Netto-Sparer geworden.


Finanzierungssalden von Unternehmen und Haushalten in Deutschland: beide sind netto-Sparer, Graph: Paul Steinhardt in: Makroskop, Aug 17, 2018.

Samstag, 18. August 2018

Einkommensungleichheit


Es ist ein offenes Geheimnis, dass Einkommen heute in vielen entwickelten Volkswirtschaften deutlich ungleicher verteilt ist als vor 30 Jahren.

In diesem Zusammenhang hat das EPI, Economic Policy Institute neulich eine bemerkenswerte Analyse mit der folgenden Abbildung vorgestellt. 

Gezeigt wird die Tatsache, dass CEOs heute 312-mal so viel verdienen wie ein typischer Arbeitnehmer.

In jedem Fall (ob man die realisierten Aktienoptionen zum Gehalt, Boni usw. mit berechnet oder nicht) ist die CEO-Vergütung im Verhältnis zur Vergütung eines typischen Arbeitnehmers und eines Verdieners im oberen 0,1% sehr hoch.

Oben drauf ist die CEO-Vergütung weit schneller gewachsen als Aktienkurse oder Unternehmensgewinne. 

Die Vorstandsvergütung stieg zwischen 1978 und 2017 um 979% (basierend auf gewährten Aktienoptionen) bzw. um 1‘070% (basierend auf realisierten Aktienoptionen).

Das entsprechende Aktienwachstum (S&P 500 Index) mit 637% fiel deutlich niedriger aus.


Die CEO-Vergütung ist in den vergangenen 40 Jahren um 1’070% gestiegen, Graph: Larry Mishel and Jessica Schieder in: Economic Policy, Aug 2018

Mittwoch, 15. August 2018

Wie akkommodierend sind die US-Zinsen heute?


Angaben von Bloomberg TV nach ist die Wahrscheinlichkeit für weitere zwei Zinserhöhungen durch die Fed im laufenden Jahr zuletzt etwas zurückgegangen.

Wie steht es sonst um die US-Zinsen?

Die Fed San Francisco (FRBSF) präsentiert in einer neulich vorgelegten Forschungsarbeit ein paar sehenswerte Abbildungen, die sich auf die gegenwärtige Situation der US-Wirtschaft beziehen.

Demnach ist festzuhalten, dass 

(1) die US-Treasury Ertragskurve relativ flach, aber nicht invertiert ist,

(2) der reale kurzfristige Zinssatz zwar gestiegen ist, aber im historischen Vergleich immer noch niedrig bleibt, und 

(3) der Credit-Spread (Unternehmensanleihen) zusammengedrückt ist.

Daraus folgt, wie die Analyse nahelegt, dass das Risiko einer Rezession (wenn man die ersten beiden Beobachtungen einkalkuliert) relativ niedrig ist. Würde man aber die dritte Beobachtung mitberücksichtigen, ist anzunehmen, dass das Rezessionsrisiko etwas höher ist als sonst.


US-Zinssätze, Graph: Fed Reserve Bank San Francisco in: The Current Economy and the Outlook, Aug 9, 2018

Dienstag, 14. August 2018

Wird sich die Wirtschaft jemals wieder erholen?


Die sich gegenwärtig entfaltende EM-Währungskrise hat sicherlich auch mit dem wirtschaftlichen Umfeld nach der Global Financial Crisis (GFC) 2007-2008 zu tun: 

Stichworte dazu sind: „monetary dominance“, restriktive Fiskalpolitik ("schwarze Null", "Schuldenbremse" usw.) und die mutwillige Bereitschaft der Fed, die Zinsen weiter anzuheben.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund die am Montag von der Fed San Francisco vorgelegte Studie über die Entwicklung des Wirtschaftswachstums in den USA.

Ein Jahrzehnt nach der letzten Finanzkrise und der Rezession bleibt die US-Wirtschaft nach wie vor deutlich kleiner als es nach dem Wachstumstrend vor der Krise möglich wäre.

Ein allfälliger Grund liegt wahrscheinlich in den grossen Verlusten der Produktionskapazität der Wirtschaft seit der GFC, wie die Autoren der Analyse unterstreichen. 

Die Höhe der Verluste deutet darauf hin, dass das Produktionsniveau voraussichtlich nicht auf das Vorkrisenniveau zurückkehren wird, lautet das Resümee der Forschungsarbeit.



Das reale BIP der USA nach der GFC, Graph: San Francisco Fed, Aug 13, 2018 Economic Letters: “The Financial Crisis at 10: Will we ever recover?” by Regis Barnichon, Christian Matters, and Alexander Ziegenbein

Sonntag, 12. August 2018

Building the New American Economy


Buchbesprechung

Jeffrey D. SachsBuilding the New American Economy – Smart, Fair & Sustainable, Columbia University Press, New York, March 2018

Die grösste Herausforderung unserer Generation ist die nachhaltige Entwicklung, d.h. eine Nation, die wohlhabend, fair und ökologisch nachhaltig ist. 

Die Ziele unserer Nation sollten die Sustainable Development Goals (SDG) für das Jahr 2030 sein, schreibt Jeffrey D. Sachs in seinem neuen Buch freimutig und entschieden.

Die US-Regierung hat die “17 Ziele für nachhaltige Entwicklung” am 15. September 2015 mit anderen 192 Staaten unterzeichnet.

Wir müssen an SDGs festhalten, als ob unsere Zukunft davon abhängen würde, betont der an der Columbia University lehrende Wirtschaftsprofessor leidenschaftlich und überzeugt.

Nachhaltige Entwicklung ist mehr als eine Checkliste von politischen Vorgehensweisen. Es ist eine kohärente Idee, die tatkräftig daran festhält, dass das Wirtschaftswachstum fair, inklusiv und ökologisch nachhaltig sein kann und sollte, erklärt der Direktor des UN Sustainable Development Solutions Networks.

Die Idee konzentriert sich gleichzeitig auf drei grosse Themen: 1) die Förderung des Wirtschaftswachstums und menschenwürdige Arbeitsplätze, 2) die Förderung der sozialen Gerechtigkeit für Frauen, die Armen und die Minderheiten und 3) die Förderung der ökologischen Nachhaltigkeit.

Samstag, 11. August 2018

Finanzierungssalden in den grössten Volkswirtschaften


In Deutschland haben private Haushalte, Unternehmen und der Staat einen positiven Finanzierungssaldo. Das heisst, dass sie weniger ausgeben als sie einnehmen; sie sparen. 

Nur der Sektor Ausland hat einen negativen Finanzierungssaldo. Stichwort: Handelsungleichgewichte. Das heisst, dass Deutschland mehr exportiert als importiert; Deutschland lebt damit unter seinen Verhältnissen.

Die folgende bemerkenswerte Abbildung zeigt die Finanzierungssalden in ausgewählten grossen Volkswirtschaften.

Der Ansatz der sektoralen Finanzierungssalden (= income – spending) wurde von Wynne Godley konzipiert. Die grundlegende Erkenntnis ist, dass auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene (macro) „Einnahmen = Ausgaben“ sind.

Das ist eine buchhalterische Gleichung, die zwangsläufig stimmt. 

Daher gilt es, wenn wir die unterschiedlichen Sektoren der Wirtschaft betrachten, die ja im Wesentlichen aus „privaten Haushalten, Unternehmen, dem Staat und dem Ausland“ bestehen, dass der Finanzierungssaldo (Minus) eines Sektors notwendigerweise durch die Finanzierungssalden (Plus) der anderen Sektoren ausgeglichen werden muss, sodass auf der aggregierten Ebene Einnahmen den Ausgaben entsprechen.


Der Finanzierungssaldo des Unternehmenssektors in ausgewählten Ländern (2015), Graph: Makroskop, Aug 09, 2018

Mittwoch, 1. August 2018

Interview: Prof. David Kinley, Human Rights Law at the University of Sydney

David Kinley is Professor and Chair in Human Rights Law at the University of Sydney, and Academic Expert member of Doughty Street Chambers in London



Why and how are the financial markets in the first place in conflict with human rights?

Well, to answer that question properly one has to look at the big picture. Certainly financial markets can and have negatively affected human rights, but they have also had positive impacts. Global aggregate wealth has grown exponentially in the last 30 years.

Levels of extreme poverty has dropped precipitously everywhere, especially in the poorest countries (China’s poverty levels have dropped from 89% in 1980 to less than 2% today), and access to basic financial services has expanded worldwide.

Alongside the human rights benefits of better health, education, safety and security that such wealth brings, it also offers people greater promises and possibilities of a ‘good life’ for themselves and their children.

However, in lock step with these benefits our hyperbolic financial system has also created enormous human rights problems. There are egregious and still growing wealth inequalities between and within countries and a finance system that is increasingly focused on value extraction rather than value creation, where the money markets are used primarily to make more money rather acting as vehicles to funnel investment into the real economy to create tangible products and services (as well as jobs and tax receipts).

Dienstag, 31. Juli 2018

Interview: Prof. Steven K. Vogel, University of California, Berkeley

Steven K. Vogel is Il Han New Professor of Asian Studies and a Professor of Political Science at the University of California, Berkeley


We hear a great deal of “market discipline” in Europa in particular for helping to eradicate macroeconomic imbalances in the euro area while millions of people are still suffering from high underemployment. How accurate is the dichotomy “government versus market” in the current economic debate particularly in the face of Global Financial Crisis?

The conventional “government-versus-market” dichotomy is not only misleading, but also dangerous.  For it is the government that makes markets work.  This is perhaps most obvious in the case of antitrust policy, because competition is essential to effective markets and yet business people would prefer to collude rather than to compete – if given the choice.

So the government deploys antitrust to force them to compete.  But the government role in creating, maintaining, and enhancing dynamic markets goes far beyond antitrust, including everything from establishing corporate laws to financial regulation.

The dichotomy is dangerous in the sense that it contributes to policy failures, both small and large – but none more devastating than the global financial crisis itself.

For example, the U.S. free-market worldview contributed to the failures of deregulation (e.g. the Gramm-Leach-Bliley Act), non-regulation (derivatives), lax regulation (the mortgage finance market), and over-reliance on private intermediaries (credit agencies) that all played a role in the crisis.

Sonntag, 29. Juli 2018

Die inverse Laufzeitprämien-Kurve


Die “inverted yield curve” ist ein Marktphänomen, das seit geraumer Zeit für Schlagzeilen sorgt.

The Economist trifft in einem lesenswerten Artikel den Nagel auf den Kopf: eine „invertierte Zinskurve“ kann ein paar Dinge bedeuten, die allesamt keinen Jubel auslösen.

Zum Beispiel, dass die Märkte erwarten, dass die zukünftigen kurzfristigen Zinssätze niedriger sein werden als die derzeitigen, vermutlich weil die Zentralbank als Reaktion auf die Konjunkturschwäche die Zinsen gesenkt hat.

Oder, dass die Märkte denken, dass sie in Zukunft weniger Kompensationen für das Halten langfristiger Anleihen brauchen können. Das mag die Erwartung widerspiegeln, dass die Inflation fällt, oder der Appetit auf die Sicherheit steigt, die langfristige Staatspapiere in finanziellen Stürmen anbieten.

Ganz allgemein wird die Zins-Strukturkurve (yield curve) oft invers, wenn erwartet wird, dass eine Zentralbank von einer geldpolitischen Straffung zu einer geldpolitischen Lockerung übergeht.



Die Laufzeitprämie für die 2- und 10-jährigen US-Staatsanleihen ist bereits invers, Graph: Bank J. Safra Sarasin, Asset Management, July 20, 2018

Donnerstag, 26. Juli 2018

US-Steuersenkungen und kein „Trickle-down“ Effekt


Die Höhe der von der amerikanischen Bundesregierung erhobenen Körperschaftssteuer ist in den ersten sechs Monaten des Jahres auf ein historisch niedriges Niveau gefallen, was das Defizit des Bundeshaushaltes viel schneller als von den Ökonomen vorausgesagt, erhöht hat.

Der Grund ist die Steuersenkungen von Präsident Donald Trump.

Das Gesetz hat einen Standard Steuersatz von 21% für Unternehmen eingeführt, gegenüber dem bisher geltenden Satz von 35%, was den Unternehmen sofort erlaubt, viele neue Investitionen von Steuern abzuziehen.

Der niedrige Steuersatz für Unternehmen bedeutet weniger Steuereinnahmen für den Staat.

Die Trump Administration hat aber gesagt, dass die Steuersenkungen sich auszahlen würden, dadurch dass sie aus einem schnelleren Wirtschaftswachstum höhere Einnahmen generieren.

Doch das Weisse Haus hat in den vergangenen Wochen einräumen müssen, dass das Defizit schneller wächst als erwartet, wie NYTimes berichtet.

Nun rechnet das „Office of Management and Budget“ mit einer zusätzlichen Verschuldung in Höhe von 1‘000 Mrd. USD im nächsten Jahrzehnt.


Die Höhe der von der amerikanischen Bundesregierung erhobenen Körperschaftssteuer ist auf ein historisch niedriges Niveau gefallen, Graph: NYTimes July 25, 2018

Sonntag, 22. Juli 2018

Marketcraft


Buchbesprechung

Steven K. Vogel: Marketcraft – How Governments Make Markets Work, Oxford University Press, 2018


Märkte brauchen Regeln, nicht nur um die Menschen und die Umwelt vor Kollateralschäden zu schützen, sondern auch um effektiv zu funktionieren. Unsere tatsächlichen Entscheidungen hängen daher nicht davon ab, ob Märkte reguliert werden sollten, sondern davon, wie sie reguliert werden sollten.

Märkte der realen Welt sind Institutionen, die menschliche Interaktionen formen. Das ist die Maxime des Autors, der es vorzieht, dafür das Wort „crafting“ (d.h. anfertigen, gestalten) zu benutzen, da damit künstlerisches Schaffen hervorgehoben werden kann, was für die Marktsteuerung erforderlich ist.

Das Buch untersucht dementsprechend, warum Märkte als Institutionen betrachtet werden müssen (als komplexe Kombinationen von Gesetzen, Praktiken und Normen), mit der Zielsetzung, um die jüngsten Entwicklungen in fortgeschrittenen Volkswirtschaften wie den USA und Japan zu verstehen.

Während einige Wissenschaftler betonen, dass moderne Märkte effektive Governance benötigen, sprechen viele Politiker, Journalisten und Experten in fortgeschrittenen Volkswirtschaften davon, als gäbe es so etwas wie einen „freien Markt“, der ohne Governance gedeiht. 

Donnerstag, 19. Juli 2018

Cash is back, Baby!


Die Rendite des US-Schatzwechsels mit 3-Monaten Laufzeit (3m US T-bill) ist am Mittwoch zum ersten Mal seit Sommer 2008 auf 2% geklettert.

Der unerbittliche Anstieg der Rendite der dreimonatigen Papiere reflektiert den Kurs der geldpolitischen Straffung der US-Notenbank, die ja seit geraumer Zeit die Zinsen anhebt.

Vor weniger als drei Jahren lag die Rendite der 3-monatigen T-bills (genannt auch „cash“) noch im negativen Bereich. 

Cash zu halten, scheint heute wieder lohnenswert, zumal die Dividenden-Rendite von S&P 500 Index mit 1.88% (TTM: trailing 12 months) weniger abwirft. 


US-Schatzwechsel (US T-bills) mit 3 Monaten Laufzeit, Graph: FT, July 18, 2018

Mittwoch, 18. Juli 2018

Was ist die Vorhersagekraft einer flacher werdenden Renditekurve?


Die geldpolitischen Entscheidungsträger achten heute besonders umsichtig auf die Neigung der Renditekurve (yield curve), die flacher wird.

Gemeint ist die Rendite-Differenz zwischen den langfristigen und kurzfristigen Staatsanleihen, gemessen an US-Treasury Bonds (UST), jeweils mit Laufzeiten von 10 und 2 Jahren.

In den letzten 50 Jahren war eine invertierte Renditekurve (invers yield curve), wo die kurzfristigen Zinsen höher notieren als die langfristigen Zinsen, stets ein ausgezeichneter Prädiktor für eine bevorstehende Rezession in den USA.

In der Tat hat sich in diesem halben Jahrhundert jedes Mal, wenn sich die Renditekurve umgekehrt (inverted) hat, eine Rezession vollzogen, wie Neel Kashkari in seinem Blog unterstreicht.

Seit zwei Jahren verflacht sich die Zins-Strukturkurve, seit die Fed begonnen hat, die kurzfristigen Zinsen anzuheben, dramatisch. Die Rendite-Differenz zwischen den UST mit 10 Jahren Laufzeit und den UST mit 2 Jahren Laufzeit ist von 134 Basispunkten im Jahr 2016 auf heute 25 Basispunkte zurückgefallen. Das markiert ein 10-Jahres-Tief.

Sagt die abflachende Rendite-Kurve uns jetzt, dass eine Rezession bevorsteht?


US-Treasury Bonds Term Premium für die Laufzeiten von 10 und 5 Jahren, Graph: Tracy Alloway, Bloomberg, July 17, 2018 


Montag, 16. Juli 2018

Macroeconomics in Context


Buchbesprechung

Sebastian Dullien, Neva Goodwin, Jonathan M. Harris, Julie A. Nelson, Brian Roach and Mariano Torras: Macro Economics in Context – A European Perspective, Routledge, 2018.

“Makroökonomie im Zusammenhang” ist ein neues Lehrbuch, das die Grundsätze der Makroökonomie auf eine aktuelle Art und Weise für Studenten der Volkswirtschaftslehre darlegt. 

Eine besondere Eigenschaft des Buches ist, dass sich das Augenmerk vorwiegend auf europäische Daten, Institutionen und historische Ereignisse richtet. 

Die Wirtschaftstheorie wird m.a.W. aus einer europäischen Perspektive dargestellt. Das heisst, dass hochinteressante Themen wie europäische Krise, „Brexit“, Nachhaltigkeit, steigende Ungleichheit usw. im makroökonomischen Kontext angepackt werden.

Das Buch besteht aus vier Teilen: 

Im ersten Teil wird der Kontext der wirtschaftlichen Analyse vorgestellt, einschliesslich grundlegender makroökonomischer Statistiken und Instrumente.

Warum ist die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen in den USA höher als in Europa?


Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit werden von Volkswirten genau beobachtet, da es sich dabei um Referenz-Zinssätze (benchmark) handelt, die alle Arten von langfristigen Krediten für Verbraucher und Unternehmen betreffen.

In der Regel bewegen sich die internationalen Renditen zusammen, aber nicht immer.

Was auffällt, ist, dass die Rendite der 10-jährigen US-Treasury Bonds (10y UST) seit 2014 im Vergleich zu den Renditen der anderen Staatsanleihen z.B. aus Deutschland, der Schweiz, Grossbritannien und Kanada stärker gestiegen ist und alle übertrifft.

Warum? Eine neue Analyse der Economic Research Abteilung der Fed St. Louis befasst sich genau mit dieser Frage und präsentiert eine vernünftige Schlussfolgerung.

Die wichtigsten Faktoren, die die langfristigen Renditen beeinflussen, sind die erwartete langfristige Inflationsrate und die erwartete langfristige reale Wachstumsrate der Wirtschaft.


Der Verlauf der Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen im Vergleich, Graph: St. Louis Fed, July 6, 2018

Sonntag, 15. Juli 2018

The Germany Illusion


Buchbesprechung

Marcel Fratzscher: The Germany Illusion – Between Economic Euphoria and Despair, Oxford University Press, June 2018


Deutschland geht es gut. Es hätte aber besser gehen können, wenn das Land nicht unter zwei Illusionen gelitten hätte. 

Marcel Fratzscher stellt uns in seinem neuen Buch die Trugbilder analytisch und ausführlich vor. 

Die erste Imagination ist die Wahrnehmung, dass Deutschlands Wirtschaftspolitik makellos ist und die Zukunft des Landes dank dem erfolgreichen Export-Sektor und der flexiblen Wirtschaft glänzend erscheint.

Die zweite Fantasie bezieht sich auf den in Deutschland weit verbreiteten Glauben, dass das, was für Europa gut ist, schlecht für Deutschland ist.

Im ersten Teil behandelt der Autor die wirtschaftliche Story Deutschlands vom Zustand des „kranken Manns Europas“ bis zum selbst zugeordneten Titel des „economic superstar“. 

Im zweiten Teil geht es um etwas dämpfende Schilderung der Rolle, die Berlin während der europäischen Krise gespielt hat.

Mittwoch, 11. Juli 2018

US-Dollar und Signale für Rezession


Wenn sich eine Rezession abzeichnet, in den USA oder weltweit, ist es an der Zeit, USD, JPY und/oder CHF zu besitzen. Denn es handelt sich dabei um sog. „safe haven“ (sicherer Hafen) Währungen.

Rezessionen sind, wenn Gläubiger ihr Geld zurückfordern, wie ein Analyst von JPMorgan Chase es treffend beschreibt.

Wie wahr!

USD profitiert davon, dass der Rest der Welt die US-Währung zurückkauft, wenn Banken und Unternehmen während einer Rezession die Schulden abbauen (deleveraging).

Greenback hat vor diesem Hintergrund (Handelsspannungen) in den vergangenen Wochen eine nicht unwesentliche Outperformance hingelegt. 


Die Entwicklung des USD-Wechselkurses, Graph: Bloomberg, July 9, 2018 

Dienstag, 10. Juli 2018

Bitte merken: Target2 ist kein Kreditsystem


Target2-Salden sind wieder in den Schlagzeilen. Die FAZ bemerkt in einem wunderlichen Artikel (*), dass Deutschland auf einer Bombe sitzt. 

FT aus London berichtet, dass Italiens Schulden gegenüber der EZB in diesem Jahr die Marke 500 Mrd. EUR erreichen werden, während Deutschlands Target2-Salden auf 1‘000 Mrd. EUR zusteuern.

Der Grundtenor hinterlässt den Eindruck, wie wenn es sich dabei um Kreditsystem handeln würde. 

Dies trifft aber nicht zu. Denn Target2 Salden verkörpern „lediglich“ Informationen darüber, welche nationalen Zentralbanken wie viel Zentralbankguthaben ins Ausland überwiesen haben.

Es geht, vereinfacht gesagt, um Verbindlichkeiten und Forderungen zwischen den Zentralbanken in der Eurozone.

Wenn die deutschen Banken EZB-Guthaben von Banken aus dem Ausland empfangen, steigen die Forderungen der deutschen Bundesbank gegenüber den Zentralbanken in den betreffenden Ländern.

Target2 wurde von der EZB und den nationalen Zentralbanken der Eurozone eingerichtet, um es den Banken zu ermöglichen, so schnell wie möglich grosse Zahlungen aneinander zu leisten. Mehr als 1‘700 Banken sind am System beteiligt, um miteinander zu handeln.


Target 2: Italien versus Deutschland, Graph: FT, July 9, 2018 


Samstag, 7. Juli 2018

Heisser Sommer und träge Konjunktur mit Rezessionswolken


Der Sommer wird wahrscheinlich heiss, schreibt PictetWM aus Genf.

Die aktuelle Analyse über den Ölmarkt deutet darauf hin, dass das derzeitige Ölangebot im Vergleich zur Nachfrage sehr dünn erscheine.

Es bestehe ein deutliches Risiko, dass die Ölpreise in diesem Sommer deutlich über ihr langfristiges Gleichgewicht steigen werden.

Jüngste Anzeichen einer wirtschaftlichen und internationalen Handelsverlangsamung könnten gegen Ende des Jahres dazu beitragen, Ölknappheit zu beseitigen, so die Studie weiter.

Ein besseres Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage wird jedoch erst Mitte 2019 sichtbar, wenn in den USA neue Pipeline-Anlagen in Betrieb genommen werden.

Infolgedessen bleibt die Ölpreis-Prognose der Schweizer Privatbank für das Jahr 2018 unverändert bei 77 USD pro Barrel für Brent-Öl (70 USD für WTI), wobei das Risiko bestehe, dass die Preise bis dahin überschwingen.


Die Produktion der grössten Öllieferanten, Graph: PictetWM, July 6, 2018

Freitag, 6. Juli 2018

Die fehlende Nachfrage und die schwache Inflation im Euroraum


Die EZB hat in den vergangenen Tagen deutlich unterstrichen, dass die Zinsen im Euroraum zumindest bis zum Ende des Sommers 2019 auf dem derzeitigen Niveau verharren werden, und zwar auf jeden Fall so lange wie erforderlich, um sicherzustellen, dass die Inflationsentwicklung weiterhin mit den derzeitigen Erwartungen des EZB-Rats von einem nachhaltigen Anpassungspfad übereinstimmt.

Der schrittweise Abbau des Wertpapierkaufsprogramms (APP) ist daher vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Die Erwartung ist, dass die Inflationsrate im Euroraum nahe bei den anvisierten 2% liegt, obwohl die Kerninflationsrate mit knapp 1.0% immer noch weit entfernt davon notiert.

Inflation steigt, wenn die Kosten für die Produkte steigen. Wenn Löhne steigen, steigen die Kosten.

Wenn die Löhne nicht steigen, bleibt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurück. Die folgende Abbildung, die Peter Praet am Donnerstag präsentiert hat, zeigt den Verlauf der Nachfrage im Euroraum: ein Tal der Tränen.


Faktoren, die die Produktion in der Fertigungsindustrie einschränken: Nachfrage, Graph: Peter Praet, ECB, July 5, 2018 in Brussels

Mittwoch, 4. Juli 2018

Das Euro-Desaster


Buchbesprechung

Jörg Bibow & Heiner Flassbeck: Das Euro-Desaster – Wie deutsche Wirtschaftspolitik die Eurozone in den Abgrund treibt, Westend Verlag, März 2018


Es ist ein offenes Geheimnis, dass Europas Wirtschaftspolitik gescheitert ist. Die Indizien sind im Wesentlichen (1) die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit und (2) das verfehlte bzw. unterbotene Inflationsziel.

Während die Arbeitslosenquote zehn Jahre nach der GFC (Global Financial Crisis) im Euroraum 8,5% beträgt, verläuft sie in den USA mittlerweile unter 4%. Die europäische Wachstumsdynamik (8 Jahre Nullwachstum) ist so schwach, dass die Unterbeschäftigung heute noch auf 18% verharrt.

Zur Erinnerung: Die EZB unterbietet den eigenen Zielwert (von knapp 2%) inzwischen seit 5 Jahren.

Der Policy Mix, mit dem die EU-Behörden darauf reagieren, besteht hauptsächlich aus zwei Komponenten: A) fiskalische Austeritätspolitik und B) Lohnsenkung. 

Das erste Instrument zielt auf das interne Gleichgewicht, d.h. Haushaltskonsolidierung und Preisstabilität, ab.

Das zweite Instrument hat das externe Gleichgewicht im Visier, v.a. die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig wird eine nachhaltige Position in der Leistungsbilanz angestrebt.