Dienstag, 20. November 2018

Wird die Wirtschaft allmählich bargeldlos?


Ein interessanter Aspekt im Wirbel um den Aufstieg von „Crypto-Currencies“ ist sicherlich die Rede von der Bedeutung der bargeldlosen Wirtschaft.

Bewegt sich aber die Wirtschaft tatsächlich auf eine bargeldlose Zukunft zu, in dem Sinne, dass die Menschen immer mehr „Plastik“ (Kredit- und Debitkarten) für Transaktionen benutzen?

Die Theorie lässt sich rasch mit einem Blick auf den Bargeldumlauf testen, notiert die Research-Abteilung der St. Louis Fed in einer aktuellen Studie (FRED Blog).

Sollte das Bargeld im Umlauf nicht mehr wachsen, während die Wirtschaft weiter wächst, wäre es ein Indikator dafür, dass andere Formen von Geld wichtiger werden und das Geld irgendwie ersetzen.

Die folgende Abbildung erzählt aber eine andere Geschichte:

Das Bargeld im Umlauf wächst durchweg schneller als die Wirtschaft.


Bargeld im Umlauf, Graph: FRED Blog St. Louis Fed, Nov 2018

Sonntag, 18. November 2018

Europas prozyklische Fiskalpolitik und Italien


Wie die folgende Abbildung zeigt, hat Italiens BIP-Wachstum im dritten Quartal 2018 stagniert: 0,0%Q und 0.8%Y.

Es gibt also gute Gründe, warum die Ausgaben steigen sollten. Doch die EU-Behörden bestehen darauf, dass Rom die Gürtel enger schnallt.

Das ist die Torheit prozyklischer Fiskalpolitik à la EU-Kommission. 

Eine stagnierende Wirtschaft, wo die nominalen Zinsen nahe null liegen, ist nicht der richtige Zeitpunkt, Haushaltskonsolidierung anzusteuern.

Dass die Austerität das Vertrauen erhöhen und das erhöhte Vertrauen die Produktion (output) steigern würde, ist ein Zirkelschluss. Denn das Vertrauen würde dann steigen, falls die Austerität gut für die Wirtschaft wäre, was ja nicht der Fall ist.

Die Wirtschaftslehre sagt voraus, dass fiskalische Austerität das Wachstum für Jahre reduziert. Das durchschnittliche Wachstum nach langer Stagnation ist daher eine Art Selbstanzeige der Austerität, nicht Rechtfertigung dafür, dass sie richtig war. Eine Erholung der Wirtschaft mehrere Jahre nach dem Ende der Rezession ist keine Evidenz, dass die Austerität funktioniert.


Italiens BIP, Graph: Bank Safra Sarasin, Zurich, Nov 16, 2018

Freitag, 16. November 2018

USD-Nachfrage und Basis-Spread


Der US-Dollar ist das Schmiermittel, mit dem das globale Wirtschaftssystem geölt wird, und ein Anstieg der Nachfrage nach dem Greenback kann als Zeichen finanzieller Not betrachtet werden, berichtet Financial Times aus London anhand ein paar sehenswerter Abbildungen.

Eine Möglichkeit, dies zu messen ist, der Basis-Spread (cross-currency basis). Die Basis repräsentiert, vereinfacht ausgedrückt, die zusätzlichen Kosten, die die Banken für den Austausch (swap) einer Währung durch eine andere Währung am Derivatemarkt erheben.

In turbulenten Zeiten kann die cross-currency Basis durch die Decke schiessen, z.B. während der GFC und Eurokrise, wenn Banken und Investoren sich drängeln, US-Dollar aufzubringen, um Verbindlichkeiten auf Dollar-Basis zu finanzieren.

Der Basis-Spread neigt insbesondere gegen Ende des Geschäftsjahres „wackelig“ zu werden, wenn Banken versuchen, die Derivate in den Büchern zu bereinigen, um die Berichtsanforderungen zu erfüllen.

Dies führt i.d.R. zu einer drastischen Erhöhung des Basis-Spreads für viele Devisen-Swaps und veranschaulicht damit nicht unbedingt die wachsende Nervosität an den Finanzmärkten.


USD-EUR cross-currency basis, Graph: FT, Nov 15, 2018 

Dienstag, 13. November 2018

EZB als „lender of last resort“ und Italiens Haushalt


Italien sucht Lösung im Haushaltsstreit mit der EU. 

Um zu verstehen, was der Hintergrund der Auseinandersetzung ist, lohnt es sich, in Erinnerung zu rufen, wie die Eurokrise beendet wurde.

Mario Draghi hatte seine berühmten Worte gesprochen, um die Märkte zu beruhigen: „whatever it takes“. Das war am 26. Juli 2012. Dann hatte die EZB im September beschlossen, OMT (outright monetary transaction) anzusetzen.

OMT war im Wesentlichen eine uneingeschränkte Verpflichtung, die Anleihen bestimmter Länder zu kaufen. 

Das heisst im Klartext, dass die EZB damit ihre Bereitschaft angekündigt hat, als lender of last resort zu agieren.

Keine Regierung, die über eine eigene Zentralbank verfügt, kann von den Märkten gezwungen werden, Zahlungsunfähigkeit (default) zu erklären, weil die Zentralbank intervenieren und die Staatspapiere, die sonst von niemandem gekauft werden, kaufen würde.

Mit der OMT-Vorstellung hat sich die Eurokrise damals erheblich entspannt. 


Italienische Staatsanleihen mit 2 und 5 Jahren Laufzeit, Graph: FT, Nov 12, 2018 

Sonntag, 11. November 2018

Niedrige Realrenditen in der Eurozone und die Ursachen


In den letzten vier Jahren bewegten sich die Renditen der Anleihen der Kern-Eurozone mit einem Durchschnittswert von 0,38% in einer relativ knappen Bandbreite. Und sie liegen derzeit bei 0,45%, berichtet Bank J. Safra Sarasin in einem am Freitag veröffentlichten Bericht.

Die realen Renditen für Anleihen mit 2 und 10 Jahren Laufzeit haben sich in diesem Zeitraum stark negativ entwickelt. 

Verschiedene geldpolitische Massnahmen wie Negativzinsen, das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten am offenen Markt sowie die explizite Forward Rate Guidance der EZB haben die Anleiherenditen auf ein Niveau gedrückt, welches mit den aktuellen Entwicklungen der Realwirtschaft nicht im Einklang steht, heisst es in der Analyse weiter.

Was in diesem Zusammenhang unerwähnt bleibt, ist die Tatsache, dass die fatale Kombination von interner Abwertung (internal devaluation) und der rigorosen Sparpolitik (fiscal austerity) der Auslöser ist. 

Die EZB hält die Zinsen auf einem historisch tiefen Niveau nicht aus Jux und Dollerei, sondern sie nimmt (endlich mit der Amtsübernahme von Mario Draghi) ihre Rolle als „lender of last resort“ wahr, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln.

Die Nachfrage ist träge, weil das schwache Lohnwachstum direkt die Einkommen der Konsumenten reduziert, und zwar real, wenn die Preise nicht im Gleichschritt sinken.


Die Entwicklung der Zinsen in der Eurozone, gemessen an Anleihen mit 2 und 10 Jahren Laufzeit, Graph: Karsten Junius, Bank Safra Sarasin, Nov 9, 2018

Freitag, 9. November 2018

Sparpolitik und Medien


Viele der wichtigsten Ereignisse der letzten acht Jahre haben einen gemeinsamen Faden, schreibt Simon Wren-Lewis in seinem Blog.

Gemeint ist die entscheidende Rolle, die die Medien gespielt haben, und zwar was die fiskalische Austerität, die Krise in der Eurozone, die Wahlen in Grossbritannien von 2015, die Abstimmung über Brexit und die Wahl von Trump betrifft.

Der emeritierte Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Oxford zählt dazu das Ignorieren von Fachwissen und Fakten, unausgewogene und einseitige Berichterstattungen oder sogar einfache Lügen seitens der Medien.

Keiner der genannten Ereignisse ist nur im Nachhinein ein Fehler, sondern eher ein Fehler, der damals vorhergesagt wurde.

Von wem?

Von der Mehrzahl der Makroökonomen. 

Dass zum Beispiel die fiscal austerity eine schlechte Idee ist, wurde von den Medien weitgehend ignoriert. Wenn die Medien mit Ökonomen sprechen, tun sie es eher mit denen aus dem Finanzsektor.


Simon Wren-Lewis: „The Lies We Were Told“, Graph: Bristol University Press, Nov 8, 2018

Sonntag, 4. November 2018

Defizite und Überschüsse im Haushalt und Parteilichkeit


Die Washington Post hat letzte Woche kritisch auf ein gegenwärtiges Phänomen der US-Wirtschaft hingewiesen: 

Der Anstieg des Haushaltsdefizits trotz der weiter fallenden, historisch niedrigen Arbeitslosenquote.

Die empirische Beobachtung legt offen nahe, dass es tendenziell zu Haushaltsdefiziten kommt, wenn die Wirtschaft nicht gut läuft. Und wenn die Wirtschaft Tritt fasst und gut läuft, entstehen kleinere Defizite oder eher Überschüsse. 

Trotz der niedrigen Arbeitslosigkeit ist das Defizit jetzt wieder auf dem Vormarsch in den USA. 

Nun nimmt sich auch Paul Krugman in seinem Blog bei NYTimes des Themas an und vertritt die Ansicht, dass dies unverantwortlich sei und zeige, dass das Händeringen der Republikaner über Haushaltsdefizite bislang immer unaufrichtig war.

John Maynard Keynes (*) hat es einst so zum Ausdruck gebracht: „Der Boom, nicht der Einbruch ist der richtige Zeitpunkt für Sparpolitik“.

Das heisst, dass die Fiskalpolitik die Nachfrage unterstützen sollte, wenn die Wirtschaft schwach läuft und sie sollte die Unterstützung zurückziehen, wenn die Wirtschaft auf Touren kommt.


US-Wirtschaft heute: mit hohen Haushaltsdefiziten trotz der niedrigen Arbeitslosigkeit, Graph: Catherine Rampell @crampell @WashingtonPost 

Freitag, 2. November 2018

Italiens sparende Unternehmen und Haushaltsstreit mit der EU


Der italienische Haushaltsentwurf wurde bekanntlich von der EU-Kommission neulich zurückgewiesen, mit der Begründung, dass die EU-Defizitregel von Rom nicht eingehalten werden.

Italiens Kreditwürdigkeit steht seither auf der Kippe. Die Rating-Agenturen melden sich zu Wort und an den Anleihemärkten steigen die Kosten der Kreditaufnahme. 

Der Anstieg der Risikoaufschläge (spreads) italienischer Staatspapiere verschärft aber die Finanzierungsbedingungen auch für den privaten Sektor, wodurch die ohnehin fragile Lage der italienischen Banken zusätzlich belastet wird. Die Banken halten schliesslich eine Menge Staatsanleihen in ihren Büchern.

Was ferner nicht vergessen werden darf, ist die Tatsache, dass auch die herben Äusserungen der EU-Funktionäre in Bezug auf Rom dazu beitragen, dass der Ausblick für die gesamtwirtschaftliche Stabilität Italiens düsterer wird, wie Ashoka Mody in seiner lesenswerten Kolumne bei Bloomberg hervorhebt. 

Wenn jedoch die italienische Wirtschaft ins Stocken gerät, könnten fiskalische Anreize (fiscal stimulus) der einzige Weg sein, um eine gefährliche Rezession zu vermeiden, die Italien in eine unüberschaubare Krise stürzen könnte, bekräftigt Mody, der derzeit an der Princeton University für internationale Wirtschaftspolitik als Gastprofessor agiert.


Die sektoralen Finanzierungssalden der italienischen Wirtschaft: private Haushalte und Unternehmen sparen; sie sind Netto-Sparer, Graph: Makroskop, August 17, 2018 

Mittwoch, 31. Oktober 2018

US-Inflation ist am Ziel - Was nun?


Zum ersten Mal, seit die US-Notenbank im Jahr 2012 durch den damaligen Fed-Präsidenten Ben Bernanke offiziell ein Inflation Target von 2% eingeführt hat, liegen sowohl die Headline- als auch die Kerninflation in den USA heute am Ziel.

Und das geschieht, während die Arbeitslosenquote mit 3,7% einen historisch tiefen Wert markiert.

Die Fed-Mitarbeiter können sich zwar nun kurz auf die Schulter klopfen. Ist aber jetzt alles in Ordnung?

Nein. Was für die Geldpolitik wichtig ist, ist nicht das gegenwärtige Niveau der Inflation, sondern wohin sie hingeht: steigt sie höher oder fällt sie zurück?

Die Inflationserwartungen am Anleihemarkt deuten in diesem Jahr gemessen an 5y5y forward inflation breakeven Sätzen (*) relativ konstant auf 2% hin. 


US-Inflation ist am Ziel, Graph: Bloomberg, Oct 30, 2018

Montag, 29. Oktober 2018

Interne Abwertung, fiskalische Austerität und italienische Banken


Die EU hat den Haushaltsentwurf Italiens abgelehnt. Begründung: zu hohe Neuverschuldung.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, wie die Kosten der Kreditausfall-Versicherungen (CDS: Credit Default Swaps) für italienische Banken gestiegen sind.

Warum?

Die Banken in Europa waren bereits vor dem Ausbruch der Krise hoch verschuldet. 

Dazu kommt, dass Disinflation und anhaltende Stagnation dem europäischen Finanzsystem seit geraumer Zeit Schwierigkeiten bereiten. 

Gemeint sind die negativen Begleiterscheinungen der Wirtschaftspolitik der Eurozone.

Die europäischen Entscheidungsträger betrachten die Senkung der Arbeitskosten als eine effektive Lösung für die ökonomischen Probleme Europas. Zur Wiedererlangung des externen Gleichgewichts verfolgen die EU-Behörden den Ansatz der internen Abwertung (internal devaluation) durch Lohnsenkung.

Eine interne Abwertung ist aber für das Finanzsystem und die Schuldner nicht förderlich. Sinkende Löhne bedeuten einen Rückgang des Einkommens. In erster Linie ist die Bevölkerung mit relativ hoher Konsumneigung davon betroffen.


CDS auf Italiens Banken, Graph: FT, Oct 26, 2018

Sonntag, 28. Oktober 2018

Warum steigt das US-Haushaltdefizit trotz des Wirtschaftswachstums?


Wie das US-Schatzamt neulich berichtet hat, ist das US-Haushaltsdefizit vom Fiskaljahr 2017 zum Fiskaljahr 2018 um 17% auf 113 Mrd. USD gestiegen.

In der Regel schrumpfen die Defizite, wenn die Wirtschaft gut läuft. Das liegt daran, dass die Menschen mehr Geld verdienen, wodurch sie mehr Steuern zahlen und weniger staatliche Sicherheitsnetzprogramme in Anspruch nehmen.

Diese Beziehung zwischen Defiziten und der Wirtschaft hat sich in den letzten 70 Jahren, ausser in Kriegszeiten, im Allgemeinen bewährt, schreibt Catherine Rampell in ihrer Kolumne bei Washington Post.

Vor diesem Hintergrund nennt sie die Steuersenkungen durch die Republikanische Partei ein grosses Versagen: keines der Dinge, die die Republikaner versprochen haben, wurde erreicht. Das Defizit wurde nicht abgebaut. Die Mittelklasse hat nichts davon. Und auch der gute Wille der Wähler wurde damit nicht gewonnen.

Die Treasury-Zahlen sind im Grunde genommen keine Überraschung. Buchstäblich sagte jeder unabhängige Wirtschaftsprognostiker im Vorfeld voraus, dass die Steuersenkung die netto-Defizite erhöhen würde. 


Der Verlauf des US-Haushalts im Laufe der Zeit, Graph: Catherine Campell, Washington Post, Oct 2018 @crampell @washingtonpost 

Freitag, 26. Oktober 2018

Handelsbilanz und Konjunkturzyklus

Die Handelsbilanz USA und Deutschland ist ohne Zweifel eines der heissesten Themas seit dem Amtsantritt des US-Präsidenten Donald Trump.

Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang ist sicherlich im Allgemeinen, in welcher Beziehung die Handelsbilanz zur wirtschaftlichen Aktivität steht.

Die Handelsbilanz der USA für Waren und Dienstleistungen hat ein anhaltendes Defizit. Es sieht so aus, als ob das Handelsbilanzdefizit bei jeder Rezession tendenziell abnehmen würde, wie die folgende Abbildung der St. Louis Fed nahelegt.

Das von Ökonomen der St. Louis Fed erstellte Streudiagramm zeigt ferner eine negative Korrelation: 

Wenn das reale BIP tendenziell ansteigt, geht die Handelsbilanz tendenziell zurück. Das heisst, dass die Handelsbilanzüberschüsse zurückgehen oder die Handelsbilanzdefizite zunehmen.


US-Handelsbilanz, Graph: FRED, St. Louis Fed, Oct 25, 2018 


Montag, 22. Oktober 2018

US-Schatzamt rügt deutsche Wirtschaftspolitik


US-Finanzministerium hat vergangene Woche seinen halbjährlichen Wirtschaftsbericht ("makroökonomische Politik und Devisenpolitik der wichtigsten Handelspartner der Vereinigten Staaten") veröffentlicht. 

Der Bericht betont v.a. drei makroökonomische Kriterien, die erfüllt sein müssen, um Manipulationen im Aussenhandel nachzuweisen.

Erstens: ein signifikanter bilateraler Handelsüberschuss mit den USA; mind. 20 Mrd. USD, 
Zweitens: ein wesentlicher Leistungsbilanzüberschuss, mind. 3% des BIP und
Drittens: hartnäckige und einseitige Eingriffe in den Devisenmarkt, mind. 2% des BIP über einen Zeitraum von 12 Monaten.

Bemerkenswert ist, dass laut US-Schatzamt kein Land derzeit gegen alle drei Auflagen verstösst. Dennoch bleiben die Schweiz, China, Japan Deutschland, Korea und Indien auf der Überprüfungsliste.

Deutschland hat den grössten Leistungsbilanzüberschuss der Welt: 329 Mrd. USD (8.2% des BIP) in den vier Quartalen bis Juni 2018, was den höchsten nominalen Stand seit Beginn der Aufzeichnungen darstellt, so das US-Schatzamt.


Leistungsbilanz, Überschuss versus Defizit in ausgewählten Volkswirtschaften, Graph: US-Finanzministerium (US-Treasury), Oct 2018 @USTreasury 

Freitag, 19. Oktober 2018

Libor OIS Spread und Kreditbedingungen


Der US Libor-OIS Spread (3 Monats Libor minus OIS) ist der Aufschlag für besicherte Kredite unter Banken.

Isoliert betrachtet reflektiert der Spread (zwischen dem Zinssatz für die Kreditvergabe der Banken und dem Kredit für ein risikoloses Darlehen) die Kombination aus einer Liquiditätsprämie und einem Ausgleich (compensation) für das Kontrahentenrisiko.

Wenn der Spread sich ausweitet, kann daraus geschlossen werden, dass entweder die Liquidität teurer wird oder das wahrgenommene Ausfallrisiko steigt, oder eine Mischung aus beidem.

Wie aus einer heute veröffentlichten Abbildung via BloombergTV hervorgeht, verläuft der Libor OIS Spread heute nahe einem 10-Monats-Tief.

Allem Anschein nach wurden die Zinsschritte der Fed bisher durch die Investoren vollkommen eingepreist und der weitere Verlauf keine Anzeichen von Stress andeutet.


US Libor OIS Spread, Graph: BloombergTV, Oct 19, 2018

Dienstag, 16. Oktober 2018

Kein Sparen ohne Schulden


US-Präsident Donald Trump hat vergangene Woche gesagt, dass die Fed verrückt geworden ist. Die Begründung der Kritik lautet, dass die US-Notenbank mit Zinserhöhungen einen Fehler mache.

In der Tat hat die Fed die Zinsen in diesem Jahr dreimal angehoben. Die Futures Märkte deuten auf eine weitere Zinserhöhung durch die Fed im Dezember hin. Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt 70%. 

Es gibt jedoch wenig Hinweise darauf, dass die Zinssätze angesichts der aktuellen Wirtschaftslage „zu fest“ sind, wie die folgenden zwei Abbildungen zeigen.

Die Fed hat den Straffungszyklus Ende 2015 gestartet. Und die finanziellen Konditionen sehen seither nicht besonders gespannt.


Der reale US-Leitzins (Fed Funds Rate minus Kern-Inflation), Graph: Bloomberg, Oct 11, 2018

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Die transatlantische Rendite-Differenz


Während die US-Notenbank die Zinserhöhungen mit Verweis auf den “fest und vollgefüllten Arbeitsmarkt” und das „starke Wirtschaftswachstum“ fortsetzt, wartet die EZB allem Anschein nach bis mindestens September 2019 zu, den geldpolitischen Kurs in Richtung „Normalisierung“ zu lenken.

Unterdessen weitet sich die transatlantische Rendite-Differenz so aus, dass sich der höchste Wert seit September 1984 ergibt, wie PictetWM aus Genf mit einer sehenswerten Abbildung unterstreicht.

Die Rendite der UST Bills mit 3 Monaten Laufzeit beträgt 2.27%. Die Rendite der deutschen Staatspapiere mit derselben Laufzeit beläuft sich auf minus 0.671%. Und in Grossbritannien lautet der entsprechende Wert 0.731%.

Bemerkenswert ist aber, dass die deutschen Bundesanleihen für Anleger mit Sitz in den USA besonders attraktiv erscheinen, wenn man die Kosten für die Währungsabsicherung (FX hedged) mit berücksichtigt.


Europäische Staatsanleihen bieten höchst vorteilhafte Erträge für US-Investoren, wenn man die Kosten für die Währungsabsicherung mit berechnet, Graph: Bloomberg, Oct 10, 2018


Sonntag, 7. Oktober 2018

Fed und die neue Bedeutung des neutralen Zinses


Ist der neutrale Zins (Kurzwort: „r-star“) nun am Ende seines Daseins?

John Williams, New York Fed Präsident hat am vergangenen Freitag in einer Rede deutlich gemacht, dass der neutrale Zinssatz nicht länger ein Leitstern für die Geldpolitik gilt.

Das bedeutet im Grunde genommen, dass ein Leitzins (federal funds rate) in der Bandbreite dessen, was als neutral gilt, für die Gestaltung der Geldpolitik keine besondere Rolle spielt, bemerkt Tim Duy in seiner Kolumne bei Bloomberg Opinion.

Das ist relativ „hawkish“ gegenüber allen Erwartungen, dass die Fed eine Pause einlegen würde, sobald die Leitzinsen ein Niveau erreichen, welches die Wirtschaft weder stimuliert noch einschränkt.

Und damit wird durch die Fed erneut die Relevanz der eingehenden Wirtschaftsdaten unterstrichen.

Williams Anhänglichkeit an „r-star“ kann nicht überbewertet werden, betont Duy weiter. Denn das Thema war ein Schlüsselelement auf der Forschungsagenda von William. Noch im Mai hat er gesagt, dass der „r-star“ weiterhin hell erstrahle, und die Geldpolitik leite. Jetzt legt er die Metrik beiseite.


Die US-Notenbank hat seit Dezember 2015 die Zinsen insgesamt achtmal erhöht, um die Wirtschaft anzukurbeln, Graph: Bloomberg, Oct 1, 2018

Dienstag, 2. Oktober 2018

Unterbeschäftigung ist die neue Arbeitslosigkeit


Die Mainstream-Medien bejubeln den Rückgang der Arbeitslosigkeit in den westlichen Volkswirtschaften. Was aber dabei in Vergessenheit zu geraten scheint, ist, dass ein grosser Teil der neu beschaffenen Stellen auf Teilzeit entfällt. 

Es handelt sich dabei zumeist um atypische und prekäre Arbeitsverhältnisse, d.h. Arbeitsplätze mit zu geringer Einkommenssicherheit.

Es mag deshalb dahingestellt sein, ob die grossen Volkswirtschaften per Definition der Vollbeschäftigung nahestehen oder nicht. Eine wichtige Frage, die sich stellt, ist, ob wir uns auf die Benchmark „Arbeitslosenquote“ weiter wie bisher verlassen können, während die Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen immer grösser wird.

Vor diesem Hintergrund unterstreichen David Bell und David Blanchflower in einem neulich vorgelegten NBER Working Paper ("Underemployment in the US and Europe") August 2018, dass es seit der GFC (Global Financial Crisis) vor allem auf die Unterbeschäftigung (als neues Mass für die Arbeitslosigkeit) ankommt. Die Unterbeschäftigung ist sozusagen die neue Arbeitslosenquote.

Die Unterbeschäftigung sei zudem auch der Grund dafür, warum die Löhne in den USA und Europe trotz der niedrigen Arbeitslosigkeit langsamer wachsen als in der Zeit vor der GFC, so die Autoren weiter.


Unterbeschäftigung in den USA und Europe, Graph: David Bell and David Blanchflower, in: voxeu, Sept 24, 2018 

Freitag, 28. September 2018

Von “Handelskrieg” zu “Handelsumlenkungen”


Auch wenn die von den USA verhängten Zölle bisher nur geringe Auswirkungen zu entfalten scheinen, steht fest, dass die globale Handelslandschaft sich in den letzten Monaten stark verändert hat. Stichwort: Unsicherheit.

Ein latenter Handelskrieg löst Nervosität und Sorgenfalten aus. Der Ankündigung von erhöhten Zöllen durch die Trump-Administration folgen nun Vergeltungsmassnahmen durch die Handelspartner. 

Die ECB untersucht vor diesem Hintergrund die möglichen Auswirkungen einer hypothetischen Eskalation der Handelsspannungen auf die Weltwirtschaft in einer am Mittwoch vorgelegten Studie.

Das Fazit lautet kurz, dass eine Wirtschaft, die einen Tarif verhängt, und damit eine Vergeltung durch Handelspartner verursacht, dann deutlich schlechter steht: der Lebensstandard sinkt und Arbeitsplätze gehen verloren.


Die geschätzten Auswirkungen einer Eskalation der Handelsspannungen -Effekte im ersten Fiskaljahr, Graph: ECB in: ECB Economic Bulletin, Issue 6/2018: “macroeconomic implications of increasing protectionism”, Sept 26, 2018 

Mittwoch, 26. September 2018

Inverse Renditekurve und Rezession in der Theorie


Eine inverse Zinskurve (yield curve) liegt dann vor, wenn die Zinsen für kurze Laufzeiten über den Zinsen für lange Laufzeiten liegen. Zumeist handelt es sich dabei um ein Anzeichen für eine bevorstehende konjunkturelle Schwäche der Wirtschaft, u.U. sogar für eine Rezession.

Das ist zumindest die Interpretation in der Praxis. Wie sieht es aber in der Theorie aus? Was sagt das Lehrbuch dazu?

Es ist bekannt, dass Rezessionen in den USA oft einer Umkehrung der Rendite-Kurve (invers yield curve) vorausgegangen sind. Was die wirtschaftlichen Gründe dafür sind, erläutert David Andolfatto in seinem Blog.

Die meisten Renditekurve-Analysen beziehen sich auf nominale Zinssätze. Die Wirtschaftstheorie betont jedoch die Relevanz von realen (um die Inflation bereinigten) Zinssätzen, schreibt Vize Präsident der Economic Research Abteilung der Fed St. Louis.

Die Unterscheidung spielt für die USA aber in den letzten Jahrzehnten keine grosse Rolle, da die Inflation niedrig und stabil gewesen ist.

Nach der Standard-Asset-Pricing-Theorie misst der Realzins die Rate, mit der der Konsum (ein breites Mass an materiellem Lebensstandard) über einen gegebenen Horizont wachsen soll, so Andolfatto. 


UST 2s10s (real) Rendite-Spread versus (real) Konsumwachstum, Graph: Prof. David Andolfatto, St. Louis Fed, Sept 24, 2018

Sonntag, 23. September 2018

Warum hält die EZB an den niedrigen Zinsen fest?


Ein beachtenswertes Phänomen seit der GFC (Global Financial Crisis) ist, dass die Niedrigzinspolitik der EZB traditionellen Volkswirten immer noch sauer aufstosst.

Warum hält aber EZB-Präsident niedrige Zinsen weiterhin für nötig? Die Antwort ist einfach: weil kein Anstieg der Inflation droht. Wir leben sozusagen weiterhin in deflationären Zeiten. 

Warum steigt aber die Inflation nicht an? Auch hier ist die Antwort einfach: weil die Löhne nicht steigen.

Die Löhne bleiben im gesamten Euroraum unter Druck. Wie kann man von einer boomenden Wirtschaft reden, wenn die Löhne kaum vom Fleck kommen?

Was unbestritten ist, dass es zwischen Lohnstückkosten (unit labor costs) und Inflation einen absolut klaren Zusammenhang gibt.

Die folgende Abbildung, die Morgan Stanley am Freitag vorgelegt hat, ist vor diesem Hintergrund bemerkenswert. Wir sehen den Verlauf der Lohnstückkosten und Kerninflation im Euroraum.


Kerninflation (core inflation) und Lohnstückkosten (unit labor costs) im Euroraum, Graph: Morgan Stanley, Sept 21, 2018

Freitag, 21. September 2018

Legal Pot Market: Mit Aktien im Höhenrausch


Die Aktien von Cannabis-Produzenten sind seit ein paar Tagen in aller Munde. Es ist schwer, das berauschende Thema zu ignorieren.

Mit der Legalisierung der Hanf-Pflanze in Kanada (für medizinische Zwecke und aber auch für den Freizeitkonsum) öffnen sich offensichtlich neue Türen in der Business-Welt.

Coca-Cola beispielsweise stellt Überlegungen an, in das Geschäft mit Cannabis-haltigen Getränken einzusteigen, wie FT aus London berichtet. 

Der amerikanische Soda-Hersteller spricht angeblich mit dem kanadischen Cannabis-Hersteller „Aurora Cannabis“ über eine mögliche Entwicklung eines Cannabis-Drinks.

Die Aktie der Woche war sicherlich ein Cannabis-Produzent aus Kanada:

Tilray hat mit rekordverdächtigen Kursprüngen eine Marktkapitalisierung von rund 20 Mrd. USD erreicht. Am Mittwoch wurde die Aktie fünf Mal vom Handel ausgesetzt.

Analysten schätzen, dass die Börsenkapitalisierung der Cannabis-Titel 2025 auf 40 Mrd. USD klettern würde. 

Bereits vor zwei Tagen wurde die 40 Mrd. USD Marke von den drei grössten Marijuana Aktien Tilray (TLRY), Canopy (CGC) und Cronos (CRON) geknackt.


Marktkapitalisierung von „Weed Stocks“, Graph: Bloomberg, Sept 20, 2018

Donnerstag, 20. September 2018

Banken und Ausgabenkürzungen

Eine der grössten Veränderungen in der Finanzlandschaft ist die stark eingeschränkte internationale Aktivität, schreibt McKinsey GI in einer speziellen Studie („A decade after the global financial crisis“) zum Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers vor genau 10 Jahren.

Die grenzüberschreitenden Brutto-Kapitalströme sind seit 2007 in absoluten Zahlen um die Hälfte gesunken.

Angeführt wurde der Rückzug aus der internationalen Aktivität durch die Banken im Euroraum, bemerken die Verfasser des Berichtes. 

Die gesamten Auslandforderungen und sonstige Forderungen sind seit 2007 um 6,1 Billionen USD (d.h. 6‘100 Mrd. USD) oder um 38% gesunken.

Fast die Hälfte des Rückgangs ist auf die geringere Kreditaufnahme innerhalb der Eurozone zurückzuführen, insbesondere auf die Interbankenkredite.

So befanden sich 2007 zwei Drittel der Aktiva deutscher Banken ausserhalb Deutschlands; heute sind es nur noch ein Drittel.


Der Rückzug der Banken aus der internationalen Aktivität oder Abbau der Kreditrisiken, Graph: McKinsey GI, Sept 2018 in: „A decade after the global financial crisis“


Dienstag, 18. September 2018

Der neutrale Zinssatz und das Policy Mix in Zukunft


Die Zinsen sind nicht künstlich niedrig: sie fallen, weil die Inflation fällt. Und die Zinsen fallen weiter, wenn mit Inflation auch die Produktivität fällt. 

Die Inflation sinkt, weil die Nachfrage sinkt. Die Nachfrage geht zurück, weil die Löhne nicht steigen. Die Nachfrage hängt schliesslich vom Einkommen ab.

Der Zusammenhang ist plausibel, auch wenn die Mainstream-Ökonomen gefliesentlich den anhaltend niedrig verlaufenden Kurs der Zinsen als „Rätsel“ bezeichnen.

Bemerkenswert ist daher die folgende Abbildung, die JPMorgan neulich präsentiert hat (h/t to @JohnAuthers @FT). Der Chart zeigt die langfristige Entwicklung des sog. neutralen Zinssatzes auf beiden Seiten des Atlantiks.

Der neutrale (oder der natürliche Zinssatz) ist der theoretische reale Zinssatz, bei dem die Inflation weder steigt noch fällt. Unabhängig von der Geldpolitik ist es ein Massstab für die Beurteilung, ob die Geldpolitik expansiv oder restriktiv ist.



Der Verlauf des neutralen Zinssatzes (r-star) in den USA und im Euroraum, Graph: JPMorgan via @JohnAuthers @FT 

Sonntag, 16. September 2018

Wann ist eigentlich Vollbeschäftigung?


Der durchschnittliche Stundenlohn ist in den USA im August gegenüber dem Vorjahr mit 2,9% stärker gestiegen als erwartet. 

Und die Fed fühlt sich angesichts der niedrigen Arbeitslosenquote (3,9%) bestätigt, am eingeschlagenen Kurs festzuhalten, die Zinsen schrittweise weiter anzuheben.

Die Löhne steigen zwar, aber das Tempo der Einkommenszuwächse bleibt im historischen Vergleich gering, zumal negative Faktoren wie z.B. niedrige Erwerbsbeteiligung und weit verbreitete Unterbeschäftigung fortbestehen, wie Pedro da Costa, Business Insider beschreibt.

Die Arbeitslosenquote von rund 4% hinterlässt den Eindruck, wie wenn wir eine Vollbeschäftigung hätten.

Doch das ist falsch, sagt Josh Bivens von Economic Policy Institute (EPI).

Eine Vollbeschäftigung ist dann gegeben, wenn Niedriglohn-Bezieher tatsächlich Gehaltserhöhungen bekommen. Bis das passiert, haben wir keine Vollbeschäftigung. Und wenn das nicht geschieht, sollten wird dafür sorgen, dass die Arbeitslosigkeit weiter sinkt, erklärt Bivens weiter.


Das Lohnwachstum in den USA, Graph: Josh Bivens, Economic Policy Institute, Sept 13, 2018

Samstag, 15. September 2018

Unfinished Business


Buchbesprechung:

Tamim Bayoumi: Unfinished Business – The unexplored causes of the financial crisis and the lessons yet to be learned, Yale University Press, October 2017


Es ist nicht einfach, dem Leser zehn Jahre nach der Pleite von Lehman und dem Ausbruch der GFC (Global Financial Crisis) ein weiteres Buch vorzulegen, das verspricht, “unerforschten Ursachen der Krise” darzulegen und die Lehren daraus zu präsentieren.

Eine Unmenge von Büchern ist über die GFC verfasst worden. Manche sind gut und informativ, manche bieten aber nichts Neues. Vor diesem Hintergrund ist es kein leichtes Unterfangen, dieses viel versprechende Buch zu besprechen, zumal der Autor technokratisch an das Thema herangeht.

Die Krise war ein systemischer Misserfolg der Makroökonomie, der eine systemische Erneuerung über strengeren Bankregulierung hinaus erfordert, hält Tamim Bayoumi fest.

Der stellvertretende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) , der einen Bachelor Abschluss von der University of Cambridge und einen PhD von der Standford University hat, nennt die Krise „North Atlantic crisis“ und betont, dass es eine einzige Krise gab, in der beide Seiten des Nordatlantiks „parasitär miteinander verflochten“ waren. 

Eine massive Ausweitung der Kreditvergabe der Banken im Kern des Euroraums trug seiner Ansicht nach dazu bei, den Finanz-Boom in der Peripherie des Euroraums und auf dem US-Immobilienmarkt anzutreiben.

Donnerstag, 13. September 2018

Fed Funds Futures und Staatsschulden


Die Fed Funds Rate Futures Märkte deuten darauf hin, dass die Fed die Zinsen bis zum Jahresende noch zweimal erhöhen wird. 

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist am Dienstag auf 81,6% gestiegen, von 69,2% am Montag. Am vergangenen Freitag hat sich die Wahrscheinlichkeit auf 61,4% belaufen.

Zur Erinnerung: Die Fed hat im Dezember 2015 angefangen, die Zinsen allmählich anzuheben. Inzwischen wurden es insgesamt sieben Zinsschritte, die die US-Notenbank im fortbestehenden Zyklus getan hat. Das Zielband beläuft sich derzeit auf 1,75% bis 2%.

Am Freitag wurde bekannt, dass die durchschnittlichen Stundenlöhne um 2,9% gestiegen sind, was die höchste Steigerungsrate seit 2009 markiert. 

Inzwischen steigen die Aktienkurse an der Wall Street weiter.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass die Stimmung sich auf die Wahrscheinlichkeit weiter Zinserhöhungen im nächsten Jahr verlagert.

Was heisst das?


Fed Funds Future Märkte: Dezember 2018, Graph: FT Sept 12, 2018 

Sonntag, 9. September 2018

Lob der Nation


Buchbesprechung:

Michael Bröning: Lob der Nation – Warum wir den Nationalstaat nicht den Rechtspopulisten überlassen dürfen, Dietz-Verlag, Bonn, Mai 2018


Es gibt viele Lehren, wenn wir über die Krise von 2008 nachdenken, aber das Wichtigste ist, dass die Herausforderung politisch war und bleibt, nicht wirtschaftlich, schrieb Prof. Joseph Stiglitz in einem lesenswerten Beitrag („The Myth of Secular Stagnation“) kürzlich bei Project Syndicate.

Es gibt nichts, was unsere Wirtschaft davon abhält, auf eine Weise zu funktionieren, die Vollbeschäftigung und Wohlstand garantiert, so der an der Columbia University tätig Wirtschaftsprofessor.

Die Argumente „wir müssen sparen“ und „der Staat kann kein Geld ausgeben, das er nicht hat“ sind Trugschlüsse. 

Der Punkt ist, dass der Hinweis (wie von manchen namhaften Ökonomen) auf „säkulare Stagnation“ nur ein Vorwand für eine mangelhafte Wirtschaftspolitik ist.

Im Hintergrund steht die ideologisch geprägte Dichotomie zwischen „Staat und Markt“: Der Markt ist die Lösung. Der Staat ist das Problem“.

Das ist das Motto, das in grossen Volkswirtschaften insbesondere seit der Amtsübernahme von Ronald Reagan in den USA und Margaret Thatcher in Grossbritannien in gewissen Kreisen geflissentlich gepflegt wird.

Die Idee der Rehabilitierung des (National) Staates, die in diesem neulich erschienenen Buch präsentiert wird, ist daher in diesem Zusammenhang zu verstehen. Wichtig: Es geht nicht um eine ethnische Definition des Begriffs der Nation und/oder des Staates.

Dienstag, 4. September 2018

US Ertragskurve: Zinserhöhung versus Zinssenkung


Die Debatte über die Form der US Treasury Bonds Ertragskurve (yield curve) hält an. 

Ist die flacher werdende (*) Steigung der Kurve ein Vorbote der Rezession oder nicht? Daran scheiden sich die Geister sogar unterhalb der Fed-Ökonomen.

Neel Kashkari (Minneapolis Fed Präsident) und James Bullard (St. Louis Fed Präsident) äussern sich besorgt über den schrumpfenden Spread zwischen den kurzläufigen und langläufigen Renditen entlang der UST-Kurve.

Doch Jerome Powell, Fed Präsident schenkt nach eigenen Angaben nicht viel Beachtung auf die Form der Ertragskurve, obwohl er die Rendite der US-Staatspapiere mit 10 Jahren Laufzeit als eine Art „Annäherung“ für den „neutralen Zinssatz“ (neutral rate) betrachtet.

Und das deutet im Grunde genommen auf eine Kontinuität mit seiner Vorgängerin Janet Yellen hin.


US-Zinsen: Die Lücke zwischen den Erwartungen der US-Notenbank und des Markets (gemessen an OIS-Futures) über den weiteren Verlauf der Zinsen öffnet sich weiter, Graph: PictetWM, Sept 3, 2018

Sonntag, 2. September 2018

Reclaiming the State


Buchbesprechung

William Mitchell & Thomas Fazi: Reclaiming the State – A progressive Vision of Sovereignty for a Post-Neoliberal World, Pluto Press, London 2017


Das “Brexit” Votum in Grossbritannien, die Wahl von Donald Trump als US-Präsident, die Verwerfung der Verfassungsreform der von Matteo Renzi geführten italienischen Regierung und die Legitimationskrise der EU mögen sich in Sachen Ideologie und Zielsetzung voneinander unterscheiden. 

Aber es handelt sich bei allen um eine Abfuhr der neoliberal geprägten Ordnung der Welt in den vergangenen 30 Jahren, heisst es in der Einleitung dieses neulich vorgelegten anspruchsvollen Buches.

Die Situation hat sich nach der Finanzkrise von 2008 durch die wirtschaftspolitischen Massnahmen, v.a. durch den rigorosen Sparkurs (fiscal austerity) und Lohnmässigung (wage deflation) sogar weiter verschlechtert. 

Privatisierung, Deregulierung und der Rückbau des sozialen Staates wurden mit noch mehr Energie fortgeführt, schreiben William Mitchell und Thomas Fazi mit Nachdruck weiter.

Vor diesem Hintergrund machen die Autoren reale Einkommensbussen der Mittelschicht als eine der treibenden Kräfte der populistischen Revolte in den fortentwickelten Volkswirtschaften aus.

Warum sind es aber die Rechte und die extreme Rechte, die sich aufbegehren? Warum war die Linke nicht in der Lage, der Arbeiterklasse eine glaubwürdige Alternative zum Neoliberalismus und der neoliberal gestalteten Globalisierung zu bieten?

Mittwoch, 29. August 2018

Warum bleibt die Inflation im Euroraum so lange so niedrig?


Der Internationale Währungsfonds (IWF) veröffentlicht auf dem IMFBlog regelmässig kurze Analysen über makroökonomische Zusammenhänge. 

Im aktuellen Beitrag geht es um die anhaltend niedrige Inflation im Euroraum. Die Frage, die die Ökonomen von IWF aufwerfen, ist, warum die europäische Inflation so lange so niedrig verläuft. 

Die kurze Antwort: Die Niedriginflation im Euroraum ist nicht das Ergebnis einer weltweit niedrigen Inflation. Die Analyse einer Reihe von globalen Variablen wie z.B. der Produktionslücke (output gap), der Inflation im Ausland, der Nicht-Öl-Importe und des nominalen effektiven Wechselkurses liefern keine unterstützenden Beweise. 

Verwenden wir eine Standardversion der Phillips Kurve, hängt die Kerninflation von der Inflation ab; was die Menschen erwarten, wo die Inflation in Zukunft liegt. Und entscheidend sind dabei auch die vergangene Inflation und die Arbeitslosigkeitslücke (unemployment gap), so die Studie.


Niedriginflation im Euroraum, Graph: Internationaler Währungsfonds (IWF) Aug 28, 2018 @IMFnews 

Samstag, 25. August 2018

US Treasury Bonds und Short Squeeze


Der massive Ausbau von Short-Positionen durch Spekulanten in den Futures Märkten gegen US-Staatsanleihen (UST) ist vergangene Woche auf ein Rekordniveau geklettert.

Manche Investoren glauben, dass dies in einer nicht zu rechtfertigenden Grössenordnung geschehen ist. Und sie reden daher von „short squeeze“. Gemeint ist damit eine Art Angebotsknappheit eines Wertpapiers (meist einer Aktie und/oder einer Anleihe) die zuvor in grosser Anzahl leerverkauft („geshortet“) wurde.

Eine „short squeeze“ ist eine Situation, in der ein stark „geshortetes“ Wertpapier beginnt, sich höher zu bewegen, sodass die Leerverkäufer gezwungen werden, ihre „Short-Positionen“ zu schliessen und damit den Aufwärtsdruck auf das Wertpapier zu erhöhen.

Dies impliziert, dass die Leerverkäufer aus ihren „Short-Positionen“ meist mit Verlust gedrängt werden und damit im Allgemeinen eine positive Entwicklung ausgelöst wird, die darauf hindeutet, dass das Wertpapier möglicherweise eine Trendwende einleitet.

Bloomberg berichtet, dass der Anstieg der bearish Futures-Wetten könnte zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass die Händler solche Kontrakte als „Ausgleich für ihren Bestand an Cash-US Treasury Bonds“ in einem sog. Basis Trading verwenden.


(Spekulanten in Futures) Short-Positionen auf US-Staatsanleihen markieren ein Rekordniveau, Graph: Bloomberg, Aug 21, 2018

Freitag, 24. August 2018

Nullzinsen und Schulden


Nullzinsen sind für die Sparer auf den ersten Blick sicherlich ein Schock. Kann es aber sein, dass Mario Draghi, EZB-Präsident die deutschen Sparer enteignet wie manche Mainstream-Ökonomen behaupten?

Das ist natürlich Unsinn. Warum hat aber die EZB die Zinsen bis auf null-Prozent gesenkt? Die richtige Antwort auf diese Frage ist sehr wichtig.

Das Ziel ist, um es kurz zu fassen, die Kosten für die Kreditaufnahme zu senken. Das heisst, dass die EZB will, dass die Marktteilnehmer Schulden aufnehmen. Draghi betrachtet m.a.W. die Verschuldung als Ausweg aus der Krise. Das heisst wiederum, dass Europas Sparkurs auf der Wirtschaft lastet.

Das mag für viele Mainstream-Ökonomen wie ein Schock vorkommen. Aber es ist offensichtlich, dass die Massnahmen (bestehend hauptsächlich aus fiscal austerity und wage repression), an denen die europäischen Entscheidungsträger bisher wider besseres Wissen festhalten, gescheitert sind, um die Wirtschaft auf den Vordermann zu bringen.

Zehn Jahre nach Beginn der Krise und fünf Jahre nach Beginn der Intensivbehandlung gibt es kein Anzeichen für die Erholung der griechischen Wirtschaft, bemerkt Heiner Flassbeck im Blog Makroskop zum Abschluss der Rettungspakete.

Obendrauf bleibt Griechenland weitere zwei Jahren an die Sparvorgaben gebunden.


Deutschland: Exportquote versus Investitionsquote des Privatsektors, Graph: Makroskop, 17 Aug 2018

Donnerstag, 23. August 2018

Warum steigen die Löhne nicht?


In den USA ist die Arbeitslosigkeit auf 3,9% gefallen. Das ist der niedrigste Stand seit Anfang der 2000er Jahre. 

Die Löhne kommen aber trotz des „festen, vollgefüllten Arbeitsmarktes („tight labor market“) nicht vom Fleck. Unter Berücksichtigung der Inflation gingen die Gehaltszahlungen im Juli sogar zurück.

Sowohl Ökonomen an der Wall Street als auch die geldpolitischen Entscheidungsträger der US-Notenbank wähnen sich überrascht. 

Unternehmen beklagen den Mangel (*) an qualifizierten Mitarbeitern („worker shortage“). 

Um etwas Licht in die Frage zu bekommen, was möglicherweise die Löhne niedrig hält, befragten die Reporter von Bloomberg News Arbeitgeber in drei Branchen, wo die Löhne trotz hartnäckiger Berichte über Arbeitskräftemangel (Bau, Fernverkehr und Kinderbetreuung) niedrig bleiben. 



Die Entwicklung der Löhne in den USA, Graph: Bloomberg, Aug 22, 2018

Montag, 20. August 2018

US-Staatsanleihen: Das Ende des Bull-Marktes?


Zu Beginn des Jahres hat es so ausgesehen, wie wenn manche Wallstreet Koryphäen mit der Prognose Recht hätten, dass die Rendite der Staatspapiere durch die Decke schiesst und der Bull-Market zu Ende geht.

Die Rendite der US-Staatsanleihen ist von 2,40% in Richtung 3% angestiegen. Doch die Marke 3% hat sich bisher als „eine harte Nuss zu knacken“ entpuppt. 

„Die Zinsen wollen einfach nicht steigen“, kommentiert das „daily-focus“-Team der St. Galler Kantonalbank am Montag: „Der Zinsanstieg vom Januar ist im Sommer weggeschmolzen wie der Schnee in den Alpen“.

Während die Fed ihre Bilanz weiter verkürzt, wird die UST-Renditekurve flacher. Der Rendite-Abstand (spread) zwischen den US-Staatsanleihen mit 10 und 2 Jahren Laufzeit ist inzwischen auf rund 24.66 Basispunkte geschrumpft.

Es wäre keine grosse Überraschung, wenn die Ertragskurve (yield curve) demnächst invers werden würde.

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass die netto spekulativen short-Positionen auf US Treasury Bonds laut CFTC zunehmen, während der USD gegenüber dem EUR an Wert gewinnt und die Wetten auf einen steigenden USD-Kurs (long) erhöht werden. 

Es ist nicht auszuschliessen, dass der stärker werdende Greenback die UST Short-Positionen abquetscht. 


CFTC: US Treasury Bonds net speculative short positions, die weissen Balken: USD long positions, und die gelben Balken: UST short positions, Graph: Bloomberg TV, Aug 20, 2018