Montag, 16. Juli 2018

Macroeconomics in Context


Buchbesprechung

Sebastian Dullien, Neva Goodwin, Jonathan M. Harris, Julie A. Nelson, Brian Roach and Mariano Torras: Macro Economics in Context – A European Perspective, Routledge, 2018.

“Makroökonomie im Zusammenhang” ist ein neues Lehrbuch, das die Grundsätze der Makroökonomie auf eine aktuelle Art und Weise für Studenten der Volkswirtschaftslehre darlegt. 

Eine besondere Eigenschaft des Buches ist, dass sich das Augenmerk vorwiegend auf europäische Daten, Institutionen und historische Ereignisse richtet. 

Die Wirtschaftstheorie wird m.a.W. aus einer europäischen Perspektive dargestellt. Das heisst, dass hochinteressante Themen wie europäische Krise, „Brexit“, Nachhaltigkeit, steigende Ungleichheit usw. im makroökonomischen Kontext angepackt werden.

Das Buch besteht aus vier Teilen: 

Im ersten Teil wird der Kontext der wirtschaftlichen Analyse vorgestellt, einschliesslich grundlegender makroökonomischer Statistiken und Instrumente.

Warum ist die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen in den USA höher als in Europa?


Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit werden von Volkswirten genau beobachtet, da es sich dabei um Referenz-Zinssätze (benchmark) handelt, die alle Arten von langfristigen Krediten für Verbraucher und Unternehmen betreffen.

In der Regel bewegen sich die internationalen Renditen zusammen, aber nicht immer.

Was auffällt, ist, dass die Rendite der 10-jährigen US-Treasury Bonds (10y UST) seit 2014 im Vergleich zu den Renditen der anderen Staatsanleihen z.B. aus Deutschland, der Schweiz, Grossbritannien und Kanada stärker gestiegen ist und alle übertrifft.

Warum? Eine neue Analyse der Economic Research Abteilung der Fed St. Louis befasst sich genau mit dieser Frage und präsentiert eine vernünftige Schlussfolgerung.

Die wichtigsten Faktoren, die die langfristigen Renditen beeinflussen, sind die erwartete langfristige Inflationsrate und die erwartete langfristige reale Wachstumsrate der Wirtschaft.


Der Verlauf der Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen im Vergleich, Graph: St. Louis Fed, July 6, 2018

Sonntag, 15. Juli 2018

The Germany Illusion


Buchbesprechung

Marcel Fratzscher: The Germany Illusion – Between Economic Euphoria and Despair, Oxford University Press, June 2018


Deutschland geht es gut. Es hätte aber besser gehen können, wenn das Land nicht unter zwei Illusionen gelitten hätte. 

Marcel Fratzscher stellt uns in seinem neuen Buch die Trugbilder analytisch und ausführlich vor. 

Die erste Imagination ist die Wahrnehmung, dass Deutschlands Wirtschaftspolitik makellos ist und die Zukunft des Landes dank dem erfolgreichen Export-Sektor und der flexiblen Wirtschaft glänzend erscheint.

Die zweite Fantasie bezieht sich auf den in Deutschland weit verbreiteten Glauben, dass das, was für Europa gut ist, schlecht für Deutschland ist.

Im ersten Teil behandelt der Autor die wirtschaftliche Story Deutschlands vom Zustand des „kranken Manns Europas“ bis zum selbst zugeordneten Titel des „economic superstar“. 

Im zweiten Teil geht es um etwas dämpfende Schilderung der Rolle, die Berlin während der europäischen Krise gespielt hat.

Mittwoch, 11. Juli 2018

US-Dollar und Signale für Rezession


Wenn sich eine Rezession abzeichnet, in den USA oder weltweit, ist es an der Zeit, USD, JPY und/oder CHF zu besitzen. Denn es handelt sich dabei um sog. „safe haven“ (sicherer Hafen) Währungen.

Rezessionen sind, wenn Gläubiger ihr Geld zurückfordern, wie ein Analyst von JPMorgan Chase es treffend beschreibt.

Wie wahr!

USD profitiert davon, dass der Rest der Welt die US-Währung zurückkauft, wenn Banken und Unternehmen während einer Rezession die Schulden abbauen (deleveraging).

Greenback hat vor diesem Hintergrund (Handelsspannungen) in den vergangenen Wochen eine nicht unwesentliche Outperformance hingelegt. 


Die Entwicklung des USD-Wechselkurses, Graph: Bloomberg, July 9, 2018 

Dienstag, 10. Juli 2018

Bitte merken: Target2 ist kein Kreditsystem


Target2-Salden sind wieder in den Schlagzeilen. Die FAZ bemerkt in einem wunderlichen Artikel (*), dass Deutschland auf einer Bombe sitzt. 

FT aus London berichtet, dass Italiens Schulden gegenüber der EZB in diesem Jahr die Marke 500 Mrd. EUR erreichen werden, während Deutschlands Target2-Salden auf 1‘000 Mrd. EUR zusteuern.

Der Grundtenor hinterlässt den Eindruck, wie wenn es sich dabei um Kreditsystem handeln würde. 

Dies trifft aber nicht zu. Denn Target2 Salden verkörpern „lediglich“ Informationen darüber, welche nationalen Zentralbanken wie viel Zentralbankguthaben ins Ausland überwiesen haben.

Es geht, vereinfacht gesagt, um Verbindlichkeiten und Forderungen zwischen den Zentralbanken in der Eurozone.

Wenn die deutschen Banken EZB-Guthaben von Banken aus dem Ausland empfangen, steigen die Forderungen der deutschen Bundesbank gegenüber den Zentralbanken in den betreffenden Ländern.

Target2 wurde von der EZB und den nationalen Zentralbanken der Eurozone eingerichtet, um es den Banken zu ermöglichen, so schnell wie möglich grosse Zahlungen aneinander zu leisten. Mehr als 1‘700 Banken sind am System beteiligt, um miteinander zu handeln.


Target 2: Italien versus Deutschland, Graph: FT, July 9, 2018 


Samstag, 7. Juli 2018

Heisser Sommer und träge Konjunktur mit Rezessionswolken


Der Sommer wird wahrscheinlich heiss, schreibt PictetWM aus Genf.

Die aktuelle Analyse über den Ölmarkt deutet darauf hin, dass das derzeitige Ölangebot im Vergleich zur Nachfrage sehr dünn erscheine.

Es bestehe ein deutliches Risiko, dass die Ölpreise in diesem Sommer deutlich über ihr langfristiges Gleichgewicht steigen werden.

Jüngste Anzeichen einer wirtschaftlichen und internationalen Handelsverlangsamung könnten gegen Ende des Jahres dazu beitragen, Ölknappheit zu beseitigen, so die Studie weiter.

Ein besseres Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage wird jedoch erst Mitte 2019 sichtbar, wenn in den USA neue Pipeline-Anlagen in Betrieb genommen werden.

Infolgedessen bleibt die Ölpreis-Prognose der Schweizer Privatbank für das Jahr 2018 unverändert bei 77 USD pro Barrel für Brent-Öl (70 USD für WTI), wobei das Risiko bestehe, dass die Preise bis dahin überschwingen.


Die Produktion der grössten Öllieferanten, Graph: PictetWM, July 6, 2018

Freitag, 6. Juli 2018

Die fehlende Nachfrage und die schwache Inflation im Euroraum


Die EZB hat in den vergangenen Tagen deutlich unterstrichen, dass die Zinsen im Euroraum zumindest bis zum Ende des Sommers 2019 auf dem derzeitigen Niveau verharren werden, und zwar auf jeden Fall so lange wie erforderlich, um sicherzustellen, dass die Inflationsentwicklung weiterhin mit den derzeitigen Erwartungen des EZB-Rats von einem nachhaltigen Anpassungspfad übereinstimmt.

Der schrittweise Abbau des Wertpapierkaufsprogramms (APP) ist daher vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Die Erwartung ist, dass die Inflationsrate im Euroraum nahe bei den anvisierten 2% liegt, obwohl die Kerninflationsrate mit knapp 1.0% immer noch weit entfernt davon notiert.

Inflation steigt, wenn die Kosten für die Produkte steigen. Wenn Löhne steigen, steigen die Kosten.

Wenn die Löhne nicht steigen, bleibt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurück. Die folgende Abbildung, die Peter Praet am Donnerstag präsentiert hat, zeigt den Verlauf der Nachfrage im Euroraum: ein Tal der Tränen.


Faktoren, die die Produktion in der Fertigungsindustrie einschränken: Nachfrage, Graph: Peter Praet, ECB, July 5, 2018 in Brussels

Mittwoch, 4. Juli 2018

Das Euro-Desaster


Buchbesprechung

Jörg Bibow & Heiner Flassbeck: Das Euro-Desaster – Wie deutsche Wirtschaftspolitik die Eurozone in den Abgrund treibt, Westend Verlag, März 2018


Es ist ein offenes Geheimnis, dass Europas Wirtschaftspolitik gescheitert ist. Die Indizien sind im Wesentlichen (1) die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit und (2) das verfehlte bzw. unterbotene Inflationsziel.

Während die Arbeitslosenquote zehn Jahre nach der GFC (Global Financial Crisis) im Euroraum 8,5% beträgt, verläuft sie in den USA mittlerweile unter 4%. Die europäische Wachstumsdynamik (8 Jahre Nullwachstum) ist so schwach, dass die Unterbeschäftigung heute noch auf 18% verharrt.

Zur Erinnerung: Die EZB unterbietet den eigenen Zielwert (von knapp 2%) inzwischen seit 5 Jahren.

Der Policy Mix, mit dem die EU-Behörden darauf reagieren, besteht hauptsächlich aus zwei Komponenten: A) fiskalische Austeritätspolitik und B) Lohnsenkung. 

Das erste Instrument zielt auf das interne Gleichgewicht, d.h. Haushaltskonsolidierung und Preisstabilität, ab.

Das zweite Instrument hat das externe Gleichgewicht im Visier, v.a. die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig wird eine nachhaltige Position in der Leistungsbilanz angestrebt. 

Dienstag, 3. Juli 2018

Wer geht vor der Ertragskurve in Deckung?


Alle reden über den Verlauf der Ertragskurve (yield curve) der US-Staatsanleihen. 

Die Abbildung der Zins-Strukturkurve der US-Treasury Bonds wurde bei Bloomberg TV inzwischen zu einem Evergreen. Tag täglich wird der Chart immer wieder präsentiert. In Farbe und live.

Was auffällt, ist, dass der Spread (woran die Form der Ertragskurve i.d.R. gemessen wird: 10y UST minus 3 Monate T-Bills) seit Ende der Great Recession deutlich gesunken ist, mittlerweile bis auf 95 Basispunkte. Der historische Durchschnitt liegt bei etwa 150 Basispunkten.

Die Frage, die sich in diesem Kontext stellt, lautet, ob die flacher werdende Ertragskurve als eine Warnung vor einem bevorstehenden schwachen Wachstum der Wirtschaft oder sogar einer Rezession aufzufassen ist.

Noch nicht, schreibt James Hamilton dazu in seinem Blog.

Seine Begründung: Wir sind immer noch sehr früh im aktuellen Straffungszyklus. Die Rendite der 3 Monats-Treasury Bill ist nicht so stark gestiegen wie in den vorangegangenen (abgeschlossenen) Zyklen. Und die Inflation ist immer noch sehr moderat.

Es ist also noch nicht Zeit, in Deckung zu gehen.



US Ertragskurve (yield curve), Graph: Prof. James Hamilton in: econbrowser, July 1, 2018

Sonntag, 1. Juli 2018

Wirtschaftsbücher für Sommer 2018


Hier sind ein paar Bücher über brandneue Themen, die ich im Sommer 2018 lesen will. Ich freue mich darauf:



Jörg Bibow und Heiner Flassbeck: Das Euro-Desaster – Wie deutsche Wirtschaftspolitik die Eurozone in den Abgrund treibt, Westend Verlag, März 2018. 

Steven K. Vogel: Marketcraft - How Governments Make Markets Work, Oxford University Press, March 2018. 

William Mitchell and Thomas Fazi: Reclaiming the State – A Progressive Vision of Sovereignty for a Post-Neoliberal World, Pluto Press, Sept 2017. 

Jeffrey D. Sachs: Building the New American Economy – Smart, Fair & Sustainable, Columbia University Press, March 2018. 

Tamim Bayoumi: Unfinished Business – The unexplored causes of the Financial Crisis and the lessons yet to be learned, Yale University Press, October 2017. 

Marcel Fratzscher: The Germany Illusion, Oxford University Press, April 2018. 



Ein paar neue Wirtschaftsbücher, die ich im Sommer 2018 lesen will