Mittwoch, 6. November 2019

Ersparnisse und Niedrigzinsen


Morgan Stanley hat kürzlich die folgende Abbildung (Wealth Management, November 2019) geliefert. Die Überschrift: „Mehr Einsparungen können für private Haushalte gut sein, aber nicht für die gesamte Wirtschaft“.

Richtig: Das ist genau die Unterscheidung zwischen micro (einzelwirtschaftlich) und macro (gesamtwirtschaftlich), wie es in den VWL-Lehrbüchern steht.

Was wir dem Chart entnehmen können, ist, dass die US-Haushalte seit der GFC 2018 sichtbar bemüht sind, ihre Schulden abzubauen. Gleichzeitig steigt auch das Verhältnis der Sparquote zum verfügbaren Einkommen an.

Tatsächlich liegt die Quote jetzt auf einem Niveau, das zuletzt Anfang der 1990er Jahre markiert wurde. Dieses Verhalten der privaten Haushalte wird seither durch rekordtiefe Zinsen und Anleiherenditen weiterbegünstigt. 

Das liegt daran, dass Rentner bei niedrigeren Zinssätzen und Renditen mehr sparen müssen, da mehr Kapital erforderlich ist, um das gleiche Einkommensniveau zu erzielen.


„Mehr Einsparungen können für private Haushalte gut sein, aber nicht für die gesamte Wirtschaft“, Graph: Morgan Stanley, Nov 2019

Montag, 4. November 2019

The Case for People’s Quantitative Easing


Buchbesprechung:

Frances Coppola: The Case for People’s Quantitative Easing, Polity Books, Sept 2019, London.


Dieses Buch argumentiert, dass der beste Weg, um eine schwer angeschlagene Wirtschaft wieder in Stand zu setzen, ist, das Geld unmittelbar an die Menschen zu geben anstatt mit QE (quantitative easing) über Finanzmärkte einzuschreiten.

Das Vorgehen nennt die Autorin „QE for People“ (QE für Menschen), und zwar in Form von Helicopter Money.

Zur Erinnerung: Es gibt eine klare Unterscheidung zwischen der Fiskalpolitik und dem Hubschraubergeld (Helicopter Money). Der Zweck der Fiskalpolitik ist die Umverteilung bestehender Mittel. Der Zweck des Hubschraubergeldes besteht darin, neues Geld zu schaffen und zu verteilen. 

Die Erhöhung der Notenbankgeldmenge (base money) zur Bekämpfung der Deflation, die durch abnehmende Bankkredite ausgelöst wird, ist die Aufgabe der Zentralbank, betont Frances Coppola von Anfang an.

Das Geld ist nicht knapp

Sonntag, 3. November 2019

Deutschland, Hyperinflation und Deflation


Christine Lagarde, die neue EZB-Präsidentin hat es zu Beginn ihrer 8-jährigen Amtszeit bei der EZB nicht einfach. Die frühere Chefin des IWF muss die Kritiker der lockeren Geldpolitik und Negativ-Zinsen der EZB v.a. in Deutschland beruhigen.

Die Französin hat in den vergangenen Tagen die deutsche Regierung häufig zu mehr öffentlichen Investitionen aufgefordert.

Einem kürzlich vorgelegten Papier des Jacques Delors Instituts in Berlin nach rührt die Kritik aus Deutschland daher, dass viele Deutsche ihre eigene Geschichte nicht ganz verstehen.

Die meisten Deutschen glauben demnach, dass die Zwischenkriegszeit des Landes nur von einer Krise geprägt sei, die zum Aufstieg von Hitler führte: die Hyperinflation während der Weimarer Republik.


Historisches Missverständnis in Deutschland: Hyperinflation und Deflation, Graph: Jacques Delors Institut, Berlin in: "Historic roots of Germany’s monetary policy discourse”, Nils Redeker, Lukas Haffert and Tobias Rommel, Nov 01, 2019

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Sparparadoxon (Paradox of Thrift) in Europa


Das ist eine der gruseligsten Charts an diesem Halloween, meldet Sid Verma von Bloomberg am Mittwoch.

In der Tat:

Europäische Privathaushalte sparen mehr. Das ist eine schlechte Nachricht für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage im Euroraum, zumal die Inflationserwartungen auf dem historisch tiefsten Stand verharren und die Geldpolitik an der Nullzins-Grenze (zero lower bound) eindeutig an Zugkraft verliert. Ganz zu schweigen davon, dass die globalen Handelsaussichten weiterhin schwach sind.

Die Ökonomen von Citi Group weisen darauf hin, dass die abbremsenden Ausgaben der privaten Haushalte im Euroraum rund 40% des BIP-Rückgangs seit 2017 ausmachen.

Das zeigt im Grunde genommen, dass Sparen das falsche Rezept für den Euroraum ist, besonders in einer Stagnation. Denn wenn alle Sektoren gleichzeitig sparen, kann die Wirtschaft nicht wachsen. 

Wer etwas anderes erwartet, unterliegt dem "Trugschluss der Verallgemeinerung" („fallacy of composition“).


Private Haushalte im Euroraum sparen mehr, Graph: Sid Verma, Bloomberg, Oct 30, 2019

Mittwoch, 30. Oktober 2019

QE und der Weg aus der Krise


Es mutet seltsam an, dass diejenigen, die sich nach der GFC 2008 auf den neoklassischen Standpunkt beriefen und den Weg aus der Krise in Europa nur über einen rigorosen Sparkurs (fiscal austerity) sahen, sich heute noch verblüfft zeigen, warum die Zinsen auf einem niedrigen Niveau nahe Null-Grenze verharren und die Notenbanken die lockere Geldpolitik weiterführen.

Wie können aber die Preise steigen, wenn die Ausgaben gesenkt werden, d.h. sowohl der private als auch der öffentliche Sektor gleichzeitig die Gürtel enger schnallen? Und die Löhne nicht steigen.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Ausgabensenkungen im Rahmen der fiskalischen Austerität obendrauf im Allgemeinen von der „Schuldenbremse“ und der „schwarzen Null“-Politik tatkräftig unterstützt werden („Defizit Hysterie“).

Die Anhänger der angebotsseitigen Wirtschaftspolitik waren von Anfang an nicht nur gegen den Einsatz der (expansiven) Fiskalpolitik, sondern auch gegen die Umsetzung der unkonventionellen Geldpolitik, genannt QE (quantitative easing).

Die theatralisch zur Schau gestellte Ansicht war, dass die QE-Politik „inflationär“ sei. Es drohe die Gefahr einer „Hyperinflation“, wenn die Notenbank den Banken Wertschriften abkaufen und die mengenmässige Lockerung der Geldpolitik fortsetzen sollte. 


Sowohl die markt-basierte als auch Umfragen-basierte Messwerte für Inflationserwartungen liegen auf dem oder nahe dem tiefsten Niveau seit 2 Jahrzehnten, Graph: Bloomberg, Oct 29, 2019

Dienstag, 29. Oktober 2019

QE und Unternehmensinvestitionen


Wenn wir von der QE-Politik (quantitative easing, d.h. mengenmässige Lockerung der Geldpolitik) reden, meinen wird LSAP (large-scale asset purchases, d.h. Käufe von Vermögenswerten in grossem Umfang durch eine Notenbank).

Die Zentralbank kauft dabei Vermögenswerte (i.d.R. Anleihen) vom Privatsektor und zahlt dafür mit neu geschaffenem Geld. 

LSAPs ähneln Open Market Operations (OMO), sind jedoch wesentlich umfangreicher.

Wenn die Vermögenswerte direkt von Banken gekauft werden, dann handelt es sich beim neu geschaffenen Geld um „Bank-Reserven“ (M0). 

Wenn aber die Vermögenswerte von den Nicht-Banken gekauft werden, von z.B. Pensionskassen und Unternehmen, dann steigen sowohl die Geldmenge M0 als auch M1 (bank deposits), wie Frances Coppola in ihrem neuen Buch („People’s Quantitative Easing“) erklärt. 

Die meisten Zentralbanken haben im Rahmen der eigenen QE-Politik Vermögenswerte sowohl von Banken als auch von Nicht-Banken erworben. 

QE hat daher zu einem massiven Anstieg sowohl von „inside money“ (M1) als auch von „outside money“ (M0) geführt.



The Case for People’s Quantitative Easing“ by Frances Coppola, Sept 2019, Polity Books 

Samstag, 26. Oktober 2019

Neue Anleihekäufe der US-Notenbank am Repo-Markt


Die Bond-Trader scheinen sich mit der Idee angefreundet zu haben, dass die wahrscheinliche Leitzinssenkung der Fed am Mittwoch für eine Zeit die letzte sein wird.

Warum? Weil erstens die nachlassende Aktivität bei Eurodollar-Futures darauf hindeutet, dass die Händler bereit sind, die derzeitige Zinsstabilität zu akzeptieren und zweitens die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinssenkung im Dezember von den Fed Funds Futures von nahezu 100% inzwischen auf 32% gesenkt wurde.

Es wird allgemein erwartet, dass die US-Notenbank ihren Leitzins in der kommenden Woche um einen Viertelpunkt auf 1,50% bis 1,75% senkt.


Eurodollar Future Aktivität hat zuletzt abgenommen, Graph: Bloomberg, Oct 26, 2019 

Samstag, 19. Oktober 2019

Deutschland versus EZB

Die EZB peilt mittelfristig einen Wert von „unter, aber nahe 2%“ als ideales Inflationsziel für die europäische Konjunktur an. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die EZB das eigene Ziel (*) seit ein paar Jahren deutlich unterläuft.

Mit einem Anteil von 28% leistet Deutschland den grössten Beitrag zum Durchschnitt der Europäischen Währungsunion (EWU). 

Wenn die deutschen Inflationsraten nur um 1,25% höher gewesen wären als sonst, hätte die EZB zwischen 2009 und 2018 ihr Inflationsziel erreicht, unterstreicht die Bank J. Safra Sarasin aus Zürich in einer am Freitag vorgelegten Bericht.

Da das nicht der Fall ist, sieht sich die EZB gezwungen, die negativen Leitzinsen beizubehalten. Und Draghi wird deswegen v.a. in Deutschland heftig kritisiert: Die Negativ-Zinsen werden nicht als Anreiz wahrgenommen, übermässige Ersparnisse abzubauen und/oder die Investitionsnachfrage zu steigern, sondern als „Strafzins“ gebrandmarkt. 


Deutschlands Inflation im Vergleich zum Rest der EWU, Graph: J. Safra Sarasin, Oct 18, 2019


Preise, Zins und Wechselkurse


Buchbesprechung:

Heiner Flassbeck: „Preise, Zins und Wechselkurse“ – Warum offene Volkswirtschaften untrennbar miteinander verbunden sind, Westend Verlag, Juli 2019, Frankfurt am Main


Das ist ohne Zweifel ein kompaktes Buch, aber umso wuchtig, was das Thema betrifft.  

Es geht um die ideengeschichtliche Erläuterung der (makro- und mikroökonomischen) Anpassungsprozesse, die angesichts der Friktionen des internationalen Austausches von Gütern und Kapital vorwiegend durch internationale Wachstums- und Preisdifferenzen (v.a. Lohnstückkosten) ausgelöst werden. 

Die Frage, ob wir mit festen oder mit flexiblen Wechselkursen zu tun haben, ist dabei von entscheidender Bedeutung.

Das Ergebnis der progressiven Analyse von Heiner Flassbeck ist die Aussage im Sinne eines Forschungsprogramms, dass wir eine neue Weltwährungsordnung brauchen.

Warum? Die Antwort ist selbstevident: Die Vorstellung vom effizienten Markt ist irreführend. Der Markt kann nicht dafür sorgen, dass die Leistungsbilanzsalden sich systematisch ausgleichen. Falsche Wechselkurse beispielsweise verstärken das Problem der Handelsverzerrungen. 

Es ist daher nicht angemessen, anzunehmen, dass Preis- und Wechselkursänderungen keinen Einfluss auf die Handelsbilanzsalden hätten.

Samstag, 12. Oktober 2019

Verschuldung und die zukünftige Generation


Paul Krugman nimmt gewöhnlich kein Blatt vor den Mund. In seinem Blog bei NYTimes am Dienstag schreibt der amerikanische Professor für Volkswirtschaftslehre an der Princeton University, dass Europa ein Chaos ist, das weit über den Brexit hinausgehe.

Die grösste Bedrohung für die Zukunft Europas sei möglicherweise nicht die britischen Umwälzungen oder gar der demokratische Zusammenbruch in Ungarn und Polen, sondern der Dogmatismus und die Selbstgerechtigkeit, die immer noch in Europa‘s wichtigster Nation vorherrschen: Deutschland.

Die Aussage mag sich harsch anhören, aber es trifft zu. Denn Berlin zeigt immer noch keine Bereitschaft, die Fixierung auf einen ausgeglichenen Haushalt zu lockern.

Infolge der GFC im Jahre 2008 waren die Zinsen in Europa rasant angestiegen, Banken ausgefallen. Und es gab politische Unruhen.  Das Problem wurde verschärft, weil einige europäische Staats- und Regierungschef, insbesondere in Deutschland darauf beharrten, dass die Krise durch eine verschwenderische Haushaltspolitik der Regierungen verursacht worden sei. 

Folglich verhängten Berlin und Brüssel Südeuropa als „Abhilfe“ strenge Sparmassnahmen (fiscal austerity). Die Ausgaben wurden trotz der wachsenden Massenarbeitslosigkeit gesenkt und die Krise wurde damit weiter verschlimmert.


Ein Nachfragedefizit führt dazu, dass das tatsächlich BIP hinter dem Potenzial zurückbleibt und dieses Potenzial dann abnimmt, Graph: Josh Bivens, Economic Policy Institute, Sept 29, 2019

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Investitionen gehen vor, Sparen kommt später


Die Laufzeitprämie (term premium) der US-Staatsanleihen (UST: US-Treasury) ist gegenwärtig negativ.

Es kommt selten vor, dass die 10-Jahres-Laufzeitprämie negativ ist, wie jetzt. Tatsächlich war sie laut Morgan Stanley Research von Beginn der Daten-Serie im Jahr 1961 bis Ende 2015 positiv und lag im Durchschnitt bei 1.6%. In den letzten drei Jahren hat sich die Laufzeitprämie jedoch negativ entwickelt.

Eine solche Vernachlässigung bzw. Ausklammerung einer übermässigen Entschädigung für zukünftige Risiken ist sicherlich ein Ausdruck des ausserordentlich wachsenden Appetits für Staatsanleihen, die die meisten Anleger als defensiv betrachten.

Zur Erinnerung: Die langfristigen (nominalen) Zinsen bestehen aus drei Variablen; 1) den erwarteten kurzfristigen Zinsen, 2) den Inflationserwartungen und 3) einer Laufzeitprämie.

Die Laufzeitprämie bedeutet eine Extra-Rendite, die die Anleger fordern, um langfristige Wertpapiere zu halten (oder zu kaufen), anstatt kurzfristige Wertpapiere, um sich gegen Risiken wie z.B. Inflation zu schützen.



Die Laufzeitprämie der 10-jährigen US-Staatsanleihen (UST), Graph: Morgan Stanley, Sept 30, 2019

Samstag, 28. September 2019

Die vereinfachte Erzählung von Schulden


Die Financial Times (FT) aus London hat neulich die folgende Abbildung geliefert. Das Narrative ist bekannt. 

Die Staatsverschuldung weltweit ist seit der GFC (2008) sprunghaft angestiegen und hat in Friedenszeiten ein noch nie da gewesenes Niveau erreicht.

Die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt haben sich im Durchschnitt mehr als 70% des BIP verschuldet, wie eine Analyse der Deutschen Bank zudem zeigt. 

Das sei der höchste Stand der letzten 150 Jahre, mit Ausnahme eines Anstiegs um den Zweiten Weltkrieg.

Im Mittelpunkt der Kritik steht im Allgemeinen, wenn es um solche Erzählungen geht, dass es die Zentralbanken sind, die mit expansiver Geldpolitik die Wirtschaft „künstlich“ unterstützen und die Preise für Vermögenswerte aufblasen lassen. Die Schulden steigen.


Die Staatsverschuldung weltweit ist seit der GFC (2008) sprunghaft angestiegen, Graph: FT, Sept 25, 2019 

Mittwoch, 25. September 2019

Draghi, MMT und Helicopter Money


In den vergangenen Tagen hat die fehlende fiskal-politische Unterstützung (fiscal stimulus) Mario Draghi zunehmend verärgert erscheinen lassen.

In seinen letzten Tagen als Chef der EZB hat er zuletzt europäischen Regierungen eine klare Botschaft übermittelt: Die Geldpolitik hat ihren Lauf genommen. Jetzt ist aber das Ende der Fahnenstange erreicht. 

Die makroökonomischen Lehrbücher legen zudem nahe, dass die (konventionelle) Geldpolitik an Zugkraft verliert, wenn die nominalen Zinsen an der Null-Grenze (zero lower bound) ankommen. Die Wirtschaft gerät dann in die Liquiditätsfalle. Die geldpolitischen Massnahmen greifen zu kurz, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzuregen. Es bedarf fiskal-politischer Erleichterung.

In diesem Zusammenhang sagte Draghi neulich, dass der EZB-Rat für Ideen wie Modern Monetary Theory (MMT) offen sein müsse, während er festhielt, dass es sich um eine von den Regierungen gelenkte Fiskalpolitik handeln müsste. 

EZB-Präsident hat dabei auf eine Frage des europäischen Gesetzgebers nach Helicopter Money geantwortet, auf der Suche nach besten Möglichkeiten, Gelder auf eine Weise in die Wirtschaft zu lenken, um die wachsende Ungleichheit zu bekämpfen.


Die Kosten der Fiscal Austerity; Länder, die mehr Fiscal Stimulus einsetzten, wuchsen schneller als Europa, Graph: Bloomberg, Sept 24, 2019 

Sonntag, 22. September 2019

Bankreserven und Stress im Overnight-Repo-Geschäft


Die US-Notenbank hat am Mittwoch die Zinsen weiter gelockert. Damit liegt das Zielband nun auf 1,75% bis 2%. Das ist nach der Zinssenkung Ende Juli die zweite Zinssenkung des geldpolitischen Ausschusses (FOMC) der Fed seit 2008.

Doch es kam fast gleichzeitig zu Komplikationen am Geldmarkt. Im Overnight-Repo-Geschäft schoss der Zinssatz durch die Decke. Es hiess, Barmittel wurden am Geldmarkt knapp. 

Im Handel, wo sich Banken für kurze Zeit (z.B. über Nacht) untereinander Geld leihen, gegen Hinterlegung von US-Treasury Bonds als Sicherheiten, und mit einer gleichzeitig abgeschlossenen Rückkaufsvereinbarung, ist der Zinssatz um das Mehrfache der von der Fed festgelegten Zinsen gestiegen, konkret: bis zu 10%.

Als Auslöser nennen die Händler den gestiegenen Liquiditätsbedarf zum Quartalsende v.a. wegen der ausstehenden Steuerrechnungen, die die Unternehmen begleichen müssen.

Die Fed hat im Verlauf der Woche mit Geldspritzen als „lender of last resort“ mehrmals intervenieren müssen. Wohlgemerkt: Das ist seit der GFC von 2008 der erste Eingriff in das Geschehen im Interbankenmarkt. Die Fed hat zum Beispiel am Dienstag 53,2 Mrd. USD und am Freitag 75 Mrd. USD als liquide Mittel zur Verfügung gestellt. 


Die Kosten der Kreditaufnahme auf dem overnight Repo-Geschäft, Graph: WSJ, Sept 19, 2019 
Die roten Balken: die Überschussreserven und die schwarzen Balken: die angeforderten Reserven

Sonntag, 15. September 2019

Eine moralische "Schuldenökonomie" und andere Absurditäten

The Financial Times (FT), die britische Wirtschaftszeitung aus London mokiert sich über die deutschen Mainstream Medien. Der FT Blog, FTAlphaville schreibt, dass es ein spezielles deutsches Wort für negative Zinsen gibt: „Strafzins“. 

Das Wort wird häufig für Zinssätze unter null verwendet, v.a. mit der Absicht, die EZB zu diffamieren, weil angeblich die deutschen Sparer dadurch enteignet werden.

André Kühnlenz erklärt in einem lesenswerten Beitrag bei Finanz und Wirtschaft und auf Twitter, warum solche Unterstellungen sinnlos und ungeschickt sind.

Die EZB hat am Donnerstag den Negativzins auf überschüssige Einlagen der Banken bei der EZB von -0,4% auf -0,5% gesenkt, aber gleichzeitig Freibeträge (wie in der Schweiz durch die SNB, genannt „tiering system“) beschlossen. Der durchschnittliche Zins auf Einlagen liegt damit unter dem Strich weniger weit im Minus. Das heisst, dass die Banken entlastet werden.

Die Société Générale berechnet, dass die Kosten für Einlagen der Banken insgesamt von 7,1 auf 5 Mrd. EUR sinken.


Negativzinsen auf überschüssige Geldmittel bei der Notenbank und wie die EZB die Banken entlastet, Graph: André Kühnlenz, Finanz und Wirtschaft, Sept 14, 2019

Not Working

David G. Blanchflower: Not Working – Where Have All the Good Jobs Gone? Princeton University Press, July 2019

Was die ganze Welt will, ist eine gute Arbeitsstelle. In diesem Buch geht es um Jobs, ordentliche Jobs, die sich auszahlen.

Die Arbeitslosenquote ist zwar derzeit rückläufig, aber es gibt keine Vollbeschäftigung.

Auffällig ist der Anstieg der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung. Das Phänomen heisst Unterbeschäftigung

Das dürftige Lohnwachstum ist ein wichtiges Zeichen dafür, wie weit die Wirtschaft sowohl in den USA als auch in Europa von einer vollständigen Erholung entfernt ist. Wichtig ist, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Unterbeschäftigung sich auf die Löhne auswirkt. 

David Blanchflower hat mit David Bell zusammen einen Unterbeschäftigungsindex (underemployment index) generiert. Eine erhebliche Nuance ist dabei, dass sie ihren Index in Stunden, nicht im Personenraum definieren.

Der Index liefert ein vollständigeres Bild der Überschuss-Nachfrage oder des Überschuss-Angebots auf dem Arbeitsmarkt als die Arbeitslosenquote. Und der Index kann auch Vorteile gegenüber der Arbeitslosenquote bieten, um die Produktionslücke zu justieren, beschreibt der Autor. 

Dienstag, 10. September 2019

Staat als “borrower of last resort” in einer Bilanzrezession


Donnerwetter! 

Siemens Chef kritisiert Merkels Mantra des ausgeglichenen Haushaltes (genannt „schwarze Null“).

Das berichtet Financial Times (FT) aus London am Montag: Joe Kaeser plädiert für Investitionen in Infrastruktur.

Der CEO des deutschen Technologiekonzerns sagt laut FT, dass die Regierung den historisch niedrigen Zinssatz nutzen sollte, um stark in Infrastruktur zu investieren. 

Es sei eine berechtigte Frage, warum der deutsche Staat nicht investiere, zu einer Zeit, in der man dafür bezahlt werde, mehr Kapital aufzunehmen.

Das ist monumental. 

Denn die EZB trifft sich am Donnerstag zusammen. Erwartet wird, dass die EZB das QE-Programm (Anleihekäufe am offenen Markt) wiederbelebt, den Zinssatz für Einlagen-Fazilitäten um 10 Basispunkte senkt und gleichzeitig ein (deposit tiering system) einführt, um die Folgen der Negativzinsen für Banken abzumildern.


Die Zentralbanken haben in diesem Jahr weltweit 32 Zinssenkungen durchgeführt, Graph: Bloomberg, Sept 05, 2019 

Sonntag, 8. September 2019

Should We Abolish Household Debts?


Buchbesprechung:

Johnna Montgomerie: Should We Abolish Household Debts? Polity Press, Cambridge, UK, July 2019.


Nach der globalen Finanzkrise (GFC) von 2008-2009 wurden die Kreditgeber (Banken) gerettet (bail-out). Die Kreditnehmer (private Haushalte) hingegen wurden ihrem Schicksal überlassen; sie waren die Leidtragenden. Es hiess, es gibt kein Geld für sie. 

Während die Staatsausgaben gekürzt wurden, fand für die Finanzinstitute eine direkte monetäre Finanzierung statt, genannt QE (quantitative easing). Den Banken („too big to fail“) wurde damit Liquidität zu Null-Zinsen zugestellt. 

Im gleichen Zug wurde die wohlfahrtsstaatliche Stütze abgebaut. Die einfachen Bürger wurden hemmungslos einer beispiellosen Fiscal Austerity ausgesetzt. Das Argument lautete, dass der Finanzsektor gerettet werden muss, weil sonst der Himmel einstürzen würde. 

Die unkonventionelle Geldpolitik begründete somit eine moralische Schuldenökonomie („moral economy of debt“), in der es für einige Rettungsaktionen („bail outs“) und für die anderen rigorose Sparmassnahmen (austerity) gab.  

Die fiskalische Austerität war dabei nichts anderes als eine Umverteilung des durch die GFC verursachten Schadens von denjenigen, die ihn verursacht haben, zu dem Rest der Gesellschaft, die im Grunde genommen heute noch leidet, wie die Autorin dieses neulich erschienenen, lesenswerten Buches bemerkt. 

Dienstag, 3. September 2019

Tiefzinsumfeld, Mangel an Bundesanleihen und Helikoptergeld


Es gibt kein Recht auf einen positiven Zinssatz, schreibt Christian Odendahl in einem lesenswerten Beitrag bei Capital

„Ein Zins entsteht am Markt, wenn Ersparniswünsche auf Investitionswillen treffen. Der Wunsch nach sicherer Ersparnis ist weltweit sehr hoch; der Investitionswille niedrig.“

Derzeit werden alle Bundesanleihen mit Negativ-Rendite gehandelt. 

Die Rendite der deutschen Staatspapiere mit 30 Jahren Laufzeit ist vergangene Woche zum ersten Mal in der Geschichte ins Minus gerutscht. Das ist ein historisches Ereignis. 

Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihen hat am Dienstag mit Minus 0,74% ein neues Tief markiert.

Eine Frage, die im Raum steht, ist, welche Investoren Anleihen kaufen, die einen Verlust garantieren, wenn sie sie bis zur Endfälligkeit halten?

Eine Antwort ist, dass Fondsmanager, die für Anleger eine positive Rendite anstreben, im Grunde genommen nicht viel von deutschen Staatsanleihen besitzen.

Eine aktuelle Analyse, die von FT aus London zitiert wird, zeigt, dass der gesamte Wert der ausstehenden Bundesanleihen seit 2014 aufgrund der Abneigung der deutschen Regierungen gegen Haushaltsdefizite zurückgegangen ist. 

Das Volumen der frei handelbaren Bundesanleihen am Markt ist jedoch viel stärker gesunken. Der Prognose der Analyse nach ist davon auszugehen, dass es bis 2024 unter 70 Mrd. EUR fallen wird, nachdem es ein Jahrzehnt zuvor bereits über 600 Mrd. EUR betragen hatte.


Die Nachfrage nach deutschen Bundespapiere schiesst durch die Decke, Graph: FT, Sept 02, 2019

Samstag, 31. August 2019

Anleihen mit Negativrenditen und Kosten Nutzen nach Hedging


Der dramatische Rückgang der UST-Renditen bedeutet, dass die Anleger jetzt mehr Dividenden-Erträge (1,98%) auf die von dem S&P 500 Index erfassten Aktien erzielen können als auf USTs mit der längsten Laufzeit (1,94%).

Eine höhere Dividende-Rendite ist jedoch keine Garantie für eine Outperformance der Aktienmärkte. Die Dividenden-Rendite für EUR-Aktien lag konstant über der von 30-jährigen EUR-Staatsanleihen in Europa. Doch europäischen Aktien blieben in Sachen Performance hinter dem globalen Aktienmarkt zurück.

Andererseits wird eine Rekordmenge von Anleihen derzeit mit negativen Renditen gehandelt: 17‘000 Mrd. USD

Das bedeutet, dass ein Verlust garantiert ist, wenn man die entsprechende Anleihe bis zum Ende der Laufzeit im Portfolio beibehält.

Der Wert hat sich laut FT allein im August um 3‘100 Mrd. USD erhöht. Die Rede ist nicht nur von den sicheren Staatsanleihen. Auch der Wert der mit Negativ-Rendite gehandelten Unternehmensanleihen ist inzwischen auf 1‘000 Mrd. USD geklettert.


Mehr Dividenden-Erträge mit Aktien als mit langlaufenden US-Staatsanleihen (UST), Graph: FT, Aug 28, 2019


Dienstag, 27. August 2019

Wie Ersparnisse die Geldpolitik untergraben


Bloomberg hat vergangene Woche in einem lesenswerten Bericht unterstrichen, dass die Bürger Deutschland weitaus mehr von ihrem verfügbaren Einkommen als die meisten anderen Europäer sparen.

Die Sparquote des Landes lag nach Angaben der Deutschen Bank AG im Jahr 2017 mit rund 10% fast doppelt so hoch wie im Euroraum.

Im Durchschnitt hielten die Deutschen 2018 mehr als 40% ihres Finanzvermögens (financial assets) in Form von Bankeinlagen.

Kein anderes Land im Euroraum verfügt mit 2‘350 Mrd. EUR (d.h. 2,35 Billionen EUR) über einen grösseren Haufen von Privatkundeneinlagen.

Der Satz der Einlagefazilität (deposit facility) der EZB ist seit Juni 2014 negativ.

Deutschland bereitet sich derzeit auf die Regionalwahlen im nächsten Monat. 

Vor diesem Hintergrund ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass die EZB ein leichtes Ziel für ein Land darstellt, das für seine risiko-averse Haltung gegenüber Geld und für seine Gewohnheit bekannt ist, Einsparungen auf Girokonten festzuhalten, wie Bloomberg weiter formuliert.


Privatkundeneinlagen in Deutschland: 2‘350 Mrd. EUR (d.h. 2,35 Billionen EUR), Graph: Bloomberg Aug 25, 2019.

Mittwoch, 21. August 2019

Deutschlands ruinöse Wirtschaftspolitik und Europas Krise


Die Inflationserwartungen sind laut Swap-Märkte stark gesunken. Eine Befürchtung im Jahr 2018 nach dem Ausbruch der GFC (Global Financial Crisis) war, dass die Deflation Wurzeln schlagen könnte. Die Angst bleibt bestehen.

Warum? Die Aspekte, die dabei im Wesentlichen zu beobachten sind, schnell ausgemacht: Lohn-Stagnation, schwache Nachfrage und träge Investitionstätigkeit. Und kein Einsatz der Fiskalpolitik.

Die deutsche Wirtschaftspolitik schadet der Weltwirtschaft und verdient, gerügt zu werden, notiert Paul Krugman in seiner Kolumne („The World has a Germany problem“) am Mittwoch bei NYTimes

Das Problem ist, dass die Deutschen mit der ruinösen Besessenheit in Sachen Staatsverschuldung sich selbst schlecht behandeln, fügt Krugman hinzu.

Und die Kosten dieser Besessenheit gehen nun auf die ganze Welt über.


Inflationserwartungen gemessen an 5y5y forward inflation-linked swap rates, Graph: The Economist, Aug 21, 2019

Freitag, 16. August 2019

Bond Märkte und Erwartungen


Am Mittwoch ist die Zinsstruktur-Kurve (yield curve) sowohl in den USA als auch in Grossbritannien fast gleichzeitig invertiert

Es ist Zeit, in Erinnerung zu rufen, warum dies uns interessiert.

Die Rendite der US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit ist zum ersten Mal seit GFC (2008) um 1 Basispunkte (d.h. 0,01%) unter die von 2-jährigen US-Staatspapieren gesunken.

Das bedeutet, dass die Rendite der kürzer laufenden Wertpapiere höher notiert als die Rendite der länger laufenden Staatsanleihen. Diese Konstellation nennt man am Finanzmarkt „inverse Zinskurve“, die als Rezessionssignal gilt.

Es ist nicht schwer, festzuhalten, dass der Rentenmarkt in letzter Zeit eine Geschichte von tiefgreifendem Pessimismus erzählt.

Paul Krugman hat neulich den Stellenwert der Bond-Märkte mit ein paar lesenswerten Gedanken zusammengefasst:

„Amateure sprechen über den Aktienmarkt. Aber Profis studieren den Anleihemarkt“.


Gemessen an 2y10y Rendite-Spread, die US und UK Ertragskurve (yield curve) drehen invers zum ersten Mal seit GFC (2008), Graph: Bloomberg, Aug 14, 2019 

Mittwoch, 14. August 2019

Sind Handelskriege inflationär oder deflationär?


Das ist eine schwierige Frage.

Es wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass die Zölle eine inflationäre Wirkung auf die Wirtschaft entfalten. Wir können uns ziemlich gut vorstellen, dass dies in den meisten Fällen zutrifft.

Der Smoot-Hawley-Tarif hatte aber deflationär ausgewirkt. Nachdem das Gesetz erlassen wurde, fielen die Aktien- und Rohstoffpreise von April bis Juni 1930 stark. 

Zur Erinnerung: Der grösste Börsen-Crash des Jahres 1930 ereignete sich unmittelbar, nachdem Hoover angekündigt hatte, den Gesetzentwurf zu unterzeichnen, wie Scott Sumner unterstreicht.

Ob der Zusammenhang kausal war, ist aber unter Ökonomen umstritten.

Eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums würde wahrscheinlich die Inflation verringern. Der Preisverfall bei Rohstoffen und Handelswaren wäre auch deflationär.


China’s Renminbi versus US Inflation (Erwartungen), Graph: Morgan Stanley, Aug 12, 2019

Sonntag, 11. August 2019

Deutschland in Rezession und kein Fiscal Stimulus


Die glanzlose Situation, in der die Weltkonjunktur steckt, veranlasst Analysten Wachstumsprognosen zu revidieren.

Angesichts der durch „Handelskriege“ eingetrübten weltweiten Wachstumsaussichten deuten die Zentralbanken immer wieder an, dass sie die Wogen nicht alleine glätten können.

Und die Märkte blinken grün. Es war selten günstiger für Regierungen, Kredite aufzunehmen. In vielen Fällen verweilen die Renditen unter der Null-Linie, was nichts anderes heisst, als dass die Anleger die Staaten zahlen, sich Geld zu leihen.

Die Forderungen durch die EZB an die Regierungen nehmen zu, ihre Haushalte zu lockern, v.a. wenn die Abkühlung einsetzt.

Ökonomen sind sich einig, dass Fiscal Stimulus wahrscheinlich der richtige Weg ist, wie Bloomberg berichtet.


Während die USA und China eine expansive Fiskalpolitik an den Tag legen, bewegen sich andere grosse Volkswirtschaften in die entgegengesetzte Richtung, Graph: Bloomberg Quint, Aug 11, 2019

Dienstag, 6. August 2019

Der deutsche Mittelstand und der Leistungsbilanzüberschuss


Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss belief sich 2018 auf rund 300 Mrd. EUR, d.h. 7,3% des BIP. 

Das bedeutet, dass Deutschland im Inland mehr spart als investiert und im Ausland mehr verkauft als es importiert.

Der IWF hat im Jahresbericht über globale Ungleichgewichte, der im vergangenen Monat vorgestellt wurde, die Warnung wiederholt, dass der Leistungsbilanzüberschuss in Deutschland „wesentlich“ stärker sei, als es die wirtschaftlichen Grundlagen rechtfertigen. 

Der IWF hat zudem Berlin nahelegt, Ausgaben zu erhöhen, um den Überschuss zurückzufahren.

In einem separaten Paper hat der IWF den Nachweis erbracht, dass der wachsende Leistungsbilanzüberschuss mit der Zunahme der Einkommens- und Vermögensungleichheit einherging.

Die Verbindung sei eine hohe Rentabilität von Unternehmen, so der IWF. Um die Jahrtausendwende nahmen die deutschen Ausfuhren Fahrt auf. Dies trug mit der Regierungspolitik zur Förderung von Lohnzurückhaltung und gekürzten Sozialleistungen dazu bei, die Gewinne zu steigern, wie The Economist unterstreicht.


Die reichsten 10% in Deutschland besitzen 60% des Nettovermögens, Graph: The Economist, 31 July, 2019

Donnerstag, 1. August 2019

Es gibt zu wenig Schuldner im Euroraum


Die Fed hat am Mittwoch die Geldpolitik gelockert

Die amerikanische Zentralbank hat den Leitzins (Fed Funds Rate) um 25 Basispunkte (0,25%) auf 2 bis 2,25% gesenkt. Das ist die erste Zinssenkung seit der GFC 2008.

Fed-Präsident Jerome Powell hat auf der Medienkonferenz erklärt, dass es sich dabei um eine Anpassung der Geldpolitik zur Mitte des Wirtschaftszyklus („mid-cycle adjustment“) handele. 

Begründung: die durch die Handelspolitik ausgelöste Unsicherheit, Risiken für die globale Konjunktur und der schwache Inflationsdruck in den USA.

Die Aussagen von Powell deuten je nach wirtschaftlicher Entwicklung auf weitere Zinsanpassungen hin. Die Fed hat zugleich auch das Ende des Programms zum Kauf von Anleihen aufgehoben.

Eine Zinssenkung bedeutet dem Lehrbuch nach, dass es der Wirtschaft i.d.R. nicht gut geht. Die Zentralbank versucht mit der Lockerung der Geldpolitik, die Aufnahme von Krediten zu erleichtern bzw. die Kreditkosten zu verbilligen. 

Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass die Inflation mit einer starken Wirtschaft zusammengehört. 

Auch die erwartete Zinssenkung durch die EZB ist deshalb vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die nächste Sitzung der EZB findet am 12. September statt.


Die erste Zinssenkung seit 10 Jahren; Fed Funds Rate, Graph: NYTimes, Aug 01, 2019 

Montag, 29. Juli 2019

Kurzarbeit in der Industrie und Unterbeschäftigung in Deutschland


Die EZB hat vergangene Woche bekräftigt, wegen der anhaltenden Schwäche der Konjunktur in Europa die Geldpolitik weiter zu lockern.

Der Ausblick wird „schlechter und schlechter“ („worse and worse“), sagte Mario Draghi nach der EZB-Sitzung in Frankfurt.

Geplant sind allem Anschein nach erneute Anleihekäufe und eine Zinssenkung durch die EZB. 

Der sog. Einlagensatz liegt gegenwärtig bei minus 0,40%. Der EZB-Rat hat gleichzeitig unterstrichen, dass die Zinspolitik allein nicht ausreichen würde, das Inflationsziel (knapp 2%) zu erreichen.

Bemerkenswert ist, dass Berlin trotzdem ein Ende der jahrelangen Krisenpolitik fordert, während die industrielle Schwäche deutsche Unternehmen veranlasst, Mitarbeitern „Kurzarbeit“ (short-time work) aufzuerlegen, um „grössere Schwierigkeiten zu vermeiden“. 

Wie FT darauf hindeutet, kann es sich dabei um die Vorboten von Problemen auf dem deutschen Arbeitsmarkt handeln.

Die US-China Handelsspannungen, die Befürchtungen eines non-deal Brexit und die Abkühlung des chinesischen Automobilmarktes belasten die exportorientierte deutsche Wirtschaft massiv.

Der Rückgang der Fertigungsaufträge in Deutschland scheint damit die gesamte Eurozone zu überschatten. Mit anderen Worten beginnt die deutsche industrielle Schwäche nun, ihre Spuren in der Arbeitsmarktpraxis des Landes zu hinterlassen.


David G. Blanchflower: Not Working – Where Have All the Good Jobs Gone? June 2019, Princeton University Press

Freitag, 26. Juli 2019

Interview: Prof. Sayuri Shirai, Keio University, Japan

Sayuri Shirai is Professor of Economics at the Keio University, Japan and a Visiting Scholar to ADB Institute and former Board Member of Bank of Japan



What does it mean in practice when MMT is applied? How are MMT’s pro-fiscal policy views are justified? Where do you see blind spots? 

I am not a strong critic of MMT. They provide interesting views about how to look at the economy. They place more emphasis on taxes than interest rate adjustment to contain demand-driven inflation. They believe in government expenditure rise or a tax cut as a way to raise demand and higher wages. But a flexible usage of taxes is not an option in Japan. The details are explained below.


What would be the implication of MMT for the Japanese and/or Eurozone economy if it were to be adopted?

In the highly-progressed aging society like Japan where the ratio of population aged equal or greater than 65 years old accounts for nearly 30% (far more serious than Europe) and large labor migration is not politically and socially accepted by the society, the fiscal deficit mainly arises from aging-related expenditure (pensions, medical care, and elderly care), which will continue to grow for a long time.

The public is very much concerned about their life after retirement (the opinion survey indicates 80% of all households worry about ageing) because the amount of national pension benefits is small and the amount of benefits relative to premium payment will be smaller as compared with the current pensioners under the PAYG system (partially funded by taxes and accumulated reserves).

Donnerstag, 25. Juli 2019

QE und Helicopter Money


Die wahrscheinlich umstrittenste Form unkonventioneller geldpolitischen Mittel in den letzten Jahren war die „mengenmässige Lockerung der Geldpolitik, genannt QE, d.h. quantitative easing.

Die QE, die von der Fed, BoE, ECB, der Riksbank und der BoJ in Folge der GFC eingesetzt wurde, wird von der US-Notenbank offiziell LSAP (large-scale asset purchases) genannt.

Die QE arbeitet über zwei Hauptkanäle: 1) Signalisierungskanal und 2) Portfolio-Balance-Kanal, wie Ben Bernanke im neulich von Olivier Blanchard und Larry Summers herausgegebenen Buch („Evolution or Revolution“) ausführlich erklärt.

Der Signalisierungskanal entsteht in dem Masse, wie der Kauf von Vermögenswerten durch die Zentralbank dazu beiträgt, das Bekenntnis der Zentralbank zur geldpolitischen Lockerung zu demonstrieren und insbesondere die kurzfristigen Zinssätze länger niedrig zu halten („lower for longer“).


10y GER Bund yield: -0.38%, Graph: FT, July 24, 2019 

Freitag, 19. Juli 2019

Niedrige Zinsen und Zusammenhänge einer Geldwirtschaft


Die Sehnsucht nach „Normalisierung“ der Geldpolitik ist tief. Das ist der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Wirtschaftsnachrichten konsultiert. 

Alle beklagen irgendwie niedrige Zinsen. Die finanzielle Situation von Millionen von Menschen sei davon betroffen. Sparer werden enteignet. Und so weiter. Das ist ja alles gut und schön, aber was auffällt ist, dass Ursachen und Auswirkungen dabei oft verwechselt werden.

Die Orthodoxie, d.h. die klassische und neo-klassische Schule, die eine krude „Nachfrage und Angebot“ Sicht vertritt, deutet darauf hin, dass der Zinssatz durch die Nachfrage nach und das Angebot an Ersparnissen (savings) bestimmt wird.

Keynes hingegen sagt, dass der Zinssatz die Ursache, nicht die passive Konsequenz der Wirtschaftsaktivität ist. Das heisst, dass das Niveau von Investitionen, Beschäftigung und Handel durch den Zinssatz ermittelt wird.

Demnach setzt die Nachfrage nach Vermögenswerten (assets), nicht die Ersparnisse, den Zinssatz fest.

Der Zinssatz wird durch die Nachfrage nach und Angebot an Vermögenswerten, insbesondere sicheren Staatsanleihen (z.B. UST, German Bunds, Gilts usw.) bestimmt.

M.a.W. bestimmt die Liquiditätspräferenz den Zinssatz. Und es stecken drei Motive dahinter. (*)


Der Wert der Staatsanleihen, die mit einer Negativ-Rendite gehandelt werden: 12.8 Billionen USD, Graph: BloombergTV, July 18, 2019

Dienstag, 16. Juli 2019

Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss und das verfügbare Einkommen


Der IWF hat am 10. Juli den Länderbericht Deutschland vorgelegt.

Ein Detail, das in den deutschen Mainstream-Medien bisher kaum beachtet wurde, ist IWFs Hinweis darauf, dass das verfügbare Haushaltseinkommen in Deutschland im Zeitraum 2005-2017 im Verhältnis zum BIP um rund 6% zurückgegangen ist.

Mit anderen Worten: Das Spiegelbild der steigenden Ersparnisse der deutschen Unternehmen (nicht-Finanz) und des gigantischen Leistungsbilanz-Überschusses ist der Rückgang des verfügbaren Haushaltseinkommens und des Verbrauchs als Anteil am BIP.

Die Bruttoeinsparungen der deutschen Unternehmen (d.h. einbehaltene Gewinne als Anteil der Bruttoleistung (gross output) oder der Wertschöpfung) ist seit Anfang der 2000er Jahre gestiegen.

Der Anstieg ist laut IWF auf die steigenden Gewinne deutscher Unternehmen und in jüngerer Zeit auf sinkende Dividenden-Ausschüttungs-Quoten zurückzuführen.


Das Spiegelbild der steigenden Ersparnisse der deutschen Unternehmen ist der Rückgang des verfügbaren Einkommens der deutschen Haushalte, Graph: IMF Country Report Germany, No. 19/214, July 2019

Sonntag, 14. Juli 2019

Geld ist nicht knapp


Die Fed schickt sich gerade an, auf der nächsten FOMC-Sitzung (Ende Juli 2019) die Zinsen in den USA zu lockern. Das wäre die erste Zinssenkung seit Dezember 2008.

Wichtig ist vor diesem Hintergrund, wieder in Erinnerung zu rufen, wo das Geld herkommt.

Das Geld ist „endogen“, heisst es im Vokabular der Volkswirtschaftslehre. 

Fast das ganze Geld, das wir heute benutzen, ist durch die Kreditvergabe Tätigkeit der privaten Banken geschaffen.

Der Privatsektor ist verantwortlich für 95% des Geldangebots. Es hat also mit der Fed und/oder mit der EZB nichts zu tun.

Die Frage ist nicht nur, wie das Geld erzeugt wird, sondern für wen und für welchen Zweck es generiert wird.

Viel davon wird für Spekulationen geschaffen. In einer Demokratie ist es daher selbstverständlich, dass die Bürger fordern, dass das Geld in die Bedürfnisse der Gesellschaft investiert wird, z.B. für gute öffentliche Dienstleistungen, wie Ann Pettifor in einem Video erläutert.

Pettifor, Direktorin der Denkfabrik Policy Research in Macroeconomics, schildert in diesem unbedingt sehenswerten Beitrag, wie einfach es für die Regierungen ist, die Ausgaben zu finanzieren, die notwendig für die Gesellschaft sind.



Finanzierungssalden der US-Wirtschaft; Sektoren: private Haushalte, Unternehmen und Staat, Graph: Stephanie Kelton

Samstag, 13. Juli 2019

Fed und die bevorstehende Zinssenkung, sicherheitshalber


Die Futures Märkte für die Fed Funds Rates legen derzeit nahe, dass eine US-Zinssenkung auf der nächsten FOMC-Sitzung am 31. Juli so gut wie sicher ist. 

Bekanntlich fordert US-Präsident Donald Trump von Jerome Powell schon länger eine Zinssenkung.

Dass die Aussagen des Chefs der US-Notenbank Powell im Rahmen seiner halbjährlichen Anhörung vor dem US-Kongress am Mittwoch nun als Signal für eine Zinssenkung gedeutet werden, hat aber damit nichts zu tun.

Powells Priorität ist nämlich die mittlerweile seit 10 Jahren anhaltende wirtschaftliche Expansion aufrechtzuerhalten.

Es geht darum, die „Risiken zu managen“, insbesondere solche, die auf das schwächere globale Wachstum und die Handelspolitik von Präsident Trump zurückzuführen sind.

Mit anderen Worten sind die bevorstehenden Zinssenkungen als „sicherheitshalber“ („insurance cuts“) zu verstehen, keine Kürzungen gegen eine wirtschaftliche Rezession.

Das ist die Lesart von Powell.

Stimmt es aber, was den Teil „Rezession“ betrifft?


Fed Funds Rates und die Erwartungen für Januar 2020, die von CBOT Futures abgeleitet sind, Graph: FT, July 12, 2019

Donnerstag, 11. Juli 2019

IWF denkt über Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss nach


Der IWF hat am Mittwoch den Länder-Bericht Deutschland vorgelegt. 

Der Verfasser des Berichtes betonen, dass Deutschlands „Erfolg“ auf den globalen Exportmärkten vor dem Hintergrund seiner hohen Vermögensungleichheit (wealth inequality) betrachtet werden muss, um die Antreiber für den Anstieg der privaten Ersparnisse und die Akkumulation von gigantischen Leistungsbilanzüberschüssen zu beleuchten.

Es wurde vielfach dokumentiert, so IWF weiter, dass die Brutto- und Netto-Sparquote der deutschen nicht-finanz-Unternehmen (NFC) in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen hat, während die relativ hohen Ersparnisse der privaten Haushalte weitgehend unverändert geblieben sind. 

Und der Leistungsbilanz-Überschuss ist weiter angestiegen. Der Anstieg wurde zunächst von steigenden Gewinnen, Lohnzurückhaltung und dem Rückgang der Arbeitsanteile (labor share) und seit 2008 von den fallenden Dividendenausschüttungssätzen getrieben.

Es fällt einem nicht schwer, zu resümieren, dass es einmalig ist, dass der IWF in einem Länder-Bericht die Lohnzurückhaltung in Deutschland als Treiber des wachsenden Leistungsbilanzüberschusses mehrmals und so deutlich hervorhebt.


Verbrauch der privaten Haushalte und das verfügbare Einkommen in Deutschland, Graph: IMF Art. IV Consultation, July 10, 2019

Sonntag, 7. Juli 2019

Sparen behindert Investitionen und verringert Kapitalstock


Die Rendite der deutschen Bundesanleihen mit 10 Jahren Laufzeit setzt die Talfahrt fort.

In den vergangenen 6 Monaten hat der 10-jährige German Bund einen Rendite-Rückgang von 57,5 Basispunkten verbucht und nun mit minus 0,40% ein neues Rekordtief erreicht.

Am Donnerstag lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe mit minus 0,409% sogar unter dem Einlagensatz (deposit facility) der EZB von minus 0,40%.

Das ist der Zinssatz, den die EZB für das Geld, das die Banken bei ihr parken, zahlt. Bemerkenswert ist, dass alle EUR-Länder (wie z.B. Frankreich und Italien) davon profitieren, zu rekordtiefen Kreditkosten Obligationen zu versteigern.

Zugleich mehren sich die Anzeichen dafür, wie schwer die Aufgabe der EZB wird, die anhaltend niedrige Inflation zu bekämpfen und das Wirtschaftswachstum wieder zu beleben.


Der deutsche Kapitalstock ist in den letzten 20 Jahren im Vergleich zu EUR-Nachbarstaaten kaum gewachsen. Der Grund ist der rigorose Sparkurs, genannt Fiscal Austerity, Graph: BloombergQuint, July 5, 2019