Freitag, 19. Juli 2019

Niedrige Zinsen und Zusammenhänge einer Geldwirtschaft


Die Sehnsucht nach „Normalisierung“ der Geldpolitik ist tief. Das ist der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Wirtschaftsnachrichten konsultiert. 

Alle beklagen irgendwie niedrige Zinsen. Die finanzielle Situation von Millionen von Menschen sei davon betroffen. Sparer werden enteignet. Und so weiter. Das ist ja alles gut und schön, aber was auffällt ist, dass Ursachen und Auswirkungen dabei oft verwechselt werden.

Die Orthodoxie, d.h. die klassische und neo-klassische Schule, die eine krude „Nachfrage und Angebot“ Sicht vertritt, deutet darauf hin, dass der Zinssatz durch die Nachfrage nach und das Angebot an Ersparnissen (savings) bestimmt wird.

Keynes hingegen sagt, dass der Zinssatz die Ursache, nicht die passive Konsequenz der Wirtschaftsaktivität ist. Das heisst, dass das Niveau von Investitionen, Beschäftigung und Handel durch den Zinssatz ermittelt wird.

Demnach setzt die Nachfrage nach Vermögenswerten (assets), nicht die Ersparnisse, den Zinssatz fest.

Der Zinssatz wird durch die Nachfrage nach und Angebot an Vermögenswerten, insbesondere sicheren Staatsanleihen (z.B. UST, German Bunds, Gilts usw.) bestimmt.

M.a.W. bestimmt die Liquiditätspräferenz den Zinssatz. Und es stecken drei Motive dahinter. (*)


Der Wert der Staatsanleihen, die mit einer Negativ-Rendite gehandelt werden: 12.8 Billionen USD, Graph: BloombergTV, July 18, 2019

Dienstag, 16. Juli 2019

Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss und das verfügbare Einkommen


Der IWF hat am 10. Juli den Länderbericht Deutschland vorgelegt.

Ein Detail, das in den deutschen Mainstream-Medien bisher kaum beachtet wurde, ist IWFs Hinweis darauf, dass das verfügbare Haushaltseinkommen in Deutschland im Zeitraum 2005-2017 im Verhältnis zum BIP um rund 6% zurückgegangen ist.

Mit anderen Worten: Das Spiegelbild der steigenden Ersparnisse der deutschen Unternehmen (nicht-Finanz) und des gigantischen Leistungsbilanz-Überschusses ist der Rückgang des verfügbaren Haushaltseinkommens und des Verbrauchs als Anteil am BIP.

Die Bruttoeinsparungen der deutschen Unternehmen (d.h. einbehaltene Gewinne als Anteil der Bruttoleistung (gross output) oder der Wertschöpfung) ist seit Anfang der 2000er Jahre gestiegen.

Der Anstieg ist laut IWF auf die steigenden Gewinne deutscher Unternehmen und in jüngerer Zeit auf sinkende Dividenden-Ausschüttungs-Quoten zurückzuführen.


Das Spiegelbild der steigenden Ersparnisse der deutschen Unternehmen ist der Rückgang des verfügbaren Einkommens der deutschen Haushalte, Graph: IMF Country Report Germany, No. 19/214, July 2019

Sonntag, 14. Juli 2019

Geld ist nicht knapp


Die Fed schickt sich gerade an, auf der nächsten FOMC-Sitzung (Ende Juli 2019) die Zinsen in den USA zu lockern. Das wäre die erste Zinssenkung seit Dezember 2008.

Wichtig ist vor diesem Hintergrund, wieder in Erinnerung zu rufen, wo das Geld herkommt.

Das Geld ist „endogen“, heisst es im Vokabular der Volkswirtschaftslehre. 

Fast das ganze Geld, das wir heute benutzen, ist durch die Kreditvergabe Tätigkeit der privaten Banken geschaffen.

Der Privatsektor ist verantwortlich für 95% des Geldangebots. Es hat also mit der Fed und/oder mit der EZB nichts zu tun.

Die Frage ist nicht nur, wie das Geld erzeugt wird, sondern für wen und für welchen Zweck es generiert wird.

Viel davon wird für Spekulationen geschaffen. In einer Demokratie ist es daher selbstverständlich, dass die Bürger fordern, dass das Geld in die Bedürfnisse der Gesellschaft investiert wird, z.B. für gute öffentliche Dienstleistungen, wie Ann Pettifor in einem Video erläutert.

Pettifor, Direktorin der Denkfabrik Policy Research in Macroeconomics, schildert in diesem unbedingt sehenswerten Beitrag, wie einfach es für die Regierungen ist, die Ausgaben zu finanzieren, die notwendig für die Gesellschaft sind.



Finanzierungssalden der US-Wirtschaft; Sektoren: private Haushalte, Unternehmen und Staat, Graph: Stephanie Kelton

Samstag, 13. Juli 2019

Fed und die bevorstehende Zinssenkung, sicherheitshalber


Die Futures Märkte für die Fed Funds Rates legen derzeit nahe, dass eine US-Zinssenkung auf der nächsten FOMC-Sitzung am 31. Juli so gut wie sicher ist. 

Bekanntlich fordert US-Präsident Donald Trump von Jerome Powell schon länger eine Zinssenkung.

Dass die Aussagen des Chefs der US-Notenbank Powell im Rahmen seiner halbjährlichen Anhörung vor dem US-Kongress am Mittwoch nun als Signal für eine Zinssenkung gedeutet werden, hat aber damit nichts zu tun.

Powells Priorität ist nämlich die mittlerweile seit 10 Jahren anhaltende wirtschaftliche Expansion aufrechtzuerhalten.

Es geht darum, die „Risiken zu managen“, insbesondere solche, die auf das schwächere globale Wachstum und die Handelspolitik von Präsident Trump zurückzuführen sind.

Mit anderen Worten sind die bevorstehenden Zinssenkungen als „sicherheitshalber“ („insurance cuts“) zu verstehen, keine Kürzungen gegen eine wirtschaftliche Rezession.

Das ist die Lesart von Powell.

Stimmt es aber, was den Teil „Rezession“ betrifft?


Fed Funds Rates und die Erwartungen für Januar 2020, die von CBOT Futures abgeleitet sind, Graph: FT, July 12, 2019

Donnerstag, 11. Juli 2019

IWF denkt über Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss nach


Der IWF hat am Mittwoch den Länder-Bericht Deutschland vorgelegt. 

Der Verfasser des Berichtes betonen, dass Deutschlands „Erfolg“ auf den globalen Exportmärkten vor dem Hintergrund seiner hohen Vermögensungleichheit (wealth inequality) betrachtet werden muss, um die Antreiber für den Anstieg der privaten Ersparnisse und die Akkumulation von gigantischen Leistungsbilanzüberschüssen zu beleuchten.

Es wurde vielfach dokumentiert, so IWF weiter, dass die Brutto- und Netto-Sparquote der deutschen nicht-finanz-Unternehmen (NFC) in den letzten zwei Jahrzehnten zugenommen hat, während die relativ hohen Ersparnisse der privaten Haushalte weitgehend unverändert geblieben sind. 

Und der Leistungsbilanz-Überschuss ist weiter angestiegen. Der Anstieg wurde zunächst von steigenden Gewinnen, Lohnzurückhaltung und dem Rückgang der Arbeitsanteile (labor share) und seit 2008 von den fallenden Dividendenausschüttungssätzen getrieben.

Es fällt einem nicht schwer, zu resümieren, dass es einmalig ist, dass der IWF in einem Länder-Bericht die Lohnzurückhaltung in Deutschland als Treiber des wachsenden Leistungsbilanzüberschusses mehrmals und so deutlich hervorhebt.


Verbrauch der privaten Haushalte und das verfügbare Einkommen in Deutschland, Graph: IMF Art. IV Consultation, July 10, 2019

Sonntag, 7. Juli 2019

Sparen behindert Investitionen und verringert Kapitalstock


Die Rendite der deutschen Bundesanleihen mit 10 Jahren Laufzeit setzt die Talfahrt fort.

In den vergangenen 6 Monaten hat der 10-jährige German Bund einen Rendite-Rückgang von 57,5 Basispunkten verbucht und nun mit minus 0,40% ein neues Rekordtief erreicht.

Am Donnerstag lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe mit minus 0,409% sogar unter dem Einlagensatz (deposit facility) der EZB von minus 0,40%.

Das ist der Zinssatz, den die EZB für das Geld, das die Banken bei ihr parken, zahlt. Bemerkenswert ist, dass alle EUR-Länder (wie z.B. Frankreich und Italien) davon profitieren, zu rekordtiefen Kreditkosten Obligationen zu versteigern.

Zugleich mehren sich die Anzeichen dafür, wie schwer die Aufgabe der EZB wird, die anhaltend niedrige Inflation zu bekämpfen und das Wirtschaftswachstum wieder zu beleben.


Der deutsche Kapitalstock ist in den letzten 20 Jahren im Vergleich zu EUR-Nachbarstaaten kaum gewachsen. Der Grund ist der rigorose Sparkurs, genannt Fiscal Austerity, Graph: BloombergQuint, July 5, 2019

Donnerstag, 4. Juli 2019

Das antizyklische Potential der Fiskalpolitik


In der Eurozone werden mittlerweile alle Staatsanleihen mit zwei Jahren Laufzeit mit einer Negativ-Rendite gehandelt.

Die Rendite der 10-jährigen Bundeswertpapiere mit minus 0,399% steht kurz davor, unterhalb des Satzes der Einlagefazilität mit minus 0,40% zu fallen.

Die Futures Märkte preisen inzwischen die erste Zinssenkung durch die EZB im September 2019 und dann eine zweite in 12 Monaten ein.

Die Zentralbanken halten vor diesem Hintergrund am extra-lockeren Kurs der Geldpolitik, der nach dem Ausbruch der GFC (Global Financial Crisis) von 2008-2009 eingeschlagen wurde, weiterhin fest.

Das ist insofern interessant, als die geldpolitischen Entscheidungsträger und Ökonomen auf beiden Seiten des Atlantiks seit ein paar Monaten Überlegungen anstellen, welche geldpolitische Mittel in welcher Reihenfolge eingesetzt würden, falls die nächste Rezession einschlagen würde.


In der Eurozone werden alle Staatsanleihen mit 2 Jahren mit Negativ-Rendite gehandelt, Graph: FT, July 3, 2019 

Sonntag, 30. Juni 2019

Evolution or Revolution?


Buchbesprechung:

Olivier Blanchard and Lawrence H. Summers: Evolution or Revolution? Rethinking Macroeconomic Policy After the Great Recession, MIT Press, May 2019


Dieses von Olivier Blanchard und Larry Summers kürzlich gemeinsam herausgegebene Buch befasst sich mit der Frage, wie die Erfahrung aus der jüngsten Krise (gemeint ist die GFC, Global Financial Crisis von 2008-2009) das makroökonomische Denken und die makroökonomische Politik verändern sollte.

Denn die Frage, wie und wann Zurückhaltung angewendet werden soll, ist heute wichtiger als die Frage, wie die Nachfrage gesteigert werden kann, so die Autoren ganz am Anfang des Buches.

Sind die politischen Entscheidungsträger auf die nächste Krise vorbereitet? 

Das Buch, das lesenswerte Beiträge von z.B. Ben Bernanke, Lael Brainard, Adam Posen, Mario Draghi, Jay C. Shambaugh, Markus K. Brunnermeier, Gita Gopinath und Barry Eichengreen beinhaltet, behandelt hauptsächlich fünf Themen: Geldpolitik, Fiskalpolitik, Finanzpolitik, Ungleichheit und politische Ökonomie sowie das internationale Währungs- und Finanzsystem. 

Eine der wesentlichen Aussagen, die die Herausgeber wiederholt unterstreichen, ist die Tatsache, dass das blinde Vertrauen in die sich selbst wiederherstellenden Eigenschaften von Volkswirtschaften, wie es in der Frühphase der Krise von einigen Ökonomen zum Ausdruck gebracht wurde, mittlerweile weitgehend abzulehnen ist.

Donnerstag, 27. Juni 2019

Euroraum im Trugschluss der Verallgemeinerung


Es sei nämlich interessant, gerade, wo die EZB und Brüssel die deutsche Bundesregierung auffordern, Ausgaben zu erhöhen, plane Berlin, den Haushalt zu kürzen (um 3 Mrd. EUR). Ist es etwa wegen Haushaltsdefizite?

Das ist die Frage, die Matt Miller, Bloomberg Reporter an Marcel Fratzscher in einem TV-Gespräch stellt. 

Fratzscher, DIW-Präsident sagt, die deutschen Einnahmen seien rückgängig, weniger als geplant. Die deutsche Wirtschaft wachse langsam und sei globalen Unsicherheiten ausgesetzt, so die Begründung.

Es gibt aber kein Haushaltsdefizit, hackt Miller nach. Im Gegenteil, Deutschland habe einen gigantischen Haushaltsüberschuss, so die Betonung.

Dann sagt Fratzscher, Wirtschaftsprofessor für Makroökonomie an der Humboldt-Uni zu Berlin, „Wir Deutschen mögen Überschüsse“. Und die Schwierigkeit sei, dass Deutschland eine Schuldenbremse habe. Und das bedeute, dass Deutschland einen Überschuss aufweisen müsse.

Das ist in der Tat eine aufschlussreiche Unterhaltung.

Die Frage ist, warum die Einnahmen des Staates zurückgehen. Die Antwort liegt auf der Hand: Weil der Staat auf Sparkurs ist, sprich „fiscal austerity“. 


Berlin plant Haushaltskürzungen trotz Haushaltsüberschuss, Graph: BloombergQuint, June 27, 2019

Mittwoch, 26. Juni 2019

Wie niedrige Zinsen und Fiskalpolitik interagieren


Die Inflationserwartungen bilden sich auf beiden Seiten des Atlantiks zurück. 

Das ist ein neues Phänomen, das v.a. im Nachspiel der GFC (Global Financial Crisis 2008-2009) augenfällig wurde.

Was sagt aber der Rückgang der Inflationserwartungen über die makroökonomische Politik aus?

Seit rund 15 Jahren geben die privaten Haushalte gemäss Umfragen (zur Ermittlung der Inflationserwartungen) in den USA (*) an, dass sie mit einer Schrumpfung ihres Einkommenswachstums rechnen.

Kein Wunder, dass sie sich mit Ausgaben zurückhalten.

Ein geringeres Produktivitätswachstum wird häufig als Grund dafür herangezogen, sich mit einem geringeren Lohnwachstum zufrieden zu geben.

Aber warum sind bisherige Produktivitätsgewinne nicht an die Arbeitnehmer zurückgeflossen?

Skanda Amarnath bietet dazu ein paar sehenswerte Abbildungen in seinem Blog


Inflationserwartungen in den USA (blaue Kurve) und im Euroraum (weisse Kurve), gemessen an 5y5y Inflation Swap Forward Rates, und Oil Futures (Brent, linke Skala), Graph: BloombergTV, June 25, 2019

Samstag, 22. Juni 2019

Austerity Palooza in Stagnation und Deutschlands Ertragskurve


Der letzte Schimmer positiver Renditen für deutsche Staatsanleihen droht ausgelöscht zu werden, meldet Bloomberg am Freitag.

Eine globale Rally an den Anleihemärkten hat bereits alle deutschen Staatspapiere bis auf 20 Jahre unter null gebracht.

Es wäre eine Premiere unter den grossen Märkten, wenn auch die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit ins Negative drehen würde.

Der Wert der Anleihen, die mit negativen Renditen gehandelt werden, stieg diese Woche weltweit auf ein Rekordniveau von 12‘500 Mrd. USD, nachdem EZB-Präsident Mario Draghi das Signal gegeben hatte, dass die europäische Zentralbank über Zinssenkungen und mengenmässige Lockerung der Geldpolitik nachdenke. 

Auch die US-Notenbank hat neulich, geplagt von Sorgen um die wachsenden Bedrohungen für das globale Wirtschaftswachstum, Zinssenkungen in Aussicht gestellt, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

In der Folge ist die Rendite der US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit unter 2% gesunken, zum ersten Mal seit Juli 2016.


Die deutsche Renditekurve präsentiert negative Werte bis auf 20 Jahre. Nur die 30-jährige Anleihe hat eine positive Rendite, Graph: Bloomberg, June 21, 2019

Dienstag, 18. Juni 2019

Deflationsangst und warum Investoren nach Spreads lechzen


Das Volumen der Anleihen, die mit einer Negativ-Rendite gehandelt werden, hat nun einen Wert von rund 12`000 Mrd. USD erreicht.

Deutschland hat vergangene Woche eine 10-jährige Staatsanleihe mit einer Rekord-tiefen Rendite von minus 0,25% ausgegeben. 

Auch in der Schweiz, in Japan, den Niederlanden und Dänemark werden Staatspapiere mit 10 Jahren Laufzeit mit einer Negativ-Rendite gehandelt.

Es wäre keine Übertreibung, davon zu reden, dass die Bond-Märkte und Inflationserwartungen vor einer Deflationsangst stehen, wenn man v.a. den jüngsten Verlauf der 5y5y Inflation Swap Forward Rates und/oder 10y Breakeven Rates beobachtet.

In einer Rezession oder Depression gibt es laut Lehrbuch kaum Bereiche, die von Überschuss-Nachfrage gekennzeichnet sind. Folglich ist es kein Wunder, zu erblicken, dass die Preise sich einem allgemeinen Rückgang unterziehen, der als Deflation beschrieben wird.


Das Volumen der Anleihen, die mit einer Negativ-Rendite gehandelt werden, hat heute einen Wert von fast 12`000 Mrd. USD erreicht, Graph: FT, June 17, 2019 

Sonntag, 16. Juni 2019

Wenn Zinsen tiefer liegen als Wachstum


Im Euroraum haben sich Inflationserwartungen auch diese Woche etwas zurückgebildet.

5y5y Inflation Swap Forward Rates markieren mit 1.1385% einen neuen historisch niedrigen Rekord-Wert. 

Aber auch gemessen an sog. Breakeven-Sätzen sind die Inflationserwartungen zurückgefallen.

Die Sätze errechnen sich aus der Differenz der nominalen Renditen und der realen Renditen (gemessen an inflationsindexierten Staatsanleihen mit der entsprechenden Laufzeit) und gelten als „proxy“ für Inflationserwartungen.

Die gegenwärtigen Werte (mit Daten aus Freitag) belaufen sich für USD auf 1,65% (2,08% minus 0,43%) und für EUR (deutsche Bundeswertpapiere) auf 0,89% (-0,26% minus -1,15%).

Auffallend ist, dass die Werte deutlich unter dem Inflation Target der jeweiligen Zentralbanken liegen.

Dies deutet darauf hin, dass die Anleger nicht davon überzeugt sind, dass die Zentralbanken in der Lage sind, die Wirtschaft in Zukunft zurück zum Potentialwachstum zu bringen.


5y5y Inflation Swap Forward Rate, Graph: Mike Makenzie, FT, June 14, 2019 

Donnerstag, 13. Juni 2019

Niedrige Zinsen bedeuten niedrige Opportunitätskosten


Im Euroraum suchen derzeit über 12,5 Mio. Menschen Arbeitsplätze. 2,3 Mio. Arbeitslose sind unter 25 Jahre alt.

Der Sachverhalt hat einen Namen: fiscal austerity.

Die Sparpolitik, die die EU seit dem Ausbruch der GFC verfolgt hat, hat für Millionen von Menschen vorhersehbare katastrophale Folgen.

Die hohe Arbeitslosigkeit resultiert nicht aus dem Fachkräftemangel der Arbeitnehmer, sondern aus Rezessionen, d.h. aus dem Versagen des Marktes, Löhne mit Opportunitätskosten in Einklang zu bringen, wie John Quiggin in seinem neulich erschienenen Buch formuliert.

Arbeitslosigkeit lässt sich mit Lohnmoderation nicht lösen. Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. Rezessionen und Arbeitslosigkeit entstehen durch die Entscheidung, die Ausgaben zu kürzen bzw. kein Geld auszugeben.

Austerität ist eine gefährliche Idee.


Inflationserwartungen im Euroraum fallen auf ein Rekordtief, Graph: Dhara Ranasinghe, Reuters, June 07, 2019

Sonntag, 9. Juni 2019

Sparparadoxon und Geldpolitik im Engpass


Das ist eine bemerkenswerte Abbildung, die den Verlauf der Inflationserwartungen auf beiden Seiten des Atlantiks zeigt.

Gemessen an 5y5y Inflation Swap Forward Rates fallen die Inflationserwartungen sowohl in den USA als auch im Euroland.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die EZB am Donnerstag erklärt hat, die Leitzinsen im Euroraum noch bis mindestens zum Ende des ersten Halbjahres 2020 nicht antasten zu wollen.

Damit hat EZB-Präsident Mario Draghi den Zinsausblick (forward guidance) zeitlich weiter nach hinten verschoben. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Liquidität liegt seit März 2012 auf 0.0%.

Das geldpolitische Ziel der EZB ist, mit der Neuauflage der langfristigen Kredite (genannt „TLTRO III“) an die Banken, die Kreditvergabe im Euroraum zu fördern. 


Inflationserwartungen in den USA und im Euroraum, gemessen an 5y5y Inflation Swap Forward Rates, rechte Skala: EUR, und linke Skale: USD, Graph: Bloomberg, June 7, 2019

Economics in Two Lessons

Buchbesprechung:

John Quiggin: Economics in Two Lessons – Why Markets Work so Well, and Why They Can Fail so Badly, Princeton University Press, May 2019, Princeton New Jersey

In diesem Buch dreht sich alles um die Opportunitätskosten. Die Zielsetzung ist, zu verstehen, wann der Markt funktioniert und wann versagt und warum der Staat in die Bresche springen muss.

Der Ausgangspunkt ist das von Henry Hazlitt im Jahr 1946 vorgelegte Werk „Economics in One Lesson“. Ein Buch, das um jeden Preis die freie Marktwirtschaft verteidigt. Des Autors einfache Antwort ist: „lass‘ die Märkte in Ruhe, und alles wird gut“. 

Das Buch war eigentlich eine Art Hommage an Frederic Bastiat, den französischen Schriftsteller, der sich in einem Pamphlet 1850 energisch für den „free trade“ eingesetzt hatte.

Hazlitt, der in der Tradition der Mikroökonomie gearbeitet hat, hat Bastiats Buch nicht nur als Vorlage genutzt, sondern auch um eine Kritik an Keynes Analyse in Bezug auf die „Great Depression“ der 1930er Jahren erweitert.

John Quiggin überprüft hierbei die Frage v.a. aus gesamtwirtschaftlicher Sicht, ob die Preise für Waren und Dienstleistungen alle Kosten widerspiegeln und bestimmen, die für eine Gesellschaft bei der Bereitstellung dieser Waren und Dienstleistungen anfallen, im „Konzept der Opportunitätskosten“ zusammengefasst werden.

Dienstag, 4. Juni 2019

Europas verkrustete Identifikation mit Fiscal Austerity


Die jährliche Inflation im Euroraum im Mai 2019 ist auf 1,2% gesunken. Dies geht aus einer Schnellschätzung (flash estimate) am Dienstag von Eurostat, dem statistischen Amt der EU hervor. Im April belief sich die Inflation auf 1,7%. 

Das bedeutet, dass die Inflation vom Zielwert der EZB weiter wegkommt. Darüber hinaus bilden sich auch die Inflationserwartungen zurück. Der 5y5y Inflation Swap-Satz ist inzwischen auf 1,3% gefallen, nahe dem niedrigen Wert von 1,25% von Mitte-2016. 

Das stellt eine erhebliche Herausforderung für die europäischen Währungshüter dar. Denn der Kerngedanke der (konventionellen) Geldpolitik ist, die Zinsen während einer Rezession-Phase zu senken und während einer Boom-Phase zu erhöhen.

Eine Zinssenkung macht allerlei Investitionen attraktiv, weil die Finanzierungskosten damit fallen. Je niedriger die Zinsen sind, desto niedriger sind die Opportunitätskosten.


Inflationserwartungen im Euroraum gemessen am 5y5y Inflation Swap-Satz, Graph: FT, June 04, 2019

Dienstag, 28. Mai 2019

Japans Nachfrageschwäche und Niedrigzinsen


Wie viel Schulden sind zu viel?

Es ist unmöglich, eine Zahl zu vergeben. Niemand kann.

Wenn wir uns Japan heute ansehen, beträgt die Verschuldung (brutto) gegenüber dem BIP rund 240% (netto: 153%).

Der langfristige Zinssatz ist nahe Null. Und es gibt kein Inflationsproblem. Doch verspricht Japans Regierung seit Jahren das Primärdefizit abzubauen. 

Zur Erinnerung: Die japanischen Zinsen liegen seit 1999 auf der Nullgrenze (zero lower bound). Und das Haushaltsdefizit beträgt 3,2% des BIP, während sich das Primärdefizit auf 2,9% beläuft.

Das grundlegende makroökonomische Problem Japans ist eine schwache inländische Gesamtnachfrage und die daraus resultierende Notwendigkeit einer Kombination aus sehr niedrigen Zinssätzen und Haushaltsdefiziten, um die Nachfrage und das Produktionspotenzial aufrechtzuerhalten, wie Olivier Blanchard in Zusammenarbeit mit Takeshi Tashiro in einer kürzlich vorgelegten Studie beschreibt.

Durch negative Zinsen und die mengenmässige Lockerung (QE: quantitative easing) hat die Geldpolitik zwar alles getan, was sie konnte. Aber offensichtlich nicht genug. 

Es war daher die richtige Politik, Defizite zu verbuchen und den daraus resultierenden Anstieg der Staatsverschuldung zu akzeptieren, bemerkt Blanchard weiter.


Der Schatten-Zinssatz („shadow rates“) in Japan, Graph: PIIE, May 2019

Samstag, 25. Mai 2019

Why Superman doesn’t take over the world


Buchbesprechung:

J. Brian O´Roark: Why Superman doesn’t take over the world – What superheroes can tell us about economics, Oxford University Press, March 2019, Oxford UK

Comic ist eine Art story telling in einer Folge von Bildern mit Sprech- und Denkblasen. Der Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet im Allgemeinen „komisch“, „lustig“ und „drollig“. 

In den USA wurden comic strips im späten 19. Jahrhundert in Zeitungen veröffentlicht. Die Tradition lebt eigentlich heute noch in Amerika mit steigender Wertschätzung, die z.B. in Form von Graphic Novels im Lauf der Zeit mehr an Bedeutung gewonnen hat. Inhaltliche Aspekte erfassen praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass Brian O’Roark, der an der James Madison University Volkswirtschaftslehre unterrichtet, diese eigenständige Kunstform aus Sicht der Ökonomie in seinem neuen Buch erforscht. 

Der Autor unterstreicht von Anfang an, dass die Vorgeschichte und Erzählung von Helden, die in Comic Hefts dargestellt werden, kompliziert und unterschiedlich sein mögen. Aber was sie miteinander verbindet, sind drei ökonomische Grundsätze: Anreize, Nutzen und Produktivität.

Donnerstag, 23. Mai 2019

Warum fallen Inflationserwartungen im Euroraum weiter?


Die EZB peilt in Sachen Inflation mittelfristig einen Wert von „unter, aber nahe 2%“ an. Die Teuerung muss also nicht so tief wie möglich ausfallen. 

Das bedeutet, dass das geldpolitische Konzept der EZB eine Inflationsrate von 2% als ideal für die Konjunktur betrachtet. 

Doch wird das Ziel von der EZB seit geraumer Zeit unterboten. Und die Inflationserwartungen, gemessen an 5y5y inflation forward Sätzen, fallen.  

Einen wesentlichen Anteil daran hatte der fallende Global Risk Premium. Neulich scheinen jedoch allgemeine Sorgen um den Inflationsausblick zu überwiegen. 

Im Grunde genommen spielt es im gegenwärtigen Umfeld der Wirtschaft keine wesentliche Rolle, welche Komponente den grössten Beitrag zu Inflationserwartungen leisten, dass diese fällt.


Inflationserwartungen im Euroraum, Graph: Bloomberg, May 21, 2019

Sonntag, 19. Mai 2019

Ein Staat ist nicht wie ein privater Haushalt


Die Abnahme der Volatilität der Konjunkturschwankungen in den Industrieländern ab Mitte der 1980er Jahren bis 2007 wurde von den Zentralbanken als „Great Moderation“ bezeichnet und bei jeder Gelegenheit hoch gefeiert.

Vor allem Ben Bernanke, der frühere Präsident der US-Notenbank hatte unter Bezugnahme auf diese Zeitspanne mit niedriger Inflation, dem moderaten Wirtschaftswachstum und der Finanzstabilität das Ende der grossen Wirtschaftskrisen verkündet. 

Dann kam es zu der globalen Finanzkrise (GFC: Global Financial Crisis). Und die These der Great Moderation wurde im Handumdrehen umgehauen.

Die Fed hat auf die GFC mit QE (quantitative easing), der mengenmässigen Lockerung der Geldpolitik reagiert. In Europa wurde die Krise, die ja ohne Zweifel im Privatsektor ausgebrochen war, als „Staatsschuldenkrise“ umgedeutet und sofort „fiscal austerity“ verordnet.

Der fatale Glaube daran, dass die Staaten wie private Haushalte funktionieren, hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt, sodass die EU-Mitgliedsländer angehalten wurden, selbst auf Kosten von Massenarbeitslosigkeit, in einem schwer angeschlagenen Umfeld der Wirtschaft die Verschuldung zurückzufahren.

Die EZB hat sich sogar am Anfang geweigert, als Lender of Last Resort zu agieren. Jean-Claude Trichet, der damalige Präsident der EZB hat sogar im April und Juni 2011 die Zinsen im Euroraum zweimal angehoben. 



Die EZB ist eine der fünf Zentralbanken mit Negativ-Zinsen, Graph: Bloomberg Quint, May 18, 2019

Freitag, 17. Mai 2019

Aufgliederung der deutschen Zinsen


Die Schweizer Privatbank Pictet WM aus Genf hat am Mittwoch ein paar sehenswerte Abbildungen geliefert, um die Aufteilung der deutschen Renditen mit zehn Jahren Laufzeit zu zeigen.

Aktuell sehen die Daten wie folgt aus:

10y nominal Rendite: -0,10%

10y real Rendite: -1,11% (*)

10y breakeven rate: 1,01% (Inflationserwartungen; nom minus real Rendite)

Bemerkenswert ist, dass die Inflationserwartungen im Euroraum seit geraumer Zeit fallen, gemessen an 5y5y forward swap rate of inflation. (**)

Sollte der entsprechende Wert 1,2% erreichen, könnte die EZB sogar gezwungen werden, die Geldpolitik erneut zu lockern, d.h. eine neue Runde von QE (quantitative easing), mengenmässiger Lockerung der Geldpolitik, m.a.W. Ankauf von Anleihen am offenen Markt einzuleiten, kommentieren die Verfasser der Analyse der Bank.


Aufgliederung der deutschen Zinsen mit 10 Jahren Laufzeit, Graph: PictetWM, May 15, 2019

Dienstag, 14. Mai 2019

Was wäre, wenn China US Staatsanleihen verkaufen würde?


Droht der Handelsstreit zwischen den USA und China zu eskalieren? Wir wissen es nicht, aber was wir sehen, ist, dass die Situation beginnt, ernst zu werden.

Washington hat mitgeteilt, dass die Anhebung von neuen Abgaben auf Einfuhren aus China in Höhe von 200 Mrd. USD in der Nacht zum Freitag in Kraft getreten sei.

Beijing hat nicht lange gefackelt und neue Zölle auf Einfuhrgüter aus den USA im Wert von 60 Mrd. USD angekündigt, und zwar gültig ab 1. Juni.

US-Präsident Trump hatte Chinas Führung zuvor gewarnt, für die jüngsten US-Zölle Vergeltung zu üben.

Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang ist, ob und wie China mit den USA mithalten kann. 

Denn die Daten zeigen, dass die USA nicht so viel nach China exportieren: 120,3 Mrd. USD (2018). Und Chinas Ausfuhren in die USA belaufen sich auf einen Wert von 539,5 Mrd. USD (2018).

Die Waren, die China importiert, sind meistens auf Waren gerichtet, die China entweder selbst nicht herstellt (z.B. Langstrecken-Flugzeuge) oder als Inputs für Chinas Exportgeschäft dienen.

Chinas Reaktion wäre daher allem Anschein nach asymmetrisch und Beijing wäre gezwungen, nach anderen Druckmitteln Ausschau zu halten, die es gegen die USA einsetzen kann, wie Brad Setser notiert. 



US Güterhandel mit China, Ausfuhren und Einfuhren, Graph: faznet, May 13, 2019 

Sonntag, 12. Mai 2019

Gescheiterte Globalisierung

Buchbesprechung:

Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt: Gescheiterte Globalisierung – Ungleichheit, Geld und die Renaissance des Staates, edition suhrkamp, Berlin, 2018

TINA (There Is No Alternative) ist das Motto des Wirtschaftsliberalismus, der dem Rest der Welt seit den 1980er Jahren weiss machen will, dass die fiskalische Austerität (fiscal austerity) die einzige Lösung ist, um ökonomischen Krisen vorzubeugen.

Es handelt sich dabei aber um die Förderung einer Politik, die darauf abzielt, die Grösse des Staates zu verringern und Steuersenkungen für die Reichen zu erleichtern. 

Das „Schuldenproblem“ ist die Tarnung, die dazu dient, in die Köpfen von Menschen einzuprägen, dass der Markt die Lösung und der Staat das Problem ist. 

Die Verlagerung (praktisch aller Lebensbereiche) immer weg vom Staat hin zum mehr Markt hat im Verlauf der Zeit eine unerträglich lange Stagnation, ein hohes Niveau an Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung und ein anhaltend träges Lohnwachstum mit sich gebracht.

Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt zeigen in diesem neuen Buch, wie das Dogma der Überlegenheit der marktwirtschaftlichen Steuerung aller Wirtschaftsbeziehungen inzwischen kläglich gescheitert ist und warum die (neo) liberale Hoffnung getrogen hat.

Dienstag, 7. Mai 2019

Nachfrageausfall und Ausgabenpolitik

Die meisten privaten Haushalte in den USA gaben im letzten Jahr aufgrund höherer Gehaltsschecks mehr Geld aus. Dies geht aus Angaben des Bureau of Labor Statistics hervor.

Eine Kohorte wurde jedoch zurückgelassen.

Die Haushalte unter den untersten 20% verzeichneten im Durchschnitt der letzten 20 Monate einen Rückgang des Einkommens um 2,2% auf 11‘335 USD im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie Bloomberg unterstreicht.

Diese Haushalte senkten bei sinkenden Einkommen den Verbrauch und gaben 0,5% weniger aus als im Vorjahr.

Trotzdem gaben diese Haushalte mit niedrigerem Einkommen mehr aus als sie verdienten. Dies signalisiert die Inanspruchnahme von Ersparnissen bei einer grossen Anzahl von Rentnern und in geringerem Masse die Aufnahme zusätzlicher Schulden, bemerkt Bloomberg dazu.

Das niedrigste Quintil der Arbeitnehmer gab den höchsten Einkommensanteil für Nahrungsmittel und Wohnungen aus. Der Konsum betrifft also im Wesentlichen die Eindeckung der Grundbedürfnisse.


Reiche werden reicher, Graph: Bloomberg, May 6, 2019

Sonntag, 5. Mai 2019

Warum steigen die Investitionen nicht?


In Sachen Investitionsprojekte übertrifft Grossbritannien die wichtigsten Mitgliedsländer der EU. London versucht irgendwie, die Vernachlässigung der vergangenen Jahre wettzumachen.

Die öffentlichen Investitionen für die Infrastruktur machten im Jahr 2017 2,3% der gesamten Ausgaben der öffentlichen Hand aus. Und damit liegen sie höher als die vergleichbaren Investitionen in Deutschland, Frankreich und Italien, wie ONS (Office for National Statistics) am Freitag gemeldet hat.

Nach Jahren der Unterinvestitionen spielt Grossbritannien offensichtlich immer noch Aufholjagd. Der Anteil der Infrastruktur am BIP Grossbritanniens ist nämlich nach wie vor geringer als in Frankreich und Italien.

Laut ONS sind die staatlichen Investitionen in die Infrastruktur in Grossbritannien zwischen 2013 und 2017 um 6,1% gestiegen, damit schneller als in Deutschland. In Frankreich, Italien und den Niederlanden sind die Ausgaben sogar zurückgegangen.


Öffentliche Ausgaben in die Infrastruktur, Graph: Bloomberg, May 4, 2019

Mittwoch, 1. Mai 2019

Zins: Der wichtigste Preis in einer Marktwirtschaft


Das ist eine bemerkenswerte Abbildung, die Bloomberg am Montag geliefert hat.

Wir sehen, dass der reale (d.h. um die Inflation bereinigte) Referenz-Zinssatz der Fed nun über den von Fed-Ökonomen geschätzten Median-Wert des sog. neutralen Zinsniveaus liegt, zum ersten Mal seit 2007.

Der PCE Index (US personal consumption expenditure), der von der Fed besonders aufmerksam beobachtet wird, was die Inflationsentwicklung betrifft, schliesst die stark schwankungsanfälligen Preise für Nahrungsmittel und Energie nicht ein.

Was der Chart nahelegt, ist, dass der reale Fed Funds Rate gegenwärtig leicht über dem sog. „neutralen Gleichgewichtssatz“ von 0,75% liegt, der ja von der Fed nicht direkt beobachtet, sondern geschätzt wird.


Der reale Referenz-Zins der US-Notenbank, Graph: Bloomberg, Matthew Boesler, April 29, 2019

Samstag, 27. April 2019

Geldpolitik am Ende – Und Fiskalpolitik?

Die unerträglich lange Stagnation, das hohe Niveau an Unterbeschäftigung und das anhaltend träge Lohnwachstum legen nahe, dass die rigide Sparpolitik (besser gesagt die fiscal austerity) nach der Finanzkrise von 2008-2009 (GFC) ein Fehler war.

Was jetzt vorrangig ist, Investitionen voranzutreiben. Wenn der private Sektor es nicht tut, muss der öffentliche Sektor die Rolle übernehmen, gesamtwirtschaftlichen Erfordernissen Rechnung zu tragen. 

SNB Präsident Thomas Jordan hat am Freitag in Bern gesagt, dass die konventionelle Geldpolitik endet, wenn das Zinsniveau die Nullzinsgrenze erreicht.

Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Schweizer Regierung, dass das Telefon für eine lockere Fiskalpolitik klingelt: nimm es endlich ab und antworte.

Auch Mario Draghi hat in diesem Sinn bei den jüngsten Frühjahrstagungen des IWF in Washington vergangene Woche die Regierungen in Europa zu mehr Unterstützung aufgerufen.

EZB Präsident hat besonders hervorgehoben, dass „unsere derzeitige Geldpolitik bereits sehr akkommodierend ist und bei Bedarf noch verstärkt werden kann. Aber wir erreichen einen Punkt, an dem die Fiskalpolitik immer wichtiger wird“.


Die öffentlichen Schulden in den fortentwickelten Volkswirtschaften und die Zinskosten, Graph: FT, Apr 26, 2019 

Mittwoch, 24. April 2019

Der Nachfrageausfall und das öffentliche Defizit im Euroraum


Das öffentliche Defizit und der öffentliche Schuldenstand haben sich im Euroraum im Jahr 2018 im Vergleich zum Jahr 2017 verringert.

Das hat das Statistische Amt der EU, kurz Eurostat am Dienstag gemeldet.

Gemessen am BIP ging das öffentliche Defizit im Euroraum von 1,0% im Jahr 2017 auf 0,5% im Jahr 2018 zurück.

Das ist Wahnsinn! Zinsen auf Rekordtief, Defizite auf Rekordtief. Wem ist eigentlich damit zu helfen?

Wenn ein Sektor in der Volkswirtschaft spart, fällt unmittelbar die Nachfrage für die anderen Sektoren aus. 

Wenn die privaten Haushalte sparen, d.h. weniger verbrauchen, sinken Umsätze und Gewinne bei Unternehmen. Und die öffentliche Hand verbucht geringere Einnahmen. 

Wenn der Staat sich mit Investitionen zurückhält, reduziert sich zugleich auch die Nachfrage für Unternehmen. Und die Unternehmen investieren daraufhin weniger. 


Das öffentliche Defizit im Euroraum im Verhältnis zum BIP, Graph: PictetWM, Apr 23, 2019

Samstag, 20. April 2019

Abgesicherte Investoren und Staatsanleihen


Neulich haben wir hier darauf hingewiesen, dass die Rendite der 5-jährigen Staatsanleihen Griechenland inzwischen so stark gesunken ist, dass sie niedriger notiert als die vergleichbaren Staatsanleihen der USA.

Nun etwas mehr Technisches zum Hintergrund der sog. „Rendite-Jagd“ und Absicherungskosten und zwei aktuelle Charts.

Mit einem handels-gewichteten US-Dollar nahe dem teuersten Niveau seit 20 Jahren und den im Vergleich zu Europa und Japan hohen US-Zinssätzen sind die Kosten der Absicherung (hedging) der US-Staatsanleihen (UST) gegen Schwankungen mittlerweile nahezu auf ein Allzeithoch geklettert.

Und dies führt dazu, dass US-Treasury Bonds, die eine risiko-freie Basis von Anlageportfolios auf der ganzen Welt bilden, für viele ausländische Käufer zu einer negativ rentierenden Anlage werden, wie Colby Smith bei FT am vergangenen Donnerstag berichtet. 

Aus Sicht der abgesicherten Anleger (gegen Währungsrisiken) in Europa beläuft sich damit die Rendite der US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit auf minus 0,5%, verglichen mit einer nicht abgesicherten Rendite von 2,58%.

Ferner: Aus Sicht der Anleger in Japan, die das Währungsrisiko hedgen, ergibt sich eine UST-Rendite von minus 0,3%.


Die Rendite der griechischen Staatspapiere mit 5 Jahren notieren niedriger als die entsprechenden US-Staatspapiere, Graph: Colby Smith, FT, Apr 18, 2019


Donnerstag, 18. April 2019

Wie kommt’s? Keine Inflation und keine Vollbeschäftigung


Das ist eine interessante Abbildung, die Bloomberg neulich geliefert hat.

Es geht um die Vollbeschäftigung in den USA im historischen Vergleich.

In den Jahren 1949 bis 1979, bevor die Idee von NAIRU* (die die Inflation nicht beschleunigende Arbeitslosenquote) von den Zentralbanken fest umarmt wurde, befand sich die US-Wirtschaft zu zwei Dritteln der Zeit in Vollbeschäftigung.

Das Verhältnis fiel jedoch seit 1980 auf ein Drittel zurück.

Zur Erinnerung: Die Fed hat per Gesetz zwei Mandate: Preisstabilität und maximale Vollbeschäftigung.

Während die Inflation seit geraumer Zeit hinter dem Ziel der Fed zurück bleibt, fühlen sich die geldpolitischen Entscheidungsträger mittlerweile veranlasst, über den Teil „Vollbeschäftigung“ ihres Mandats wieder nachzudenken.



US Vollbeschäftigung, Graph: Matthew Boesler, Bloomberg, Apr 15, 2019

Dienstag, 16. April 2019

Schuldenbremse: In Deutschland liegt das Geld auf dem Bürgersteig


St. Galler Kantonalbank schreibt am Montag im täglich erscheinenden „Daily Focus“, dass die Schweiz ein Schuldenproblem hat. Gemeint ist die Schuldenquote der Schweizer Privathaushalte von 212% des verfügbaren Einkommens. 

Es geht also um den Privatsektor.

Alarmglocken schrillen.

Im Artikel wird jedoch darauf hingewiesen, dass die hohe Verschuldung sich damit erklären lässt, dass die meisten Haushalte in der Schweiz die Hypotheken auf ihren Wohnliegenschaften nicht abzahlen.

Im Gegensatz zu den Kreditkartenschulden der amerikanischen Verbraucher sind die Hypotheken der Schweizer durch die Substanz der Immobilien gedeckt. Ferner ist die finanzielle Belastung der privaten Haushalte durch die tiefen Zinsen gering.

Wo ist das Problem?

Die Zinsen werden nicht auf ewig tief bleiben. Ein Anstieg der Zinsen wird auf dem frei verfügbaren Geld lasten. 

Und wenn die Konsumenten ihre Ausgaben kürzen, wird dies die Konjunktur belasten. Wenn die erwarteten Einkommen fallen, werden die Schulden rasch zu einem Problem, so lautet das Fazit des Artikels.


Ökonomen zeigen mit dem Finger auf Deutschland (2018: 54 Mrd. EUR) und andere Länder mit Finanzierungsüberschüssen, die in der Lage sind, viele Impulse zu geben, dies aber nicht tun, Graph: WSJ, Apr 14, 2019 

Beim IWF steht Deutschland unter Druck, Wachstum anzuregen. Der von den USA unterstützte IWF hat am Wochenende in Washington Berlin und andere Länder mit Haushaltsüberschüssen dazu gedrängt, die Steuern zu senken und/oder die Ausgaben zu erhöhen, um das Wachstum zu stützen.

Freitag, 12. April 2019

Zinspause und das Diktat der Finanzmärkte


Das ist sicherlich eine Abbildung, die diese Woche am meisten hervorsticht. 

Die Rendite der griechischen Staatsanleihen (2,199%) mit 5 Jahren Laufzeit ist geringer als die Rendite der amerikanischen Staatsanleihen (2,314%) mit vergleichbarer Laufzeit. 

Wenn ein Land Mitglied einer Währungsunion (EWU) wird, verzichtet es auf die eigene Währung und übernimmt die Gemeinschaftswährung (EUR). Die Währung wird dann von einer gemeinsamen Zentralbank (EZB) gemanagt. 

Eine Implikation für die betreffenden Mitglieder ist, dass sie eine Anleihe in einer Währung ausgeben, die sie selbst nicht (mehr) drucken können. 

Das bedeutet, dass die nationalen Regierungen den Anleihegläubigern im Grunde genommen keine Garantie dafür geben können, dass das Bargeld (d.h. EUR) am Fälligkeitstag der Anleihe zur Verfügung steht.


Rendite der Staatsanleihen mit 5 Jahren Laufzeit: Griechenland: 2,199% (EUR) und USA: 2,314% (USD), Graph: Bloomberg, Apr 12, 2019

Donnerstag, 11. April 2019

Nullzinsen und Angst vor „Japanisierung“ Europas


Die Angst vor der „Japanisierung“ Europas geht um, so lauten die Schlagzeilen in den jüngsten Tagen.

Die Protagonisten sind die Mainstream-Medien.

Was soll aber an Japans Wirtschaft so schlimm sein?

Die japanische Wirtschaft verharre „seit Jahrzehnten in einer deflationären Situation, geprägt von geringem Wachstum, und ultraniedrigen Zinsen“, wird erzählt.

Als Gründe werden die Spätfolgen einer geplatzten riesigen Immobilienblase in den 1980er Jahren angeführt. Nun, das mag stimmen.

Parallelen in Europa werden aber v.a. wegen der „chronischen Nullzinsphase“ gezogen, mit angeblich „verheerenden Folgen für alle Sparer“.

Damit wird weiter Angst geschürt: „Eine Japanisierung des Euroraums würde also bedeuten, dass wir nicht nur weitere Jahre mit Nullzinsen leben müssten, sondern Jahrzehnte“.


Japan: Arbeitslosigkeit (weisse Kurve) versus Inflation (blaue Kurve), Graph: Bloomberg, Apr 10, 2019

Dienstag, 9. April 2019

Negativzinsen und Gesinnungswandel der EZB


Banken verlangen Abschwächung des Negativzinses, berichtet FAZ online am Montag.

Die möglichen Nebenwirkungen der langanhaltenden Tiefzinsen waren tatsächlich auch ein Thema an der jüngsten EZB-Sitzung, wie es aus dem Protokoll, das vergangene Woche veröffentlicht worden ist, des Treffens hervorgeht.

Die EZB hatte erstmals 2015 den Einlagesatz auf unter null Prozent gesenkt. Der Satz liegt gegenwärtig bei minus 0,4%. Der Leitzins der EZB liegt seit März 2016 auf 0,0%.

Die EZB denkt allem Anschein nach über einen gestaffelten Einlagesatz als eine Möglichkeit nach, um den „Druck auf die Gewinnmargen“ der Banken etwas zu erleichtern. 

Das heisst, dass die EZB möglicherweise nach dem Vorbild der Schweizer Nationalbank (SNB) Freibeträge für die Überschussliquidität der Banken einsetzen würde.


Wann wird die EZB die Zinsen erhöhen? Die Erwartungen verschieben sich immer weiter, Graph: Dhara Ranasinghe, Reuters, April 8, 2019

Mittwoch, 3. April 2019

Trickle-down Theorie und Geschenke des Staates an Reiche


Donald Trump hat 2017 ein wichtiges Gesetz verabschiedet: Steuersenkung für Konzerne und Superreiche. 

Die begünstigten Unternehmen haben damit mehr als 150 Mrd. USD eingespart, schreibt Paul Krugman in seiner Kolumne bei NYTimes

Und das bedeutet zugleich, dass das US Haushaltsdefizit sich im Laufe der nächsten 10 Jahre um mehr als 2‘000 Mrd. USD erhöhen wird.

Das mehrere Milliarden tragende Steuergeschenk wurde mit dem Argument verkauft, dass der Wohlstand der Reichen nach und nach durch Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickern würde.

Das wird im volkswirtschaftlichen Lehrbuch als „trickle-down Theorie“ beschrieben: Das Versprechen einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Die Idee beruht auf dem Say’schen Theorem und findet v.a. unter Neoliberalen viele Anhänger.

Unabhängige Beobachter waren aber von Anfang an skeptisch: sie räumten ein, dass die Steuersenkung zu einem kurzen „sugar high“ (Strohfeuer) führen würde. Und die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum würden bald verschwinden.

Wie die folgende Abbildung zeigt, hat das Wachstum der US-Wirtschaft unterdessen in der Tat deutlich nachgelassen.


US-Wirtschaftswachstum (BIP). Trumps Steuersenkungen haben keinen Wachstumsschub ausgelöst, Graph: Paul Krugman, NYTimes, March 30, 2019