Sonntag, 19. Mai 2019

Ein Staat ist nicht wie ein privater Haushalt


Die Abnahme der Volatilität der Konjunkturschwankungen in den Industrieländern ab Mitte der 1980er Jahren bis 2007 wurde von den Zentralbanken als „Great Moderation“ bezeichnet und bei jeder Gelegenheit hoch gefeiert.

Vor allem Ben Bernanke, der frühere Präsident der US-Notenbank hatte unter Bezugnahme auf diese Zeitspanne mit niedriger Inflation, dem moderaten Wirtschaftswachstum und der Finanzstabilität das Ende der grossen Wirtschaftskrisen verkündet. 

Dann kam es zu der globalen Finanzkrise (GFC: Global Financial Crisis). Und die These der Great Moderation wurde im Handumdrehen umgehauen.

Die Fed hat auf die GFC mit QE (quantitative easing), der mengenmässigen Lockerung der Geldpolitik reagiert. In Europa wurde die Krise, die ja ohne Zweifel im Privatsektor ausgebrochen war, als „Staatsschuldenkrise“ umgedeutet und sofort „fiscal austerity“ verordnet.

Der fatale Glaube daran, dass die Staaten wie private Haushalte funktionieren, hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt, sodass die EU-Mitgliedsländer angehalten wurden, selbst auf Kosten von Massenarbeitslosigkeit, in einem schwer angeschlagenen Umfeld der Wirtschaft die Verschuldung zurückzufahren.

Die EZB hat sich sogar am Anfang geweigert, als Lender of Last Resort zu agieren. Jean-Claude Trichet, der damalige Präsident der EZB hat sogar im April und Juni 2011 die Zinsen im Euroraum zweimal angehoben. 



Die EZB ist eine der fünf Zentralbanken mit Negativ-Zinsen, Graph: Bloomberg Quint, May 18, 2019

Freitag, 17. Mai 2019

Aufgliederung der deutschen Zinsen


Die Schweizer Privatbank Pictet WM aus Genf hat am Mittwoch ein paar sehenswerte Abbildungen geliefert, um die Aufteilung der deutschen Renditen mit zehn Jahren Laufzeit zu zeigen.

Aktuell sehen die Daten wie folgt aus:

10y nominal Rendite: -0,10%

10y real Rendite: -1,11% (*)

10y breakeven rate: 1,01% (Inflationserwartungen; nom minus real Rendite)

Bemerkenswert ist, dass die Inflationserwartungen im Euroraum seit geraumer Zeit fallen, gemessen an 5y5y forward swap rate of inflation. (**)

Sollte der entsprechende Wert 1,2% erreichen, könnte die EZB sogar gezwungen werden, die Geldpolitik erneut zu lockern, d.h. eine neue Runde von QE (quantitative easing), mengenmässiger Lockerung der Geldpolitik, m.a.W. Ankauf von Anleihen am offenen Markt einzuleiten, kommentieren die Verfasser der Analyse der Bank.


Aufgliederung der deutschen Zinsen mit 10 Jahren Laufzeit, Graph: PictetWM, May 15, 2019

Dienstag, 14. Mai 2019

Was wäre, wenn China US Staatsanleihen verkaufen würde?


Droht der Handelsstreit zwischen den USA und China zu eskalieren? Wir wissen es nicht, aber was wir sehen, ist, dass die Situation beginnt, ernst zu werden.

Washington hat mitgeteilt, dass die Anhebung von neuen Abgaben auf Einfuhren aus China in Höhe von 200 Mrd. USD in der Nacht zum Freitag in Kraft getreten sei.

Beijing hat nicht lange gefackelt und neue Zölle auf Einfuhrgüter aus den USA im Wert von 60 Mrd. USD angekündigt, und zwar gültig ab 1. Juni.

US-Präsident Trump hatte Chinas Führung zuvor gewarnt, für die jüngsten US-Zölle Vergeltung zu üben.

Eine interessante Frage in diesem Zusammenhang ist, ob und wie China mit den USA mithalten kann. 

Denn die Daten zeigen, dass die USA nicht so viel nach China exportieren: 120,3 Mrd. USD (2018). Und Chinas Ausfuhren in die USA belaufen sich auf einen Wert von 539,5 Mrd. USD (2018).

Die Waren, die China importiert, sind meistens auf Waren gerichtet, die China entweder selbst nicht herstellt (z.B. Langstrecken-Flugzeuge) oder als Inputs für Chinas Exportgeschäft dienen.

Chinas Reaktion wäre daher allem Anschein nach asymmetrisch und Beijing wäre gezwungen, nach anderen Druckmitteln Ausschau zu halten, die es gegen die USA einsetzen kann, wie Brad Setser notiert. 



US Güterhandel mit China, Ausfuhren und Einfuhren, Graph: faznet, May 13, 2019 

Sonntag, 12. Mai 2019

Gescheiterte Globalisierung

Buchbesprechung:

Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt: Gescheiterte Globalisierung – Ungleichheit, Geld und die Renaissance des Staates, edition suhrkamp, Berlin, 2018

TINA (There Is No Alternative) ist das Motto des Wirtschaftsliberalismus, der dem Rest der Welt seit den 1980er Jahren weiss machen will, dass die fiskalische Austerität (fiscal austerity) die einzige Lösung ist, um ökonomischen Krisen vorzubeugen.

Es handelt sich dabei aber um die Förderung einer Politik, die darauf abzielt, die Grösse des Staates zu verringern und Steuersenkungen für die Reichen zu erleichtern. 

Das „Schuldenproblem“ ist die Tarnung, die dazu dient, in die Köpfen von Menschen einzuprägen, dass der Markt die Lösung und der Staat das Problem ist. 

Die Verlagerung (praktisch aller Lebensbereiche) immer weg vom Staat hin zum mehr Markt hat im Verlauf der Zeit eine unerträglich lange Stagnation, ein hohes Niveau an Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung und ein anhaltend träges Lohnwachstum mit sich gebracht.

Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt zeigen in diesem neuen Buch, wie das Dogma der Überlegenheit der marktwirtschaftlichen Steuerung aller Wirtschaftsbeziehungen inzwischen kläglich gescheitert ist und warum die (neo) liberale Hoffnung getrogen hat.

Dienstag, 7. Mai 2019

Nachfrageausfall und Ausgabenpolitik

Die meisten privaten Haushalte in den USA gaben im letzten Jahr aufgrund höherer Gehaltsschecks mehr Geld aus. Dies geht aus Angaben des Bureau of Labor Statistics hervor.

Eine Kohorte wurde jedoch zurückgelassen.

Die Haushalte unter den untersten 20% verzeichneten im Durchschnitt der letzten 20 Monate einen Rückgang des Einkommens um 2,2% auf 11‘335 USD im Vergleich zum Vorjahresmonat, wie Bloomberg unterstreicht.

Diese Haushalte senkten bei sinkenden Einkommen den Verbrauch und gaben 0,5% weniger aus als im Vorjahr.

Trotzdem gaben diese Haushalte mit niedrigerem Einkommen mehr aus als sie verdienten. Dies signalisiert die Inanspruchnahme von Ersparnissen bei einer grossen Anzahl von Rentnern und in geringerem Masse die Aufnahme zusätzlicher Schulden, bemerkt Bloomberg dazu.

Das niedrigste Quintil der Arbeitnehmer gab den höchsten Einkommensanteil für Nahrungsmittel und Wohnungen aus. Der Konsum betrifft also im Wesentlichen die Eindeckung der Grundbedürfnisse.


Reiche werden reicher, Graph: Bloomberg, May 6, 2019

Sonntag, 5. Mai 2019

Warum steigen die Investitionen nicht?


In Sachen Investitionsprojekte übertrifft Grossbritannien die wichtigsten Mitgliedsländer der EU. London versucht irgendwie, die Vernachlässigung der vergangenen Jahre wettzumachen.

Die öffentlichen Investitionen für die Infrastruktur machten im Jahr 2017 2,3% der gesamten Ausgaben der öffentlichen Hand aus. Und damit liegen sie höher als die vergleichbaren Investitionen in Deutschland, Frankreich und Italien, wie ONS (Office for National Statistics) am Freitag gemeldet hat.

Nach Jahren der Unterinvestitionen spielt Grossbritannien offensichtlich immer noch Aufholjagd. Der Anteil der Infrastruktur am BIP Grossbritanniens ist nämlich nach wie vor geringer als in Frankreich und Italien.

Laut ONS sind die staatlichen Investitionen in die Infrastruktur in Grossbritannien zwischen 2013 und 2017 um 6,1% gestiegen, damit schneller als in Deutschland. In Frankreich, Italien und den Niederlanden sind die Ausgaben sogar zurückgegangen.


Öffentliche Ausgaben in die Infrastruktur, Graph: Bloomberg, May 4, 2019

Mittwoch, 1. Mai 2019

Zins: Der wichtigste Preis in einer Marktwirtschaft


Das ist eine bemerkenswerte Abbildung, die Bloomberg am Montag geliefert hat.

Wir sehen, dass der reale (d.h. um die Inflation bereinigte) Referenz-Zinssatz der Fed nun über den von Fed-Ökonomen geschätzten Median-Wert des sog. neutralen Zinsniveaus liegt, zum ersten Mal seit 2007.

Der PCE Index (US personal consumption expenditure), der von der Fed besonders aufmerksam beobachtet wird, was die Inflationsentwicklung betrifft, schliesst die stark schwankungsanfälligen Preise für Nahrungsmittel und Energie nicht ein.

Was der Chart nahelegt, ist, dass der reale Fed Funds Rate gegenwärtig leicht über dem sog. „neutralen Gleichgewichtssatz“ von 0,75% liegt, der ja von der Fed nicht direkt beobachtet, sondern geschätzt wird.


Der reale Referenz-Zins der US-Notenbank, Graph: Bloomberg, Matthew Boesler, April 29, 2019

Samstag, 27. April 2019

Geldpolitik am Ende – Und Fiskalpolitik?

Die unerträglich lange Stagnation, das hohe Niveau an Unterbeschäftigung und das anhaltend träge Lohnwachstum legen nahe, dass die rigide Sparpolitik (besser gesagt die fiscal austerity) nach der Finanzkrise von 2008-2009 (GFC) ein Fehler war.

Was jetzt vorrangig ist, Investitionen voranzutreiben. Wenn der private Sektor es nicht tut, muss der öffentliche Sektor die Rolle übernehmen, gesamtwirtschaftlichen Erfordernissen Rechnung zu tragen. 

SNB Präsident Thomas Jordan hat am Freitag in Bern gesagt, dass die konventionelle Geldpolitik endet, wenn das Zinsniveau die Nullzinsgrenze erreicht.

Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Schweizer Regierung, dass das Telefon für eine lockere Fiskalpolitik klingelt: nimm es endlich ab und antworte.

Auch Mario Draghi hat in diesem Sinn bei den jüngsten Frühjahrstagungen des IWF in Washington vergangene Woche die Regierungen in Europa zu mehr Unterstützung aufgerufen.

EZB Präsident hat besonders hervorgehoben, dass „unsere derzeitige Geldpolitik bereits sehr akkommodierend ist und bei Bedarf noch verstärkt werden kann. Aber wir erreichen einen Punkt, an dem die Fiskalpolitik immer wichtiger wird“.


Die öffentlichen Schulden in den fortentwickelten Volkswirtschaften und die Zinskosten, Graph: FT, Apr 26, 2019 

Mittwoch, 24. April 2019

Der Nachfrageausfall und das öffentliche Defizit im Euroraum


Das öffentliche Defizit und der öffentliche Schuldenstand haben sich im Euroraum im Jahr 2018 im Vergleich zum Jahr 2017 verringert.

Das hat das Statistische Amt der EU, kurz Eurostat am Dienstag gemeldet.

Gemessen am BIP ging das öffentliche Defizit im Euroraum von 1,0% im Jahr 2017 auf 0,5% im Jahr 2018 zurück.

Das ist Wahnsinn! Zinsen auf Rekordtief, Defizite auf Rekordtief. Wem ist eigentlich damit zu helfen?

Wenn ein Sektor in der Volkswirtschaft spart, fällt unmittelbar die Nachfrage für die anderen Sektoren aus. 

Wenn die privaten Haushalte sparen, d.h. weniger verbrauchen, sinken Umsätze und Gewinne bei Unternehmen. Und die öffentliche Hand verbucht geringere Einnahmen. 

Wenn der Staat sich mit Investitionen zurückhält, reduziert sich zugleich auch die Nachfrage für Unternehmen. Und die Unternehmen investieren daraufhin weniger. 


Das öffentliche Defizit im Euroraum im Verhältnis zum BIP, Graph: PictetWM, Apr 23, 2019

Samstag, 20. April 2019

Abgesicherte Investoren und Staatsanleihen


Neulich haben wir hier darauf hingewiesen, dass die Rendite der 5-jährigen Staatsanleihen Griechenland inzwischen so stark gesunken ist, dass sie niedriger notiert als die vergleichbaren Staatsanleihen der USA.

Nun etwas mehr Technisches zum Hintergrund der sog. „Rendite-Jagd“ und Absicherungskosten und zwei aktuelle Charts.

Mit einem handels-gewichteten US-Dollar nahe dem teuersten Niveau seit 20 Jahren und den im Vergleich zu Europa und Japan hohen US-Zinssätzen sind die Kosten der Absicherung (hedging) der US-Staatsanleihen (UST) gegen Schwankungen mittlerweile nahezu auf ein Allzeithoch geklettert.

Und dies führt dazu, dass US-Treasury Bonds, die eine risiko-freie Basis von Anlageportfolios auf der ganzen Welt bilden, für viele ausländische Käufer zu einer negativ rentierenden Anlage werden, wie Colby Smith bei FT am vergangenen Donnerstag berichtet. 

Aus Sicht der abgesicherten Anleger (gegen Währungsrisiken) in Europa beläuft sich damit die Rendite der US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit auf minus 0,5%, verglichen mit einer nicht abgesicherten Rendite von 2,58%.

Ferner: Aus Sicht der Anleger in Japan, die das Währungsrisiko hedgen, ergibt sich eine UST-Rendite von minus 0,3%.


Die Rendite der griechischen Staatspapiere mit 5 Jahren notieren niedriger als die entsprechenden US-Staatspapiere, Graph: Colby Smith, FT, Apr 18, 2019


Donnerstag, 18. April 2019

Wie kommt’s? Keine Inflation und keine Vollbeschäftigung


Das ist eine interessante Abbildung, die Bloomberg neulich geliefert hat.

Es geht um die Vollbeschäftigung in den USA im historischen Vergleich.

In den Jahren 1949 bis 1979, bevor die Idee von NAIRU* (die die Inflation nicht beschleunigende Arbeitslosenquote) von den Zentralbanken fest umarmt wurde, befand sich die US-Wirtschaft zu zwei Dritteln der Zeit in Vollbeschäftigung.

Das Verhältnis fiel jedoch seit 1980 auf ein Drittel zurück.

Zur Erinnerung: Die Fed hat per Gesetz zwei Mandate: Preisstabilität und maximale Vollbeschäftigung.

Während die Inflation seit geraumer Zeit hinter dem Ziel der Fed zurück bleibt, fühlen sich die geldpolitischen Entscheidungsträger mittlerweile veranlasst, über den Teil „Vollbeschäftigung“ ihres Mandats wieder nachzudenken.



US Vollbeschäftigung, Graph: Matthew Boesler, Bloomberg, Apr 15, 2019

Dienstag, 16. April 2019

Schuldenbremse: In Deutschland liegt das Geld auf dem Bürgersteig


St. Galler Kantonalbank schreibt am Montag im täglich erscheinenden „Daily Focus“, dass die Schweiz ein Schuldenproblem hat. Gemeint ist die Schuldenquote der Schweizer Privathaushalte von 212% des verfügbaren Einkommens. 

Es geht also um den Privatsektor.

Alarmglocken schrillen.

Im Artikel wird jedoch darauf hingewiesen, dass die hohe Verschuldung sich damit erklären lässt, dass die meisten Haushalte in der Schweiz die Hypotheken auf ihren Wohnliegenschaften nicht abzahlen.

Im Gegensatz zu den Kreditkartenschulden der amerikanischen Verbraucher sind die Hypotheken der Schweizer durch die Substanz der Immobilien gedeckt. Ferner ist die finanzielle Belastung der privaten Haushalte durch die tiefen Zinsen gering.

Wo ist das Problem?

Die Zinsen werden nicht auf ewig tief bleiben. Ein Anstieg der Zinsen wird auf dem frei verfügbaren Geld lasten. 

Und wenn die Konsumenten ihre Ausgaben kürzen, wird dies die Konjunktur belasten. Wenn die erwarteten Einkommen fallen, werden die Schulden rasch zu einem Problem, so lautet das Fazit des Artikels.


Ökonomen zeigen mit dem Finger auf Deutschland (2018: 54 Mrd. EUR) und andere Länder mit Finanzierungsüberschüssen, die in der Lage sind, viele Impulse zu geben, dies aber nicht tun, Graph: WSJ, Apr 14, 2019 

Beim IWF steht Deutschland unter Druck, Wachstum anzuregen. Der von den USA unterstützte IWF hat am Wochenende in Washington Berlin und andere Länder mit Haushaltsüberschüssen dazu gedrängt, die Steuern zu senken und/oder die Ausgaben zu erhöhen, um das Wachstum zu stützen.

Freitag, 12. April 2019

Zinspause und das Diktat der Finanzmärkte


Das ist sicherlich eine Abbildung, die diese Woche am meisten hervorsticht. 

Die Rendite der griechischen Staatsanleihen (2,199%) mit 5 Jahren Laufzeit ist geringer als die Rendite der amerikanischen Staatsanleihen (2,314%) mit vergleichbarer Laufzeit. 

Wenn ein Land Mitglied einer Währungsunion (EWU) wird, verzichtet es auf die eigene Währung und übernimmt die Gemeinschaftswährung (EUR). Die Währung wird dann von einer gemeinsamen Zentralbank (EZB) gemanagt. 

Eine Implikation für die betreffenden Mitglieder ist, dass sie eine Anleihe in einer Währung ausgeben, die sie selbst nicht (mehr) drucken können. 

Das bedeutet, dass die nationalen Regierungen den Anleihegläubigern im Grunde genommen keine Garantie dafür geben können, dass das Bargeld (d.h. EUR) am Fälligkeitstag der Anleihe zur Verfügung steht.


Rendite der Staatsanleihen mit 5 Jahren Laufzeit: Griechenland: 2,199% (EUR) und USA: 2,314% (USD), Graph: Bloomberg, Apr 12, 2019

Donnerstag, 11. April 2019

Nullzinsen und Angst vor „Japanisierung“ Europas


Die Angst vor der „Japanisierung“ Europas geht um, so lauten die Schlagzeilen in den jüngsten Tagen.

Die Protagonisten sind die Mainstream-Medien.

Was soll aber an Japans Wirtschaft so schlimm sein?

Die japanische Wirtschaft verharre „seit Jahrzehnten in einer deflationären Situation, geprägt von geringem Wachstum, und ultraniedrigen Zinsen“, wird erzählt.

Als Gründe werden die Spätfolgen einer geplatzten riesigen Immobilienblase in den 1980er Jahren angeführt. Nun, das mag stimmen.

Parallelen in Europa werden aber v.a. wegen der „chronischen Nullzinsphase“ gezogen, mit angeblich „verheerenden Folgen für alle Sparer“.

Damit wird weiter Angst geschürt: „Eine Japanisierung des Euroraums würde also bedeuten, dass wir nicht nur weitere Jahre mit Nullzinsen leben müssten, sondern Jahrzehnte“.


Japan: Arbeitslosigkeit (weisse Kurve) versus Inflation (blaue Kurve), Graph: Bloomberg, Apr 10, 2019

Dienstag, 9. April 2019

Negativzinsen und Gesinnungswandel der EZB


Banken verlangen Abschwächung des Negativzinses, berichtet FAZ online am Montag.

Die möglichen Nebenwirkungen der langanhaltenden Tiefzinsen waren tatsächlich auch ein Thema an der jüngsten EZB-Sitzung, wie es aus dem Protokoll, das vergangene Woche veröffentlicht worden ist, des Treffens hervorgeht.

Die EZB hatte erstmals 2015 den Einlagesatz auf unter null Prozent gesenkt. Der Satz liegt gegenwärtig bei minus 0,4%. Der Leitzins der EZB liegt seit März 2016 auf 0,0%.

Die EZB denkt allem Anschein nach über einen gestaffelten Einlagesatz als eine Möglichkeit nach, um den „Druck auf die Gewinnmargen“ der Banken etwas zu erleichtern. 

Das heisst, dass die EZB möglicherweise nach dem Vorbild der Schweizer Nationalbank (SNB) Freibeträge für die Überschussliquidität der Banken einsetzen würde.


Wann wird die EZB die Zinsen erhöhen? Die Erwartungen verschieben sich immer weiter, Graph: Dhara Ranasinghe, Reuters, April 8, 2019

Mittwoch, 3. April 2019

Trickle-down Theorie und Geschenke des Staates an Reiche


Donald Trump hat 2017 ein wichtiges Gesetz verabschiedet: Steuersenkung für Konzerne und Superreiche. 

Die begünstigten Unternehmen haben damit mehr als 150 Mrd. USD eingespart, schreibt Paul Krugman in seiner Kolumne bei NYTimes

Und das bedeutet zugleich, dass das US Haushaltsdefizit sich im Laufe der nächsten 10 Jahre um mehr als 2‘000 Mrd. USD erhöhen wird.

Das mehrere Milliarden tragende Steuergeschenk wurde mit dem Argument verkauft, dass der Wohlstand der Reichen nach und nach durch Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickern würde.

Das wird im volkswirtschaftlichen Lehrbuch als „trickle-down Theorie“ beschrieben: Das Versprechen einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik. Die Idee beruht auf dem Say’schen Theorem und findet v.a. unter Neoliberalen viele Anhänger.

Unabhängige Beobachter waren aber von Anfang an skeptisch: sie räumten ein, dass die Steuersenkung zu einem kurzen „sugar high“ (Strohfeuer) führen würde. Und die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum würden bald verschwinden.

Wie die folgende Abbildung zeigt, hat das Wachstum der US-Wirtschaft unterdessen in der Tat deutlich nachgelassen.


US-Wirtschaftswachstum (BIP). Trumps Steuersenkungen haben keinen Wachstumsschub ausgelöst, Graph: Paul Krugman, NYTimes, March 30, 2019

Freitag, 29. März 2019

Renditen unter Null


Auf der Auktion der Aufstockung einer Anleihe des Bundes mit 10 Jahren Laufzeit hat sich am Mittwoch eine Rendite von minus 0,050% ergeben. 

Damit hat die deutsche Finanzagentur zum ersten Mal seit Oktober 2016 wieder eine Bundesanleihe mit einer Negativrendite verkauft. 

Es gingen Gebote in Höhe von 6,3 Mrd. EUR ein, wobei 2,4 Mrd. EUR zugeteilt wurden. 

Die negative Verzinsung bedeutet, dass die Banken der deutschen Finanzagentur eine Art „Servicegebühr“ für das Privileg zahlen, deutsche Bundesanleihen haben zu dürfen.

Zur Erinnerung: Die EZB hält den Zinssatz für Deposit Facility seit Juni 2014 unter null Prozent und sie hat unlängst angekündigt, mit TLTRO III der europäischen Konjunktur unter die Arme zu greifen. 

Es handelt sich dabei um die Vergabe von Krediten mit einer Laufzeit von 2 Jahren, die vierteljährlich ab Sept 2019 bis März 2021. Der Zinssatz ist an den EZB-Leitzins, der derzeit 0% beträgt, gebunden.

Das bedeutet im Klartext, dass die EZB mindestens bis zum Jahresende an ihren Schlüsselsätzen festhalten will. 


German Bunds mit 10 Jahren Laufzeit mit einer Negativ-Rendite, Graph: Bloomberg, March 27, 2019 

Dienstag, 26. März 2019

Die unerträgliche Leichtigkeit der inversen Zinskurve für Banken


Der dovishe Ton, den die Notenbanken angesichts der nachlassenden Aussichten für das Wirtschaftswachstum jüngst angeschlagen haben, veranlassen Investoren, bei Staatsanleihen Sicherheit zu suchen.

Die Preise der Anleihen steigen und die Renditen fallen. Die Zinskurve (yield curve) in den USA ist sogar am vergangenen Freitag zum ersten Mal seit 2007 invers geworden. 

Das bedeutet, dass kurz laufende Anleihen höher rentieren als die langlaufenden Anleihen.

Wenn Fachleute von einer inversen Zins-Strukturkurve sprechen, stehen die Zeichen auf Rezession.

Warum? 

Es geht mehr oder weniger um die sog. Fristentransformation (term transformation). 

Wenn Banken kurzfristiges Geld (billig) aufnehmen und langfristig zu deutlich höheren Zinsen ausleihen können, können sie die Differenz als Gewinn einstreichen.


Die inverse US-Zins-Strukturkurve: Die Rendite-Differenz zwischen den UST mit 10 Jahren Laufzeit und T-Bills mit 3 Monaten Laufzeit ist negativ, Graph: Bloomberg TV, March 25 2019 

Sonntag, 24. März 2019

Inverse Ertragskurve und Geldpolitik


Dunkle Wolken ziehen sich über den Kapitalmärkten. Die gegenwärtige Form der US-Ertragskurve (yield curve) sendet technisch ein Rezessionssignal: Die Rendite der kurzfristigen Staatspapiere notiert höher als die Rendite der langfristigen Staatsanleihen. 

In der Fachsprache heisst es, dass wir eine inverse Zinsstruktur haben, die die potenzielle Gefahr einer bevorstehenden konjunkturellen Abkühlung nahelegt.

Konkret: Die Rendite-Differenz (spread) zwischen den US-Treasury Bonds mit 10 Jahren Laufzeit und den T-Bills mit 3 Monaten Laufzeit hat sich (zum ersten Mal seit 2007) ins Negative gedreht: -0.833%.


10y UST-3m T-Bills: Die Rendite-Differenz Kurve inventiert, Graph: Bloomberg TV March 22, 2019 

Freitag, 22. März 2019

Vergiss den „Fiscal Pact“, wie wäre es mit einem „Job Pact“?


Nachdem die EZB vor rund zwei Wochen angekündigt hat, die Leitzinsen mindestens über das Ende 2019 auf ihrem aktuellen Niveau zu belassen, also keine Zinserhöhung, hat nun auch die Fed am Mittwoch mitgeteilt, die Zinsen in diesem Jahr nicht mehr zu erhöhen. 

Die US-Notenbank will m.a.W. von dem im Dezember 2015 gestarteten Kurs der geldpolitischen Straffung vorerst abrücken. Auch der Abbau der Fed-Bilanz wird gestoppt. Begründung: Die Abkühlung der Wirtschaft.

Die Probleme der Eurozone scheinen andererseits im Rahmen des bestehenden wirtschaftspolitischen Ansatzes kaum zu lösen. Notwendig sind eine beschäftigungsorientierte Erholung und höhere Löhne, schreibt Jayati Ghosh in einem lesenswerten Beitrag bei The Progressive Post.

Die an der Nehru University in New Delhi lehrende Ökonomin hält die Leistungsbilanz-Ungleichgewichte zwischen den Ländern der Eurozone für die grundlegende Ursache des Problems. 

Die Wahrheit ist, dass die sog. „peripheren“ Volkswirtschaften nicht durch „fiskalische Ungleichgewichte“ in Schwierigkeiten geraten waren, sondern weil die Kapitalzuflüsse (des vergangenen Jahrzehnts) mit dem raschen Aufbau der Leistungsbilanz-Ungleichgewichten im privaten Sektor einhergingen. 


Japans Wirtschaft wächst zwar nicht schnell, aber seine Defizite haben weder Inflation noch eine Flucht von Staatsanleihen ausgelöst. Und die realen Einkommen haben seit 2008 mit amerikanischen mitgehalten und damit die Eurozone abgehängt, Graph: Bloomberg March 2019 

De weisse Kurve: Japans Staatsschulden und die blaue Kurve: der Zins der japanischen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit

Samstag, 16. März 2019

Wachstumsschwäche, Niedrigzinsen und einige Erklärungen


Die Geldpolitik sollte so funktionieren: Die Notenbank senkt die Zinssätze. Und Unternehmen und private Haushalte fühlen sich ermutigt, Kredit aufzunehmen und zu investieren: sie geben Geld aus.

So läuft es aber nicht.

In der Billig-Geld-Ära, die sich in den meisten Industrieländern im zweiten und in Japan im dritten Jahrzehnt befindet, gab es zwar Kreditaufnahme, aber es waren in erster Linie die Staaten, die es taten, nicht der private Sektor, wie Bloomberg in einem lesenswerten Bericht anhand von ein paar eindrucksvollen Abbildungen schildert.

Unternehmen sind sogar inzwischen zum Netto-Sparer geworden. Trotz der sinkenden Steuerlast, sinkender Zinsausgaben und sinkender Lohnquote investieren sie nicht. 

Die effektiven Steuersätze sind niedrig. Die Körperschaftssteuer wurde fast überall gesenkt. Und die Unternehmen nutzen die Steuerschlupflöcher weiter, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Gewinne steigen. Aber sie werden zum grossen Teil im Unternehmen behalten, da das Kapitaleinkommen viel stärker konzentriert ist als das Arbeitseinkommen, wie in einem IMF Working Paper (Nov 2018) von Mai Chi Dao und Chiara Maggi (“The rise in corporate saving and cash holding in advanced economies”) betont wird.


In der Ära des billigen Geldes gab es reichlich Kreditaufnahme. Doch es war in erster Linie der öffentliche Sektor. Unternehmen haben sich nicht anlocken lassen, Graph: Bloomberg, March 15, 2019

Donnerstag, 14. März 2019

Anleihemarkt mit Negativrenditen widerspiegelt Wachstumsschwäche


Das Wachstum in den fortentwickelten Industrieländern verlangsamt sich und der Anleihemarkt reagiert darauf.

Im vergangenen Oktober war der Bestand der Schuldtitel mit negativer Rendite weltweit um mehr als die Hälfte des eigenen Rekordhochs gesunken.

Nun steigt der Wert der Anleihen, die mit negativer Rendite gehandelt werden, wieder an, wie Bloomberg berichtet.

Der Bloomberg Barclays Global Aggregate Negative-Yielding Debt Index hat in den letzten fünf Monaten seit seinem Tiefstand um gut 3‘000 Mrd. USD zugelegt.

Der Index beläuft sich jetzt auf einen Wert von 9‘300 Mrd. (9'3 Billionen) USD

Der Rekordstand war mit 12‘200 Mrd. USD im Juni 2016 erklommen worden.



Der Wert der Anleihen, die mit negativer Rendite gehandelt werden, ist weltweit wieder angestiegen, Graph: Bloomberg, March 14, 2019


Sonntag, 10. März 2019

Der near-term Forward Spread deutet auf Zinssenkung hin


Ein von der US-Notenbank genau beobachteter Indikator für das Wirtschaftswachstum in den USA zeigt dieses Jahr zum zweiten Mal Warnzeichen, wie Bloomberg berichtet.

Der near-term forward Spread (die kurzfristige Termin-Spanne), die die Differenz zwischen dem von UST Bills in sechs Quartalen von heute gerechneten Terminzinssatz und der gegenwärtigen Rendite der UST Bills mit drei Monaten Laufzeit widerspiegelt, ist am Freitag wieder (nach Januar 2019) in den negativen Bereich zurück gerutscht.

Eine negative Bewertung deutet darauf hin, dass die Händler eine Lockerung der Geldpolitik in den nächsten 12 bis 18 Monaten erwarten.

Es ist augenfällig, dass der negative Wert der Metrik der Ankündigung des Fed-Präsidenten Jerome Powell, die Fed habe es nicht eilig, die Zinssätze weiter anzuheben, vorausgegangen ist.


Der near-term Forward Spread ist wieder negativ, Graph: Bloomberg, March 8, 2019

Kidnap


Buchbesprechung:

Anja Shortland: Kidnap – Inside the Ransom Business, Oxford University Press, London, 2018


Die Hauptaussage des kürzlich vorgelegten Buches über pekuniär motivierte Entführungen ist, dass der „Markt für Geiselnahme“ funktioniert, und zwar dank privater Steuerung (private governance). 

Die Autorin, eine Dozentin in Political Economy am King’s College London, schildert in einzelnen Abschnitten detailliert, warum Menschen überhaupt entführt werden, und weshalb Kidnapping versicherbar ist, wie der Preis für das Lösegeld (von Vermittlern, Beschützern und Responders) gehandelt wird und wann die Verschleppung fehlschlägt und wieso die Entführten in manchen Fällen ums Leben kommen, und was zu tun ist, wie die Gefahr im Allgemeinen entschärft werden kann.

Praxisbeispiele beziehen sich im Wesentlichen auf die Region Somali.

Anja Shortland betont mit allem Nachdruck, dass der Markt für Geiselnahme und Entführungen funktioniert, weil es eine Marktkonzentration gibt und wichtige Marktteilnehmer über alle relevanten Informationen verfügen.

Samstag, 9. März 2019

EZB und Europas „new normal“?


Aller guten Dinge sind drei.

Weil es mit den ersten beiden TLTROs nicht geklappt hat, versucht Mario Draghi nun mit TLTRO Number III, die Wogen der europäischen Konjunktur zu glätten.

Bei den neuen Geldspritzen (kurz: TLTRO * genannt) für Banken handelt es sich um Kredite mit einer Laufzeit von 2 Jahren, die vierteljährlich ab September 2019 bis März 2021 ausgegeben werden. Der Zinssatz ist an den EZB-Leitzins, der derzeit 0% (Hauptrefinanzierungssatz) beträgt, gekoppelt.

Apropos Leitzins: EZB-Präsident Draghi hat zugleich angekündigt, dass die EZB-Leitzinsen mindestens über das Ende 2019 auf ihrem aktuellen Niveau bleiben werden. Das heisst m.a.W., dass die EZB die Zinsen bis mindestens zum Jahresende nicht erhöhen will.

Im Übrigen wird Draghi allem Anschein nach der bislang erste EZB-Präsident werden, der in seiner 8-jährigen Amtszeit kein einziges Mal die Zinsen erhöht hat.

Zuletzt hatte Jean-Claude Trichet im Jahre 2011 voreilig die EZB-Zinsen erhöht und damit in der Eurozone eine selbst verschuldete Rezession ausgelöst.

Mittlerweile werden anhaltend niedrige Zinsen und ausgeweitete Bilanzsummen der Zentralbanken in den Mainstream-Median als „new normal“ genannt.


Die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit: 0,05%, Graph: John Authers, Bloomberg Opinion, March 8, 2019 

Sonntag, 3. März 2019

Warten auf Godot: Fed sucht geduldig Inflation


Das neue Schlagwort im FOMC-Statement (Januar 2019) lautet „geduldig“ (patient). 

Jerome Powell hat zuletzt auf konjunkturelle Risiken und das schwächere Wachstum der chinesischen Wirtschaft hingewiesen und eine Kursänderung angedeutet:

Die Fed werde künftig, was Zinserhöhungen betrifft, „geduldig“ vorgehen. 

Während die US-Notenbank den (im Herbst 2017 gestarteten) Abbau der Bilanzsumme beenden will, will sich Powell von Inflation-Daten informieren lassen, ob der geldpolitische Zinssatz zu hoch oder zu niedrig ist.

Ein typischer Witz auf den Finanzmärkten ist, dass die Fed die Straffung der Zinsen so lange weiterzieht, bis etwas kaputt geht. 

Offensichtlich sind aber einige Dinge in Sachen „risk assets“ auseinander gebrochen, sodass die Fed nun Geduld ausüben will und das globale Geschehen („trade wars“, „Brexit“ und China) näher beobachtet.


US-Inflationserwartungen (Uni Michigan Umfrage), Graph: BloombergTV, Febr 28, 2019

Donnerstag, 28. Februar 2019

Deutsche Wirtschaft im Abwärtstrend


Deutschlands Frühindikatoren fallen längst enttäuschend aus. 

Der Manufacturing Index (Einkaufsmanager Index für das verarbeitende Gewerbe), der im Februar im Schrumpfungsbereich weiter eingestürzt ist, markiert damit den niedrigsten Stand seit über sechs Jahren.

Der hohe Leistungsbilanz-Überschuss und ein ausgeglichener Haushalt können offenbar nicht verhindern, dass die Konjunktur sich abschwächt.

Die „schwarze Null“-Politik (*), die hässliche Cousine der Schuldenbremse ("debt-brake"), kann auch nicht dazu beitragen, dass die Wohlfahrt sich erhöht.

Und die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone bleiben bestehen. 


Deutschlands Wirtschaftswachstum mit Abwärtsbewegung, Graph: Bloomberg, Febr 27, 2019

Freitag, 22. Februar 2019

Worauf die negative Laufzeitprämie hindeutet


Das Fed-Protokoll von Januar 2019 zeigt, dass die amerikanischen Währungshüter über die weitere Entwicklung, v.a. was die Zinserhöhungen im laufenden Jahr betrifft, im Unklaren sind.

Im am Mittwoch vorgelegten Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung ist zu lesen, dass nahezu alle Teilnehmer es für wünschenswert halten, binnen Kurzem einen Plan zu kündigen, um die Vermögenswert-Bestände (asset holdings) der Fed im späteren Jahresverlauf nicht weiter zu reduzieren („runoff“).

Im Klartext: Der im Herbst 2017 begonnene Abbau der Bilanzsumme von vier Billionen USD noch 2019 wird beendet. Zurzeit schrumpft die Fed-Bilanz monatlich um 50 Mrd. USD.

Das geschieht so, dass die Fed die Wertschriften, die sie im Sog der GFC (Global Finance Crisis) erworben hat, nicht mehr durch neue Papiere ersetzt, wenn sie auslaufen.

Das Statement der US-Notenbank hat an den Finanzmärkten moderate Reaktionen ausgelöst.

Bemerkenswert ist, dass die Laufzeitprämie für die US-Treasury Bonds (UST) mit 10 Jahren Laufzeit weiterhin im negativen Bereich verharrt.



10y UST term premium (Laufzeitprämie), Graph: BloombergTV, Febr 20, 2019 

Mittwoch, 20. Februar 2019

Defizite und Überschüsse – Wer will Was von Wem Wie?


Kate Allen schreibt in einem lesenswerten Beitrag bei FT am Dienstag, dass wir über German Bunds reden müssen („We need to talk about Bunds“). 

Unter dem Strich klopft die britische Journalistin dem deutschen Finanzministerium auf die Finger.

Deutschland gibt nämlich (wider besseres Wissen) weniger Staatsanleihen aus und trägt damit dazu bei, dass die Anzahl der sicheren, liquiden und erstklassigen Papiere am Markt geringer wird und so auch die Rendite-Differenz (spread) zwischen den deutschen Staatsanleihen und zum Beispiel den italienischen Staatsanleihen zunimmt.

Und der Anstieg der Rendite-Aufschläge bildet wiederum einen weiteren Stein des Anstosses im Euroraum:

Rom wird gerügt, weil Italien hohe Staatsschulden hat und damit angeblich die Wachstumsaussichten in der Eurozone belastet: Italien riskiert eine neue Euro-Krise, lauten die Schlagzeilen in den Mainstream-Medien. 

Es ist zwar richtig, dass Italien ein Haushaltsdefizit von 2% des BIP (2018) hat. Aber Deutschland und Niederlande haben einen Überschuss (fiscal surplus) von 2% des BIP.


Deutschlands Haushaltsüberschuss, Graph: FT, Febr 18, 2019

Berlins lehnt den Einsatz der Fiskalpolitik zur Stabilisierung des Konjunkturzyklus in einer Rezession grundsätzlich ab.

Sonntag, 17. Februar 2019

Theorie, Märkte und schlechte Wirtschaftspolitik


UST-Trader gehen allem Anschein nach davon aus, dass die Fed tatsächlich die Pause-Taste gedrückt hat, und daher in absehbarer Zeit keine weiteren Zinserhöhungen zu erwarten sind.

Da die Risiken einer ansteigenden Inflation und unmittelbar bevorstehenden Straffung der Geldpolitik durch die Fed gering empfunden werden, bleibt die Laufzeitprämie (term premium) weiterhin negativ (violette Linie), wie in der folgenden Abbildung zu sehen ist.

Die Inflationserwartungen, gemessen durch die Breakeven-Sätze (weisse Linie), belaufen sich auf weniger als 2%, nämlich auf 1,87%. 

Auch die Rendite der TIPS, d.h. der inflationsindexierten UST-Bonds, mit 10 Jahren Laufzeit verharrt auf einem niedrigen Niveau: 0,79%. Das ist die reale Rendite.


UST Bonds mit 10 Jahren Laufzeit und die negative Laufzeitprämie (neg term premium), Graph: Bloomberg, Febr 15 2019

Mittwoch, 13. Februar 2019

Null-Stimulus - Null-Zinsen


Die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit ist am Montag unter 0,1% gesunken. 

Bemerkenswert ist, dass der Rückgang der Renditen sich fortsetzt, obwohl die EZB angekündigt hat, die QE-Politik (Ankauf von Anleihen am offenen Markt) allmählich zu Ende zu führen.

Während sich die Anzeichen mehren, dass die schleppende Form der deutschen Wirtschaft nicht nur durch die Schwäche des Export-Geschäfts erklärt werden kann, rückt das Thema Stimulus in den Mainstream-Medien wieder in den Vordergrund.

FT aus London berichtet, etwas übereilt, dass der Euroraum sich anschickt, 2019 eine expansive Fiskalpolitik an den Tag zu legen. 

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Deutschland seit 2000 kaum Investitionen in die öffentliche Infrastruktur tätigt. Die öffentliche fixed-net-capital-formation Ratio ist sogar zum Teil negativ und niedriger als in den meisten europäischen Staaten.


Die Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen Deutschlands, Graph: Bloomberg, Febr 11, 2019

Sonntag, 10. Februar 2019

Japanische Staatsanleihen und Carry Trades mit Basis-Swaps


Der „dovish“e Ton, den die Zentralbanken in den grossen Volkswirtschaften rund um den Globus zuletzt anschlugen, hat Folgen.

Die festverzinslichen Papiere rücken wieder in den Vordergrund. Insbesondere sind sichere und liquide Staatsanleihen wieder rege gefragt.

Bemerkenswert ist dabei die Stellung der japanischen Staatspapiere. Während die JGBs negative oder nahezu null Renditen aufweisen, können Investoren noch immer saftige Erträge erzielen, wie Bloomberg berichtet.

Wie kommt es?

Wenn Spekulanten Fremdwährungen in Yen eintauschen und den Erlös anschliessend in japanische Schuldtitel investieren, winken verhältnismässig hohe Renditen, dank „basis swaps“.

Das nennt man „carry trades“.  

Die Daten des japanischen Finanzministeriums zeigen, dass ausländische Investoren in fünf Tagen bis zum ersten Februar 5,8 Mrd. USD japanische Staatspapiere kauften.


Japans Staatsanleihen glänzten in jüngster Zeit mit einem positiven Ertrag, während die japanischen Aktien eingebrochen sind, Graph: Bloomberg, Febr 8, 2019 

Mittwoch, 6. Februar 2019

Warum liegen die Zinsen immer noch nahe null Prozent?


Die von den Zentralbanken festgelegten Zinsen (benchmark rates) am kurzen Ende der Ertragskurve liegen nahe null, immer noch.

In Japan seit Mitte der 1990er Jahre, im Vereinigten Königreich seit 2009 und im Euroraum seit 2014.

Auffallend ist vor allem, dass die Kerninflationsrate im selben Zeitraum deutlich unter dem (von den Zentralbanken anvisierten) Zielwert liegt, in Japan und im Euroraum.

Wir wissen, dass die Zentralbanker nach dem Ausbruch der Global Financial Crisis (GFC) von 2008 handeln mussten: sie haben die Geldpolitik gelockert bzw. die Zinsen gesenkt, um die Nachfrage zu animieren und die Wirtschaft anzukurbeln.

Die Volkswirtschaften sind anschliessend in die Liquiditätsfalle geraten. 

Das Erreichen der unteren Grenze (zero lower bound) wird in der Volkswirtschaftslehre als „Liquiditätsfalle“ beschrieben. Da die Zentralbanken die Zinsen dann nicht weiter senken können, verliert die Geldpolitik an Zugkraft.

Simon Wren-Lewis erinnert uns in seinem Blog daran, dass die makroökonomische Theorie hierbei klar ist:


Inflation versus Leitzinsen, Graph: IMF News, Febr 5, 2019 @imfnews 

Dienstag, 5. Februar 2019

EU: Europäische Unsicherheit

Märkte tendieren dazu, zwischen zwei Extremen zu wechseln: Angst und Gier. Das dominante Gefühl gegenwärtig scheint aber Verwirrung zu sein, schreibt Robin Wigglesworth in seiner Kolumne bei FT.

Es gibt Zweifel und Unentschlossenheit. Niemand hat eine Sicht und jeder ist dementsprechend positioniert.

Es ist schwer, die Unsicherheit zu quantifizieren. Aber es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass sie weit verbreitet ist.

Das Trading Volumen hat neulich wesentlich abgenommen. Und der Global Economic Policy Uncertainty Index ist durch die Decke gegangen, wie in der folgenden Abbildung deutlich zu sehen ist.

Die Steuersenkungen in den USA hätten zu einem Anstieg der Investitionen und des Produktionswachstums führen sollen. Das künftige Wirtschaftswachstum hätte damit gestützt werden sollen. Das alles hat sich jedoch nicht verwirklicht. 

Stattdessen haben sich amerikanische Unternehmen rekordverdächtige Aktienrückkäufe in einer Billion US-Dollar genehmigt. Die Rückkäufe (buybacks) haben zwar die Aktienkurse angehoben. Aber die Widrigkeiten bleiben bestehen, v.a. durch die Handelsspannungen und den fehlenden Willen der Politiker, Fiscal Stimulus bereitzustellen.


Verwirrung: Global Economic Policy Uncertainty Index, Graph: Robin Wigglesworth, FT, Febr 4, 2019 @RobinWigg @FT 

Freitag, 1. Februar 2019

Gibt es den “Fed Put” tatsächlich?


US-Notenbank hat im vergangenen Dezember den Leitzins (Fed Funds Rate) insgesamt zum vierten Mal im Jahr 2018 erhöht. Der Zinssatz liegt damit zwischen 2,25% und 2,5%.

Da Fed-Präsident Jerome Powell (damals) mehr „hawkish“ getönt hat als allgemein erwartet, war die Folge ein kräftiger Absturz der Aktienkurse.

Am Mittwoch hingegen, d.h. sechs Wochen später, hat die Fed eine Kehrtwende gemacht. In der Pressekonferenz des geldpolitischen Ausschusses der US-Notenbank hat Powell, was weitere Zinserhöhungen betrifft, v.a. die Worte „Geduld“ und „Flexibilität“ hervorgehoben.

Mit anderen Worten hat die Fed den „Auto-Pilot“ inzwischen ausgeschaltet, wie John Authers in seiner Kolumne bei Bloomberg unterstreicht. Das ist phänomenal.

Powell hat zudem eine Reihe von Faktoren angegeben, die für den Kurswechsel der Fed massgeblich gewesen sind, darunter, die Verlangsamung des globalen Wachstums, die Schliessung der US-Bundesregierung („government shutdown“) und eine Straffung der finanziellen Bedingungen („a tightening of financial conditions“).

Der letztgenannte Faktor war aber allem Anschein nach ausschlaggebend, warum die Fed weitere Zinserhöhungen bis auf weiteres aufs Eis legt. 


US Financial Conditions Index, Graph: Bloomberg, Jan 31, 2019 
PS: Die vertikale Linie im Dezember 2018 zeigt die letzte Zinserhöhung durch die Fed

Sonntag, 27. Januar 2019

Euroraum: Warum sind die Zinsen so niedrig?


Es gibt mehrere Gründe für die niedrigen Renditen, schreibt die Bank Safra Sarasin im am Freitag veröffentlichtem Cross-Asset Weekly.

Verschiedene EZB-Massnahmen wie Negativzinsen, das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten und die explizite Prognose für die Forward Rate (forward guidance) haben die Anleiherenditen auf ein Niveau gedrückt, das deutlich darunter liegt, was normalerweise mit den in den letzten Jahren beobachteten wirtschaftlichen Zahlen im Einklang stünde.

Richtig?

Nein. Die aufgezählten Massnahmen wurden von der EZB erst getroffen, nachdem die Zinsen an der Nullzins-Grenze aufgeprallt sind. Das heisst, dass sie nicht die Ursache für die Niedrigzinsen sind, sondern die Folge.

Denn die EZB will mit all den genannten Instrumenten (im Rahmen ihrer unkonventionellen Geldpolitik) die Marktteilnehmer animieren, Kredit aufzunehmen, m.a.W. sich zu verschulden, um die Nachfrage anzukurbeln.

Warum reden wir dabei von „unkonventionellen Massnahmen“? Weil die nominalen Zinsen nahe Null-Grenze liegen und die herkömmliche Geldpolitik dann an Zugkraft verliert. 

Da der Einsatz der Fiskalpolitik Euro-Raum ein Tabu ist, versucht die EZB auf sich allein gestellt, völlig verzweifelt, der konjunkturellen Entwicklung Rechnung zu tragen.


In den letzten vier Jahren notierten die Renditen deutscher Bundesanleihen in einem relativ engen Bereich im Durchschnitt bei 0,37%, Graph: Bank Safra Sarasin, Jan 25, 2019