Mittwoch, 16. September 2020

Deflation als Vermächtnis der Sparpolitik der Eurozone

Das neue Inflation-Konzept, kurz AIT (average inflation targeting), der Fed ist in aller Munde. Manche Volkswirte bezeichnen es „vage“, während andere Marktbeobachter vorerst etwas abwarten wollen, bis die Fed weitere Einzelheiten vorlegt.

Was die US-Notenbank damit anstrebt, ist klar; Inflation, und zwar mehr Inflation, höher als 2 Prozent.

Niemand aber scheint zu glauben, dass eine Rückkehr der Inflation unmittelbar bevorsteht. 

Die Inflationserwartungen, gemessen an Breakeven-Sätzen, sind zwar seit dem starken Einbruch zu Beginn der Covid-19-Krise wieder angestiegen. Aber die Fed verfehlt das eigene Ziel seit 2008. Der Zielwert wird deutlich unterboten, was im Grunde genommen auch im Euroraum der Fall ist. Die EZB unterläuft das von ihr anvisierte Inflationsziel seit mehreren Jahren.

Deutschland beispielsweise wird nach wie vor als deflationsgefährdet angesehen, wie John Authers in seiner Kolumne bei Bloomberg hervorhebt.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die deflationäre Verzerrung in der Eurozone ist ein Ergebnis der lang-anhaltenden doktrinären Sparpolitik (fiscal austerity) inklusive Lohnzurückhaltung.

Die Umsetzung von Sparmaßnahmen in geschwächten Volkswirtschaften, wenn der Privatsektor nicht willens (oder nicht in der Lage ist), die Nettoersparnisse zu reduzieren, wirkt sich unweigerlich auf das Wirtschaftswachstum aus.


Der von der Fed bevorzugte Mass für die Inflation; der PCE-Kerndeflator, Graph: John Authers, Bloomberg, Sept 15, 2020.

Sonntag, 13. September 2020

Staatsausgaben erhöhen Staatseinnahmen

Die europäische Wirtschaft leidet im Grunde genommen heute noch an den Folgen der GFC (Global Financial Crisis) von 2008-2009. 

Denn das wirtschaftliche Umfeld der Eurozone wird weiterhin durch das träge Wachstum, die unerträgliche Unterbeschäftigung und hohe Einkommensverluste gekennzeichnet. 

Die europäische Krise, die durch eine übermässige Verschuldung und wilde Spekulationen im privaten Sektor ausgelöst wurde, wurde von den EU-Behörden als Staatsschuldenkrise umgedeutet und von den Mainstream-Medien sorglos begleitet. 

Die Tatsache ist, dass die Staaten die privaten Schuldner gerettet (bail-out) haben. Auch heute sind die Staaten auf den Plan gerufen. 

Doch das Narrative, das die Staatsausgaben mit „Sozialismus“ gleichsetzt, ist so überwältigend, dass die Regierungen es vorziehen, die Wirtschaft in Form von Zuschüssen (cash grants) an Privatpersonen anzukurbeln, anstatt durch direkte Staatsausgaben.

Wenn Menschen zögern, das Geld auszugeben, helfen Steuersenkungen kaum, die Beschäftigung zu stützen. Selbst negative Zinsen können Unternehmen nicht animieren, Kredit aufzunehmen, wenn die Absatzaussichten schwach sind. 


Der US-Notenbank gelingt es seit 2008 nicht, das eigene Inflationsziel zu erfüllen, Graph: Bloomberg, Sept 13, 2020 

Donnerstag, 3. September 2020

Fed’s neue Rahmenhandlung und Arbeitsmarkt

Es ist derzeit schwer, sich der aktuellen Debatte über Fed’s neue Rahmenhandlung zu entziehen.

Schliesslich handelt es sich dabei um den Beginn einer neuen Ära der Geldpolitik der amerikanischen Notenbank.

Mit dem neuen Ansatz „average inflation targeting“ (AIT) unterstreicht die Fed die Bereitschaft, zuzulassen, dass die Inflation das angepeilte Ziel von 2% einige Jahre überschiessen kann, falls die Teuerungsrate davor unterhalb des Zielwertes verlief.  

Es ist unter Ökonomen mittlerweile vorwiegend unumstritten, dass das Verfehlen des Inflationsziels ein Problem ist. Alle wissen, dass die Inflation in den letzten Jahren weitgehend unter dem 2%-Ziel lag. Und die Fed kündigt jetzt an, dass sie heftigere Inflationsphasen tolerieren will.

Mit dem neuen Ansatz bemüht sich die Fed, Fehler zu vermeiden, vor allem was die Auswirkungen in Bezug auf den Arbeitsmarkt betrifft.

Zur Erinnerung: Die Fed hat die Leitzinsen zwischen 2015 (17. Dezember) und 2018 (20. Dezember) insgesamt 8x angehoben.

Die Folge der Zinserhöhungen war, dass die Erholung des Arbeitsmarktes gedrosselt wurde. Die Notenbank wollte eine Inflation unterbinden, die gar nicht existiert hat.



Fed’s Inflationsziel (rote Linie) und die tatsächliche Inflation (blaue Balken), Graph: Bloomberg, Aug 2020

Dienstag, 1. September 2020

Der begrenzte Planet

Buchbesprechung:

Heiner Flassbeck: Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft – Lassen sich Ökonomie und Ökologie versöhnen, Westend Verlag, Frankfurt, August 2020

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die gegenwärtige Art des Wirtschaftens so viele natürliche Ressourcen verbraucht, dass sie das Überleben der Menschheit infrage stellt.

Die fossilen Rohstoffe sind in realer Rechnung so billig (zum Vergleich: wie Anfang der 1970er Jahre), dass sie weiterhin gefördert werden. Und solange die Regierungen glauben, dadurch die wirtschaftlichen Möglichkeiten ausloten zu können, werden weiterhin Öl, Kohle und Gas aus der Erde geholt.

Es ist daher die grosse Aufgabe, eine ganz andere Wirtschaftsordnung zu entwerfen, die funktionsfähig und für die Umwelt weniger schädlich ist.

Die Welt, d.h. die Staatengemeinschaft braucht eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik, um die wirtschaftliche Entwicklung und CO2-Emissionen zu entknüpfen, erklärt Heiner Flassbeck in seinem neuen Buch.

Und das bedeutet Strukturwandel.

Der Strukturwandel ist aber von der Bevölkerung nur akzeptiert, wenn er 1) nicht zu schnell verläuft, 2) wirklich gewährleistet ist und 3) die finanziellen Kosten gerecht verteilt werden.

Samstag, 29. August 2020

Was ist die niedrigste Arbeitslosenquote?

Jerome Powell, der Chef der amerikanischen Notenbank hat am Donnerstag die Neuausrichtung der US-Geldpolitik angekündigt.

Es handelt sich dabei um einen neuen Ansatz im Hinblick auf die Inflation. Genannt wird es „average inflation targeting“.

Die Fed will zulassen, dass die Inflation einige Jahre höher als 2% laufen kann, falls die Teuerungsrate davor deutlich niedriger lag. Ein Überschiessen über eine längere Zeitperiode ist daher gestattet. Der Zielwert von 2% soll im Durchschnitt angestrebt werden.

Begründung: das anhaltend schwache Wirtschaftswachstum, die träge Konsumnachfrage und die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit.

Die neue Form der Geldpolitik hat zugleich eine Signalwirkung in Richtung Politik: Vollbeschäftigung würde den Arbeitnehmern ein gutes Gefühl geben, die Ungleichheit bekämpfen und den Populismus abschrecken.

Janet Yellen und Jared Bernstein schreiben in diesem Sinne in einem Meinungsartikel bei NYTimes diese Woche, dass die Wirtschaft mehr fiskalische Ausgaben braucht, um Neueinstellungen zu unterstützen, wenn die Arbeitslosigkeit außergewöhnlich hoch und die Inflation historisch niedrig ist, wie beides jetzt der Fall ist.



Erstmalige und fortgesetzte Arbeitslosenansprüche am US-Arbeitsmarkt, Graph: BofA, Aug 2020

Sonntag, 23. August 2020

COVID-19 und „K“-Erholung

Die Mehrzahl der Ökonomen ging bis vor kurzem davon aus, dass die Erholung der Wirtschaft von der Coronavirus-Krise in „V“-Form erfolgen würde. 

Das heisst, dass einem steilen Absturz eine rasche Erholung folgen würde. 

Da die Ausbreitung der Pandemie inzwischen nicht unterbunden werden konnte und nach der Wiedereröffnung (reopening) der Geschäfte weltweit neue Virus-Infektionen verzeichnet werden, kehrt nun Ernüchterung ein.

Unterdessen ist von einer „K“-Erholung die Rede, gut für die Fachleute und schlecht für alle anderen (*). 

Zum Hintergrund: S&P 500 Index hat am Dienstag mit 3,397 Punkten einen neuen Spitzenwert erreicht. Und am folgenden Tag wurde Apple am Aktienmarkt als erstes US-Unternehmen mit mehr als 2‘000 Mrd. USD bewertet. 

Während manche Politiker mit dem Aktienmarkt als Beweis dafür werben, dass die Wirtschaft sich vom Corona-Virus erholt hat, ist es eine bittere Tatsache, dass 173‘000 Amerikaner an der Pandemie gestorben sind und die Anzahl der Arbeitslosen, die eine staatliche Unterstützung erhalten, sich auf 28 Mio. beläuft.

Das bedeutet, dass die Wirtschaft sich für Millionen von Arbeitnehmern, die ihren Arbeitsplatz nicht zurückbekamen, nicht so gut anfühlt. Zudem wurde das Arbeitslosengeld gekürzt. Die im März beschlossene Zusatzleistung von 600 USD per Woche ist ausgelaufen.

Apple markiert eine Marktkapitalisierung im Wert von mehr als 2‘000 Mrd. USD als erstes US-Unternehmen in der Börsengeschichte, Graph: FT, Aug 20, 2020 

Dienstag, 18. August 2020

Fed und das durchschnittliche Inflationsziel (average inflation targeting)

Wie wir beobachtet haben, hat der FOMC, d.h. der geldpolitische Ausschuss der US-Notenbank (Fed) den geldpolitischen Kurs auf der letzten Tagung im Juli unverändert beibehalten.

Die Währungshüter betonten die Abwärtsrisiken und zogen eine künftige Lockerung in Betracht. Doch der Ausschuss schien mit der gegenwärtigen Politik zufrieden zu sein. 

Credit Suisse Analysten betonen im „Investment Daily“ am Montag die Erwartung, dass der Ausschuss nun bereit sei, bis zur September-Tagung zu einem Rahmen für eine Zielvorgabe der durchschnittlichen Inflation (average-inflation targeting) überzugehen, wie es aus dem aktuellen Sitzungsprotokoll der Fed hervorgehe.

Zudem dürfte der Ausschuss als eine weitere Option für eine geldpolitische Lockerung aktiv über die Einzelheiten der Vorwärtsausrichtung (forward guidance) und der Kontrolle der Zinskurve (yield curve control) diskutieren.

Worum aber geht es beim „average inflation targeting“?

Es ist die Vorstellung, dass die Zentralbank nicht darauf abzielt, die Inflation bei 2% (wie bisher) zu halten, sondern sie könnte stattdessen anstreben, sie bei einem Durchschnitt von 2% zu halten. 

US Inflationserwartungen gemessen an 10y UST break-even Sätzen, Graph: Morgan Stanley, Aug 17, 2020