Freitag, 18. April 2014

Geldmultiplikator und Nullzinsgrenze

Die auf die Finanzkrise von 2008 folgende schwere Rezession ist in gewisser Hinsicht mit der Great Depression in den 1930er Jahren vergleichbar, weshalb viele Ökonomen heute von Great Recession sprechen, was langanhaltende hohe Arbeitslosigkeit und aussergewöhnlich niedrige Nominalzinsen auch nahelegen.

Wenn die Nullzinsgrenze (zero lower bound) erreicht wird, kann die Notenbank die Geldpolitik mit konventionellen Mitteln nicht mehr weiter lockern. Extremsituationen erfordern ausserordentliche Massnahmen.

Die führenden Notenbanken haben daher auf unkonventionelle Instrumente wie z.B. QE-Politik (quantitative easing) zurückgreifen müssen, um die Finanzstabilität zu gewährleisten und umfangreiche Liquiditätshilfe zu gewähren.

Weltweit wurden neue Werkzeuge entwickelt und sog. makroprudenzielle Massnahmen getroffen.

Der Einsatz der neuen Instrumente (wie z.B. mengenmässige Lockerung der Geldpolitik durch Anleihe-Käufe am offenen Markt) hat u.a. zu einem massiven Anstieg der Notenbankgeldmenge (monetary base) geführt.

Die Anhänger der neoklassischen Lehre wurden in den vergangenen fünf Jahren trotzdem nicht müde, mit Hinweis auf die massive Ausdehnung der Notenbank-Bilanzen einen kräftigen Anstieg der Inflation vorauszusagen.



Geldmultiplikator kommt zum Erliegen, wenn die nominalen Zinsen auf der Null-Grenze (zero lower bound) prallen, Graph: Morgan Stanley

Donnerstag, 17. April 2014

Einkommensungleichheit und Amerikas Gilded Age

Wir sind einem neuen Gilded Age („Vergoldetes Zeitalter“) von Reichtum und Macht ähnlich wie das erste Gilded Age, schreibt Robert Reich in seinem Blog.

Damals wurden Anti-Trust Gesetze erlassen, um die Konzentration von wirtschaftlicher Macht zu verhindern, die nicht nur Konsumenten schadete, sondern auch die Demokratie untergrub.

Die ausstehende Übernahme von Comcast durch Time Warner löst heute Assoziationen aus, hält der an der University of California, Berkeley lehrende Wirtschaftsprofessor fest.

In vielerlei Hinsicht ist Amerika heute wieder zurück zu der Zeit der riesigen Konzentrationen von Reichtum und wirtschaftlicher Macht, die vor einerm Jahrhundert die Demokratie gefährdeten.

Man denke daran, dass das in Amerika’s neuem Gilded Age passiert, ähnlich wie im ersten Gilded Age, wo ein junger Teddy Roosevelt die „Missetäter des grossen Reichtums“ geisselte, die gegenüber arbeitenden Männern, die sie unterdrückten und gegenüber dem Staat, dessen Existenz sie gefährdeten, ebenso sorglos waren.

Mittwoch, 16. April 2014

Inflation und reale und nominale Variablen

Jürgen Stark bricht in einem wunderlichen Artikel („Doomsayers risk a self-fulling prophecy“) in FT eine Lanze für die Niedriginflation.

Der ehemalige Chefvolkswirt (von 2006 bis 2012) und Mitglied im Direktorium der EZB schreibt, dass die niedrige Inflation das real verfügbare Einkommen erhöhe und damit den privaten Verbrauch fördere.

Inflationserwartungen seien gut verankert und es gebe keinen Hinweis darauf, dass die Verbraucher und Unternehmen die Ausgaben in Erwartung von weiter fallenden Preisen hinausschieben. Warnungen vor Deflation und Forderungen, dass die EZB etwas unternehmen soll, seien irreführend.

Mit dieser Aussage würde Stark an der Uni durch die Bachelor-Prüfung durchfallen, bemerkt Paul Krugman in seinem Blog dazu.

Stark scheint aber davon auszugehen, dass die Preise weniger stark steigen als das Wachstum des Einkommens. Was aber der deutsche Ökonom vergisst, ist, dass auch das Einkommen von den Preisen abhängt.

Die Niedriginflation mag schon dafür sorgen, dass der Zuwachs aus dem Einkommen steigt, und zwar bei einer bestimmten Wachstumsrate des nominalen Einkommens. Aber die Niedriginflation verringert zugleich auch die Wachstumsrate des nominalen Einkommens, und zwar eins zu eins.

Dienstag, 15. April 2014

Zusammenhang zwischen Lohnstückkosten und Inflation

Die Länder in der Europäischen Währungsunion (EMU) haben die Möglichkeit aufgegeben, eine nationale Geldpolitik zu betreiben, um stattdessen ein gemeinsam festgelegtes Inflationsziel zu verfolgen.

Wer aber versucht, seine Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnsenkungen zu erhöhen, unterläuft das gemeinsame Inflationsziel. Und der Druck auf die Löhne löst mit der Zeit disinflationäre Kräfte aus.

Die Inflation lässt sich aufgrund der Entwicklung der Lohnstückkosten sehr gut erklären. Es gibt nämlich einen eindeutigen statistischen Zusammenhang, wie in den von Heiner Flassbeck neulich im Rahmen eines Referats in Washington vorgelegten Abbildungen zu sehen ist.




Druck auf Löhne (Lohn-Dumping) erzeugt im Euro-Raum Deflation, Graph: Prof. Heiner Flassbeck, April 2014, Washington

Montag, 14. April 2014

Die drei Millisekunden im HFT und der Rest der Gesellschaft

Spread Networks hat vor vier Jahren die Bohrarbeiten durch die Allegheny Berge von Pennsylvania abgeschlossen. Es handelt sich dabei um einen Tunnel, wo Glasfaberkabel verlegt wurden. Das Ziel war, 3 Millisekunden zu sparen. Das heisst 3 Tausendstel einer Sekunde, die zwischen den Futures-Märkten von Chicago und den Aktien-Märkten von New York „ruhen“.

Wen kratzen eigentlich 3 Millisekunden? Die Antwort ist Hochfrequenz-Händler (high-freuquency traders), die Geld verdienen, indem sie Aktien in einem winzigen Bruchteil einer Sekunde schneller als andere Marktteilnehmer kaufen oder verkaufen.

Man denke darüber nach, schreibt Paul Krugman in seiner lesenswerten Kolumne („The Expensive Milliseconds“) am Montag in NYTimes, dass man Hunderte von Millionen Dollar ausgibt, um 3 Millisekunden zu sparen.

Das hört sich wie eine riesige Verschwendung an. Und das ist nur ein Teil eines viel umfassenderen Bildes, wo die Gesellschaft einen stetig wachsenden Anteil seiner Ressourcen an finanzielle Machenschaften steckt, während sie im Gegenzug nur wenig oder gar nichts dafür mitbekommt.

Um wie viel Verschwendung geht es? Eine Analyse („Finance vs. Wal-Mart“) von Thomas Philippon von der New York University deutet auf mehrere 100 Mrd. Dollar pro Jahr hin. Was kriegen wir im Gegenzug für das Geld? Nicht viel, soweit man sagen kann, so Krugman.

Sonntag, 13. April 2014

Mittelstand leidet unter einem stagnierenden Einkommen

Leonard E. Burman hat in einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des amerikanischen Senats seine persönliche Ansichten in Bezug auf innovative Ideen und Strategien zur Stärkung der wirtschaftlichen Grundlagen der amerikanischen Haushalte und zur Förderung der Mittelschicht dargelegt.

Der an der Maxwell School, Syracuse University lehrende Wirtschaftsprofessor hat dabei einige der Herausforderungen für den Mittelstand im Jahr 2014 erläutert und politische Optionen erkundet, die helfen sollen, diesen Problemen zu begegnen.

Der Mittelstand leidet seiner Meinung nach v.a. unter einem stagnierenden Einkommen, und zwar seit mehr als einer Generation und es deutet sich keine Besserung an. Das harmlose Wachstum der gesamten Vergütungen wurden weitgehend durch die Kosten der Nebenleistungen verbraucht, so Burman. Das Einkommen der Median-Vollzeitbeschäftigten hat mit Inflation kaum Schritt halten können.

Viele Faktoren trugen dazu bei: Burman nennt z.B. erstens die Rolle der Technologie: Maschinen sind ein ausgezeichneter Ersatz für eine wachsende Liste der Stellen. Eine offensichtliche Antwort darauf ist seiner Auffassung nach ein besserer Zugang zu erschwinglicher Hochschul- und Berufsausbildung.
  



Anteil von Top 1 Prozent und Top 0,1% am Einkommen in den USA, Graph: Prof. Leonard E. Burman in: Policies to Support the Middle Class, March 13, 2014

Ungleichheit Indexierung

Steuern zahlen ist selten angenehm, schreibt Robert Shiller in einem lesenswerten Artikel („Better Insurance Againgst Inequality“) am Sonntag in NYTimes im Angesicht des 15. April, dem Tax Day in den USA.

Das US-Steuersystem ist progressiv und dient einem wenig beachteten aber entscheidenden Zweck: Es mindert einige der schlimmsten Folgen der Einkommensungleichheit.

Aber es ist auch klar, dass das nicht annähernd genug ist, erklärt der an der Yale University lehrende Wirtschaftsprofessor. Es ist Zeit, eigentlich höchste Zeit, das System zu optimieren, sodass verhindert werden kann, dass die Einkommensungleichheit extremer wird.

In einer Anhörung vor dem Finanzausschuss des Senats im vergangenen Monat hat Leonard Burman eine Version von „Ungleichheit Indexierung“ (inequality indexing) vorgeschlagen, die politisch akzeptabel sein könnte, so Shiller.

Seine Idee war die Ungleichheit Indexierung in die Inflation Indexierung zu integrieren, anstatt Steuerklassen einfach an die Inflation zu verknüpfen.

Wenn die Ungleichheit sich verschlimmert, würde höhere Steuerklassen etwas mehr von der Last tragen und die Menschen am unteren Ende der Einkommenspyramide würden etwas entlastet.



Einkommensteuererklärung in den USA, Graph: NYTimes