Dienstag, 30. August 2016

Wirksamkeit der Geldpolitik und fehlende Preisstabilität

Ein wesentlicher Grund, warum die Weltwirtschaft kaum vom Fleck kommt, ist sicherlich der Rückgang der Staatsausgaben in den grössten Volkswirtschaften.

Wie in der folgenden Abbildung deutlich zu sehen ist, halten sich die G7 Länder mit Investitionen seit Jahren zurück. Im ersten Quartal betrug der Anteil der Staatsausgaben am BIP 3,3%, was den niedrigsten Wert seit 2000 markiert, zurückgefallen von 4% zu Beginn des Jahres 2009, wie Oxford Economics berichtet.

Die Zurückhaltung in Sachen Investitionen in die Infrastruktur ist besonders frappant, wo die politischen Entscheidungsträger über das Konzept von Helicopter Money diskutieren, um einer langfristigen Stagnation der Wirtschaft entgegenzuwirken, während die Zentralbanken in Europa und Japan weiterhin haufenweise Wertpapiere am Markt aufkaufen.

In Deutschland beispielsweise stagniert die Wirtschaft seit rund 5 Jahren, bemerkt Heiner Flassbeck aufgrund der aktuellen Daten von ifo-Index.



Der Rückgang der Staatsausgaben in G7-Ländern, Graph: Bloomberg

Sonntag, 28. August 2016

Deutschlands Überschüsse und Europas Leiden

Der Eurozone geht es seit der Krise von 2008 besonders schlecht. Die Wirtschaft steckt in einem tiefen Abschwung; ja man kann sogar sagen, in einer Depression.

Deutschland gibt gern den Ländern mit Leistungsbilanzdefizit die Schuld und verweist auf Defizite und Lasterhaftigkeit der anderen Länder.

Und Berlin fordert, ohne mit der Wimper zu zucken, vom Rest der Eurozone, sich so zu verhalten wie Deutschland. Das heisst: einen Überschuss im Haushalt zu erzielen und einen Überschuss in der Leistungsbilanz zu erstreben.

Dass das aus rein buchhalterischen Gründen gar nicht geht, muss wahrscheinlich nicht näher erläutert werden. Schliesslich sind die Einnahmen des einen die Ausgaben des anderen. Es sei denn, die Welt betreibt plötzlich Handel mit dem Mars. Fakt ist, dass die Welt als Ganzes keine Schulden hat.

Geflissentlich wird jedoch „vergessen“, dass Deutschland das Ausland weiter in die Verschuldung treibt.

Ganz in diesem Sinn bemerkt Brad Setser in seinem Blog, dass Deutschlands Haushaltsüberschuss (1,2% des BIP) Deutschlands massiven Leistungsbilanzüberschuss verstärkt.

Und der externe Überschuss Europas (350Mrd.EUR) den Nachfrageausfall effektiv an den Rest der Welt exportiert und damit den Abwärtsdruck der Zinsen weltweit erhöht.


Der neutral Zinssatz ist seit 2007 um 1 bis 2,5% gesunken, Graph: Greg Ip in: WSJ

Freitag, 26. August 2016

Inflationssteuerung landet im Nirwana


In Jackson Hole, Wyoming treffen sich die Zentralbanker am Wochenende zu einem wichtigen internationalen Meinungsaustausch. Eine wesentliche Frage, die auf der Tagesordnung steht, ist, warum die Inflation nicht vom Fleck kommt.

Ein informelles Thema, das wie das Damoklesschwert über dem Symposium schwenkt, ist sicherlich Helicopter Money (HM). Aber warum? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir brauchen ein Werkzeug für die Ankurbelung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, wie Brad DeLong in seinem Blog darlegt.

Schliesslich verfehlt die Fed die Zielinflationsrate seit mehr als vier Jahren, schreibt Narayana Kocherlakota in diesem Zusammenhang in seiner Kolumne bei Bloomberg View.

Und es sieht in anderen fortentwickelten Volkswirtschaften auch nicht besser aus. Siehe die unten präsentierte Abbildung an.



Das Ende der Inflation? Nirwana von Inflation Targeting, Graph: Mark Gilbert Bloomberg View

Donnerstag, 25. August 2016

Europas Depression und Besessenheit von Negativzinsen


Europa steckt mittlerweile seit acht Jahren in depression economics, wobei die einflussreichen Entscheidungsträger immer noch so handeln, als ob sie nichts daraus gelernt hätten.

Paul Krugman gibt in seinem Blog zu Recht zu verstehen, dass der IWF das eigene Diktum verletzt hat und überall immer noch Haushaltskonsolidierung vorschreibt. Dabei hätte es (zumindest) für die Länder mit einem Leistungsbilanz-Überschuss eine expansive Fiskalpolitik empfohlen werden müssen.

Wir leben in einer Welt, in der die Theorie der secular stagnation in der Tat eine reale Gefahr für die Weltwirtschaft signalisiert. Trotz der anhaltend lockeren Geldpolitik verläuft die Inflation unter dem von den Zentralbanken angestrebten Zielwert.

Die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren legen nahe, dass die Weltwirtschaft fiskalpolitische Unterstützung braucht, um die Nachfrage anzukurbeln und das Angebot an sicheren Staatsanleihen zu erweitern. Es funktioniert einfach nicht mehr, sich allein auf die Geldpolitik zu verlassen.

Es ist wichtig, bei Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass die Haushaltsdefizite und Schulden in der Eurozone durch die Krise verursacht wurden und nicht umgekehrt, wie Joseph Stiglitz in seiner Kolumne in Project Syndicate mit Nachdruck unterstreicht.

Zur Erinnerung: Italien und Irland hatten am Vorabend der Krise Überschüsse und im Verhältnis zum BIP geringe Verschuldung.


Der geschätzte „natürliche“ Realzins, Graph: Cecchetti and Schoenholtz


Montag, 22. August 2016

Wenn Regulierte Regulierer vereinnahmen

Simon Wren Lewis befasst sich in seinem Blog mit der kritischen Rolle, die der IWF während der Krise in der Eurozone gespielt hat. Bemerkenswert ist, dass der an der Oxford University lehrende Wirtschaftsprofessor dabei als Fazit das Argument regulatory capture“ (*) anführt.

Zur Erinnerung: Die eigenen Mitarbeiter des IWF hatten im Jahr 2010 gesagt, dass Griechenlands Schulden nicht nachhaltig sind. Doch der IWF hat dem Druck der europäischen Politiker nachgegeben und auf eine Umstrukturierung der Schulden verzichtet.

Stattdessen hat die Troika den katastrophalen Weg der übermässigen Austerität beschlossen, wobei der IWF selbst die Auswirkungen, die der harsche Sparkurs entfalten würde, vollkommen unterschätzt hat.

Was wir in den letzten Jahren immer öfters hören ist aber, wie der IWF an europäische Entscheidungsträger eine Art Ultimatum stellt, doch noch einen Schuldenumbau zu akzeptieren.

Die wiederholten Fehlschläge deuten laut dem britischen Ökonomen auf ein strukturelles Problem innerhalb des IWF hin: Die Mitgliedstaaten werden nicht gleichbehandelt. Siehe Griechenland in der Eurozone.



Das pro-Kopf BIP in der Eurozone heute noch tiefer als im Jahr 2007, Graph: Narayana Kocherlakota in: Bloomberg View

Freitag, 19. August 2016

Der neutrale Realzins und andere Unannehmlichkeiten

John Williams, San Francisco Fed Präsident sagt, dass es Zeit ist, Überlegungen anzustellen, ob die Zielinflationsrate (Inflationssteuerung) von 2% an die gegenwärtigen Konditionen angepasst werden soll oder nicht.

Seiner Ansicht nach gibt es einfach keinen Spielraum für die Zentralbanken, die Zinsen in Reaktion auf einen wirtschaftlichen Abschwung weiter zu senken, wenn die Inflation nahe Null liegt und der sog. natürliche Zinssatz (natural rate) sehr niedrig ist.

Die zugrundeliegenden Determinanten für den Rückgang der beiden Werte sind eng verknüpft mit:

dem Angebot und der Nachfrage der Geldanlagen,
dem demographischen Wandel,
dem trägen Trend der Produktivität,
dem schwachen Wirtschaftswachstum,
der Suche der sog. Schwellenländer nach sicheren Anlagen für die eigenen grossen Devisenreserven und
einer allgemeinen Ersparnissschwemme (savings glut).

Tatsache ist, dass die Fed ihr Inflation Target von 2% seit mehr als vier Jahren unterbietet, gemessen am PCE.

Warum soll die Fed die Zielinflationsrate vorübergehend nicht auf 4% erhöhen, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Vollbeschäftigung wiederherzustellen?

Ein Einwand ist, dass eine höhere Inflation grosse verzerrende Probleme schaffen würde. Das Stichwort ist Preisstreuung (price dispersion): Inflation würde Preise verzerren, wenn Unternehmen Preise verändern wollten, womit wirtschaftliche Effizienz leiden würde.



Der um die Inflation angepasste natürliche Zinssatz, Graph: John Williams, San Francisco Fed President in: "Monetary Policy in a low R-Star World", Aug 2016.

Donnerstag, 18. August 2016

Inflationssteuerung und Nachfrageschwäche

David Beckworth liefert in seinem Blog zum Thema Nachfrageschwäche zwei sehenswerte Abbildungen.

Was ins Auge sticht, ist, dass das Wachstum der nominalen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage pro Kopf, das in den vergangenen Jahren im Durchschnitt rund 5% betrug, seit der Finanzkrise von 2008 erheblich nachgelassen hat.

Natürlich kommt es auf das reale Wirtschaftswachstum, welches nicht von der nominalen, sondern von den realen Faktoren bestimmt wird.

Beckworths Standpunkt betrifft aber die Frage, warum es nicht mehr möglich ist, ein nominales pro-Kopf Nachfragewachstum von rund 5% wie in vor 2008 zu erzeugen.

Das hat mit der Inflationssteuerung-Politik (inflation targeting) der Zentralbanken zu tun, betont der wissenschaftliche Mitarbeiter im Mercatus Center der George Mason University mit Nachdruck.

Es ist Zentralbanken seit Anfang der 1990er Jahren so gut gelungen, die Inflation niedrig zu halten, dass jede Abweichung davon heute einfach als untragbar wahrgenommen wird, so Beckworth.



Das nominale pro-Kopf Nachfragewachstum, Graph: David Beckworth