Dienstag, 31. Mai 2016

Ohne Lohnwachstum keine Nachfrage

Die EZB strebt mittelfristig eine Inflationsrate von „knapp unter 2%“ an und betrachtet dabei den Verlauf der Kerninflation  (core inflation) als Indikator für das allgemeine Tendieren der Inflation (headline inflation).

Die Kerninflation lag seit 2009 nicht „knapp unter 2%“. Und sie verläuft Bloomberg zufolge seit drei Jahren unter 1 Prozent.

Der Ölpreis ist zwar seit Januar 2016 um mehr als 75% gestiegen. Aber zwei Drittel der Kerninflation entfällt auf die sog. „Services“. Und die Inflation für die „nicht-Energie-Güter“ lag in den vergangenen 16 Jahren nie über 1,8% in der Eurozone. Vor diesem Hintergrund richtet sich das Augenmerk nach dem Preisanstieg von „Services“. 

Deutschlands Politiker verweisen zwar bereitwillig auf niedrige Arbeitslosenquote und günstige Energiepreise als Indikator für Mehr-Cash zugunsten der Verbraucher.  Aber die Services-Inflation lag in Deutschland in den letzten 12 Monaten nicht höher als 1,1%.

Warum? Weil die Löhne kaum vom Fleck kommen. Die Löhne sind im Euro-Raum im ersten Quartal 2016 um 1,4% (nominal) gestiegen. Das ist der geringste Anstieg seit der Einführung der Gemeinschaftswährung, wie die EZB Daten zeigen.



Der anhaltende Rückgang des Lohnwachstums im Euro-Raum, Graph: EZB

(Ohne Lohnwachstum gibt es kaum Konsum-Nachfrage)

Samstag, 28. Mai 2016

Helicopter Money als Fiskalpolitik durch die Hintertür

Barry Eichengreen erklärt in einem lesenswerten Interview in Finanz und Wirtschaft Helicopter Money (HM) kurz und bündig:

Staatsausgaben auf Kredit, finanziert von der Zentralbank (deficit spending).

Der an der University of California, Berkeley lehrende Wirtschaftsprofessor fasst das HM m.a.W. wieder zusammen:

Fiskalpolitik durch die Hintertür.

Zum HM kommt es i.d.R. dann, wenn die Regierungen in einer schwer angeschlagenen Wirtschaft (depression) jegliche Verantwortung ablehnen und die Fiskalpolitik den Technokraten der Zentralbank überlassen.

Eichengreen hält dies aber politisch für nicht tragfähig, aus gegebenem Anlass: In Deutschland wird HM mit Hyperinflation gleichgesetzt. In den USA würde HM so betrachtet, dass die Fed damit ihre gesetzlichen Schranken überschreitet. Einzig in Japan wäre HM möglicherweise denkbar.

Freitag, 27. Mai 2016

IMF nimmt es mit Neoliberalismus auf

Der IMF nimmt dem Neoliberalismus den Nimbus. Im am Donnerstag veröffentlichten Magazin („Finance & Development“) setzen sich drei Top-Ökonomen mit der „neoliberalen Agenda“ auseinander. Zur Erinnerung: Der IMF hatte die neoliberale Doktrin lange auf seine Fahnen geschrieben.

Die Autoren knöpfen sich zwei spezifische Elemente der neoliberalen Gedankenwelt vor: Liberalisierung des Kapitalverkehrs und Haushaltskonsolidierung (besser bekannt als austerity).

Die Schlussfolgerungen sind beunruhigend: Die neoliberale Wirtschaftskonzeption hat das Wirtschaftswachstum untergraben und eine wachsende Ungleichheit ausgelöst.



Neoliberale Wirtschaftskonzeption untergräbt Wirtschaftswachstum, Graph: IMF in: Finance & Development, June 2016

Donnerstag, 26. Mai 2016

Europas Austeritätspolitik am Ende

Das ist in der Tat eine bemerkenswerte Abbildung, die die EZB im aktuellen Financial Stability Review Mai 2016 vorstellt.

Das Augenmerk ist zwar danach gerichtet, dass die Austeritätspolitik nun zu Ende geht. Die Abbildung zeigt aber im Grunde genommen, wie die Doktrin der expansionary austerity in der Eurozone gescheitert ist.

Die Haushaltskonsolidierung hatte von Anfang an eine kontrative Auswirkung auf die private Nachfrage und das Wirtschaftswachstum, auch wenn die Verfasser des Berichtes die harsche Sparpolitik im Bericht wie ein Erfolg präsentieren.



Europas prozyklische Fiskalpolitik in einer schwer angeschlagenen Wirtschaft, Graph: ECB in: Financial Stability Review, May 2016

Was im Chart nicht zu sehen, sind 21,4 Mio. Frauen und Männer ohne Arbeit als Hinterlassenschaft des harschen Sparkurses; einfache Menschen, die auf der Strecke geblieben sind.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Negativzinsen und das falsche Versprechen

Die Geldpolitik allein kann es nicht schaffen. Wir haben immer gesagt, dass wir eine umfassende Massnahme brauchen. Wir benötigen strukturelle, fiskalpolitische und geldpolitische Politik.

Das hat Peter Praet, Direktoriumsmitglied der EZB in einem Interview mit Publico am Montag gesagt.

Die Zinspolitik bleibe noch verfügbar. Aber die Negativzinsen hätten an einem gewissen Punkt auch Nebenwirkungen, was z.B. die Rentabilität der Banken betrifft, so Praet weiter.

Es ist der EZB bislang in der Tat nicht gelungen, mit der mengenmässigen Lockerung der Geldpolitik (PSPP: Ankauf von Anleihen am offenen Markt), die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in der Eurozone anzukurbeln.

Negativzinsen sind einfach die neueste fruchtlose Bemühung seit der globalen Finanzkrise von 2008, die Wirtschaft durch monetäre Massnahmen wiederzubeleben, wie Robert Skidelsky in seiner lesenswerten Kolumne („The False Promise of Negative Interest Rates“) in Project Syndicate beschreibt.

Negativzinsen sind laut dem Professor Emeritus für Political Economy an der Warwick University der letzte Versuch, die Diskrepanz von Anreizen für die Kreditgeber und Kreditnehmer zu überwinden. Die Geschäftsbanken sollen die Liquidität, da das Parken von Geld bei den Notenbanken Kosten verursacht, stattdessen für Kreditvergabe verwenden.


Anteil der Staatsanleihen mit Negativ-Rendite am Gesamtwert der ausstehenden Staatsanleihen, Graph: FT

Dienstag, 24. Mai 2016

Quellen der Endnachfrage: USA vs Europa

Europäische Unternehmen erwirtschaften 51% des Umsatzes aus Ausgaben von Unternehmen. Der Anteil der Verbraucher beträgt 43%. Der verbleibende Rest entfällt auf die Staatsausgaben, berichten Analysten von Morgan Stanley in einer gestern vorgelegten Analyse („Global Exposure Guide“).

Und 19% der Verbraucherausgaben stammt aus dem industrialisierten Europa (ohne Grossbritannien); weitere 8% kommen aus Grossbritannien und 6% aus den US-Konsumenten.

Die Ausgaben der öffentlichen Hand betrifft v.a. Investitionsgüter, Gesundheitswesen, Pharma und Versorger, die insgesamt 75% der Ausgaben ausmachen.



Aufteilung der Einnahmen der europäischen Unternehmen, Graph: Morgan Stanley

Montag, 23. Mai 2016

Helicopter Money ist Schnee von gestern

Was ist der Unterschied zwischen Fiskal- und Geldpolitik? Eine Frage, die von Ökonomen selten eindeutig geklärt wird, weil sie annehmen, dass alle im Allgemeinen wissen, worum es genau geht.

Das stimmt aber nicht ganz, zumal die Unterscheidung in den Nachwirkungen der Finanzkrise vor allem in der anhaltenden Debatte über das sog. Helicopter Money (HM) inzwischen etwas verwischt wurde, wie Eric Lonergan in seinem Blog beschreibt.

Ein wesentlicher Grund ist, die Volkswirte sind sich dessen bewusst, dass Fiskal- und Geldpolitik sich gegenseitig beeinflussen. Der unmittelbarste Bereich der Überlappung ist, wenn es um Finanzierung von Haushaltsdefiziten geht.

Während die Geldpolitik Veränderungen in Bezug auf die Bereitstellung der Notenbankgeldmenge (monetary base) betrifft, hat die Fiskalpolitik Veränderungen in Bezug auf Steuerveranschlagung und Staatsausgaben zum Inhalt, wie Lonergan kurz zusammenfasst.

Die herkömmliche Forschungsarbeit geht davon aus, dass die die Zentralbanken dem Schatzamt vollständig unterwürfig sind, wobei die Haushaltsdefizite die Geldpolitik zu Fall bringen können, wenn die Regierung an einem gewissen Punkt Geld druckt, um ihre Rechnungen zu begleichen.

Dies unterminiert aber die oben geschilderte Unterscheidung nicht. Es legt nur nahe, dass das Schatzamt an einem gewissen Punkt die Geldpolitik unter Kontrolle nimmt. In der Praxis hat die Geldpolitik den Vorrang.

In der Eurozone ist die EZB gesetzlich gehalten, so viel wie nötig Notenbankgeldmenge (Geldbasis) zu schaffen, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Und wenn die EZB mehr Anleihen braucht, um Offenmarktpolitik (OMO: open market operations) durchzuführen, kann sie von den Regierungen fordern, diese bereitzustellen.

Und Offenmarktgeschäfte sind nichts anderes als der Ankauf und der Verkauf von Anleihen am offenen Markt. Die mengenmässige Lockerung der Geldpolitik, d.h. die QE-Politik ist dabei keine Ausnahme. Das ist, was die EZB gegenwärtig macht: Kauf von langfristigen Staatsanleihen am Markt. Und neulich kauft die EZB sogar private Unternehmensanleihen.



Helicopter Money (HM), Graph: FT