Dienstag, 21. Januar 2020

Interview: Prof. Branko Milanovic, The Graduate Center, CUNY

Branko Milanovic is a visiting presidential professor at The Graduate Center, CUNY, and a senior scholar at the Stone Center on Socio-economic Inequality.



You discuss in your new outstanding book two variants of modern capitalism: “political capitalism” (China and Vietnam) and “liberal capitalism” (the West). What is the strong selling point of “political capitalism”? And how practical is it?

The strong selling point of political capitalism is efficiency. In its best form, political capitalism dispenses with a number of growth-inhibiting institutions (the need of numerous parties to agree to certain economic outcomes) and produces high economic growth.

If it could perform like that without other interfering elements, it would dominate liberal capitalism simply because richer countries are seen as models to emulate.

But one should not forget that similar view was held with respect to Soviet socialism some half-century ago: namely, that it would be able to achieve high growth rates despite local inefficiencies.

Thus, in assessing the potential of political capitalism, we have to take into account its weak points too. They are (as I argue in the book) systemic corruption which is due to the absence of the rule of law and its lack of full political consultation (lack of agency).

Both render the system less stable than liberal capitalism. Sufficient dissatisfaction can then lead to political disturbances and even to a change of regime.

Sonntag, 19. Januar 2020

US-Schatzamt und Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss


Die Meldung der Woche war, dass Washington Peking nicht mehr der Währungsmanipulation beschuldigt. Die US-Administration hat damit die Vorwürfe gegen China zurückgenommen.

China hat durchsetzbare Verpflichtungen eingegangen, um eine kompetitive Abwertung zu vermeiden und gleichzeitig Transparenz und Rechenschaftspflicht zu fördern“, hiess es in einem kürzlich vorgelegten Bericht des US-Finanzministeriums (US-Treasury).

Präsident Donald Trump hatte China vorgeworfen, die Landeswährung Yuan abzuwerten, um damit die Exportwirtschaft zu stärken. Peking hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. 

Wenn man über die Exportwirtschaft redet, kommt man nicht darum herum, den gigantischen Leistungsbilanz-Überschuss Deutschlands zur Sprache zu bringen.

Das US-Schatzamt nimmt folglich unumwunden auch zur Exportorientierung und ökonomische Ungleichgewichte, die dadurch ausgelöst werden, am Beispiel Deutschlands Stellung. 

Mit der folgenden Abbildung zeigt Washington, wie Berlin mit einem gewaltigen Überschuss im Aussenhandel, einem unterbewerteten realen EUR-Wechselkurs und einer restriktiven Lohnentwicklung zu globalen Ungleichgewichten beiträgt.


Deutschlands exportorientiertes Wirtschaftsmodell und globale Ungleichgewichte, Graph: Bericht des US-Schatzamtes, Jan 13, 2020

Montag, 13. Januar 2020

Diese tollen Arbeitslosenzahlen sind einfach miserabel


Der Elendsindex ist die Summe von Inflationsrate und Arbeitslosenquote. Ein Wirtschaftsindikator, der von Arthur Okun eingeführt wurde.

Derzeit befindet sich der Misery Index auf historischen Tiefstständen.

Die US-Wirtschaft hat seit den 1950er Jahren nichts Vergleichbares mit dieser Periode der hohen Beschäftigung bei minimaler Inflation erlebt, betont John Authers in seiner Kolumne bei Bloomberg

Doch das schlimme Übel ist der „Tod der Verzweiflung“. Die Lebenserwartung sinkt unter dem Gewicht der durch Sucht und Selbstmord verursachten Todesfälle.

Und das ist auch das Hauptthema eines neuen Buches (Anne Case und Angus Deaton) das bei der Princeton University Press im März 2020 erscheint. 

Die Lebenserfahrung in den Vereinigten Staaten ist in den letzten drei Jahren in Folge gesunken, eine Umkehrung, die seit 1918 oder in einer anderen reichen Nation der Neuzeit nicht mehr zu beobachten war, halten die Autoren fest.



Misery Index, Graph: John Authers, Bloomberg Opinion, @JohnAuthers, Jan 13, 2020 

Sonntag, 12. Januar 2020

„Japanisierung“ Europas und andere Lügen


Je länger die EZB die Zinsen niedrig hält, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln, desto lauter werden die Rufe, dass die Eurozone damit der Gefahr der „Japanisierung“ aussetzt werde, d.h. ein schwaches Wirtschaftswachstum und vor allem eine steigende Verschuldung, während aber die Inflation unter dem Ziel der Zentralbank liegen bleibt. 

Der Einwand in Europa materialisiert sich ausschliesslich auf der rechten Seite des politischen Spektrums, gefüttert von dogmatisch geprägten Ökonomen als Anhänger der neoklassischen Lehre.

Auch in Amerika scheinen aber Ökonomen derzeit über die Wirtschaft besorgt zu sein, trotz niedriger Arbeitslosigkeit und des anhaltenden Wachstums.

Das Augenmerk richtet sich danach, dass dem Staat die Instrumente fehlen, auf die nächste Rezession zu reagieren.

Grund zur Sorge gibt der geldpolitische Stand: Der amerikanische Leitzins ist mit 1,5% bereits sehr niedrig und bietet wenig Spielraum für weitere Lockerungen.


Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP, Graph: Dean Baker, Jan 10, 2010, Brave New Europe 

Freitag, 10. Januar 2020

Niedrig-Zinsen und Zombie-Unternehmen


Wie die deutschen Mainstream-Medien die lockere Geldpolitik der EZB angreifen, ist offensichtlich. Angeblich geht es darum, um weise Sparer in Schutz zu nehmen.

Während die geldpolitischen Falken die unkonventionelle Geldpolitik der EZB kritisieren, widersetzt sich die Fiskal-Orthodoxie den Forderungen nach erhöhten Ausgaben des öffentlichen Sektors, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzuregen.

Und Berlin weigert sich immer noch, von der Politik der „schwarzen Null“ (eines ausgeglichenen Haushalts) abzuweichen.

Ein öfters wiederholtes Argument im Allgemeinen um das Thema herum ist, dass ohne die niedrigen Zinsen zahlreiche Unternehmen in der Eurozone schon Pleite gegangen wären.

Das heisst, dass die EZB mit Niedrigzinsen „Zombie“-Unternehmen am Leben erhalte. Und der Vorwurf lautet weiter so, dass damit auch das Wirtschaftswachstum geschwächt werde.

Eine aktuelle empirische Untersuchung der dänischen Zentralbank kommt jedoch zu einem unterschiedlichen Ergebnis.

Zur Erinnerung: Die dänische Zentralbank war die erste Zentralbank, die die Zinsen unter null Prozent gesenkt hat, und zwar Mitte 2012.


Eine niedrige Prävalenz von Zombie-Unternehmen, schwankend mit dem wirtschaftlichen Verlauf, Graph: Dänemarks Zentralbank, Dec 18, 2019

Samstag, 4. Januar 2020

US-Staatsanleihen auf abgesicherter Basis


EUR Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit haben in den vergangenen 10 Jahren, zwischen 1999 und 2019, eine Top-Rendite abgeworfen: 52%. Siehe den vorausgegangen Blog-Eintrag.

Da die Anleger sich aufgrund einer plötzlichen Eskalation der Spannungen zwischen den USA und dem Iran in die Sicherheit der Staatsanleihen zurückzogen, war es für die bearish eingestellten Anleihehändler ein schwieriger Start in das neue Jahr 2020, wie Bloomberg berichtet.

Die Benchmark-Renditen gaben am Freitag nach und liessen die Rendite-Kurve flacher werden, während die Händler eine steilere Zinsstruktur-Kurve erwartet hatten.

Die EUR-Renditen von 10-jährigen Staatsanleihen sieht zum Wochenende wie folgt aus:

GER: -0,29%
FRA: 0,02%
ITA: 1,34%
ESP: 0,38%


Der Vergleich der 10-Jahres-Renditen mit denen in den USA, bereinigt um die dreimonatigen Absicherungskosten, Graph: @LJKawa Bloomberg, Jan 03, 2020

Donnerstag, 2. Januar 2020

Euro-Staatsanleihen und eine sagenhafte Performance


Die Mehrzahl der Analysten ist sich mittlerweile einig, dass die Zinsen vermutlich noch lange niedrig bleiben werden.

Ein wesentlicher Grund ist die Austeritätspolitik: Es soll gespart werden, koste es, was es wolle. 

Während die Zentralbanken auf die kurzfristigen Zinsen Einfluss nehmen, werden die langfristigen Zinsen durch die fundamentalen Faktoren bestimmt. 

Entscheidend sind auf die lange Sicht drei Komponenten, wie sich die Zinsen zusammen bilden: erwartete kurzfristige Zinsen, Inflationserwartungen und Laufzeitprämie (term premium).

Die Inflationserwartungen sind niedrig, weil das Wirtschaftswachstum relativ niedrig ist. Und das ist der Fall seit den 1980er Jahren, die von Reagan in den USA und Thatcher in Grossbritannien geprägt wurden, getrieben durch das Motto, der Markt ist die Lösung und der Staat ist das Problem. 

Das Bestreben der neoklassisch indoktrinierten Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks ist seither, die Grössenordnung des Staates tatkräftig einzudämmen. Was dabei nicht ausgeschlossen werden kann, ist, dass damit (dem durchweg mittelmässigen Wachstum) auch extreme Einkommensungleichheit einhergeht.

Natürlich spielt auch die Technologie eine bestimmte Rolle, was der anhaltend niedrige Niveau der Zinsen betrifft. 


Die Wertentwicklung der EUR Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit in den vergangenen 10 Jahren, Graph: FT, Jan 01, 2020