Mittwoch, 29. Juli 2015

Sollen die Notenbanker nur über die Geldpolitik reden?

Simon Wren-Lewis nimmt eine aktuelle Aussage von Andrew Haldane (dem executive director von Bank of England for financial stability) zum Anlass, ein umstrittenes Thema in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken: Sollen die Notenbanker nur über die Geldpolitik reden und keine politische Ratschläge erteilen?

Haldane hat neulich das britische Modell von corporate governance in Frage gestellt und des short-terminism bezichtigt. In Grossbritannien gibt es seit langer Zeit Forderungen, das deutsche Modell zu übernehmen.

Es wird oft gesagt, dass die Zentralbanker sich in Bezug auf politische Fragen, die nicht zu ihrem Zuständigkeitsbereich gehört, zurückhalten sollen, als Teil einer impliziten Gegenleistung (quid pro quo) mit Politik, sodass Politiker darauf verzichten, ihre Meinung über die Geldpolitik in der Öffentlichkeit kundzutun, erklärt Wren-Lewis.

Abgesehen davon, dass die EZB (*) keine Kenntnis davon nimmt, wundert sich der an der Oxford University lehrende Wirtschaftsprofessor, ob es sich dabei um eine Fiktion handelt, damit die Politiker die Zentralbanker bremsen können, sich über Themen zu äussern, die die Politiker vielleicht umständlich finden, wie z.B. dass die Austeritätspolitik (fiscal austerity) unser Leben erschwert.

In einem Land wie Grossbritannien ist es nicht klar, was die Bank of England (BoE) aus quid pro quo ausmacht, so Wren-Lewis weiter. Und wenn es jemanden wie Haldane mit der weit reichenden Vision davon abhält, Fragen aufzuwerfen, nur weil sie als politisch erachtet werden könnten, muss man sich wundern, ob diese gegenseitige öffentliche Unterbindung einem sozialen Zweck dient.

Es besteht die Gefahr, dass die Zentralbank politisiert wird, wenn z.B die Fed heiss diskutierten politischen Grundsatzfragen Stellung nimmt, bemerkt Mark Thoma dazu in seinem Blog und deutet auf einen Artikel von Willem Buiter im Februar 2007 hin. 

Dienstag, 28. Juli 2015

Polen, Griechenland und SRI-Bonds

Barry Eichengreen erinnert in einem lesenswerten Artikel (“Escaping the Greek debt trap”) in BloombergView an einen Schuldenschnitt des sog. Pariser Clubs vor rund 24 Jahren.

Im Jahr 1991 einigten sich die westlichen Regierungen untereinander, Polens Schulden zu reduzieren, und zwar mit der Verknüpfung an Strukturreformen.

In der ersten Stufe erhielt Polen eine 30%ige Senkung des Barwerts seiner Schulden im Austausch für die Vereinbarung, sich an das IWF-Anpassungsprogramm zu halten.

In der zweiten Stufe bekam Polen eine weitere Schuldensenkung um 20%, mit der Vereinbarung, die strukturellen Bedingungen des IWF-Anpassungsprogramms zu erfüllen.

Die zweite Stufe war auch bedingt, sodass sich daraus insgesamt 50% Schuldenerlass ergab, einschliesslich der Schulden, die sich im Privatbesitz befanden. Im Fall von Griechenland wäre dieses Element bereits vorhanden, da private Gläubiger Griechenlands bereits im Jahr 2012 einem Haircut von rund 60% gegenübersahen, unterstreicht Eichengreen.

Am Ende lag der Grossteil der Schulden des polnischen Staates in offiziellen Händen. Das ist laut Eichengreen die Art von vertraglicher Vereinbarung, die auch im Fall Griechenland angestrebt werden sollte.

Umwandlung von Griechenlands Schulden in SRI-Bonds (Structural-Reform-Indexed Kredite) müsste jedoch zwei Hürden überwinden: 

Montag, 27. Juli 2015

Schuldenerlass als europäisches Politikum

Wolfgang Schäuble wird nicht müde, überall zu erzählen, dass der Schuldenerlass in der Eurozone nicht erlaubt ist. Der Bundesfinanzminister beruft sich dabei auf den Artikel 125 des EU-Vertrags.

Schäuble lehnt nicht nur Schuldenschnitt entschieden ab, sondern auch Schuldenstreckung und Zinsentlastungen.

Im zitierten Artikel steht, dass die Mitgliedstaaten die Schuldenlasten eines anderen Mitgliedstaates nicht übernehmen können.

Streng genommen lässt sich Schäubles Interpretation nicht einmal als "eng ausgelegt" beschreiben, sondern einfach frei erfunden.

Jedenfalls sieht es auch Wolfgang Münchau so, wie er in einem lesenswerten Artikel (“The make believe world of Eurozone rules”) FT zum Ausdruck bringt.

In jeder Debatte, wo es um den Euro geht, ist es eine grosse Sache in Europa, zu sagen, dass es “gegen die Regeln” ist. Niemand weiss zwar, was die Regeln sind. Aber alle wissen, dass die Regeln beachtet werden müssen.

Nicht nur Schäuble behauptet, dass ein Default im Euro verboten sei, sondern auch Otmar Issing. Der ehemalige Chefökonom der EZB hat in einem Interview mit einer italienischen Zeitung gesagt, dass Schuldenschnitt gegen die EU-Regeln verstosse, legt Münchau weiter dar.

Sonntag, 26. Juli 2015

Häusermarkt ist immer noch nicht rational

Einige Immobillienmärkte in Europa drohen zu überhitzen, warnt Moody’s Analytics. 

Die Hauspreise steigen auch in den USA. Seit 2012 sind sie um 27% geklettert, an Orten wie z.B. in San Francisco sogar mehr.

Soll man sich Sorgen darum machen? Wenn Sie die Theorie der effizienten Märkte akzeptieren, und daran glauben, dass Immobilien einen effizienten Markt innehaben, dann basieren diese Preise auf “neue Informationen”, auch wenn Sie nicht wissen, was genau diese Informationen sind, schreibt Robert J. Shiller in einem lesenswerten Artikel (“The Housing Market still isn’t rational”) am Freitag in NYTimes.

Das Problem mit dieser Art des Denkens ist, dass die Theorie der effizienten Märkte im besten Fall die Halbwahrheit ist, wie eine umfangreiche Literatur über Markt-Anomalien zeigt, erklärt der an der Yale University lehrende Wirtschaftsprofessor.

Was mehr ist, dass die halbe Wahrheit vor allem dem Aktienmarkt zugrundeliegt, die professionelle Anleger anzieht, die manchmal den Markt tatsächlich effizient aussehen lassen.

Samstag, 25. Juli 2015

Euro als Finanzierungswährung

Die EZB hat vor Kurzem mitgeteilt, dass die Gemeinschaftswährung seit Ende 2014 zunehmend als Finanzierungswährung (funding currency) verwendet werde.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Stagnation in der Eurozone, bedingt durch die stumpfsinnige Austeritätspolitik, ist es nicht verwunderlich, dass der EUR von manchen Spekulanten aufgrund der aussergewöhnlich niedrigen Zinsen für sog. Carry Trades gesucht wird.

Der EUR-Anteil in den internationalen Anleiheemissionen ist im ersten Quartal 2015 laut EZB um 9% auf knapp 30% (im Vergleich zum gleichen Quartal des Jahres 2014) gestiegen. 

Ein wichtiger Faktor ist dabei die unterschiedliche Ausrichtung der Geldpolitik in den USA und in Europa. Während die Fed sich anschickt, die Zinsen demnächst zu erhöhen, dürften die Zinsen in der Eurozone noch länger niedrig bleiben.


Neue Euro Anleihe-Emissionen: Die Hälfte davon auf lange Sicht: 10+ Jahre, Graph: Morgan Stanley

Freitag, 24. Juli 2015

Geldmenge und Modellbildung für die Wirtschaft

Die Notenbankgeldmenge ist in der Schweiz per Juni 2015 auf einen neuen Rekordwert geklettert: 453,3 Mrd. CHF.

Die Überschussreserven der Banken sind damit nochmals etwas gestiegen. Die Banken übertreffen das Mindestreserveerfordernis im Durchschnitt um rund 372 Mrd. CHF.

Die monetäre Basis besteht aus dem Notenumlauf + Girokonten inländischer Banken bei der SNB. Vor dem Ausbruch der Finanzkrise lag die Notenbankgeldmenge auf 49,5 Mrd. CHF.

Was bemerkenswert ist, dass der Anstieg der Notenbankgeldmenge um das rund 9-fache keine Inflation ausgelöst hat. Ganz im Gegenteil: Die Inflation in der Schweiz ist negativ. Und die SNB prognostiziert auch für 2016 eine negative Inflation (minus 0.4%).

Gewöhnliche Makro-Modelle über das wirtschaftliche Gleichgewicht besagen, dass es eine proportionale Beziehung zwischen dem Anstieg der Geldbasis (z.B. um 400%) und dem Preisniveau (um 400%) gibt. Und die historische Datenerhebung scheint diese Aussage zu bestätigen.



Schweiz: Notenbankgeldmenge (monetary base), Graph: SNB in: “Statistisches Monatsheft” Juli 2015

Donnerstag, 23. Juli 2015

Finnlands Euro-Anschauung

Finnlands Wirtschaft schrumpft seit mehr als drei Jahren. Die Industrieproduktion ist zuletzt um 5,1% eingebrochen. Die Inflation ist negativ. Und die Arbeitslosigkeit verharrt auf 10 Prozent.

Nun hat die finnische Regierung angekündigt, die Löhne zu senken, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das ist Wahnsinn.

Zur Erinnerung: Finnland ist einer der treuesten Verbündeten Deutschlands in Sachen Austerität. Kein anderes Land ist Griechenland so mit der Tür ins Haus gefallen wie Finnland. Jetzt beginnt Helsinki selbst, die Schmerzen der stumpfsinnigen Austeritätspolitik inmitten einer schweren Krise zu spüren.

Dennoch sagt Juha Sipila, der finnische Premierminister, dass das Land 1,5 Mrd. EUR braucht, um ein Sparpaket für das Haushaltsziel zusammenzuschnüren.

Das wird mit sicherlich auf der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage lasten. Lohnsenkungen in einer schwer angeschlagenen Wirtschaft führen zu Deflation, weil das Inflationsziel weiter unterboten wird.



Finnlands Arbeitslosigkeit, Graph: Statistics Finland