Mittwoch, 25. November 2020

Sparer und negative Realzinsen

Die Future-Märkte rechnen tendenziell nach wie vor mit einer weiteren Senkung des Einlagenzinssatzes durch die EZB

Eine Anhebung der Einlagen-Zinsen um 10 Basispunkte ist demnach erst in der zweiten Jahreshälfte von 2025 zu erwarten, während die Future-Kontrakte eine Zinssenkung für Anfang 2022 einrechnen.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die Schlagzeilen wie z.B. „deutsche Sparer werden bei Nullzinsen enteignet“ oder „der Weg aus der Krise geht über die Enteignung der Sparer“ immer noch das Schaufenster der Medien gestalten.

Doch stimmen die Behauptungen? Was sagt die empirische Evidenz dazu? Ist die Geldpolitik der EZB tatsächlich ein grosses Problem dabei?

Viele Menschen mögen überrascht sein zu erfahren, dass negative Realzinsen kein neues Phänomen sind, sagte Isabel Schnabel am Dienstag im Rahmen eines Vortrags in Frankfurt. 

In Deutschland zum Beispiel liegt der durchschnittliche Realzins für Spar- und Sichteinlagen seit der Einführung des Euro etwa auf dem Niveau des Durchschnitts der letzten zwei Jahrzehnte, wie die folgende Abbildung eindeutig vor Augen führt.  


Negative Realzinsen sind kein neues Phänomen, Graph: Isabel Schnabel, EZB, Nov 24, 2020

Sonntag, 15. November 2020

Atlas der Weltwirtschaft

Buchbesprechung

Heiner Flassbeck, Friederike Spiecker und Stefan Dudey: „Atlas der Weltwirtschaft“ – Zahlen, Fakten und Analysen zur globalisierten Ökonomie, Westend Verlag, Frankfurt, November 2020


Ein Bild sagt wirklich mehr als tausend Worte. „Atlas der Weltwirtschaft“ ist ein mit viel Abbildungen, Diagrammen und Tabellen versehenes Nachschlagewerk zum Wissensbereich Wirtschaft. 

Genau wie die in der Kartografie gebräuchliche Wortbedeutung bietet diese Meisterleistung eine Sammlung inhaltlich, national und international zusammenhängender Themen (Aussenhandel, Arbeitslosigkeit, Sparen & Investieren, Wechselkurse, Löhne, Klimawandel usw.) in Buchform.

Wirtschaft prägt die Welt, in der wir leben. 

Angesichts der Dominanz der Ökonomie im öffentlichen Leben ist es keine Überraschung, dass sich so viele Uni-Studenten dafür entscheiden, einen kleinen Teil ihrer Ausbildung dem Studium der Volkswirtschaftslehre zu widmen.

Das Wirtschaftswachstum ist heute geringer als in den 25 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Einkommen fallen und die Löhne stagnieren. Die Unterbeschäftigung ist die neue Arbeitslosigkeit. Deflation ist eine ernstzunehmende Drohung. Die Zinsen verharren auf der Stelle, nahe „zero lower bound“. 

Nach dem spektakulären Scheitern der neoliberalen Ideologie brauchen wir eine neue „economic story“.

Donnerstag, 12. November 2020

Arbeitsmarkt, Löhne und Beschäftigung

Heiner Flassbeck pflegt zu sagen, dass der Arbeitsmarkt nicht wie der Kartoffelmarkt funktioniert. Im Grunde genommen ist der Arbeitsmarkt kein Markt. Denn das Angebot und Nachfrage sind nicht voneinander unabhängig.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu lesen, wie die Fed St. Louis in einem jüngst veröffentlichten Research-Paper („Lump of Labor“ Fallacy) die oben zitierte Aussage ausführlich bestätigt.

In Wirklichkeit ist die Nachfrage nach Arbeitskräften nicht fixiert. Veränderungen in einer Branche können durch das Wachstum in einer anderen Branche ausgeglichen oder überschattet werden. Und wenn die Erwerbsbevölkerung wächst, steigt auch die Gesamtbeschäftigung, erklären die Autoren der Forschungsarbeit.

Die Analyse enthält zudem zwei Lektionen, die die „lump of labor“ Fallacy widerlegen, und sie erläutert anhand eines einfachen Wirtschaftsmodells, wie die Wirtschaft funktioniert, und beleuchtet, wie Technologie und Einwanderung den Lebensstandard erhöhen können. 


Wirtschaftskreislauf (The Circular Flow Model), Graph: St. Louis Fed, Research, Nov 2020 

Montag, 2. November 2020

Fiskalischer Handlungsspielraum und empirische Evidenz

Die aktuellen Daten reflektieren, dass die Prognosen der gängigen Wirtschaftsmodelle kläglich gescheitert sind.

Die Behauptung, dass die „zu lockere Geldpolitik“ die Inflationsrate massiv in die Höhe treiben würde, hat sich jeder Grundlage entbehrt. 

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Mainstream-Ökonomen den grössten Wert auf die Geldpolitik legen, als wirksames Mittel zur Steuerung der wirtschaftlichen Schwankungen. 

Doch die empirische Erfahrung seit GFC 2007-2008 zeigt, dass es der Geldpolitik (allein) nicht gelungen ist, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzukurbeln.

Zur Evidenz der vergangenen zehn Jahre: 

Die QE-Politik (mengenmässige Lockerung der Geldpolitik) der Zentralbank hat nicht zu einem Anstieg der Inflation geführt.

Aber auch eine langanhaltende Periode niedriger Zinssätze hat keine Inflation ausgelöst. 

Das bedeutet, dass es viel Raum für weitere fiskalische Anreize (fiscal policy) gibt, der Wirtschaft auf die Beine zu helfen, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen und Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung abzubauen.


Die €STR-Swapsätze der EZB implizieren eine Wahrscheinlichkeit von 1/3 für eine Senkung der Einlagen-Zinsen um 10 Basispunkte im Dezember. Dennoch rechnet Nordea Research Team damit, dass eine weitere Senkung des TLTRO-Satzes wahrscheinlicher ist, Graph: Nordea Markets, Oct 30, 2020

Mittwoch, 21. Oktober 2020

Spanien: Eine Frage der Verschuldung

Steve Keen hat im Jahr 2017 ein lesenswertes Buch veröffentlicht: „Can We Avoid Another Financial Crisis?“.

Die These, die der Wirtschaftsprofessor aus Australien in seinem Werk vertritt, ist, dass die Wirtschaftskrisen nicht durch Staatsverschuldung, sondern durch private Schulden verursacht werden.

Das Buch wird in Kürze auf Spanisch erscheinen.

Im Vorwort für die spanische Version seines Buches schreibt Keen nun, dass Spanien in vielerlei Hinsicht ein Lehrbuchbeispiel für die wirtschaftlichen Kräfte ist, die die globale Finanzkrise (GFC) verursacht haben. 

Der Fall Spanien ist zudem auch dafür lehrreich, wie konventionelles wirtschaftliches Denken, dramatisch verkörpert in den restriktiven Maastricht-Kriterien (*) der EU in Bezug auf die Staatsverschuldung und den Haushalt, dazu beigetragen hat, die Krise auszulösen und die Auswirkungen noch zu verschlimmern, fügt der an der Kingston University in London forschende Ökonom weiter hinzu.


Spaniens Verschuldung: Privatsektor versus Staat, Graph: Prof. Steve Keen, Oct 12, 2020 


Samstag, 17. Oktober 2020

Covid-19 Krise und IWFs Gesinnungswandel

Die COVID-19 Krise hat das Leben vieler Menschen, zahlreiche Arbeitsplätze und die Unternehmen verwüstet.

Laut IWF belaufen sich die Kosten weltweit auf schwindelerregende 12 Billionen USD. Die Regierungen ergreifen beispiellose Massnahmen, um den Schock abzufedern. 

Zudem zeigt IWF im Fiscal Monitor, dass steigende öffentliche Investitionen in den fortgeschrittenen und aufstrebenden Markwirtschaften dazu beitragen könnten, die Wirtschaftstätigkeit nach dem schärften und tiefsten globalen Wirtschaftseinbruch der Zeitgeschichte wieder anzukurbeln.

Sie könnten auch kurzfristig Millionen von Arbeitsplätzen direkt und über einen längeren Zeitraum weitere Millionen indirekt schaffen.

Eine Erhöhung der öffentlichen Investitionen um 1% des BIP könnte nach Angaben des IWF das Vertrauen in den Aufschwung stärken und das BIP um 2,7%, die privaten Investitionen um 10% und die Beschäftigung um 1,2% fördern, wenn die Investitionen von hoher Qualität sind.


Die tiefen Spuren der Covid-19 Krise; der Rückgang des Wachstums zwischen 2019 und 2025 (Prognose), Graph: FT, Oct 15, 2020 

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Italiens Staatsanleihen und EZB als „lender of last resort“

Es gibt gute Nachrichten aus Italien. Der Spread der Renditen 10-jähriger Staatsanleihen (BTP) Italiens gegenüber entsprechenden deutschen Bundesanleihen ist auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2018 gesunken.

Das bedeutet, dass das Vertrauen zurückgekehrt ist.

Die Rendite-Differenz (spread) gilt im Allgemeinen als das beste Mass für das wahrgenommene politische Risiko in Italien.

Dass der Aufschlag wieder auf das Niveau von Anfang 2018 zurückgegangen ist, zeigt die Stärke des wiedererwachten Optimismus über die Zukunft der Eurozone, wie John Authers seiner Kolumne bei Bloomberg Opinion unterstreicht. 

Dahinter steckt sicherlich die nach einem Verhandlungsmarathon ausgehandelte Vereinbarung der EU, gemeinsam Anleihen zur Finanzierung der COVID-19 Hilfe aufzubringen.

Authers liefert dazu zwei bemerkenswerte Abbildungen von Jim Reid, Deutsche Bank AG. In dem einen Chart sehen wir die Entwicklung der Rendite der italienischen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit.


Die Renditen der Staatsanleihen Italiens und Griechenlands mit 10 Jahren Laufzeit, Graph: FT, Oct 15, 2020