Freitag, 29. Juli 2016

Finanzierungssalden der Wirtschaft und öffentliche Investitionen

Benoît Cœuré, Direktoriumsmitglied der EZB hat gestern in einem Referat in den USA gesagt, dass die EZB noch über einen Spielraum verfügt, wenn nötig, die Zinsen weiter zu senken, bevor sich negative Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Konsumverhalten bemerkbar machen.

Die monetäre Entwicklung in der Eurozone deute laut Cœuré nicht auf eine Cash-Substitution hin. Das heisst, dass die EZB noch weit weg von der „physischen Null-Untergrenze“ entfernt ist, wo das Risiko von Disintermediation auftauchen würde.

Seiner Einschätzung nach ist die Umsatzstruktur der Banken im Euro-Raum seit einer langen Zeit stabil. Das Netto-Einkommen der Banken sei zwischen 2014 und 2015 gestiegen, getrieben durch geringere Abschreibungen und höhere Nichtzins-Erträge.

Es gebe inzwischen jedoch Anzeichen dafür, dass die Banken beginnen, Kunden als Ersatz für Produkte, die an Zinsen gebunden (interest-based products) sind, „kostenpflichtige Produkte“ (fee-based products) anzubieten.



Übersicht über Staatsanleihen mit Negativ-Renditen, Graph: Benoît Cœuré, EZB in: „Assessing the implications of negative interest rates

Donnerstag, 28. Juli 2016

EZB’s QE und Performance der Staatsanleihen

Wer 2016 in längerfristige Staatsanleihen Deutschlands investiert hat, hat neunmal mehr verdient als mit kürzeren Staatspapieren.

Angaben von Bloomberg zufolge beträgt der Ertrag der deutschen Staatsanleihen mit Laufzeiten von 20 und mehr Jahren rund 21% seit Jahresbeginn.

Der Ertrag der deutschen Staatspapiere mit einer Laufzeit von 1 bis 10 Jahren beläuft sich hingegen auf rund 2,4% in diesem Jahr.

Das deutet darauf hin, dass German Bunds als sichere und liquide Wertpapiere weiterhin stark gesucht sind und die QE-Politik der EZB eine starke Nachfrage nach solchen Staatsanleihen geschaffen hat.



Verlauf der Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit, Graph: Bloomberg

Mittwoch, 27. Juli 2016

Die Welt als Ganzes hat keine Schulden


Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) hat gestern eine Anleihe mit 8 Jahren Laufzeit verkauft. Die Rendite beträgt minus 0,11%, wie FastFT meldet.

ESM, der ein Teil des „EUR-Rettungsschirms“ gegründet wurde, hat 961 Mio. EUR eingenommen, zu negativen Zinsen, um die EUR-Staaten, die in Schwierigkeiten stecken, zu unterstützen. Das heisst, dass der Markt die Kreditaufnahme des Rettungsfonds mit einem Abzug belohnt.

Ironie des Schicksals?  

Während die Entscheidungsträger im Euro-Raum alle auffordern, die Gürtel enger zu schnallen, um trotz des schwer angeschlagenen Umfelds der europäischen Wirtschaft Haushaltskonsolidierung zu betreiben, ist der EUR-Rettungsfonds in der Lage, Anleihen auf 8 Jahre zu Negativ-Renditen zu begeben.

Die Tatsache, dass die Politiker immer noch darauf bestehen, dass die öffentliche Hand sparen muss, zeigt, wie schief die neo-klassisch geprägte Wirtschaftskonzeption (fiscal austerity) der EU-Behörden ist.



Die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit fällt nach zwei Wochen wieder auf einen rekordtiefen Wert, Graph: Bloomberg

Dienstag, 26. Juli 2016

Jagd nach Rendite oder Sicherheit?

Die Fed Fund Futures deuten an, dass die Chance für eine Zinserhöhung durch die Fed auf dem FOMC-Treffen diese Woche 10% beträgt, während sich die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsanstieg per Dezember 2016 heute auf rund 46% beläuft.

Und die Futures signalisieren eine Chance von 85% für eine Zinssenkung durch die britische Zentralbank (BoE: Bank of England) im August.

Im Euro-Raum hingegen fällt auf, dass sich die Differenz zwischen den errechneten (inflation swaps) und erhobenen (markt-basierten Umfragen, SPF) inzwischen etwas ausgeweitet hat, vielleicht aus technischen Gründen. Aber wir wissen nicht genau, warum. Auch EZB-Präsident Mario Draghi hat neulich darauf aufmerksam gemacht, ohne es weiter zu kommentieren.

Thomas Jordan, SNB-Präsident hat am Sonntag gesagt, dass die SNB über genügend Spielraum verfüge, gegebenenfalls am Markt zu intervenieren. Einer Umfrage von Bloomberg zufolge könnte die SNB den gegenwärtigen Negativzins von minus 0,75% auf Sichtguthaben der Banken bis auf minus 1,25% senken.


Wie tief fallen die Renditen noch? Graph: Bloomberg

Montag, 25. Juli 2016

Wachstumsschwäche und Ausfallgefahr am Anleihemarkt

Die global anhaltende Wachstumsschwäche und die Niedriginflation sind miteinander verknüpfte Faktoren, die zum Rückgang der als risikofrei geltenden Renditen der sicheren Staatsanleihen beitragen.

Die Implikationen lassen sich unschwer beobachten. Der Kapitalzufluss in die US-Anleihemärkte beschleunigen sich, wenn die Zinsen niedrig bleiben oder sogar fallen und die Volatilität abnimmt.

Das geringe Wirtschaftswachstum und eine niedrige Inflation bilden aber in einem Marktumfeld, wo der Schuldenabbau-Prozess (deleveraging) noch nicht abgeschlossen ist, eine gefährliche Mischung.

Es gibt einer Analyse von Morgan Stanley nach eine enge inverse Beziehung zwischen den CCC/BB Spreads-Unterschieden und Inflationserwartungen.

M.a.W. korrelieren Inflationserwartungen i.d.R. mit einer schwachen Performance der als riskant eingestuften Anleihen. Und ein Faktum ist, dass hohe Zahlungsausfälle fast immer in einer solchen Umgebung des Marktes vorkommen, wenn das Wachstum schwach ist und die Inflation niedrig verläuft.



Deflationäre Umgebung ist problematisch für Anleihen mit geringerer Kreditwürdigkeit als Staatsanleihen mit bester Bonität, Graph: Morgan Stanley

Sonntag, 24. Juli 2016

Keine Inflation - keine Zinserhöhung

Die Inflationsaussichten bleiben angesichts der trägen Handelsaktivitäten und der anhaltenden Überkapazitäten weiterhin gedämpft.

Der von der US-Notenbank besonders aufmerksam beobachtete Wert core PCE Inflation dürfte sich nach Einschätzung von Morgan Stanley Ökonomen weiterhin zwischen 1,6% und 1,7% bewegen.

Das bedeutet, dass die Fed das Inflationsziel (2%) auch im kommenden Jahr unterbieten würde, womit die Preisstabilität das 9. Jahr infolge (nach unten) verfehlt wäre.

Alle möglichen Messgrössen von Inflationsausgleich und Erwartungen verharren auf historisch niedrigen Niveaus. Und wie aus der Sitzungsnotizen der Fed vom Juni hervorgeht, werden die amerikanischen Geldpolitiker zunehmend bekümmert, dass der Weg hin zum Zielwert von 2% auf mittlere Sicht bricht.

Die Teilnehmer des geldpolitischen Ausschusses der Fed äussern Besorgnisse über wichtige Abwärtsrisiken einschliesslich des persistenten disinflationären Drucks aufgrund der schwachen Wachstumsaussichten im Ausland.



Die Fed dürfte im Jahr 2017 das eigene Inflationsziel (ca. 2%) das 9. Jahr in Folge unterbieten, Graph: Morgan Stanley

Samstag, 23. Juli 2016

The Age of EM

Buchbesprechung:

Robin Hanson: The Age of EM. Work, Love, and Life when Robots Rule the Earth. Oxford University Press, New York, London, 2016.


Eine Gehirnemulation (brain emulation, kurz: ems) ist einfach ausgedrückt die Nachbildung eines funktionierenden menschlichen Gehirns im Computer.

Wenn wir ein menschliches Gehirn scannen (Hirnabbild) können, können wir es (die exakte Kopie) auf einen super-schnellen Computer übertragen und damit ein Modell mit den gleichen Verbindungen zwischen den Nervenzellen bauen. Und dann haben wir ein Roboter-Gehirn, das als menschlich erkennbar ist.

Gehirnemulation hört sich wie eine Science Fiction Story an. Aber das vorliegende Buch von Robin Hanson gehört eher in die Kategorie „Futurism“. Im Übrigen werden Emulationen manchmal auch „uploads“ genannt.

Die wichtigste Methode des Autors, neben dem gesunden Menschenverstand und Trendprojektionen, sind Standard-Konsensus-Theorien in relevanten Bereichen der Physik, Technik und Sozial- und Geisteswissenschaften, einschliesslich der Praxis im geschäftlichen und gesellschaftlichen Leben, wie der Wirtschaftsprofessor an der George Manson University selbst beschreibt.

Gehirnemulationen benötigen drei unterstützende Technologien: Gehirn-Scanner, Gehirnzellen-Modelle und Signalverarbeitungshardware (d.h. Computers).

Gehirn-Scans werden laut Hanson möglicherweise durchführbar, wenn alle drei dieser Technologien günstig genug sind und zuverlässig eingesetzt werden können. Es scheint dem heutigen Kenntnisstand nach glaubwürdig, dass ausreichende Fortschritte in etwa einem Jahrhundert oder so erzielt werden könnten.