Sonntag, 11. Januar 2015

Deflation in der Eurozone als Verrat an Südeuropa?

Ambrose Evans-Pritchard beschreibt in einem lesenswerten Artikel in The Telegraph den Abrutsch der Eurozone in Deflation als Verrat an Südeuropa: Die Bürger Südeuropas haben die Gürtel heldenhaft enger geschnallt. Doch werden sie von der Deflation erdrückt.

Das klingt übertrieben harsch. Aber es ist die einfache Wahrheit. Nicht nur die allgemeine Inflation, sondern auch die Kerninflation liegt heute im Euro-Raum unter 1%, und damit 100 Basispunkte tiefer als die Zielinflation der EZB (nahe 2%).

Das Bild sah aber vor dem Ausbruch der Krise anders aus: Der Zustrom des Kapitals aus der Kern- an die Peripherie der Eurozone hat in Südeuropa einen Boom (man denke an den Immobilienmarkt) ausgelöst. Die Preise und Kosten sind stark angestiegen.

Die durchschnittliche Inflation im gesamten Euro-Raum galt aber als in Ordnung. Der Anstieg der Preise hat dazu beigetragen, dass Deutschland super-wettbewerbsfähig geworden ist, wie Paul Krugman in seinem Blog schildert. Und Deutschland kam aus der wirtschaftliche Flaute Ende der 1990er Jahre gestärkt heraus, ohne tatsächlich abwerten (Deflation) zu müssen.

Während die Lohnsstückosten in Südeuropa zulegten, gingen sie in Deutschland zurück. Nachdem die Kapitalströme zum Erliegen kamen, war Südeuropa gezwungen, die Kosten und Preise zu senken. Die Anpassung hätte aber nach dem Lehrbuch symmetrisch stattfinden sollen, um die allgemeine Inflation im Euro-Raum am Zielwert zu halten.



Eurozone fällt in Deflation, Graph: FT

Das bedeutet, dass Deutschland mehr Inflation hätte zulassen sollen, damit die Niedriginflation in Südeuropa die benötigte Anpassung via "internal devaluation“ hätte geschehen lassen können.

Es kam aber nicht zu einem Anstieg der Inflation in Deutschland und Südeuropa war gleichzeitig gezwungen, in die Deflation zu fallen, was sehr kostspielig ist, weil dadurch die reale Last der Schulden steigt.

Die deutsche Regierung sagt, dass Deutschland mit seinen Problemen fertig wurde, warum Südeuropa nicht das Gleiche tun kann? Warum? Südeuropa hat sich an die Spielregeln gehalten. Aber wo es darauf ankam, wurden die Regeln, und zwar in Zeiten der Not geändert, zu Lasten Südeuropas, wie Krugman weiter argumentiert.

Was hätte aber getan werden können, um diese Situation zu vermeiden? Die EZB hätte aggressiv expandieren müssen. Die Austerität (fiscal austerity) in Südeuropa hätte ausgeglichen werden müssen, durch Expansion im Norden. Die Besessenheit von Inflation und Haushaltsdefiziten hat stattdessen alles verschlimmert. Die Situation ist jetzt sehr nahe unwiederbringlich, hält Krugman als Fazit fest.

Die entscheidende Frage ist aber, wie eine Währungsunion funktionieren kann. Da die gemeinsame Geldpolitik von der EZB verwaltet wird, müssen sich die Inflationsraten einander annähern. Das Inflationsziel in der EWU ist 2 Prozent. Wenn Südeuropa nach oben und Deutschland nach unten verstossen, kommt es zu Friktionen. 

Daher ist es notwendig, wie Heiner Flassbeck unterstreicht, dass jedes Land die Löhne nach der Produktivität plus Zielinflation der EZB ausrichten muss. Eine Konvergenz der Wettbewerbsfähigkeit ergibt sich, wenn die Lohnstückkosten in jedem Land an die eigene Produktivität unter Beachtung des Inflationsziels der EZB angepasst werden.


PS: Prof. Flassbeck hebt ausserdem hervor, dass Inflation und Deflation keine monetären Phänomene sind, sondern i.d.R. durch Über- und Unterschiessen der Löhne über die Produktivität entstehen.

1 Kommentar:

Marco Schmidt hat gesagt…

Mit Blick auf die exportorientierte Wirtschaftsstruktur wird es hierzulande zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwer, höhere Löhne auf breiter Front durchzusetzen. Die Aufträge brechen ja schon seit einiger Zeit weg (wegen allgemeinem Nachfragemangel - Austerität lässt grüßen) und es ist keine Besserung in Sicht.
Das wird noch ordentlich knacken und knirschen im Gebälk... Die Strukturen so wie sie jetzt sind, können nicht langfristig bestehen bleiben. Hätte den Politprofis mal vorher jemand sagen sollen, wie wichtig Außenhandels*gleichgewichte* sind. Aber der Ökonomen-Mainstream sagt ja noch, es wäre alles nicht so schlimm. Überschüsse seien gut, Defizite ganz ganz schlecht. *facepalm*