Mittwoch, 13. Januar 2016

Produktivität in Europa und Frankreich

Die EZB liefert im gestern veröffentlichten Research Bulletin (No. 23) die folgende fesselnde Abbildung.

Wie die Verfasser des Berichtes unterstreichen, bleibt der Euroraum in Sachen Produktivitätswachstum hinter den USA zurück. Im Chart ist die Arbeitsproduktivität gezeichnet. Was auffällt, ist, dass Frankreich deutlich besser abschneidet als Deutschland.

Wenn man an „Frankreich-Bashing“ in grossen Teilen der mainstream-Medien denkt, ist es schon bemerkenswert.

Zur Erinnerung: Wolfgang Schäuble hatte laut FAZ zu Frankreich gesagt, dass man das Land und das französische Parlament leider nicht zwingen könne, Arbeitsmarktreformen wie Spanien durchzuführen.

Dabei verläuft das reale BIP in Frankreich auf der Basis von 1999 heute noch höher als in Deutschland. Das liegt daran, dass sich die Binnennachfrage in Frankreich auf den Privatverbrauch stützt.  Heiner Flassbeck bietet dazu in seinem Blog noch mehr sehenswerte Charts.




BIP pro Stunde (hier: Arbeitsproduktivität) im Euro-Raum liegt hinter den USA deutlich zurück, Graph: EZB in Research Bulletin No. 23, Jan 12, 2016



Im Bericht wird ausserdem zusammenfassend darauf hingewiesen, dass viele Teilnehmer der Konferenz (ECB Sintra Forum an Central Banking 2015) sich einig sind, dass Hysterese-Effekte in Europa eine wichtige Rolle spielen und von der öffentlichen Hand daher in Angriff genommen werden sollen.





Euroraum bleibt auch in Sachen ICT (Information and Communication Technology) hinter den USA zurück, Graph: ECB

Warum Frankreich eine „schlechte Presse“ hat, ist im Grunde genommen politischer Natur, um nicht zu sagen, ideologischer. Frankreich mag Probleme haben. Aber wer hat keins?

Hinter dem gebetsmühlenartig produzierten leeren Geschwätz über Frankreich steht die dogmatische Vorstellung, dass der Wohlfahrtsstaat stark verkleinert werden muss, wenn nicht abgeschafft. Deshalb setzen sich Warnungen fort, dass Frankreich dazu verdammt sei, mit seiner Wirtschaftspolitik zu scheitern. Das ist natürlich Quatsch.

PS: Die Wachstumsaussichten im Euroraum bleiben düster, wie die gegenwärtigen Projektionen (Dezember 2015) der EZB-Mitarbeiter nahelegen:



Ausblick für Wirtschaftswachstum und Inflation im Euroraum gemäss EZB
Staff Projections vom Dezember 2015, Graph: Morgan Stanley
















Kommentare:

George M. Dorgan hat gesagt…

Kommentar1: Steigendes BIP und steigende Bevölkerung
Vielen Dank für diesen Post, die Qualität des Blogs wird besser und besser.
Allerdings:

Wer Flassbeck kennt, weiss, dass er durch oberflächliche Statistiken, versucht seine radikalen Thesen zu untermauern. Insbesondere denkt er, dass das BIP der einzig wichtige Parameter einer Wirtschaft ist.
Zunächst lassen wir uns die Statistik BIP pro Stunde mal im Detail anschauen.
Zwischen 1995 und 2014 ist die Bevölkerung Frankreich um 2 Millionen gestiegen, die von Deutschland aber gleich geblieben.
http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/Publikationen/wachstum-und-demografie-im-internationalen-vergleich,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf
In Frankreich standen also mehr Personen zur Verfügung um ein höheres BIP zu erzeugen. Richtigerweise erfolgt die Korrektur durch die Arbeitsstunde. Die Grafik impliziert, dass die Deutschen mehr Stunden arbeiten mussten, während die Franzosen die Arbeit auf mehr Köpfe verteilen konnten (siehe die 35 Stunden-Woche in Frankreich, eingeführt in den 90igern).
Aber wie kürzlich in weltweiten Statistik klar gezeigt, sinkt die Produktivität mit jeder weiteren gearbeiteten Stunde. Die optimale Arbeitszeit sei 6 Stunden danach sinkt die Produktivität.

George M. Dorgan hat gesagt…

Kommentar2: Weitere Fehler des BIP

Es kommen aber noch weitere Fehler der BIP-Messung zusammen.
1) Das BIP beinhaltet den Häusermarkt. Ein Aufblasen der Housing-Bubble führt zu einem höheren BIP, da auch erbrachte Leistungen häufig teurer sind. Frankreich hatte eine Housing Bubble bis 2008, ja sogar 2011, Deutschland nicht. Im Gegensatz zu Industrieinvestitionen werden Investitionen in den privaten Häusermarkt von vielen Ökonomen als "unproduktiv" betrachtet.

2) Italiener, Griechen, Spanier haben die private Sparrate zwischen 1995 and 2014 stark reduziert, die Deutschen nicht. Die Sparrate verläuft letzte Zeit umgekehrt proportional zum BIP, da das Geld oft nicht in die lokale Wirtschaft investiert wird.
https://data.oecd.org/hha/household-savings.htm

Klarerweise führt eine höhere Sparrate zu höherem Vermögen. Dies bedeutet, dass Vermögensbildung tendenziell umgekehrt proportional zu BIP-Steigerungen verläuft. Nicht umsonst sind die meisten Amerikaner arm, haben aber das höchste BIP. US Sparrate: 4%, Deutschland: 10%
Bemerkung: Eine Häuserblase kann aber diesen Effekt überlagern.

3) Austerität: Deutschland hat nach den starken Staatsausgaben zwischen 1990 und 1995, ab 1996 eine stärkere Austeritätspolitik eingeführt als Frankreich (Agenda 2010). Dies schwächt das BIP.

4) Schattenwirtschaft: Um Zuge der Digitalisierung hat Frankreich wie auch Italien die Schattenwirtschaft mehr reduziert als Deutschland. Die Schattenwirtschaft ist im BIP nicht enthalten.

5) Ebay und Gebrauchtwaren: Ebay und "Geiz ist Geil" ist in diesen Jahren in Deutschland sehr stark in Mode gekommen. Aber Gebrauchtwaren nicht durch das BIP erfasst. Die Waren würden doppelt gerechnet, da sie schon bei Neuproduktion durch ein "vorheriges BIP" erfasst wurden. Der Käufer von gebrauchten Waren hat aber einen Nutzen durch den Erwerb, der klar grösser Null ist.

Mehr unter https://snbchf.com/economic-theory/mistakes-gdp/ (forthcoming)