Samstag, 19. Oktober 2019

Deutschland versus EZB

Die EZB peilt mittelfristig einen Wert von „unter, aber nahe 2%“ als ideales Inflationsziel für die europäische Konjunktur an. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die EZB das eigene Ziel (*) seit ein paar Jahren deutlich unterläuft.

Mit einem Anteil von 28% leistet Deutschland den grössten Beitrag zum Durchschnitt der Europäischen Währungsunion (EWU). 

Wenn die deutschen Inflationsraten nur um 1,25% höher gewesen wären als sonst, hätte die EZB zwischen 2009 und 2018 ihr Inflationsziel erreicht, unterstreicht die Bank J. Safra Sarasin aus Zürich in einer am Freitag vorgelegten Bericht.

Da das nicht der Fall ist, sieht sich die EZB gezwungen, die negativen Leitzinsen beizubehalten. Und Draghi wird deswegen v.a. in Deutschland heftig kritisiert: Die Negativ-Zinsen werden nicht als Anreiz wahrgenommen, übermässige Ersparnisse abzubauen und/oder die Investitionsnachfrage zu steigern, sondern als „Strafzins“ gebrandmarkt. 


Deutschlands Inflation im Vergleich zum Rest der EWU, Graph: J. Safra Sarasin, Oct 18, 2019



Tatsache ist, dass es sich dabei um normative Konzepte handelt. Es ist daher offensichtlich nicht die Aufgabe oder die Absicht einer Zentralbank, mit Zinsen irgendwelche Wirtschaftssubjekte zu „bestrafen“ oder zu „belohnen“. 

Höhere deutsche Inflationsraten und Löhne hätten die Anpassungsprozesse im Euroraum und in Deutschland selbst erleichtern können, schreiben die Autoren des oben zitierten Berichtes mit Nachdruck.

Doch die deutsche Besessenheit davon, stets Exportüberschüsse zu erwirtschaften, verhinderte höhere Löhne im verarbeitenden Gewerbe, während das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts („schwarze Null“-Politik) die Löhne auch im öffentlichen Sektor und in der Dienstleistungswirtschaft unterdrückte, wie im Bericht weiter hervorgehoben wird.


Inflation im Euro-Raum, Graph: EZB, Oct 19, 2019


Folglich lag die deutsche Inflationsrate laut Safra Sarasin in den letzten 10 Jahren im Durchschnitt bei nur 1,4%. Das heisst, dass Berlin das EZB-Ziel deutlich unterboten hat, was ja heute noch gültig ist.

Wenn wir mitberücksichtigen, dass Deutschland einen Leistungsbilanz-Überschuss von mehr als 7% des BIP aufweist, dann ist es unumstritten, dass Deutschland eindeutig unter seinen Verhältnissen lebt. 

Auf diese Weise kann Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern, und zwar zu Lasten der anderen Länder im Euroraum. 

Und das ist der tatsächliche Punkt, woran es angebracht ist, eine Kritik auszuüben, nicht aber an den Negativ-Zinsen der EZB.

Denn es ist sonst nicht möglich, den Euro, die Gemeinschaftswährung einseitig abzuwerten, um dadurch das Export-Geschäft anzukurbeln.

Kein Wunder, dass der IWF in den Länderberichten Deutschland einige Male darauf hingewiesen hat, dass der Euro-Wechselkurs aus Sicht der deutschen Wirtschaft signifikant unterbewertet (2018: 8-18%) ist.

Zur Erinnerung: Im Euroraum bedarf es keiner realen Konvergenz. Das heisst, dass sich die Lebensstandards der Mitgliedsländer, wie unterschiedlich sie sein mögen, nicht unbedingt völlig angleichen müssen, damit die EWU funktioniert. 

Auch die Produktivität in den einzelnen Mitgliedsländern kann voneinander ausweichen. In dem Land A dürften die Menschen offiziell ein paar Tage länger Ferien machen als im Land B. 

Worum es geht, ist die nominale Konvergenz, d.h. die Löhne im Verhältnis zur eigenen Produktivität. Und dafür müssen alle Mitgliedsländer die gleiche Inflationsrate (das Ziel der EZB) anstreben.



(*) Der aus dem Amt scheidende EZB-Präsident Mario Draghi favorisiert ein „symmetrisches“ Inflationsziel. Das heisst, dass die Inflation nach Jahren unter 2% in Zukunft auch über 2% liegen könnte.

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