Montag, 1. Juli 2013

Nicht Inflation, Arbeitslosigkeit ist das Problem im Euroraum

Die Arbeitslosenquote ist im Euroraum im Mai auf 12,1% (gegenüber 12,0% im April) gestiegen. Nach Schätzungen des eurostat waren im Mai in der EU27 26,4 Millionen Männer und Frauen arbeitslos. Gegenüber April 2013 stieg die Zahl der arbeitslosen Personen in der EU27 um 16‘000 und im Euroraum um 67‘000. Die höchsten Quoten meldeten Spanien (26,9%) und Griechenland (26,8%).

Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist weiter gestiegen. Im Mai 2013 waren in der EU27 5,5 Millionen Personen im Alter unter 25 jahren arbeitslos, davon 3,5 Millionen im Euroraum. Die höchsten Quoten meldeten Griechenland (59,2%), Spanien (56,5%) und Portugal (42,1%).




Die Arbeitslosenquote für den Euroraum und EU27, Graph: eurostat

Die folgende Abbildung ist lehrreich. Dargestellt sind die durchschnittliche jährliche Inflationsrate und die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Notenbankgeldmenge (money base) sowie Geldaggregate (money stock) nach dem Banken-Crash von 2008.


Inflation, Notenbankgeldmenge (monetary base) und Geldaggregat (M3), Graph: Paul De Grauwe, London School of Economics & Yuemei Ji, University of Leuven, in: Fiscal Implications of theECB’s Bond Buying Program

Vor 2008 sind die Geldaggregate praktisch mit dem gleichen Tempo gestiegen. Die jährliche Inflation betrug 2,3%.

Seit 2008 ist die Wachstumsrate der Geldaggregate von einerander dramatischen abgewichen. Die Notenbankgeldmenge (money base) ist jährlich mit einer Rate von 11% gewachsen, während die Wachstumsrate des Geldaggregats M3 auf weniger als 2% geschrumpft ist. Und die Inflation ist unter 2% gesunken.

Paul De Grauwe interpretiert die Entwicklung so, dass der starke Anstieg der Notenbankgeldmenge geholfen hat, die deflationären Kräfte in der Wirtschaft zu reduzieren, anstatt eine Quelle für den Anstieg der Inflation zu erzeugen.

Fazit: Die Ursache der Eurokrise ist nicht verschwenderische Haushaltspolitik an der Peripherie der Eurozone. Die Schulden sind erst nach dem Ausbruch der Finanzkrise und dadurch ausgelästen Rezession gestiegen. Der Anstieg der Verschuldung ist auf die Rettung der Banken zurückzuführen. Und es gibt keinen engen Zusammenhang zwischen Staatsschulden und Inflation, wie die Abbildung vor Augen führt. Da die Länder an der Peripherie der Eurozone im Rahmen der Austeritätsmassnahmen gezwungen werden, ihre Wettbewerbsfähigkeit mittels „interne Abwertung“ (d.h. Lohn- und Preissenkungen) zu erhöhen, kann das Ergebnis nicht anders sein als Deflation. Warum verbreiten aber die Very Serious People trotzdem Angst und  Inflationslüge, während die Arbeitslosigkeit und damit das menschliche Leid weiter steigt?

Austerität tötet Menschen und Volkswirtschaften.



Notenbankgeldmenge, Geldaggregat M3 in der Eurozone, Graph: Paul De Grauwe, London School of Economics & Yuemei Ji, University of Leuven, in: Fiscal Implications of theECB’s Bond Buying Program


Kommentare:

Jörg hat gesagt…

Tja, wie lange wird's wohl noch dauern, bis die Politiker das begreifen?

Stefan Wehmeier hat gesagt…

Quantitätsgleichung

Preisstand (P) = Geldmenge (G) x effektive Umlauffrequenz (fu) / Warenmenge (W)

Zunächst einmal hält nicht alles Geld Nachfrage…(weil) das Geld in seiner jetzigen Form nicht nur Tauschmittel, sondern zugleich Sparmittel (Wertaufbewahrungsmittel) ist. Man kann es ohne Verlust am Nennwert horten (in bar oder auf Girokonten liquide halten), was man mit den Waren …nicht tun kann. …Sodann unterscheidet sich das Geld von den Waren dadurch, dass die Waren nach Verlassen des Marktes entweder in den Verbrauch gehen oder – als Anlagegüter – zur Produktion zurückkehren, während das Geld wieder auf den Markt gelangt. Wie man die Waren einem Strom vergleichen kann, der den Markt passiert, gleicht das Geld einem Schöpfrad, das umso mehr Wasser transportiert, je schneller es sich dreht. Die effektive Umlauffrequenz fu des Geldes ist also … von großer Bedeutung. Dabei ist gehortetes Geld solches mit fu = Null.

…Auf dem Markt kann nicht mehr Geld erscheinen, als in Verkehr gesetzt worden ist. Allerdings kann man nicht verhindern, dass Teile der ausgegebenen Geldmenge gehortet werden. Man hat auch die effektive Umlauffrequenz (fu = BIP / Zentralbank-Geldmenge) nicht in der Hand. Nur wenn man die Kaufkraft des Geldes ständig pendeln lässt (Währungspfusch), kann man darauf einen Einfluss nehmen. …Steigende Preise reizen die Kauflust, fallende lähmen sie. Die Kauflust ihrerseits ist der wesentlichste Motor der Umlauffrequenz des Geldes.

Erreicht man also durch Veränderung von G eine Bewegung von P, so ändert sich fu entsprechend. Dieser – nicht ungefährliche – Mechanismus versagt aber bei stabiler Kaufkraft, die doch das Ideal sein sollte. Nun wird allerdings vielfach bezweifelt, ob stabile Kaufkraft volkswirtschaftlich wünschenswert ist. Eine Währungspolitik, welche die Preise in leichter Aufwärtsbewegung hält (schleichende Inflation), hat sich als recht erfolgreich erwiesen. Wie das kommt, wird am ehesten klar, wenn man vom Gegenteil, der allmählichen Preissenkung, ausgeht. …Alle Käufe, die nicht dem dringlichen Bedarf dienen, werden bei sinkenden Preisen verzögert in der Hoffnung, durch Ausnutzung des Preisfalls Gewinne zu erzielen. Das hat Absatzstockungen und Arbeitslosigkeit zur Folge. …So populär die Forderung nach Preissenkung ist, so nachdrücklich muss eine verantwortungsbewusste Wirtschaftspolitik sie gerade im Interesse der Arbeiterschaft ablehnen. Erhält man die Preise stabil, so kann einem die Hortbarkeit des Geldes leicht einen Streich spielen. …Nun kann man die Hortung ausgleichen durch Ausgabe neuen Geldes an Stelle des gehorteten. Das wird aber in dem gleichen Augenblick gefährlich, wenn durch irgendwelche Einflüsse … das gehortete Geld zum Vorschein kommt. Dann laufen die Preise leicht davon, bevor man durch Geldeinzug die Entwicklung bremsen kann.

Stehen wir hier vor einem ausweglosen Dilemma der Marktwirtschaft?

Geldtheorie

Erik hat gesagt…

Hier muss endlich auch mal eingegriffen werden. Es wird immer nur geredet und am Ende ändert sich für viele überhaupt nichts.