Donnerstag, 5. Juni 2008

Embedded Inflation

Es geht im Prinzip um die Frage, ob die US-Notenbank (Fed) derzeit einen Fehler begangen hat, indem sie sich vordergründig auf die Überwindung der Finanzmarktkrise konzentriert und zugleich den Inflationsanstieg mehr oder weniger ignoriert. Die Inflation sei so hoch wie lange nicht mehr, lautet die Analyse von vielen Marktbeobachtern. Pessimisten beschwören dabei ein Schreckensszenario herauf. Angetrieben von steigenden Rohstoffpreisen und Nahrungsmittelkosten nehme der Teuerungsdruck sowohl in den USA als auch in Europa zusehends zu. Die Inflationserwartungen steigen dauerhaft und es drohe eine Lohn-Preis-Spirale wie in den 1970er Jahren, klagen manche Experten jenseits des Atlantiks. Paul Krugman ist damit nicht einverstanden.

Embedded Inflation

Wann ist es angemessen, über Inflation sehr besorgt zu sein, und wann ist es OK, dass ein Anstieg der Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen ist, fragt sich der New York Times Kolumnist in seinem Weblog. Die Antwort gibt Krugman postwendend: Inflation wird zu einem grossen Problem, wenn sie sich in die Wirtschaft „einbettet“ (embedded in the economy), weil sie es erschwert, mehr oder weniger stabile Preise wiederherzustellen. Die Fed soll es nicht zulassen, dass das Thema Inflation ihre Bemühungen zur Stabilisierung des Finanzssystems und der Wirtschaft behindert, ratschlägt Wirtschaftsprofessor an der Princeton University. Wie aber passiert es, dass die Inflation sich einbettet? Das ist ein Prozess, wo sich Inflation selbst ernährt. Die eingebettete Inflation der 1970er Jahre war beispielsweise verantwortlich für die zweistellige Arbeitslosigkeitsrate in den 1980er Jahren. Das Problem der „eingebetteten“ Inflation betrifft nach Krugmans Einschätzung „nur“ den Teil der Ökonomie mit starren Preisen, wie z.B. mit Löhnen, die bekanntlich lediglich einmal im Jahr festgelegt werden. Mit Rohstoffen wie Öl oder Getreide habe das Problem nichts Gemeinsames. Denn die Preise von Rohstoffen schwanken minütlich. Sie steigen und fallen mehrmals am Tag. Deshalb fokussiere die Fed zu Recht auf die Kernrate der Inflation. Um zu begreifen, ob „eingebettete“ Inflation ein Problem wird, muss man die höchst schwankungsanfälligen Preise von der statistisch ausgewiesenen Inflationsrate (Headline Inflation) abziehen. In den 1970er Jahren sei die Kernrate der Inflation schnell hochgeschossen, nachdem die Energie- und Nahrungsmittelpreise gestiegen waren. Das sei heute nicht der Fall, erläutert Krugman. Es gebe gegenwärtig keine Anzeichen dafür, dass Inflationserwartungen sich in den Preissetzungsprozess der restlichen Wirtschaft „einbetten“.

Mittwoch, 4. Juni 2008

Was ist iTraxx Financial Index?

Die wieder aufflammende Kreditkrise lastet seit zwei Tagen auf Finanzaktien an der Börse. Die aktuell kritischen Stellungnahmen von Analysten zur prekären Lage in der Finanzbranche setzt auch Bank-Anleihen unter Stress. Die Preise für Kreditversicherungen für diese Anleihen sind erneut im Steigen begriffen. Laut iTraxx Financial Index legten die Preise zuletzt auf 75 Basispunkte zu. Nach einem Rekordhoch von 160 Punkten waren sie neulich bis auf 50 Basispunkte gesunken. Was heisst es aber „der iTraxx Europe Financial Index ist auf 75 Basispunkte gestiegen“? Das bedeutet, dass die Versicherungsprämie für einen Ausfall von Anleihen im Wert von 10 Mio. Euro im iTraxx Index (5y, Series 9) 75'000 Euro kostet, nachdem sie vorher 50'000 Euro betragen hat.

Das Thema: Kreditderivate.
Das Instrument: Credit Default Swaps (CDS).

CDS ist ein Finanzinstrument im Kreditmarkt, mit dem der Käufer sich gegen einen Zahlungsausfall versichern kann. Der Käufer zahlt dafür eine vierteljährliche Prämie an den Verkäufer. Ein CDS beruht i.d.R. auf einen Kredit von einer Bank an eine Firma. Wenn die Bank sich gegen einen eventuellen Zahlungsausfall versichern will, gestaltet sie dafür einen CDS auf einen Index. Der Referenzwert ist eine Anleihe in der Grössenordnung von 10 Mio. Dollar oder Euro. Die Notierung erfolgt in Basispunkten. Eine Notierung von 120 Basispunkten (d.h. 1,2%) bedeutet, dass jährlich 120'000 Dollar oder Euro als Prämie bezahlt werden muss. Erfolgt keine Kreditrückzahlung, erhält die Bank eine im voraus vereinbarte Summe vom Versicherer. CDS werden nicht an der Börse, sondern „Over-the-Counter“ gehandelt. Das heisst, es sind private Verträge zwischen zwei Vertragspartnern. Der globale Kreditderivatemarkt hat indes einen Wert von mehr als 25'000 Mrd. Dollar erreicht.

Exkurs:
„Over-the-Counter“-(OTC)-Markt bedeutet, dass es keine Börse gibt. Käufer und Verkäufer müssen sich selber finden. Die Transaktion erfolgt direkt von Bank zu Bank. Der Preis eines Wertpapiers wird durch die „Marked-to-Model“-Bewertung ermittelt. Das heisst, dass der Preis durch ein mathematisches Modell produziert wird. Der Kreditmarkt ist ein OTC-Markt.

Trendwechsel am Devisenmarkt?

Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank (Fed) ist besorgt. Der Grund: die steigende Inflation. Schuld daran ist der schwache Dollar, so Bernanke auf einer geldpolitischen Konferenz in Spanien. Der Fed-Präsident hat erstmals seit dem Ausbruch der Kreditmarktkrise vor den negativen Folgen der anhaltenden Dollar-Abwertung gewarnt. Die Importpreise sind in den USA auf Jahresbasis um 11,3% (im I. Quartal) gestiegen. In der Vergangenheit gab es selten so deutliche Äusserungen durch die Fed zur amerikanischen Währung.

Für den Aussenwert des Greenback ist an sich das Finanzmininsterium verantwortlich. Nach Bernankes Einschätzung werden aber die Geldpolitik der Fed und die grundlegende Stärke der US-Wirtschaft dafür sorgen, dass der Dollar stark und stabil bleibt. Das bestärkt nun die Erwartungshaltung, dass die Fed ihren Leitzins nicht mehr senken wird. Interessant ist der Tatbestand, dass US-Finanzminister Hank Paulson zur Zeit im Nahost weilt, um Investitionsmöglichkeiten von Staatsfonds (Sovereign Wealth Fonds) in den USA zu erörtern. Ein weiterer Verfall würde der traditionellen Rolle des Dollars als Reserve- und Anlagewährung zuwiderlaufen. Die Frage ist daher berechtigt, ob hinter der Verbalintervention des Fed-Chefs zugunsten von Dollar mehr als Inflationsangst steckt?

Kreditmarkt: Ende der Krise nicht in Sicht

Nach einer kurzen Entspannungsphase auf den Kreditmärkten scheint sich die Stimmung inzwischen wieder einzutrüben. Der Grund: Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat mitgeteilt, die Kreditbewertung für drei amerikanische Investmentbanken gesenkt zu haben. Die Branche hat nach Einschätzung von S&P noch mehr Kreditausfälle und Ertragseinbusse zu verbuchen als bisher eingeschätzt.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Pressebericht, wonach die Europäische Zentralbank (EZB) über Änderungen ihrer Refinanzierungsregeln nachdenkt. Wie das Handelsblatt aus Düsseldorf berichtet, zeichne sich in der EZB eine Diskussion über die Akzeptanz von strukturierten Wertpapieren ab. Es geht dabei darum, welche Wertschriften die Geschäftsbanken zu welchen Bedingungen bei der EZB als Sicherheit für Kredite (von der Zentralbank) hinterlegen dürfen. Im Mittelpunkt stehen v.a. mit Forderungen besicherten Anleihen (Asset Backed Securities, ABS). Die ABS sind bekanntlich im Zuge der Subprime-Krise in Verruf geraten. Würde die EZB neue ABS als Sicherheit nicht akzeptieren, müssten die Banken diese am Markt unterbringen. Der Markt ist aber wegen der fehlenden Nachfrage lahmgelegt. Eigentlich kann man ruhig davon sprechen, dass das grundlegende Problem ein fehlender Markt ist. Denn es gibt keinen Preismechanismus. Das führt zu der Frage:

Wie funktioniert der Kreditmarkt?

Auf dem Kreditmarkt werden Kredite, die in Wertpapiere umgewandelt sind, gehandelt. Im Gegensatz zum Aktienmarkt handelt es sich dabei um einen Markt, in dem nur Profis tätig sind. Die Wertpapiere haben öfters ein höheres Rating (Bonität) als die Kredite, die den Ersteren zugrunde liegen. Das Risiko ist also versteckt. Der Kreditmarkt funktioniert aufgrund des „Marked-to-Model“ Prinzips. Das heisst, dass der theoretische Preis des Wertpapiers durch ein mathematisches Modell ermittelt wird. Die Preise passen sich also nicht durch Angebot und Nachfrage an. Auf dem Kreditmarkt herrschen m.a.W. keine marktwirtschaftliche Regeln. Es gibt keine Börse. Wertpapiere werden direkt von Bank zu Bank gehandelt. Das nennt man „Over-the Counter“-Market. Der Preis wird durch ein mathematisches, komplexes Modell produziert. Eine entscheidende Rolle spielen dabei Ratingagenturen, welche die verschiedenen Tranchen eines Wertpapiers bewerten. Eine CDO (Collateralized Debt Obligation) ist ein typisches Wertpapier, um die es hier geht. Eine ABS umfasst ein Pool an Krediten. Einer CDO hingegen liegt ein Pool von ABS zugrunde. Eine CDO funktioniert im Prinzip wie eine ABS. Der Unterschied liegt nur in der Grössenordnung. Dreh- und Angelpunkt ist die Kreditbewertung durch die Ratingagenturen. Wenn die Ratingagenturen eines Tages dazu übergehen, die Tranchen einer CDO herunterzustufen, dann ist Sense. Genau das passierte am amerikanischen Hypothekenmarkt im vergangenen Jahr. Die Herabsetzung der oberen Tranchen der Subprime-CDOs durch die Ratingagenturen hat plötzlich zum Zusammenbruch des ganzen Marktes geführt. Die Subprime-Krise hat also den ABS-Markt insgesamt zum Erliegen gebracht.

Dienstag, 3. Juni 2008

Subprime-Krise: Weitere desolate Verluste im Bankensektor

Schlechte Nachrichten aus der Finanzbranche reissen nicht ab. Auch die Angst vor einem anhaltenden Abschwung schwindet nicht. Die Gewinnwarnung und Berichte über steigende Kreditausfälle des grössten britischen Immobilienfinanzierers Bradford & Bingley haben die Londoner Börse gestern in Alarmstimmung versetzt. Das Pfund verlor daraufhin gegenüber dem japanischen Yen 1,7% und gegenüber dem Dollar 1,0% an Wert. Die Ratingagentur Moody’s veröffentlichte zum Wochenende einen negativen Ausblick für den britischen Bankensektor.

Andere britische Geldinstitute wie HBOS und Royal Bank of Scotland, die vor Kapitalerhöhungen stehen, bangen nun um ihre Investoren. Die neulich erfolgten Entlassungen im Management von amerikanischen Finanzinstituten Wachovia und Washington Mutual haben inzwischen negative Analystenkommentare auch zur Lage im US-Bankensektor verstärkt. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat die Kreditbewertung für drei amerikanische Investmentbanken gesenkt. Eine vierte US-Investmentbank bemüht sich um eine Kapitalerhöhung in Höhe von 3 bis 4 Mrd. Dollar. Die Branche hat nach Einschätzung von S&P noch mehr Kreditausfälle und Ertragseinbusse zu verbuchen als bisher angenommen.

Unser zurückhaltender Blick auf Bankaktien hat sich bislang als goldrichtig herausgestellt. Im Dezember 2006 hatten wir im „Ausblick für 2007“ vor Aktien im Finanzsektor ausdrücklich gewarnt. Unseren Standpunkt, die Finanztitel zu meiden, haben wir zu Beginn des Jahres 2007 mehrmals wiederholt. Nach wie vor raten wir zu keinem Engagement in Finanzaktien.

Montag, 2. Juni 2008

Wechselbad der Gefühle: Stagflation vs. Depression

Der TED-Spread, der als Indikator für das Risikomass am Interbankenmarkt gilt, liegt zur Zeit nach wie vor über dem langfristigen Durchschnitt. Das heisst, dass die Rückkehr zur Normalität am Geldmarkt noch auf sich warten lässt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Stimmungswechsel. Bis vor drei Monaten wurde die epische Kreditmarktkrise noch in aller Intensität mit der Depression der 1930er Jahre verglichen. Nun weisen Marktanalysten auf die Parallelen in den 1970er Jahren hin. Es braue sich erneut eine fatale Konstellation wie damals während des Ölpreisschocks zusammen: nachlassendes Wirtschaftswachstum, steigende Inflationszahlen. Kurzum: Stagflation.

Damals war die Inflation in den USA und in Deutschland zweistellig gewachsen. Das Europäische Statistikamt meldete vergangene Woche eine Inflationsrate von 3,6% im Jahresvergleich. Paul Krugman, der Star-Ökonom an der Princeton University, gibt in seiner Kolumne in The New York Times Entwarnung. Es gebe heute keine Anzeichen für eine „Lohn-Preis-Spirale“. Verbraucher seien zwar wegen der hohen Preise besorgt, aber heute seien weit und breit keine Arbeitnehmer in Sicht, die dafür höhere Löhne fordern. Falsche Schlüsse würden die Inflationssituation eher verschlimmern. Da es keine Lohn-Preis-Spirale gibt, gibt es auch keinen Grund für höhere Zinsen, argumentiert Krugman. Steigende Zinsen würden den konjunkturellen Abschwung verschärfen. Allerdings hat Krugman nichts dagegen, wenn der Leitzins als Zeichen einer „extra Sicherung“ gegen die Inflation „ein wenig“ erhöht werden würde. Die angemessene Einschätzung der Lage am Markt ist insofern wichtig, als Anleger ihr Portfolio dementsprechend umschichten müssten. In naher Zukunft dürfte sich die Spreu vom Weizen trennen. Investoren sind also derzeit gut beraten, sich von riskanten Anlagen fernzuhalten.



TED-Spread: Differenz zwischen dem 3-Monats-Libor und der Rendite der 3-Monats-US-Schatzwechsel.

Brasilien will Staatsfonds gründen

Die brasilianische Regierung stellt angeblich seit geraumer Zeit Überlegungen an, einen souvärenen Staatsfonds zu gründen. Damit würde sich Brasilien unter Staaten wie Norwegen und Singapur einreihen. Diese Länder zahlen die überschüssigen Deviseneinnahmen in einen Fonds („Sovereign Wealth Fund“, SWF) ein, welcher das Vermögen ertragsbringend verwaltet. Investiert wird ausserhalb des eigenen Landes in den globalen Aktien- und Anleihenmärkten. Die brasilanische Regierung will dem Kongress einen entsprechenden Gesetzentwurf einbringen.

Der Plan sehe vor, die Dollareinlagen über die staatliche Entwicklungsbank (BNDES) für die Subventionierung von brasilanischen Ausfuhren und Unternehmen zu verwenden. Wie die anhaltede heftige Debatte in Brasilia zeigt, liegt es jedoch bislang kein konkretes Ergebnis vor. Experten setzen inzwischen ein Fragezeichen hinter dem Vorhaben der Regierung, da Brasilien ihrer Einschätzung nach primär die Staatsschulden senken solle, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen.