Montag, 15. August 2016

Das Versagen der Globalisierung in der Praxis

Eine der tiefen Spuren, die die Finanzkrise von 2008 hinterlassen hat, macht sich am Verlauf des Welthandels bemerkbar: Der Welthandel pendelt auf einem niedrigeren Niveau ein.

Das durchschnittliche jährliche Wachstum des globalen Handelsvolumens lag von 2009 bis 2016 bei 3%, nur noch halb so hoch wie von 1980 bis 2008, wie Steven Roach in seiner Kolumne bei Project Syndicate beschreibt.

Die Globalisierung hat ihren politischen Rückhalt verloren, hebt der frühere Vorstandvorsitzende von Morgan Stanley Asia hervor

Im Gegensatz zu dem, was wir oft hören, ist die Weltwirtschaft kein globales Gemeingut, schreibt Dani Rodrik in seiner lesenswerten Kolumne („The False Economic Promise of Globale Governance“) bei Project Syndicate

Global Governance kann nur begrenzt Gutes tun, und es richtet gelegentlich einige Schäden an, so der an der Harvard University lehrende Wirtschaftsprofessor.

Die vielleicht grösste politische Enttäuschung in den fortgeschrittenen Demokratien ist, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft zunimmt und die Entscheidungsträger tatenlos zuschauen. Die Problematik liegt i.d.R. in der Innenpolitik, wo die Finanz- und Wirtschaftseliten den politischen Entscheidungsprozess gut im Griff zu halten scheinen und damit die Umverteilungspolitik engen Grenzen unterwerfen.



Das Wachstum des globalen Handelsvolumens, Graph: Morgan Stanley

Die USA und die EU hätte viel mehr unternehmen können, um die Steuerhinterziehung einzuschränken und damit die Abwärtsspirale (race to the bottom) zu unterbinden, wie Rodrik weiter unterstreicht.

Die globalen Steueroasen (tax havens) sind in diesem Zusammenhang sicherlich ein nahe liegendes Beispiel für die beggar-thy-neighbour-Politik, die keine Abhilfe schafft, sondern den Sachzwang verstärkt.

Wie Barry Eichengreen darlegt, war auch IWF’s Standpunkt in diesem Umfeld nicht über alle Zweifel erhaben.

Eine von IWF eingerichtete unabhängige Geschäftsstelle (Independent Evaluation Office) übt in einem neulich vorgelegten Bericht eine umfassende Kritik an der Rolle des IWF im Zeitraum nach der Krise in Europa aus.

Kritisiert werden v.a. IWF’s Ziele in Bezug auf den für Griechenland vorgeschriebenen Sparkurs und die Unterschätzung der schädlichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Austeritätspolitik in der gesamten Eurozone.

Zur Erinnerung: Im Mittelpunkt der widrigen Sparmassnahmen stand die von Brüssel und Berlin geforderte interne Abwertung (internal devaluation), was nicht anders ist als Lohnkürzungen und Abbau von Sozialleistungen bedeutet, und zwar in einer schwer angeschlagenen Wirtschaft.

Der trübe Wirtschaftsausblick im Euro-Raum ist daher unmittelbar auf die Bemühungen der EU-Behörden um die „Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“ als Antwort auf die Nachfrageschwäche nach der globalen Finanzkrise zurückzuführen.



Trübe Wirtschaftsaussichten für den Euro-Raum, Graph: Morgan Stanley


Die jüngsten Trends im Welthandel unterstreichen ohne Zweifel die von Larry Summers vertretene Theorie der säkularen Stagnation (secular stagnationwobei das stagnierende Lohnwachstum sicherlich einer der ausschlaggebenden Parameter ist.



Verlauf der Inflation im Vergleich, USA, Euro-Raum und globale Wirtschaft, Graph: Morgan Stanley

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Globalisierung führt zur Betrachtung der Weltwirtschaft als Einheit. Global gesehen, ist der Welthandel neutral - es kann kein Saldo entstehen - weder negativ noch positiv! Dabei ist es unerheblich, ob „das durchschnittliche jährliche Wachstum des globalen Handelsvolumens“ steigt oder fällt. Makroökonomisch können sich nur zwischen den Weltregionen oder einzelnen Staaten Salden bilden und dadurch profitieren die Einen aber immer auf kosten der Anderen (beggar-thy-neighbour)

Anonym hat gesagt…

Larry Summers Vorschläge gegen die Nachfrageschwäche: entweder
1. höheres Inflationsziel der ZB
oder
2. Abschaffung des Bargelds

Warum macht er diese ungewönlichen Empfehlungen? Weil er der Theorie der säkulären Stagnation von Keynes anhängt die besagt: die Ersparnisse sind zu hoch im Vergleich zu Investitionen. Dadurch entsteht doch die Nachfragelücke - man muss nur die überschüssigen Sparbeträge in die reale Wirtschaft lenken.
Genauso wie man sich nicht aus der Krise „raussparen“ kann (Neoklassik), kann man auch nicht mit Ersparnissen investieren. Schon gar nicht darf man glauben, dass Zinssenkung Investitionen ankurbelt und dadurch das „gute, alte Gleichgewicht“ von vor der Krise sich von allein einstellt.
Das sind alles Konzepte die auf dem Glauben bauen, dass sich irgendetwas in der Wirtschaft auf natürliche Weise im Gleichgewicht befindet oder zum Gleichgewicht neigt. (Wie in der Natur - zB. im Dschungel))) Die freien Märkte neigen nicht zum Gleichgewicht und sind auch nicht effizient (alle Märkte!!) - im Gegenteil! Ohne Regulierung und Lenkung herrscht Chaos.