Donnerstag, 4. August 2016

Warum bleiben Investitionen trotz Niedrigzinsen zurück?

Die Frage, warum die aussergewöhnliche Niedrigzins-Politik die Investitionen nicht ankurbelt, beschäftigt die Ökonomen wie ein Rätsel.

Der Fehlbetrag in Unternehmensinvestitionen im globalen Norden ist auf die Nachfrageschwäche und den Accelerator-Effect zurückzuführen, schreibt Brad DeLong in seinem Blog.

Nichts soll uns aber von der Tatsache ablenken, dass die träge volkswirtschaftliche Entwicklung, die schwachen Investitionen, niedrige Kapitalbildung (vermögenswirksame Leistungen) und das verlangsamte Produktivitätswachstum einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis bilden, argumentiert der an der University of California, Berkeley lehrende Wirtschaftsprofessor weiter.

DeLong macht uns dann darauf aufmerksam, dass auch David Lipton die schwache wirtschaftliche Entwicklung als die Ursache für die schwachen Investitionen betrachtet. Das Entscheidende sei demnach Sicherstellung von Absatzchancen.

Eine von IWF veröffentlichte Studie im April 2015 (World Economic Outlook) lege nahe, dass die Schwäche der Unternehmensinvestitionen seit der Finanzkrise von 2008 mit der Schwäche des wirtschaftlichen Umfelds erklärt werden kann, und zwar im Einklang mit dem „Akzeleratoreffekt“ (accelerator effect), der zeigt, wie die Investitionen auf die Veränderung von Produktion und Umsatz reagieren.

Lipton befürwortet daher vermehrte Investitionen in die Infrastruktur, um den Teufelskreis zu brechen.



Ausblick Unternehmensinvestitionen, Graph: David Lipton, IMF in: „The Key to Raising Business Investment: Keep Pushing the Accelerator


Vor diesem Hintergrund verweist Credit Suisse in einer Forschungsarbeit darauf, wie T-Financialist berichtet, dass die Unternehmensausgaben sowohl mit Bezug auf die Investitionen als auch auf F&E als Anteil am Umsatz seit Anfang der 1990er rückgängig sind.

Was noch rätselhafter ist, dass die Ausgaben in keiner Korrelation mit Veränderungen der Rendite der 10-jährigen Staatsanleihen (die ja als Proxy für den Verlauf der Zinsen gilt) in Europa und oder in den USA stehen.



Die Ertragskurve wird flacher; die Differenz zwischen den kurz- und langfristigen Renditen verschwindet, Graph: FTvideo


Heute werden 60% der weltweiten Wirtschaftsleistung (gemessen am BIP) in Ländern erzeugt, die negative oder nahe null liegende Zinsen haben, unterstreichen die Analysten von The Financialist mit Nachdruck.

In Deutschland und der Schweiz wurden bereits langfristigen Staatsanleihen mit Negativ-Rendite ausgegeben. Und die Rendite-Kurve (yield curve) hat sich in Europa inzwischen so verflacht, dass sich langfristige Kreditaufnahme lohnt.

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen für den Mangel an Investitionen von Unternehmen in einer Welt der Negativ-Renditen: Erstens ist zu erwähnen, dass der Dienstleistungssektor und Internet-Unternehmen (capital-light industries) in den Industrieländern heute eine viel grössere Rolle spielen als vor einem Jahrzehnt, was tendenziell den Gesamtbedarf an Investitionskosten verringert.

Zweitens sitzen viele Unternehmen auf einem Cash-Berg. Rekordhohe Barguthaben ermöglichen Investitionen ohne Kreditaufnahme.

Drittens nennt Credit Suisse die von Unternehmen nicht angepasste kalkulatorische Grundrendite (die sog. erwartete Mindestrendite: hurdle rates), die angesichts des anhaltend niedrigen Zinsumfelds neu ermittelt werden müsste, um Investitionen, die benötigt werden, zu rechtfertigen.



Die zusätzliche Prämie auf US-Treasury Bonds ist für Investoren, die das Währungsrisiko absichern (hedging) müssen, dahingeschmolzen, Graph: FTvideo


Credit Suisse sagt, dass niedrige Bruttoerträge auf das eingesetzte Kapital nicht unbedingt zu niedrigeren Gewinnen führen müssen. Es ist wichtig für Unternehmen, mögliche Investitionen in Bezug auf den Spread zwischen den erwarteten Renditen und den Kosten der Kreditaufnahme zu beurteilen, anstatt nur auf ROIC Zahlen zu setzen.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass Investieren immer ein Risiko ist. Aber Unternehmen, die nicht investieren oder für F&E kein Geld ausgeben, gehen auch ein Risiko ein. Heute bietet sich für Unternehmen eine einzigartige Gelegenheit, zu ultra-niedrige Zinsen langfristig Kapital aufzunehmen.

Es ist unbestreitbar, dass wir in unsicheren Zeiten leben. Aber nichts zu tun, ist auch nicht eine bessere Wette.






Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Die Frage, warum die aussergewöhnliche Niedrigzins-Politik die Investitionen nicht ankurbelt, beschäftigt die Ökonomen wie ein Rätsel."

Die Antwort ist einfach und wissenschaftlich belegt: es ist empirisch nachgewisen, daß "die Zinsen dem Wachstum folgen" d.h. DIE ZINSEN SIND MIT WACHSTUM IN POSITIVER KORRELATION - man kann die Geldpolitik NICHT mit Zinsen machen - und wenn Sie die Lehrbuchmeinung noch 1000-mal wiederholen wird es nich richtig.

Anonym hat gesagt…

wenn die Zinsen positiv mit Wachstum korreliert sind, dann können sie folglich nicht deren Uhrsache sein!