Dienstag, 19. Juli 2016

Strukturreformen und Fiskalpolitik

Es steht ohne Zweifel fest, dass es seit einer langen Zeit ein Missverhältnis zwischen den geplanten Ersparnissen und geplanten Investitionen gibt. Während die Ersparnisse steigen, kommen Investitionen kaum vom Fleck. Die Wirtschaft weigert sich irgendwie, auf die anhaltend lockere Geldpolitik zu reagieren.

Hat Larry Summers recht? Haben wir tatsächlich mit einer secular stagnation zu tun? Die unmittelbare Antwort darauf ist expansive Fiskalpolitik, d.h. der Versuch, mit erhöhten Ausgaben und Steuersenkungen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stützen sowie die Beschäftigung zu fördern.

Vor diesem Hintergrund zitiert Grep Ip im WSJ eine Forschungsarbeit aus Peterson Institute for International Economics (PIIE) und äussert etwas Skepsis an den bisher ergriffenen Massnahmen gegen die Gefahr von secular stagnation.

Paolo Mauro, der Verfasser der Analyse schreibt nämlich, dass die Länder das langfristige Potenzialwachstum oft so überschätzen, dass dadurch hohe Defizite und Schulden entstehen.

Der Punkt ist, dass ein niedrigeres Wachstum in Zukunft ein Grund darstelle, das Wachstum der realen Staatsausgaben in Zukunft zurückzufahren. Mauro sagt aber nicht, dass ein Rückgang des erwarteten künftigen Wachstums ein Grund sei, die Höhe der Staatsausgaben heute zu senken oder auf die Erhöhung der Ausgaben zu verzichten, was sonst eine gute wirtschaftspolitische Massnahme heute wäre, wie Brad DeLong in seinem Blog festhält.


Das globale Potenzialwachstum, Graph: Morgan Stanley


Natürlich nur dann, wenn das künftige erwartete Wirtschaftswachstum nicht mit einem Rückgang der Renditen der US-Staatsanleihen einherginge.

Da aber der Rückgang des erwarteten künftigen Wirtschaftswachstums von einem Rückgang der Rendite der US-Treasury Bonds begleitet wird, gibt es keinen besonderen Grund zur Sorge.

Die Arithmetik sagt uns, dass eine fiskalpolitische Expansion bei gegenwärtigen Zinssätzen das Verhältnis der Schulden und Amortisationen zum BIP nicht vergrössert, sondern verringert, hebt DeLong weiter hervor.

Mauro scheint davon auszugehen, dass wir das langfristige Potentialwachstum überschätzen und unsere Einschätzung der langfristigen Zinsen korrigieren. Das ist falsch. 

Wir überschätzen sowohl langfristige Zinsen als auch das langfristige Potenzialwachstum, erklärt DeLong. Wenn man beide um denselben Wert überschätzt, induzieren sich die Verzerrungen unter dem Strich in Bezug auf das Verhältnis der Schulden zum BIP (debt-to-GDP ratio), unterstreicht der an der University of California, Berkeley lehrende Wirtschaftsprofessor.

Fazit: Bleibt das globale Wachstum länger schwächer, sieht sich der Unternehmenssektor veranlasst, Ertragserwartungen weiter nach unten anzupassen, was die Gefahr beinhaltet, dass ein negatives feedback loop entsteht. Strukturreformen können dazu beitragen, das Produktivitätswachstum zu erhöhen. Aber das Gebot der Stunde ist Fiskalpolitik.













Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Strukturreformen können dazu beitragen, das Produktivitätswachstum zu erhöhen. Aber das Gebot der Stunde ist Fiskalpolitik."

"Strukturreformen" zielen immer auf die Angebotsseite/Angebotspolitik. Die heutige Situation ist aber durch Nachfragemangel gekennzeichnet, d.h. "Strukturreformen" = Angebotspolitik bewirkt praktisch das Gegenteil - noch mehr Angebot schaffen heißt die deflationären Tendenzen zu verstärkern.

Anonym hat gesagt…

Sie könnten als der "Moderator" ruhig Stellung zu den Kommentaren beziehen - sonst hat man den Eindruck, das Sie "über den Dingen" stehen und sowieso Recht behalten

Anonym hat gesagt…

"Strukturreformen" sollen die Angebotsseite/Unternehmer stärken. In heutiger Situation, wo es an der Nachfrage mangelt ist es kontraproduktiv, und nur ideologisch begründet zu glauben daß sich "das Angebot die Nachfrage schafft" - nach dem Prinzip wird es aber politisch verfahren. Warum? - weil es ins alte Paradigma passt: freie Märkte, die zum Gleichtgewicht neigen sind selbstverständlich gegeben, unfreiwillige Arbeitslosigkeit gibt es nicht, alle Marktakteure haben vollständiges Wissen, es gibt vollständige Information, keine Transaktionskosten usw.usf.

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Mir geht es gar nicht darum, irgendwie den Eindruck zu vermitteln, als ob ich über irgendwelchen Dingen stehen würde.

Ich will viel mehr auf aktuelle wirtschaftspolitische Sachverhalte eingehen, und zwar so, wie es von den sog. etablierten Medien sonst nicht getan wird, indem ich Fakten darlege, auf Daten hinweise und versuche, Zusammenhänge angelehnt an die relevanten Lehrbücher der Volkswirtschaftslehre und empirische Erfahrung zu erläutern.

Der Leser soll sich selbst ein Urteil bilden. Hier geht es also nicht um das Ideologische, sondern um das Logische. Der Leser soll dann gestützt auf seine Wertvorstellungen selbst darüber befinden, wie die Sache ist.

Anonym hat gesagt…

ich weiß u. verstehe Ihr Anliegen - lese diesen Blog seit Jahren und mich wundert, daß es meist 0 Kommetare auf Ihre Artikel gibt - sehr Schade... Eine freie Disskusion kann doch nur nützlich sein. Der Leser soll sich wenigstens ab und zu äußern - auch wenn er anonym bleibt.
Sie behandeln regelmäßig aktuelle Themen u. bleiben dabei kritisch was nicht heißen muß, daß die von Ihnen zitierten "Systemkritiker" immer a'priori immer Recht behalten - selbst bei Nahmen wie z.B: Krugmann, Flassbeck, Stiglitz usw. muß man kritisch "dahinterschauen" weil sie auch nicht fehlerfrei (sprich: widerspruchsfrei) sind.
Ein kleines Beispiel: (Zitat) "In der Neoklassik wird die sog. Theorie der "loanable funds" vertreten. U.a. Paul Krugman und Wolfgang Schäuble hängen der Idee an, daß eine Bank Einlagen von Sparern weiterverleiht. Kredite werden als Sachdarlehen dargestellt. ....diese Vorstellung ist nicht zutreffend" - nach Dirk Ehnts: Geld und Kredit: eine €-päische Perspektive

Trotzallem - wünsche ich Ihnen weiterhin viel Erfolg und machen Sie weiter so, v.a. aus makroökonomischer Sicht! Zur Diskussion und Austausch kann man dazu Alle nur ermuntern!

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Die von Ihnen genannten Ökonomen behandeln das aktuelle Geschehen sorgfältig gestützt auf bestimmte Modelle, die sich meistens empirisch bewahren. Und viel wichtiger ist, dass sie gründlich nachdenken, bevor sie zu einem bestimmten Sachverhalt eine Meinung äussern.

Der Wunsch ist also nicht der Vater des Gedankens. Inwiefern die angewandten Modelle angemessen sind, muss der Leser selbst beurteilen. Aber ich mag die Art und Weise, wie sie gegenwärtige Fragen anpacken.

Und bei ihrer Forschungsarbeit bemühen sie sich um Vereinfachung; sie stellen vieles in Frage, und achten auf, was z.B. ausserhalb von Mainstream-Medien diskutiert wird.