Sonntag, 24. Juni 2012

Produktionslücke und Schweizer Wirtschaft


Die Auslastung der Kapazitäten in der verarbeitenden Industrie hat in der Schweiz angesichts der Depression im Euroland im ersten Quartal abgenommen. Die Kapazitätsauslastung ist auf 82,2% gesunken und bleibt damit unter dem langjährigen Durchschnitt.

Wie gut die Produktionsfaktoren einer Volkswirtschaft ausgelastet sind, zeigt die Produktionslücke (output gap), d.h. die prozentuale Abweichung des beobachteten BIP-Niveaus vom geschätzten gesamtwirtschaftlichen Produktionspotenzials.

Die Produktionslücke lag in der Schweiz im ersten Quartal 2012 (nach dem Ansatz von Produktionsfunktion) bei -0,7%, nach -0,1% im vierten Quartal 2011. Gemäss anderen Schätzmethoden (z.B. Hodrick-Prescott-Filter und multivarianter Filter) hat sich die Produktionslücke bereits geschlossen (0% und 0,2%). Der Produktionsfunktionsansatz berüchsichtigt allerdings auch die Arbeitsmarktsituation und den Kapitalstock der Volkswirtschaft.

Die Schweizer Wirtschaft ist gegenwärtig durch Nullzinsgrenze, Deflationsrisiko und negative Renditen gekennzeichnet. Sowohl auf dem Geld- als auch auf dem Anleihemarkt fallen negative Renditen auf.

Die Futures (Euro vs. CHF) signalisieren weitere zwei Jahre negative Geldmarkzinsen in der Schweiz. Die Renditen auf dem Geldmarkt sind seit dem III. Quartal 2011 negativ.


Schweiz Produktionslücke (output gap), Graph: SNB, Quartalsheft II, June 2012


Anleger, die Sicherheit und Liquidität suchen, zahlen eine Art Gebühr, um Gelder beim Schweizer Staat mit dem besten Rating parken zu können. Das Bargeld ist heute mehr Wert als Gold. Daher deuten die negativen Renditen am Primärmarkt auf die von den Investoren wahrgenommene Deflationsgefahr hin. Zur Erinnerung: Und auch die aktuelle Inflationsprognose der SNB bleibt für 2012 negativ.


Schweiz Kapazitätsauslastung, Graph: SNB, Quartalsheft II, June 2012

Auch wenn die Bilanzsumme der SNB sich aussergewöhnlich ausgeweitet hat, entsteht keine Inflation, weil die Wirtschaft in einer Liquiditätsfalle steckt. Eine expansive Geldpolitik führt in einem depressiven Umfeld der Wirtschaft nicht zu einem Anstieg der Zinsen.

Warum akzeptieren Anleger aber negative Zinsen?

Wenn Investoren sich gegen fallende Renditen absichern wollen, ohne Zahlungsausfall (default) erwarten zu müssen, haben sie keine andere Wahl, als eine leicht negative Realrendite in Kauf zu nehmen.

Die Investoren gehen also davon aus, dass alle anderen riskanten Anlageklassen im Durchschnitt nicht die Möglichkeit hätten, eine bessere Rendite zu bieten. Andere vergleichbare Vermögenswerte mögen schon einen höheren Ertrag in Aussicht stellen, aber nur unter dem Gesichtspunkt eines totalen Nominalwertverlustes.


Schweiz Notenbankgeldmenge, Graph: SNB, Quartalsheft II, June 2012

PS:

Die eidgenössische Finanzverwaltung (EFV) akzeptiert seit dem 18. August 2011 auch Angebote mit einem Preis über 100%, wodurch sich nun negative Auktionsrenditen ergeben.

Am 23. August 2011 betrug die Rendite für Geldmarktpapiere mit 6 Monaten Laufzeit -1%. Am 30. August 2011 resultierte aus der Versteigerung für Geldmarktpapiere mit 3 Monaten Laufzeit eine Rendite von -0,75%.

Über das ganze Jahr 2011 bewegten sich die Renditen der Geldmarktpapiere nach Angaben der SNB zwischen 0,158% und -1,0%.

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