Der Aufstieg der AfD ist auch eine Krise des deutschen Wirtschaftsmodells
In einem Leitartikel des Guardian heißt es, die Unterstützung für die AfD konzentriere sich stark auf „krisengeschüttelte Industrieregionen“. Die britische Tageszeitung kritisiert in diesem Zusammenhang die wirtschafts- und sozialpolitischen Ansätze der Bundesregierung – darunter Steuersenkungen, Sozialreformen und die Anhebung des Renteneintrittsalters.
Dabei wird im tagespolitischen Diskurs jedoch oft zu wenig hinterfragt, warum diese Regionen überhaupt erst zu einem Nährboden für die extreme Rechte geworden sind.
Sachsen-Anhalt dient hierbei als eindringliches Beispiel: Die AfD erzielt dort in Umfragen Rekordwerte von über 40 %, während das Bundesland strukturell durch niedrigere Haushaltseinkommen, hohe Arbeitslosigkeit sowie eine jahrzehntelange Geschichte von Deindustrialisierung und Bevölkerungsrückgang geprägt ist.
| Die AfD hat in Sachsen-Anhalt einen starken Zulauf verzeichnet, Graph: Bloomberg TV, Aug 31, 2026. |
Natürlich spielen Themen wie Einwanderung, Ost-West-Unterschiede, kulturelle Konflikte und das generelle Misstrauen gegenüber den etablierten Parteien eine Rolle. Doch das entscheidende Argument lautet: Die Wirtschaftspolitik hat jene sozioökonomischen Bedingungen geschaffen, unter denen diese Missstände überhaupt erst radikal politisiert werden konnten.
Der Guardian hat recht, wenn er den Aufstieg der AfD als Krise der deutschen Demokratie beschreibt. Seine Erklärung greift jedoch zu kurz, solange sie sich primär auf den kulturellen Überbau konzentriert. Die grundlegendere Frage ist, warum diese Krisenerscheinungen gerade in bestimmten strukturschwachen Räumen eine derartige Sprengkraft entfalten.
Betrachten wir die gesamtwirtschaftliche Lage: Jahrelange Lohnzurückhaltung, schwache öffentliche Investitionen, dogmatische Sparpolitik und der permanente Druck auf die Sozialausgaben haben das soziale Gefüge Deutschlands schleichend ausgehöhlt.
Wenn Menschen über Jahre hinweg wirtschaftlichen Niedergang erleben und keine glaubwürdige Perspektive auf Besserung haben, stimmen sie oft nicht mehr für eine andere Wirtschaftspolitik – sie stimmen gegen das System.
Austerität führt nicht automatisch mechanisch zur Erstärkung der extremen Rechten. Sie schafft jedoch den Nährboden, auf dem diese gedeiht, weil sie die staatliche und gesellschaftliche Fähigkeit schwächt, ökonomische Schocks abzufedern.
| Kanzler Brünnings rigorose Sparpolitik, Graph: NBER working paper 24106. |
Die Lehre für Berlin
Die Lehre für die Bundespolitik kann deshalb nicht lauten, lediglich die Rhetorik der Ränder zu kopieren. Sie muss bei den Fundamenten ansetzen:
• Wiederherstellung wirtschaftlicher Sicherheit und fairer Löhne
• Gezielte Investitionen in strukturschwache Regionen
• Funktionierende öffentliche Dienstleistungen
Demokratie braucht eine solide wirtschaftliche Grundlage.
Es ist an der Zeit, die Diskussion grundlegend umzulenken:
Weg von der moralischen Frage „Warum wählen diese Menschen Extremisten?“
hin zu der strukturellen Frage:
„Welche wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen machen extremistische Politik überhaupt erst so attraktiv?“
| Sachsen-Anhalt ist das ärmste Bundesland Deutschlands, Graph: Bloomberg TV, Aug 31, 2026. |
Die AfD bewirtschaftet unmittelbare Ängste und Missstände geschickt, doch ihre politische Wirkung verdankt sie den ungelösten sozioökonomischen Problemen im Hintergrund.
Die aktuelle politische Krise ist zumindest teilweise die verspätete Quittung für eine Wirtschaftspolitik, die sich zu einseitig auf Exportüberschüsse, Lohnzurückhaltung und eiserne Haushaltsdisziplin versteifte – und dabei die Binnennachfrage, die öffentliche Infrastruktur und die regionale Widerstandskraft viel zu lange vernachlässigte.
| Inflation, Deflation und Arbeitslosigkeit in der Weimarer Republik, Graph: Bloomberg. |
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