Samstag, 20. September 2014

Die politisierte Rhetorik um „keynesianische“ Wirtschaftspolitik

Wenn Sie das Wort „Keynesian“ als Synonym für „Sozialist“, „progressiv“ oder „liberal“ (*) verwenden, dann liegen Sie falsch, schreibt Noah Smith in einem lesenswerten Artikel („How Keynes became a dirty word“) in BloombergView.

Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass die Blogger und Autoren, die sich Keynesian nennen, in der Tat liberal veranlagt sind. Und noch wichtiger: John Maynard Keynes selbst war gewissermassen pro Umverteilung und pro staatliche Interventionen in der Wirtschaft.

Warum macht es aber keinen Sinn, in dieser Hinsicht das Wort „Keynesian“ zu gebrauchen? Der eine Grund ist, wie Smith erklärt, dass es nicht die Art und Weise ist, wie akademische Ökonomen es verwenden. Es gibt eine Klasse von Wirtschaftsmodellen, die „New Keynesian“ genannt werden , die beschreiben, wie Geldpolitik auf die Wirtschaft Einfluss nehmen kann.

Das Interessante daran ist aber, dass diese Modelle trotz ihrer Bezeichnung Keynesian nicht annähernd das darlegen, was Keynes konzipiert hat. In der Tat liegen sie sehr nah an den Ideen von Milton Friedman, argumentiert Smith weiter.

Miles Kimball, der Doktorvater von Noah Smith, hat versucht, den Namen der Modelle als „Neomonetarist“ umzuändern. Der Versuch ist aber gescheitert. Das Etikett „New Keynesian“ bleibt anhaften.

Ferner sind viele Ökonomen, die die New Keynesian Modelle entwickelten, in der Tat politisch konservativ, wie z.B. Greg Mankiw und John Taylor, um zwei populäre Namen aus den Medien zu nennen.

Warum soll man sich aber um den ohnehin nicht zugänglichen Jargon der akademischen Ökonomen kümmern? Weil es einen Grund gibt, warum Mankiw und Taylor es vorziehen, ihre Theorie nach Keynes zu benennen, wie Smith unterstreicht.

New Keynesian Modelle sagen, dass es bei der Geldpolitik und sogar auch bei der Fiskalpolitik um Stabilisierung geht. Es habe also mit der Glättung der Schwankungen in der Wirtschaft, Verringerung der Risiken für alle, die davon betroffen sind, zu tun.

Wenn es der Wirtschaft gut geht, müssen die Zinsen erhöht werden, um eine Überhitzung zu verhindern. Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, müssen die Zinsen reduziert werden, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Und das war’s. Keine Umverteilung, keine Regulierung und keine Planwirtschaft. Stabilisierungstheorie sagt nämlich, dass man die Schwankungen der Konjunktur glätten kann, ohne die Struktur der Wirtschaft zu tangieren, wie die Wirtschaft sonst funktioniert.

Die Erwartung ist also dahingehend, dass, wenn der Staat nur dafür sorgt, d.h. nur eine kleine Intervention vollzieht, Rezessionen kein grosses Problem darstellen. Und verärgerte Arbeitslose würden in solchen Fällen keine dauerhafte Interventionen des Staats anfordern, so die Erwartung.

Die Stabilisierungspolitik soll m.a.W. vor Sozialismus schützen. Das ist in der Tat, was Keynes im Sinne hatte, so Smith mit Nachdruck: Keynes lebte während einer Zeit, wenn Kommunismus und Sozialismus als eine echte, machbare Alternative zum Kapitalismus gehandelt wurden. Keynes hat seine Theorien als eine Alternative zum Sozialismus entwickelt, als einen Weg, um Kapitalismus  zu retten, mit möglichst wenigen Interventionen.

Es ist auch wahr, dass Stabilisierungspolitik unweigerlich auch einige Umverteilung beinhaltet. Inflationserwartungen zu steigern, um Rezessionen zu bekämpfen, kommt Schuldnern zu Gute, z.B. Unternehmen, die Kredit aufnahmen, um Investitionen zu tätigen, während diejenigen, die von festverzinslichen Papieren leben, davon negativ betroffen werden. Der Ansatz ist aber so beschaffen, dass die Umverteilung umgekehrt wird, wenn es der Wirtschaft gut geht, und wenn die Zentralbank die Zinsen erhöht, um auf die Bremse zu treten.

Warum also glauben die Leute, dass Keynesianismus Sozialismus-lite ist? Es ist wohl die Schuld des intellektuellen Hauptgegners von Keynes: Friedrich Hayek. Hayek hat versucht, gegen Keynes Theorien zu argumentieren. Aber er hat die Debatte in den 1930er Jahren verloren.

Hayek hat dann in seinem Buch „The Road to Serfdom“ Keynes aus einem ganz anderen Blickwinkel angegriffen. Anstatt zu sagen, dass Keynes Theorien falsch seien, hat Hayek vorausgesagt, dass keynesianische Stabilisierungspolitik der Weg sei, der in den Totalitarismus führe.

Hayek’s Warnung war absolut falsch. Die meisten reichen Länder haben versucht, irgendeine Form von Keynes Wirtschaftstheorien in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren in die Tat umzusetzen. Nicht alles ist immer gelungen, aber sie führten auf jeden Fall nicht zum Totalitarismus.

Irgendwie hat sich aber Hayeks Vorwurf in unser kollektives Bewusstsein eingedrängt, wie Smith zum Schluss darlegt. Seither findet man die Verwendung des Wortes keynesianisch (keynesian) in Blogs und Finanzmedien wie ein Schimpfname.

(*) Dem amerikanischen Sprachgebrauch nach, d.h. links, was die politische Anschauung betrifft.


Kommentare:

Martin Ha hat gesagt…

Ich dachte, liberal und Umverteilung bzw. staatliche Einmischen seien Gegensätze. Wie kann man dies in einen Zusammenhang setzen?

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Das Wort "liberal" wird hier dem amerikanischen Sprachgebrauch nach verwendet ...