Montag, 12. Dezember 2011

Was heisst ein strukturelles Defizit?

Nick Rowe vertritt in seinem Blog die Meinung, dass der neue EU-Haushaltspakt der alte, aufgewärmte „Stabilitäts- und Wachstumspakt“ ist, mit einem Bündel von Juristen, die die Budgets genehmigen sollen.

Der an der Carleton University, Kanada lehrende Wirtschaftsprofessor wundert sich, ob die Fiskalpolitik von jetzt an Juristen überlassen wird.

Die neue EU-Vereinbarung besagt, dass die EU-Mitglieder ein strukturelles Defizit von mehr als 0,5% des BIP nicht haben dürfen. Was heisst aber ein strukturelles Defizit? Wie wird es gemessen?

Rowe, der zunächst auf seine frühere Einträge hindeutet, hebt insbesondere drei Aspekte hervor: 

(1) Ein strukturelles Defizit ist nicht, was man wahrscheinlich denkt, was es heisst. Es heisst nicht, was die Politiker und Juristen wahrschenlich denken, was es ist. Es heisst nicht etwas, was „eingebaut und schwer loszulassen und nachhaltig“ ist. Es heisst, was das Defizit angesichts des gegenwärtigen Satzes aus Steuer- und Ausgaben-Regeln wäre, wenn das BIP gleich Yn wäre.

(2) Es ist wirklich einfach, aus dem „strukturellen Defizit“ zu machen, was man will, ohne das aktuelle Defizit überhaupt zu ändern, nur durch das Hantieren mit den Gesetzen.

(3) Was bedeutet Yn und wie wird es gemessen? Yn steht für die natürliche Rate des Output, Potential Output, Output bei Vollbeschäftigung, NAIRU Output, LRSA Output, Normal Output, Trend Output usw.

Manchmal sind es nur verschiedene Namen für dieselbe Sache. Aber manchmal sind sie es nicht, erklärt Rowe. Manchmal reflektieren die Unterschiede in den Namen einen Unterschied in Bezug auf die theoretischen Vorstellungen über die Makroökonomie.

Die Bank of Canada ist kein Weichling, aber IIRC schon, dessen Echtzeit-Schätzungen in Bezug auf Yn öfters sehr verschieden von seinen eigenen späteren revidierten Schätzungen von Yn sind, unterstreicht Rowe. Wenn die Bank of Canada Yn nicht richtig hinkriegt, auch nicht nach den eigenen Standards, was richtig ist, wie kann eine Reihe von Juristen in der Eurozone sich auf eine Prognose von Yn einigen?

Kommentare:

Kammerjäger hat gesagt…

Nun ist die ganze Sache aus Sicht der Demokratie hoch bedenklich. Normalerweise gehört das Budgetrecht zu den wichtigsten Rechten des Parlaments. Man tritt es jetzt ohne großes Federlesen an einem demokratisch nicht legitimierten Bürokratenapparat ab.

Das dieser sich im wesentlichen einer bestimmten wirtschaftstheoretischen Doktrin verpflichtet fühlt macht die Sache besonders bedenklich.

endless.good.news hat gesagt…

Es geht in meinen Augen nicht um Stabilität. Es geht darum, dass man in den kommenden Jahren "alternativlos" Gesetzen folgen muss. Jede Sozialkürzung wird mit der nun getroffenen Gesetzgebung begründet werden.