Dienstag, 5. November 2013

Deutschlands Leistungsbilanzüberschüsse - Aufschrei durch Politik und Medien

Warum nehmen die Mainstream-Ökonomen und die Leitmedien an der offenen Kritik des US-Schatzamtes an Deutschlands Leistungsbilanzüberschüssen so viel Anstoss?

Abgesehen davon, dass der Aufschrei dogmatisch ist und der Sache nicht dient, lautet die Frage, warum es darauf ankommt? Die kurze Antwort: Die gegenwärtige Situation der Weltwirtschaft.

Die nominalen Zinsen sind auf der Null-Grenze aufgeprallt (zero lower bound). Es herrscht Sparparadoxon (paradox of thrift). Ein Anstieg der Notebankgeldmenge (monetary base) löst keine Inflation aus. Ein höheres Haushaltsdefizit führt nicht zu einem Anstieg der Zinsen. Die Produktionslücke (output gap) bleibt weit geöffnet. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf Rekordniveau. In den grössten Volkswirtschaften der industrialisierten Welt mangelt es an Nachfrage.

Doch, Deutschland hat mittlerweile höhere Überschüsse als China. Deutschlands hohe Überschüsse bedeuten, dass es einen grossen Teil der zur Verfügung stehenden externen Nachfrage in der reichen Welt geniesst.

Normalerweise wäre das vielleicht kein grosses Ärgernis. Denn Deutschlands Überschüsse würden seine Währung aufwerten lassen, was den Überschuss verringern würde. Gleichzeitig könnte der Nachfrageausfall aus dem Ausland durch höhere Nachfrage im Inland ausgeglichen werden. Das findet aber nicht statt. Warum? Weil Deutschland keine eigene Währung zum Abwerten Aufwerten hat, sondern es hat die Gemeinschaftswährung, die es mit seinen Nachbarn in der EWU teilt.


Deutschlands Lohnstückkosten (Daten: OECD), Graph: Prof. Paul Krugman

Innerhalb des Euro-Raums können reale Wechselkurse daher nur durch Veränderungen der relativen Lohnstückkosten (unit labor costs) „angepasst“ werden: d.h. durch die Produktivität und Löhne. Die Produktivität ist aber zur Zeit bedingt durch die Euro-Krise angeschlagen. Und die Löhne stagnieren.

Die Binnennachfrage ist derzeit eingeschränkt, durch (a) den Schuldenabbau-Prozess (deleveraging) im Privatsektor, (b) die Haushaltskonsolidierung (austerity) und (c) nicht genug-akkommodierende Geldpolitik der EZB.

Zugleich zwingen Berlin und Brüssel die EU-Peripherie, die Kosten und die Preise nach unten zu korrigieren, durch interne Abwertung (internal devaluation), d.h. Lohnsenkungen, inmitten einer schwer angeschlagenen Wirtschaft. Und davon profitiert die deutsche Exportwirtschaft, da es eine reale Abwertung aus Deutschlands Sicht bedeutet.

Folglich reduzieren Deutschlands Überschüsse die Nachfrage in der reichen Welt, was gleichzeitig deflationäre Tendenzen auslöst, wie das US-Schatzamt zurecht hervorhebt. Würde die deutsche Regierung die Binnennachfrage ankurbeln (durch expansive Fiskalpolitik und höhere Löhne für die Arbeitskräfte), käme es der allgemeinen Nachfrage zu Gute. Das ist der makroökonomische Punkt des US-Finanzministeriums, nicht irgendeine Animosität gegen Deutschland, oder Deutschen gegenüber.

PS: Immer daran denken, dass (Leistungsbilanz = Ersparnisse – Investitionen) ist.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Weil Deutschland keine eigene Währung zum "Aufwerten" hat - das ist wohl gemeint...

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Vielen Dank. Sie haben Recht. Es ist in Eile ein Fehler unterlaufen. Es muss korrigiert werden. Es heisst "Aufwerten".
Der Satz müsste im Grunde genommen lauten, dass Deutschland keine eigene Währung hat, die sich aufwertet.

Anonym hat gesagt…

Noch ein Kommentar dazu, ebenfalls aus der Schweiz (und, der Ordnung halber: selbstverständlich genau so richtig):

http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/33571/das-einmaleins-der-schaedlichen-exportueberschuesse/