Buchbesprechung
Dani Rodrik: «Shared Prosperity in a Fractured World» – A New Economics for the Middle Class, Princeton University Press, 2025, London and New Jersey.
Die Zukunft der Weltwirtschaft hängt davon ab, wie wir drei miteinander verknüpfte Herausforderungen bewältigen: den Klimawandel, den Wiederaufbau der Mittelschicht und die Reduktion globaler Armut.
Dies ist der leitende Gedanke von Dani Rodriks neuem Buch Shared Prosperity in a Fractured World.
Rodrik argumentiert, dass das bisherige Wachstumsmodell an seine strukturellen Grenzen gestoßen ist. Historisch gingen Produktivitätsfortschritte mit steigender Beschäftigung einher: neue Maschinen erhöhten die Produktion, Unternehmen expandierten, Arbeitsplätze entstanden.
Dieses Muster ist in der modernen Fertigungsindustrie zerbrochen. Robotik, Software, KI-gestützte Logistik und vollautomatisierte Produktionslinien steigern heute die Wertschöpfung – bei sinkendem Arbeitskräftebedarf. Das ist kein zyklisches Phänomen, sondern ein dauerhafter Trend.
Die Konsequenz ist zentral für Rodriks Argument: Eine funktionierende „Good Jobs Economy“ kann nicht länger primär auf das verarbeitende Gewerbe setzen. Sie hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, Produktivität, Qualität und Bezahlung in arbeitsintensiven Dienstleistungen zu erhöhen – dort, wo der Großteil der heutigen und zukünftigen Beschäftigung entsteht.
Rodrik plädiert dabei weder für Marktgläubigkeit noch für Staatsdirigismus. Er lehnt diese ideologische Gegenüberstellung explizit ab. Stattdessen schlägt er einen experimentellen, pragmatischen Ansatz vor: Lernen aus der klassischen Industriepolitik, aber angewandt auf Dienstleistungen. Dazu gehören neue Formen öffentlich-privater Kooperation, Management- und Qualifizierungsprogramme sowie produktivitätssteigernde Investitionen – ohne protektionistische Abschottung und ohne globale Koordinationsillusionen.
Ein wichtiger Punkt: Dienstleistungen sind überwiegend nicht handelbar. Gute Jobs in Pflege, Einzelhandel, Bildung oder sozialen Dienstleistungen im globalen Norden gehen daher nicht auf Kosten von Wachstum und Armutsreduktion im globalen Süden. Der vermeintliche Zielkonflikt zwischen Mittelschicht im Norden und Entwicklung im Süden ist für Rodrik ökonomisch falsch gestellt.
Auch mit Blick auf Entwicklungsländer räumt das Buch mit Mythen auf. Weder China noch andere erfolgreiche Schwellenländer sind durch reinen Freihandel reich geworden. Märkte sind effizient in der Allokation bestehender Ressourcen, aber schlecht darin, neue produktive Fähigkeiten aufzubauen. Erfolgreiche Entwicklung beruhte stets auf einer klugen Mischung aus Marktmechanismen und staatlicher Förderung – eine Lektion, die die Hyperglobalisierung verdrängt hat.
Im letzten Teil des Buches wendet sich Rodrik der politischen Dimension zu. Die Linke habe es versäumt, ihre wirtschaftspolitische Agenda an die veränderte Arbeitswelt anzupassen. Industriepolitik nach Biden-Art war ein wichtiger Schritt, konzentrierte sich aber zu stark auf die Produktion.
Wer heute Mehrheiten gewinnen will, muss Pflege-, Dienstleistungs- und Einzelhandelsarbeiter ansprechen – nicht nostalgisch den Industriearbeiter der Vergangenheit.
Ohne Produktivitätsgewinne in arbeitsintensiven Dienstleistungen lassen sich weder steigende Löhne noch bessere Arbeitsbedingungen dauerhaft sichern. Reine Mandate oder Umverteilung reichen nicht aus. Produktivität ist kein neoliberales Tabu, sondern die Voraussetzung für soziale Inklusion, demokratische Stabilität und den grünen Übergang.
Rodrik liefert keine Revolution, sondern eine überzeugende Neugewichtung wirtschaftspolitischer Prioritäten. Shared Prosperity in a Fractured World ist ein Plädoyer für realistische, nationale Second-best-Lösungen in einer politisch fragmentierten Welt – und eine der klügsten wirtschaftspolitischen Interventionen der letzten Jahre.
| Dani Rodrik: «Shared Prosperity in a Fractured World» – A New Economics for the Middle Class, Princeton University Press, 2025, London. |
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